Gewinner essen regional

Regionale Ernährung

Regionale ErnährungMit jedem Einkauf von Lebensmitteln wählen wir, ob wir gewinnen oder verlieren möchten. Entscheiden wir uns für regionale Ernährung, können wir zugleich besser essen und unsere Gesundheit pflegen; Geld sparen; Umwelt, Natur und Tiere schützen; unsere Nachbarn unterstützen und unser Leben selbst bestimmen. Oder wir kaufen beim Discounter, steuern damit auf das Gegenteil zu und schaden uns selbst, unseren Mitmenschen und der Natur; verschwenden Geld und geben die Kontrolle über unser Leben aus der Hand.

Diese Gegenüberstellung mag absurd klingen, weil die Wahl einfach scheint: Natürlich möchte niemand sich selbst schaden. Es widerspricht unserem Instinkt, alle Vorteile bei der einen und alle Nachteile bei der anderen Wahl zu sehen. Das moderne Leben lehrt uns: Nichts ist so einfach, keine Wahl so eindeutig und jeder Vorteil ist mit einem Nachteil verbunden: Pizza ist lecker, aber ungesund. Billige Kleidung erfreut die Geldbörse, schadet jedoch der Umwelt. Selbst kochen ist gesund, allerdings unbequem.

Dieses Denkmuster des steten Verknüpfens von Vorteilen mit Nachteilen lehrt uns die Moderne. Die Industrie treibt diese Sicht auf das Leben voran. Denn wenn jeder Vorteil mit einem Nachteil verknüpft ist, stecken unsere Leben voller Hindernisse: »Abnehmen bedeutet Verzicht. Kaufe mein Wundermittel, damit ist es einfacher.« Wir haben Probleme und die Lösungen dafür können wir kaufen. Das ist jedoch ein Irrtum.

Tatsächlich versperrt dieser Blickwinkel die Sicht auf die übrigen Nachteile solcher Angebote, während die vermeintlichen Vorteile sich als Gaukelei entpuppen.

Was uns fehlt, ist die Sichtweise der Natur: Sie zeigt uns jeden Tag, wie Nachhaltigkeit und Schönheit, gemeinsamer und gegenseitiger Nutzen, Sparsamkeit und Blüte zusammengehen. Es ist der Blick auf das große Ganze, die lange anstelle der kurzen Sicht. Dafür muss man nur die Augen öffnen; schauen wir uns die Zusammenhänge an und beginnen mitten im Geschehen:

Mein Landwirt gibt mir ein Kilo Weidefleisch und ich drücke ihm dafür fünfzehn Euro in die Hand. Damit bezahle ich seine Arbeit und die seines Angestellten, seines Metzgers, dessen Gesellin und der Putzfrau. Durch den Erhalt dieser Arbeitsplätze in der Gemeinde spart die Kommune Sozialleistungen: Die öffentlichen Mittel können wir dann anderweitig einsetzen. Alle gewinnen – sogar die Tiere, die in diesem Fall keinen Transport quer durchs Land erleben müssen. Auch die Umwelt freut sich über Landschaftspflege durch Weidetiere1 und weniger Abgase und Lärmbelastung. Und natürlich sind die Straßen weniger verstopft und belastet, was abermals öffentliche Mittel schont.

Natürlich kann ich mich der Illusion hingeben, ich würde viel Geld sparen, wenn ich ein Kilo Fleisch beim Discounter für drei Euro kaufe. Das ist ein Fünftel des Betrags. Die Kosten sind allerdings höher: Die Angestellten in der Wertschöpfungskette meines regionalen Fünfzehn-Euro-Kilos Fleisch wären sonst arbeitslos und nähmen Sozialleistungen in Anspruch oder müssten sich einen weit entfernten Arbeitsplatz suchen, mehr mit dem Auto fahren, also Energie verbrauchen und Abgase und Lärm verursachen. Sie wären weniger zufrieden und hätten nicht so viel Zeit für ihre Kinder, deren Heranwachsen unter der sozial schlechteren Umgebung leidet. Dadurch könnten sie ihr Potenzial nicht voll entfalten und später der Gemeinschaft weniger dienen. Alle verlieren. Diesen hohen Preis über die drei Euro an der Discounterkasse hinaus bezahle ich durch Steuern, Sozialabgaben und eine zerstörte Gemeinschaft. Das nennt sich Externalisierung von Kosten. Wer gewinnt?

Der Discounter. Er lächelt derweil, denn er ist bald der einzige Lebensmittelanbieter und Arbeitgeber in der Branche. Er entscheidet, was wir essen: Nämlich den Einheitsbrei, den er anbietet. Er beschäftigt kaum Fachkräfte, sondern wenige und austauschbare Fließbandarbeiter. Sein Lager verlegt er in tausende LKW, mit denen er unsere Straßen zu Schutt fährt und durch seine Marktmacht drückt er den Landwirt auf sechs Cent für ein Kilo Kartoffeln.

