Bio: Das Minimum ist gut genug?

Bio-Siegel für Lebensmittel sind gut gemeint, aber leider nahezu nutzlos.

Wer schon länger bei Urgeschmack mitliest, ist vielleicht verwirrt von der Aussage der Artikel im Zusammenhang. Auf der einen Seite propagiere ich nachhaltige Erzeugungsmethoden wie bei der Rinder- oder Schweinezucht. Auf der anderen Seite äußere ich mich wenig begeistert über die verschiedenen Bio-Siegel. Wie ist das zu verstehen?

Eine differenzierte Betrachtung bringt Klarheit: Nachhaltige, biologisch sinnvolle, art- und naturgerechte Erzeugungsmethoden (Dinge, die meine volle Unterstützung erhalten) werden nicht automatisch durch die verschiedenen Bio-Siegel, schon gar nicht das europäische, abgedeckt. Es besteht schlichtweg ein gewaltiger Unterschied zwischen diesen Konzepten.

Bio-Siegel sind genau das: Siegel. Labels. Aufkleber. Werbung. Vermarktung. Von der Industrie für die Industrie geschaffen.

Und zwar um Ware besser (zu höherem Preis) an Verbraucher verkaufen zu können mit dem Argument: “Das hier ist gesünder für dich!”

Nicht falsch verstehen: Die so verkaufte Ware ist in der Tat in der Regel etwas hochwertiger als die Ware aus konventioneller Erzeugung. Das liegt daran, dass an die Vergabe dieser Siegel auch Bedingungen und Kosten für Landwirte geknüpft sind. Und damit kommen wir dem inhärenten Problem dieser Siegel schon sehr nah.

Um seine Ware für den (Groß-)Handel mit einem Bio-Siegel versehen und so höhere Preise geltend machen zu dürfen, muss ein Erzeuger erstmal bezahlen. Für das Siegel bzw die Prüfung selbst nämlich. Geprüft wird natürlich, ob die Bedingungen für die Vergabe des Siegels, zum Beispiel Qualität von Futtermitteln, Höchstgrenzen von Schadstoffen usw eingehalten werden.

Diese Bedingungen sind von den einzelnen, übrigens weitgehend miteinander konkurrierenden Labels, genauestens dokumentiert. Da steht nun auf dem Papier, dass zum Beispiel für Bio-Eier die Legehenne so und so viel qm Platz haben muss. In der Regel sind diese Werte ermittelt in Relation zur konventionellen Tierhaltung.

Das heißt effektiv auch: Einer Bio-Legehenne geht es in der Regel ein wenig besser als einer Henne, die in Käfig- oder Bodenhaltung legt. Das gleiche gilt für Schweine, Rinder und natürlich für den gesamten Bereich der Lebensmittel, Gemüse und so weiter.

Es werden also die Mindeststandards für die Erzeugung ein wenig angehoben.

Das Problem ist, dass dieser Mindeststandard relativ niedrig ist. Schauen Sie in einen Bio-Legehennen-Stall nach Industrienorm und vergleichen Sie die so gewonnen Bilder der dort hausenden Hennen mit denen, die gerne auch im Fernsehen im Zusammenhang mit Berichten über Käfighaltung gezeigt werden. Es wird Ihnen schwer fallen, auf den ersten Blick einen Unterschied zu erkennen. Die Tiere sehen vielleicht etwas besser aus, aber bei weitem nicht gesund und glücklich. Auch hier gilt das gleiche für Rinder, Schweine, Gemüse und so weiter. So gibt es nach derzeitigem Stand der Dinge keine “Bio-Schlachtung”: Rinder, die vielleicht im Leben nach Bio-Norm gehalten wurden, erleben also die gleiche, zurecht oft kritisierte weil häufig schlampig durchgeführte, qualvolle Schlachtung in Großanlagen wie die Tiere ohne Bio-Siegel.

Nun erfüllt ein Landwirt aber nunmal diesen Mindeststandard und damit bekommt er auch das gewünschte Bio-Siegel verliehen und kann seine Ware zu höherem Preis verkaufen.