Die fünfzehn Euro, die ich meinem regionalen Landwirt gebe, sind keine Ausgabe. Sondern eine Investition:2 In mich, meine Familie und ihre Gesundheit körperlich und geistig, in meinen Landwirt, meinen Metzger, seine Angestellten, meine ganze Gemeinde. Diese Investition nutzt mir und anderen. Das ist nicht offensichtlich, doch das macht es nicht weniger nützlich. Der regionale Einkauf ist eine Stellungnahme zur eigenen Heimat: Das ist mein Land, das sind meine Leute. Auch wenn ich viele von ihnen nicht persönlich kenne – wir sitzen hier alle im selben Boot und nur das zählt.

Der Unfug aus den internationalen Nachrichten ist dafür nicht von Belang. Wichtig ist zuallererst, was in meiner Nachbarschaft geschieht. Denn wenn der Vulkan ausbricht, der Fluss über die Ufer tritt, der Krieg losgeht, die Wirtschaft implodiert, die Dürre andauert oder wenn ich einfach sonntags vor die Tür gehe, dann sind es diese Menschen, mit denen ich leben muss und die sich gegenseitig unterstützen müssen.

Eine solche Gemeinde mit Zusammenhalt ist widerstandsfähig; genauer: sie ist resilient. Stellt sie es richtig an, ist sie noch mehr: Sie wird durch Belastung stärker, die Menschen rücken in der Not näher zusammen und bilden dauerhafte Netzwerke und Strukturen.

Beim Kauf im Supermarkt stehen Geld und Gewinne im Vordergrund. Gebe ich dort drei Euro aus, finanziere ich damit meine eigene Zerstörung. Beim Kauf regionaler Produkte steht die Gemeinschaft im Vordergrund. Da sind fünfzehn Euro ein Schnäppchen für das, was ich bekomme.

Noch vor ein bis zwei Generationen war Gemüseanbau im eigenen Garten der Normalzustand. Erntete man im Überfluss, tauschte man es mit Nachbarn oder brachte es zum örtlichen Markt. Ernährung war eine Arbeit der Gemeinschaft. Man hatte mindestens bei diesem Austausch Kontakt zu allen Nachbarn und durch den Zusammenhalt waren Gemeinschaften weniger abhängig und bestimmten ihre Geschicke selbst. Heute versorgt ein Landwirt nicht mehr vier Personen, sondern hundertundvierzig Menschen sind von ihm abhängig. Das ist ein Risiko.

Und dieses Risiko fördert jeder Einkauf im Supermarkt: Der Seifenblase eines schnellen Gewinns, eines Schnäppchens heute folgt Zerstörung in der Zukunft. Manchmal muss man hart mit sich sein und einen Umweg gehen: Heute etwas mehr Aufwand und Geld investieren und morgen den Gewinn ernten. Das ist wie in der Kindererziehung. Heute die Zähne putzen und den Nutzen noch in dreißig Jahren genießen. Heute gut essen und morgen gesund sein. Das sind Umwege, es klingt ineffizient, doch genau das – scheinbare Ineffizienz – macht die Natur uns allgegenwärtig vor: Pflanze wachsen wild durcheinander und bilden mehr Blattmasse als unbedingt nötig; Bäume wachsen jahrelang, bevor sie Früchte tragen; Tiere bekommen regelmäßig mehr Nachwuchs, als sie versorgen können; für jede Herausforderung schafft die Natur vielfältige Lösungen (zum Beispiel die Flugapparate von Vögeln, Fledermäusen und Libellen). Vielfalt und Überreichlichkeit, Vernetzung und Komplexität haben in der Natur keine Grenze. Messen wir dies an unserem von Wirtschaft mit kurzer Sicht geprägten Begriff der Effizienz, wirkt die Natur wie der absolute Gegensatz. Mutter Natur investiert für Jahrhunderte. Unser Horizont endet zu oft bei Quartalsergebnissen oder dem Kontostand am Monatsende.

Wer das System der Industrie auf Knien anbetet, darf sich nicht wundern, wenn die Füße der Aktionärsversammlung ihn zu Brei treten. Jeder Einkauf beim Discounter, der auf dem Weltmarkt handelt, erhöht unsere Abhängigkeit von den Preisen des Weltmarktes und dessen Spekulationsgeschäften. Wen zu viel Macht durch die EU und Brüssel stört, sollte zuerst vor der eigenen Tür kehren und den Landwirten seiner Region den Rücken stärken. Das ist der Weg zur Eigenständigkeit.3

Der Weg der Gewinner

Auf diesem Weg bestückt man seinen Esstisch mit den Erzeugnissen der eigenen Region, genießt als Nebenwirkung einen saisonalen Speiseplan und dient der Umwelt mehr als jedes Bio-Siegel das allein vermag. Am Wegesrand findet man Schätze, die verloren schienen: Transparenz der Nahrungskette und Lebensmittelsicherheit, Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität. Die Kreativität nimmt zu, wenn man sich an die Erzeugnisse der Saison anpassen muss. Auch die Güte der Lebensmittel steigt, denn die Ware legt kürzere Wege zurück, gelangt frisch auf den Tisch, verliert weniger Nährstoffe und schmeckt besser. Wer gesund bleibt, spart Zeit, die er sonst beim Kranksein verliert. Geht man diesen Weg eine Weile mit seinem Landwirt, gewinnt er Sicherheit für seine Planung. Weil er mehr an seinen Erzeugnissen verdient, kann er auch mehr in deren Güte investieren. Und er kann seinerseits mehr Geld in die Region investieren mit Rücksicht auf Natur und Tier, Mensch und Zukunft. Dafür muss er nicht teilnehmen am Bio-Spiel, dessen Regeln die konventionelle Agrarindustrie geschrieben hat. Den Papiertiger im grünen Fell kann sich sparen, wer Güte an oberste Stelle seiner Prioritätenliste schreibt und seine Erzeugnisse an Mitmenschen statt Konzerne vermarktet.4

Am Ende dieser Nahrungskette kann nur der Käufer den Erhalt oder das Entstehen eines solchen lokalen Handels ermöglichen. Regionale Ernährung ermöglicht den persönlichen Kontakt zwischen Verbrauchern und Erzeugern. Dieser Austausch fördert das gegenseitige Verständnis für die Bedürfnisse und Herausforderungen des Alltags. Aus diesen Verbindungen zwischen Menschen kann eine gemeinsame Kultur der Wertschätzung wachsen. Wertschätzung echter Lebensmittel und echten Handwerks. Und es überlebt (oder entsteht) eine einzigartige, weil regionale Esskultur. Um so etwas zu erleben, fahren viele Menschen in den Urlaub.

In diesen Zeilen beschreibe ich die beiden Extreme einer Bandbreite: Die Discountermentalität auf der einen gegen den persönlichen Kontakt zum Landwirt auf der anderen Seite. Natürlich gibt es einen Bereich dazwischen. Doch wir müssen uns entscheiden, welches Ende wir anstreben wollen. Sollen wir den Trend der Konsum- und Wegwerfgesellschaft fortsetzen und die Umwelt verdrecken, während uns das Fett über den Hosenbund quillt und wir uns auf dem Sofa verdummen? Oder ist unser Ziel die Schönheit einer Heimat voller Vielfalt, starker Menschen und gesunder Kreisläufe? Ob wir dann unser Klopapier selbst schöpfen, uns von Erdöl unabhängig machen wollen oder einfach erst einmal keinen Discounter mehr betreten, ist eine Frage des Kompromisses in der Umsetzung.

Natürlich ist nicht jedes regionale Produkt eine gute Entscheidung. Ich wohne im Emsland, einer Hochburg der industriellen Landwirtschaft, unter anderem Standort unzähliger Hähnchenmastanlagen. Dreihundert Meter von meinem Elternhaus entfernt schlachtete früher die EWG-Hähnchen täglich 40.000 Tiere5 und heute packt am gleichen Ort ein Unternehmen Schlachtreste für den Export und torpediert damit Märkte in Entwicklungsländern. Die Salmonellen in Bio-Eiern, die im Juni 2018 durch die Republik gingen?6 Kamen aus einem Stall in drei Kilometern Entfernung von meinem Schreibtisch. Das gilt überall in Deutschland: Wenn der Metzger Fleisch »hier aus der Region« anbietet, kann auch das von einem Großabnehmer für Antibiotika stammen. Man muss also Ernst machen und den Landwirt wirklich kennenlernen. Genauso ist Bio-Ware nicht immer der goldene Weg. Viele Landwirte verzichten auf den grünen Papierkrieg und Regulierungswahnsinn und verlassen sich auf die Denkfähigkeit ihrer Direktabnehmer. Auch ist die teuerste Ware nicht immer die beste. Es gibt kein solches oberflächliches Merkmal, das die eigene Kontrolle und den persönlichen Kontakt zum Landwirt ersetzen kann. Das kostet ein wenig Zeit und kann auch im ersten Moment mehr Geld kosten als der Gang zum Discounter.

Ich kann es mir nicht leisten, billig zu kaufen. Ich kann es mir nicht leisten, mich nicht um meine direkte Umgebung, meine Gemeinde, meine Umwelt zu kümmern. Ich pflege meinen Körper und meinen Geist. Der Mensch ist immer auch ein Erzeugnis seiner Umgebung. Dieses Umfeld beeinflusst meinen Körper und meinen Geist. Also muss ich meine Umwelt mitgestalten.

Das Aufziehen eines Kindes beginnt nicht bei dessen Geburt oder Empfängnis. Die Arbeit fängt 100 Jahre davor an beim Gestalten der Umwelt, in der das Kind aufwachsen wird. Für meine Kinder wünsche ich mir eine Welt voller Geheimnisse und versteckter Schätze: Sie sollen durch die Straßen gehen und die Nachbarn kennen und deren Geschichten, vom Landwirt lernen und vom Schäfer. Sie sollen dem Metzger zuschauen und die Kühe füttern können, auf der Heidelbeerplantage aushelfen und über den Wochenmarkt tanzen; beim Maschinenbauingenieur staunen und mit Tante Mechthild backen.

Dass ich mich um meine direkten Mitmenschen kümmere ist aus diesem Blickwinkel Egoismus in Reinform. Stellt man es richtig an, sind Egoismus und Altruismus das Gleiche. Das ist das Wesen dieses Vorgehens: Regionale Ernährung nährt die Region.