Mehr muss er nicht tun und mehr wird er meist auch nicht tun, denn er möchte ja in aller Regel seinen Profit maximieren. Vielleicht weiß er es aber auch einfach nicht besser.

Mit anderen Worten: Die Bio-Siegel bestrafen all diejenigen Landwirte, die wirklich das allerbeste produzieren wollen, die die glücklichsten Tiere und den knackigsten Kohl erzeugen wollen. Denn dafür gibt es kein Siegel. Und das ist auch gut so, denn so wird der Wettbewerb erhalten.

Herr Behrens hat kein Bio-Siegel. Und Herr de Feijter auch nicht. Aber schauen Sie sich die jeweiligen Videos an und urteilen Sie selbst, ob Sie lieber Ware von diesen Menschen essen, oder Ware von Bio-Tieren die lediglich nach einem Mindeststandard gehalten werden und am Ende im gleichen Boot wie die Tiere aus konventioneller Haltung sitzen.

Hinzu kommt der Kostenpunkt: Um mit dem Bio-Siegel verkaufen zu können, müssen einleuchtenderweise höhere Preise geltend gemacht werden. Diese resultieren zu einem nicht unwesentlichen Teil aus Investitionen allein für diese Siegel. Das heißt allerdings auch, dass Landwirte, die kein Bio-Siegel tragen und trotzdem höchstwertige Ware produzieren, diese zu absolut konkurrenzfähigen Preisen anbieten können.

In der Regel tun sie dies, indem sie den Handel umgehen, der selbstverständlich das Spiel mit den Bio-Siegeln mitspielt. Die Macht der Bio-Verbände ist dabei jedoch nicht zu unterschätzen, denn zusammen mit der Politik bis hin zur EU-Ebene schaffen diese es, den Verbrauchern weiszumachen, dass es ohne Bio-Siegel nicht geht. Eine schwierige, festgefahrene Situation.

Von einer Verschwörung möchte ich bei alledem nicht sprechen. Denn der Grundgedanke, also höherwertige Lebensmittel anbieten zu wollen, ist ja grundsätzlich ein guter. Doch wie so oft wurde dabei ein riesiger Apparat geschaffen. Es wurde industrialisiert, aufgeblasen und reguliert bis am Ende das kranke System stand, das wir heute vorfinden.

Was können Sie verändern? Wie können Sie dieses problematische Konstrukt umgehen? Indem Sie sich nicht auf Siegel verlassen. Siegel erzeugen keine Ware. Siegel sind nur so gut wie die Menschen, die dahinter stehen. Diese Menschen sollten Sie kennenlernen. Menschen wie Herrn de Feijter oder Herrn Behrens. Menschen wie Joel Salatin.

Dies geht, indem Sie möglicht viele Zwischenhändler umgehen und möglichst direkt und transparent beim Erzeuger kaufen. Nicht nur auf dem Land gibt es zahlreiche Anbieter, die zum Beispiel Gemüse-Abos anbieten. Suchen Sie den direkten Kontakt zum Erzeuger genau der Ware, die Sie Ihrem Körper zuführen. Schauen Sie sich an, wie die Tiere leben, die Sie später satt machen. Fragen Sie die Landwirtschaftskammer. Vielleicht finden Sie sogar einen Landwirtschaftsgemeinschaftshof.

Es geht hier nicht allein um Tier- und Naturschutz. Es geht auch um Ihre Gesundheit! Und es geht um Qualität, um Geschmack und um Frische. Darum, eine Verbesserung zu schaffen und uns als Gesellschaft in eine erstrebenswerte Richtung zu entwickeln. Bio-Siegel garantieren Ihnen all das nicht, sondern sie propagieren lediglich Ware, die bestenfalls etwas besser als der Durchschnitt ist. Ist Ihnen das gut genug?

Wenn Ihnen Urgeschmack gefällt oder hilft, würde ich mich über Ihre Unterstützung sehr freuen.

7 Kommentare zu “Bio: Das Minimum ist gut genug?

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  2. Gabi.G.

    Vor etwa 2-3 Monaten haben wir dank der ARD Themenwoche auch angefangen einiges zu überdenken.
    Wir kaufen/essen nun auch etwas bewusser.