Dein Gewinn:

  • Mehr Sicherheit und Gesundheit: Für dich, deine Familie, deine Mitmenschen.
  • Höhere Lebensqualität für die Gemeinschaft.
  • Mehr Selbstbestimmung.

So gehts:

  • Gehe zum Landwirt. Begib dich direkt dorthin.
  • Gehe nicht zum Discounter.
  • Ziehe nicht durch den Supermarkt.

Beachte:

  • Regional ist nicht immer gut.
  • Teuer heißt nicht besser.
  • Bio heißt nicht gut.

Als Hilfe bei der Umsetzung habe ich die Bücher Einfach essen und Einfach kochen geschrieben.

Herzlicher Dank gilt Yvonne Benck, Jonas Burri, Judith Henzler, Konstantin Niese, Jessica Kolinger, Marius Schütte und allen anderen Stiftern dieses Beitrags mittels Patreon, PayPal und Überweisung.

Sollten Landwirte Subventionen bekommen? (Video)

Das Jahr 2018 war trocken und die Anhänger vieler Landwirte füllen sich bei der Ernte nur zur Hälfte. Der Staat greift ein und unterstützt betroffene Landwirte zum Unmut vieler Mitbürger. Die Verärgerung kann jeder nachvollziehen: Warum bekommt der eine Hilfe und der andere nicht? Mit diesem Video möchte ich die oft mit erhitztem Gemüt geführte Debatte um ein paar zielführende Gedanken anreichern.

Weidefleisch, Weidetiere und wir

Weidehaltung erzeugt Weidefleisch

Weidehaltung erzeugt WeidefleischDiese Kuh tanzt über die Weide. Gerade bereitet sie noch einem Vogel das Mittagessen und gleich repariert sie das Haus der benachbarten Froschfamilie. Dann räumt sie die Parkanlage auf, filtert noch etwas Kohlenstoffdioxid aus der Luft und setzt sich für ein paar soziale Projekte ein. Sie ist ein Tausendsassa, die Weidekuh.

Ob Gnu, Gazelle und Gemsbock in der Serengeti oder Rind und Schaf auf der Weide: Natürlicher Lebensraum dieser Tiere ist das Grasland. Wenn sie ihr ganzes Leben Gras fressen und auf Grünland spielen und balzen, fressen, düngen und laufen, bleiben sie gesund – und der Boden unter ihnen auch. Kraftfutter und Stallanlagen hingegen machen sie krank, denn ihre Mägen sind nicht für die Verdauung von Getreide gebaut. Füttert man sie mit Soja und Körnern, übersäuert ihr Magensystem und sie werden anfällig für Durchfall, Geschwüre und Leberschäden.1 Die Luft im Stall belastet durch den Staub von Fäkalien und Futtermitteln die Atemwege.2 Häufig erfordern diese Leiden die Gabe von Antibiotika. All das vermeidet die Weidehaltung und das verbessert die Qualität des Fleischs dieser Tiere: Weidefleisch liefert dem Menschen ein erheblich gesünderes Fettsäurenverhältnis, mehr Mikronährstoffe, weniger Keime und keine Antibiotikarückstände.3

Auch wenn man die Tiere nicht isst, nutzt die Haltung auf der Weide uns allen: Weidetiere pflegen und erhalten das Grasland. Ohne sie würden Büsche und Bäume diese Flächen einnehmen und zahlreiche Tier- und Pflanzenarten verlören ihren Lebensraum.4 Rind und Schaf retten Vögeln und Fröschen so das Leben,5 pflegen die Landschaft und dienen dem Ökosystem. Dazu gehört auch der Abbau von klimawirksamen Gasen: Indem die Tiere das Graswachstum anregen, helfen sie beim Binden von Kohlenstoff.6 Zugleich verteilen ihren Dung als Wertanlage auf der Fläche und erhöhen so die Bodenfruchtbarkeit – im Umfeld der Stallhaltung belasten die Fäkalien eher die Gewässer. Der Schutz vor Lawinen und Hochwasser gehört wie die Filterung des Wassers zu den Dienstleistungen unserer Ökosysteme.7 Um deren Gesundheit kümmern sich Weidetiere und sie begnügen sich mit Flächen, auf denen wir nichts anderes zu Essen anbauen könnten. Dabei erzeugen die Tiere Fleisch mit starker Struktur, vielen Nährstoffen und überlegenem Geschmack – sofern man den Tieren Transporte, Stress und Qual auch im Tod erspart.8

Weidefleisch schmeckt sogar all jenen, die es gar nicht essen: Weidehaltung ist richtig ausgeführt kein Geschäft der Industrie, sondern die Arbeit von Landwirten, die in ihrer Region wirtschaften. Damit schaffen oder erhalten sie eine Wertschöpfungskette und mit ihr Arbeitsplätze mit fairen Löhnen. Indes gewinnt die Region touristische Anziehungskraft durch grüne Landschaften und außergewöhnliche Erzeugnisse.9

Selbst in fernen Ländern schmecken die Wirkungen des Weidefleischs noch: Nämlich dann, wenn der Export billigen Fleischs aus Deutschland endet und damit zugleich der Angriff auf Märkte und Existenzen in Entwicklungsländern. Das erspart Menschen dort elend und verursacht hier weniger Kosten für Hilfsleistungen – was man nicht kaputt macht, muss man später nicht reparieren.10

Wie und in was für einer Welt wollen wir miteinander leben? Soll die Landschaft nachts erleuchtet sein von den gelben Ms der Fast Food Filialen während wir uns über die unterbezahlte Aushilfe an der Discounterkasse beklagen und den Landwirt, der unser täglich Brot erzeugt, keines Blickes würdigen und uns derweil den billigsten Mist ins Gesicht werfen und fett und krank werden, geizig, gierig und missgünstig auf dem Rücken der sozial Schwachen?

Oder soll die Landschaft blühen und mit ihr die lokale Wirtschaft, sollen Tiere auf Weiden und Menschen auf Marktplätzen verkehren, wollen wir mit dem Landwirt schnacken über die tolle Bolognese, die uns sein Hackfleisch beschert hat, während wir weniger fressen und mehr gesunde Nahrung finden in den kostbaren Erzeugnissen unserer Nachbarschaft und in ihrer persönlichen Wärme und in dem Wissen, mit unserer Wahl beim Einkauf den Schwächsten nicht noch ins Gesicht zu treten?

Das können wir jeden Tag wählen. Beim Einkauf. Weidefleisch ist so eine Wahl. Es ist eine einfache Wahl.

Siehe auch:


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Regional essen: Besser leben

Regionales Essen schmeckt allen.

Regional essen schmeckt allen.Wer beim Bauern nebenan kauft, genießt ein besseres Leben. Schlank sein und gesund; ein gutes Auskommen haben und gute Nachbarschaft; die Geschicke der Gemeinschaft mitgestalten; der Natur und zugleich dem örtlichen Handel zur Blüte verhelfen: All das kann man vollbringen, wenn man beim Essen die richtige Wahl trifft. Regional essen bereichert unser Zusammenleben.

Für gesundes Essen benötigt man frische Lebensmittel reich an Nährstoffen. Frischer als beim Erzeuger kann man sein Gemüse, Obst und Fleisch nicht kaufen. Zugleich geht man dort Gefahren der großen Handelsketten aus dem Weg, deren Netz aus Lagern und Transportwegen das ganze Land umspannt und sich ideal für die Verbreitung von Lebensmittelinfektionen eignet. Schließt so ein Unternehmen die Pforten, sieht es düster aus mit der Versorgung und man freut sich umso mehr über den Gemüsebauern im Nachbardorf. Der versteht obendrein echte Vielfalt: Während im Supermarkt höchstens die Farbe der Bananenschalen von gelbgrün nach grüngelb wechselt, ändert der Gemüsebauer übers ganze Jahr sein Angebot im Wandel der Jahreszeiten.1 Und zwingt seine Kunden zu einem bunten Speiseplan. Die Gesundheit bedankt sich. Weil sich kein Zwischenhändler die Taschen füllt, bleibt mehr Geld beim Erzeuger und der kann es investieren in mehr Sorgfalt beim Anbau. Dann bekommen wir mehr fürs Geld: Wir sparen.

Diese Direktwahl des Erzeugers ist echte Demokratie und beeinflusst unser gemeinsames Schicksal stärker als das Theater der Sockenpuppen um die Wahlurne alle vier Jahre. Ob uns der Nachbar aufrichtig anlächelt, ob Touristen in unsere Region strömen und sich an der Natur ergötzen und ob in einem fernen Land ein Krieg ausbricht: Das alles wählen wir jeden Tag beim Einkauf.

Arbeitsplätze? Politiker machen keine Arbeitsplätze und die Industrie auch nicht. Käufer machen das. Was für Arbeitsplätze das sind und wo sie bestehen und bleiben, das entscheiden wir an der Kasse. Dort wählen wir auch, wie der Landwirt den Boden bewirtschaften soll, ob er Gift spritzt oder die Bodenfruchtbarkeit pflegt.

Wenn wir Arbeit und Wertschöpfung in unserer Region belassen, können wir faire Löhne fördern und bessere Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen. Das geht, weil der Erzeuger in der Nachbarschaft sitzt und weiß: Wir sitzen im gleichen Boot. Eine Beziehung auf Augenhöhe in der Nahrungskette gebietet Anerkennung für Landwirte und Metzger statt für Unternehmen und Marken. Echte Menschen halten zusammen. Als solche Region sind wir gemeinsam weniger abhängig von Schwankungen des Weltmarktes, die lokale Wirtschaft gewinnt Widerstandskraft. Dazu gehört der Tourismus: Regionale Erzeugnisse sind einzigartig und ziehen Menschen an.

Selbstbestimmung, Wirtschaft, Natur: Behalten wir die Wertschöpfung in der Heimat, gewinnt die Kommune als Ganzes. Man kennt sich; das fördert Anstand. Diese Art des Zusammenlebens stärkt unsere Identität. Ein Jeder formt unsere Kultur im Laufe seines Lebens und vererbt sie als Tradition an unsere Nachkommen. Ob Fairness, Wertschätzung und Gemeinsamkeit Teil dieses Erbes sein sollen, entscheiden wir bei jedem Einkauf.