    Dabei ist mir sauer aufgestoßen, dass in vielen Bio-Produkten der Discounter der gleiche Zusatzschrott enthalten ist wie in vielen anderen Produkten: Aroma, Würze, Hefeextrakt usw. Ziemliche verarsche.

    Gerne haben wir jedoch für die Tage an denen wir keine Zeit, Lust und Laune haben auch mal eine Dosensuppe im Hause. Drei Monate hat es gedauert, jetzt hab ich sie gefunden, die Suppe ohne “Zusätze”.

  3. kon

    “nicht unbedingt das beste”? das frage ich mich halt auch..wenn ich da schon so viel geld draufzahle erwarte ich auch beste qualität…ich muss wohl oder übel auf direktkauf beim bauern umsteigen..ich werde mal den markt hier in düsseldorf aufsuchen und mich umhören..

  4. kon

    top!!!

    aber ist es nicht so, dass manche verbände wie zb. demeter, bioland etc.. höhere ansprüche an ihre produkte stellen? oder kann man sich auch auf diese siegel gar nicht verlassen? zb. habe ich hier in einem lokalen bio-supermarkt an der fleisch-theke nachgefragt ob die rinder grasgefüttert wären..der verkäufer meinte wenn man sich an die oben genannte verbände hält, könnte man das erwarten..wie siehst du das?

    1. Felix

      Hi kon! Die Verbände stellen in der Regel wirklich etwas höhere Forderungen an die Landwirte als das “EG-Öko” (“Bio”) Siegel. Das Prinzip bleibt aber das gleiche: Es wird dann dieser Mindeststandard erfüllt und kein Bisschen mehr gemacht. Das treibt dann auch absurde Stilblüten wie der Bio-Gemüsetand auf dem Markt, der im Winter “Bio”-Tomaten aus Spanien da hat. Oder die Naturland- oder Bioland-Milch im Supermarkt, die im Tetrapack mit Extra-Plastikfenster daherkommt. Es sind eben auch hier wieder nur Checklisten…
      Was das Fleisch angeht: Ich müsste mir die Richtlinien noch einmal durchlesen, aber soweit ich weiß sind auch diese Verbände keine Garantie für reines Weidefleisch. Besser als die konventionelle Ware – aber nicht unbedingt das beste.

    2. Felix

      kon – ich habe hier mal ein Zitat für dich, es stammt aus den Naturland Richtlinien zur Erzeugung (05/2010), Seite 21:
      “2.2 Rinderfütterung
      Bei der Fütterung der Rinder ist zu jeder Jahreszeit auf einen ausreichenden Strukturausgleich in der Tagesration zu achten (Heu, Stroh, Getreide-GPS). Während der ortsüblichen Vegetationszeit ist dem Milchvieh und Mutterkühen ausreichend Grünfutter anzubieten; wann immer die Witterungsverhältnisse und der Bodenzustand dies erlauben; die ausschließliche Ganzjahressilagefütterung ist nicht zugelassen.
      Die Ernährung von Kälbern erfolgt mit natürlicher Milch – vorzugsweise Muttermilch – über einen Zeit-raum von mindestens 3 Monaten. Reine Milchmast ohne Verfütterung von Raufutter ist ausgeschlossen.”

      Du siehst: Naturland garantiert kein reines Weidefleisch. Mit Sicherheit geht es den Tieren dort besser als in der industriellen Massenhaltung. Gar keine Frage. Entsprechend ist das Fleisch hochwertiger. Aber es ist eben nur ein Checkpunkt auf der Liste; wenn du das (und ein paar andere Punkte) erfüllst, dann hast du ein Naturland Rind, ohne das Tier das ganze Jahr auf die Weide zu stellen. Die Definitionen sind oft auch auslegungssache.

      Wie gesagt: Es sind nur Richtlinien. Man kann sie erfüllen, ohne der Ideologie zuzustimmen. Und man kann der Ideologie zustimmen und dennoch einzelne Details verletzen, die aber dem Tier dennoch nicht weh tun. Oder man verzichtete infach auf die Zertfizierung.

      Am Ende kommt es auf’s gleiche raus: Der Verbraucher muss selbst nachschauen.

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