Gammelfleisch hier, Bürgerkrieg dort

Unsere Macht beschränkt sich nicht auf die eigene Nachbarschaft. Auch die Menschen auf anderen Kontinenten spüren, was wir einkaufen: Geben wir unsere Stimme für Billigfleisch ab, exportiert der Erzeuger die Reste nach Afrika und unterbietet mit seinen Dumpingpreisen dort die heimischen Bauern.2 Die verlieren ihre Lebensgrundlage, flüchten erst vom Land und dann aus dem Land; und wenn wir sie als Wirtschaftsflüchtlinge abweisen, kommen sie fünf Jahre später als Bürgerkriegsflüchtlinge wieder. Die Folgen unseres Einkaufs fürs Mittagessen reichen weit. Kopfschmerzen darüber (und Bauchschmerzen durch Gammelfleisch) können wir allen ersparen, wenn wir den Weg des Geldes kurz halten und dadurch überschauen können.

Eine Region endet nicht an den politischen Fantasien der Landes- oder Kreisgrenzen. Ihr Horizont muss auch nicht im Radius von 100 Kilometern liegen. Zugleich ist erstaunlich, wie viel gute Lebensmittel man innerhalb eines Katzensprungs findet – wenn man genau hinschaut, sich von Dogmen befreit und den Unfug der Bio-und-Co-Siegel hinter sich lässt. Ökologisch nachhaltig erzeugt ohne Bio-Siegel: Solche Landwirte findet man, indem man in der Nachbarschaft oder bei guten Restaurants herumfragt. Dabei stößt man auch auf jene Menschen, welche die Leidenschaft für gutes Essen teilen. Und schon steckt man mittendrin in der Gemeinschaft und genießt die Sicherheit starken sozialen Wurzelschlags.

Discounter und Supermärkte gestatten uns diese Wahl allerdings nicht. Sie sind bereits eine Wahl: Gegen die eigene Region. Daran ändern vereinzelte Angebote örtlicher Erzeugnisse nichts – die Entscheidungsgewalt liegt beim Konzern und nicht in der Kommune.

Wir werden Discounter und Supermärkte nicht abschaffen. Doch wir können die Alternative unterstützen und aufbauen: Hofläden und Wochenmärkte regionaler Erzeuger. Wer es ernst meint mit der Demokratie, sollte den Fernseher ausschalten, rausgehen und sich diese Wahlmöglichkeit erhalten: Den Einkauf beim Erzeuger, die Entscheidung für die eigene Nachbarschaft. Regional essen: Das ist eine Investition in uns selbst, in unsere Familie und Nachbarn, unsere Zukunft. Das ist einfach.

Herzlicher Dank gilt Judith Henzler, Konstantin Niese, Kolinger Jessica, Jonas Burri und allen anderen Stiftern dieses Beitrags mittels Patreon, PayPal und Überweisung.

Was wäre, wenn das jeder machen würde?

Weidehaltung - Was wäre, wenn das jeder machen würde?

»Kennen Sie den Namen ihres Zahnarztes?« Die Verwunderung ist groß, wenn ich bei Vorträgen über Essen diese Frage stelle. Fast jeder weiß den Namen seines Zahnarztes. Kaum jemand kennt allerdings seinen Landwirt. Den Zahnarzt besuchen wir ein- oder zweimal im Jahr. Von den Diensten des Bauern sind wir mehrfach täglich abhängig.

Wenn kein Bauer seine Arbeit macht, haben wir keine Musik und Museen, keine Post und Polizei, keine Gesetze und Gesellschaft. Und nichts zu essen. Unsere Zivilisation steht auf dem Fundament der Landwirtschaft. Weil Bauern sich ums Essen kümmern, können wir Klempner werden und Menschen mit Wasser versorgen oder Wirtschaftswissenschaft studieren und albern daherquatschen.

Wer sich gut ernähren möchte, der sollte seinen Landwirt kennenlernen und Lebensmittel direkt von ihm kaufen. Nur da gibts die beste Ware: Weidefleisch, Erdbeeren, Tomaten – frischer, leckerer und sicherer als direkt vom Bauern geht es nicht.

»Aber wenn jetzt jeder aufs Land fährt und seinen Landwirt kennenlernen will, wie soll das denn gehen? Überlegen Sie doch mal!« Es dauert nicht lange, bis diese Frage folgt. Den gleichen Einwand blökt mein Nachbar, wenn er erfährt, dass ich meinen Job hingeschmissen habe und künftig vom Schreiben lebe: »Wenn das jetzt jeder machen würde!?«

Manchmal denke ich, das ist die Frage der Menschen ohne Fantasie, der Erzkonservativen, derer zerfressen von Angst und Neid und Missgunst. Menschen, die stets zuerst an den eigenen Vorteil denken und sich nur so viel für ihre Mitmenschen interessieren, um sich von deren Nachteil zu überzeugen. Menschen, die sich langweilen in ihrem langweiligen Leben.

Aber Menschen sind ungleich. Jeder lebt in seiner eigenen Wirklichkeit, gefiltert durch die Brille vergangener Erlebnisse und Lebensumstände. Und weil Menschen so verschieden sind, kann man diese Frage leicht beantworten.

Es würde niemals jeder machen.

Nicht jeder möchte Berufsmusiker werden. Und nicht jeder möchte gut essen und seinen Landwirt kennenlernen. Den meisten Menschen ist ihr Essen egal und so auch, wer es erzeugt hat.

»Was wäre, wenn das jeder machen würde?« Diese Frage ist ein Aber und sie erschallt meist aus dem Ohrensessel, dessen Sitzfläche schon 30 Jahre kein Licht mehr gesehen hat. Man vernimmt sie besonders dann, wenn die Bequemlichkeit in Gefahr ist; wenn jemand eine gute Idee hört und im gleichen Moment begreift: Dafür müsste ich mein Verhalten ändern. Sie klingt dann so: »Schön und gut. Aber wenn jetzt alle Weidefleisch essen wollte, das ginge ja gar nicht. Mit Weidefleisch kann man die Welt nicht ernähren.«

Nehmen wir kurz die Haltung eines Aikidoka ein und legen die Frage durch ihren eigenen Schwung auf die Matte: Warum sollten wir die Welt ernähren? Genau dieses Vorhaben führt doch oft erst zu den Problemen unserer Nahrungskette: Billigexporte aus Deutschland ruinieren Landwirte in der dritten Welt.1 Wir müssen nicht die Welt ernähren, sondern jede Region muss sich selbst versorgen können, gemäß ihrer Kultur und Ökosysteme. Das bedeutet Ernährungssouveränität und Ernährungssicherung. Und es möchte und muss doch gar nicht jeder Weidefleisch essen. Das wäre Irrsinn. In Küstenregionen ist eine andere Ernährung sinnvoller.

Was wäre, wenn: Das ist reine Spekulation; ein Gedankenspiel. Niemand hat jemals versucht, die ganze Welt mit Weidefleisch zu versorgen. Deswegen können wir nicht wissen, ob es funktionieren würde. Müssen wir auch nicht: Weil ohnehin nicht jeder mitmachen will. Wir müssen die Discounter nicht abschaffen. Wer sich gut ernähren möchte, muss nicht sämtliches schlechte Essen aus der Welt bannen. Es genügt der Aufbau einer Alternative für die eigene Gemeinde, den eigenen Bedarf.

Die Frage ist Gift. Gespritzt von denen, die ihre fünfzehn Jahre bis zur Rente in Ruhe absitzen wollen und nun ihre Lebensweise in Frage gestellt sehen. »Was wäre wenn … wenn ich ein paar Cent mehr für Fleisch ausgeben würde? Wenn ich eingestehe: Ich könnte mich besser ernähren und der Umwelt weniger schaden? Wenn ich es besser machen könnte als bisher? Habe ich dann bislang alles falsch gemacht? Ausgeschlossen: Was der da sagt, das geht doch sowieso nicht!«

Besonders für Kinder ist das Gift für den Geist.

»Was soll denn passieren, wenn das jeder macht? Wenn jeder Musiker (oder Erfinder oder Künstler) wird?« Mit dieser Frage rauben Eltern ihren Kindern Mut und Träume. Vielleicht mit den besten Absichten: Weil sie ihrem Nachwuchs das Leben vereinfachen möchten.

Aber was passiert, wenn das jeder macht? Wenn alle Eltern ihren Kindern diese Frage stellen? Dann gibt es bald keine Musiker mehr und keine Künstler, keine Erfinder und keine Veränderung.

Artenvielfalt durch Fleischverzehr

Mein heutiges Abendessen rettet zehn Zipfelfaltern das Leben, schafft Lebensraum für ein Dutzend Sumpfschrecken und erleichtert zwanzig Laubfröschen den Alltag. Die Mahlzeit auf meinem Teller: Eine Beinscheibe. Vom Weiderind.

Sie grasen und düngen, laufen und spielen, balzen, gebären und säugen unter der Sonne: Weiderinder spüren ihr gesamtes Leben den Hauch der Brise auf der Wiese, ihrem natürlichen Lebensraum. Ihr Verhalten macht sie zu weit mehr als Verbrauchern auf dem saftigen Grasland: Weidetiere sind ein wichtiges Instrument im Symphonieorchester des Lebens. Ihr Fraß und Tritt kommen keiner melodischen Verzierung gleich; vielmehr sind sie die Basslinie: Ohne sie würde die Komposition des Graslandes einbrechen und schwinden. Denn Grasland braucht Grasfresser. Sonst verbuscht und verwaldet es und seine Bewohner verlieren ihren Lebensraum.

Hunderte Tier- und Pflanzenarten spielen ihre Melodien des Lebens in einem Konzertsaal, den Rinder und Pferde abstecken: Wenn sie Ufer und Röhrichte beweiden, erwärmt sich durch den Lichteinfall das Wasser zur Laichzeit im Frühjahr stärker. Dadurch können sich Laich und Larven der Frösche und Kröten besser entwickeln. Süß- und Sauergräser im Uferbereich fressen die Weidetiere teils so kurz, dass sogar die anspruchsvolle Wechselkröte einen geeigneten Ort für den Nachwuchs findet. Auch die Abdrücke der Hufe helfen den Amphibien: Darin bilden sich Kleinstgewässer, die Fröschen als Rückzugsraum dienen. Laufkäfer und Stechimmen nutzen Huftierpfade als Lebensraum. Selbst die Ausscheidungen der Weiderinder spenden Leben: Sie sind Futtergrundlage für zahlreiche Dungkäfer, an denen sich wiederum bedrohte Vogelarten wie die Blauracke bedienen.1

Weidetiere tragen die Symphonie des Lebens auch buchstäblich auf dem Rücken: In ihrem Fell transportieren sie Pflanzensamen, Sporen, Käfer, Spinnen, Wanzen und sogar Reptilien und Schnecken über weite Strecken und helfen so bei deren Verbreitung. Je nach Region und Jahreszeit haften im Fell eines Schafes bis zu 8.500 Samen von über 50 Arten, können dort über drei Monate verbleiben und reisen so hunderte Kilometer mit.2

Was nützt uns diese Artenvielfalt? Sie stabilisiert Ökosysteme und damit unsere Ernährungsgrundlage. Artenvielfalt ist das Gegenteil der Monokultur, unserem überwiegenden Vorgehen zum Erzeugen pflanzlicher Lebensmittel.3 In einer Monokultur, zum Beispiel auf einem Kartoffelacker, genügt eine einzige Krankheit, um alle Pflanzen auszulöschen. Leben dort jedoch viele Arten, mögen vielleicht die Kartoffeln sterben, doch andere Arten sind nicht anfällig für die Krankheit und das Leben geht weiter. Wenn so viel Bewegung und Wettkampf zwischen den Spezies herrscht, haben verheerende Krankheiten allgemein weniger Angriffspunkte.

Artenvielfalt ist unser genetischer Reichtum – eine Schatztruhe, aus der wir alle uns bedienen: Wir essen heute überwiegend Kulturpflanzen, die wir aus der Vielfalt der Natur gewonnen haben. Einige Züchter arbeiten weiter mit Landsorten und entdecken stets neue Juwelen im Genmaterial. Artenvielfalt sichert unsere Ernährung.

Durch Weidehaltung erhalten wir Weidelandschaften und damit auch Kulturland. Wäre in unserer Zeit der Schutz von Naturlandschaften nicht viel wichtiger? Tatsächlich verfügt Mitteleuropa kaum noch über wilde Gebiete. Die vom Menschen geprägten Kulturlandschaften sind jedoch nicht grundsätzlich weniger wertvoll als die unberührten Flecken auf unserem Planeten. Sie gehören zu unserem Kulturerbe, sind Errungenschaften des Menschen wie das gesprochene Wort oder das Laufen auf zwei Beinen.

Wir können keine Naturlandschaft wiederherstellen. Wir können nur ein Stück Land sich selbst überlassen. Dann verwildert es und auch das kann ästhetisch Wert haben und der Artenvielfalt dienen. In solchen Fällen müssen wir allerdings eine Fläche aufgeben, die wir zuvor kultiviert haben: Eine Entscheidung zugunsten der Natur und gegen die Kultur des Menschen. Keine leichte Wahl, wenn man aus lauter Achtung vor Tier und Natur nicht den Respekt vor Mensch und Kultur vergessen möchte.

Wenn Weidetiere so wertvoll sind für unsere Ökosysteme und Artenvielfalt, Klima und Bodenfruchtbarkeit – warum essen wir sie dann auf? Gewiss wäre es folgerichtig, ließen wir die Tiere nach einem langen Leben in der Natur eines natürlichen Todes sterben: Verhungern, verdursten, verenden durch Krankheit oder gerissen von Raubtieren.4 Noch vor den Einwänden der Ethiker und Tierschützer stehen praktische Hürden: Land kostet Geld und selbst wenn Weidetiere die teils kostspielige Landschaftspflege5 übernehmen, fallen sie nicht vom Himmel. Wir müssen Zäune errichten und Tiere herbeischaffen, das Gebiet behüten und verwalten. Wenn wir das Fleisch der Tiere vermarkten, können wir wenigstens einen Teil der Kosten finanzieren und so den Erfolg des Vorhabens langfristig sichern.

Das sind Überlegungen für den öffentlichen Bereich, wo wir Ausgaben für den Naturschutz vor dem Steuerzahler rechtfertigen müssen. Die meisten Landwirte können sich eine derartige Wildnisentwicklung im großen Stil ohnehin nicht leisten. Dennoch können sie durch Weidehaltung zu Naturschutz und Landschaftspflege beitragen. Zur Vermarktung ihrer Tiere sind sie gezwungen, sonst kann diese Art der Naturpflege nicht stattfinden.

Landwirte sehen sich heute vermehrt dem Vorwurf ausgesetzt, ihre Arbeit schade der Natur. Der Mensch kann mit seiner Macht die Umwelt zerstören wie kein anderes Wesen. Doch er kann auch der Natur größter Hirte sein und ihr zu mehr Blüte und Leben verhelfen als sie allein vermag. Durch den Überblick des Dirigenten kann der Mensch die Symphonie des Lebens mit überwältigender Kraft erfüllen.

Der Landwirt steht in diesem Sinne als Dirigent eines Kleinstadtorchesters vor der Herausforderung, die Komposition auch kommerziell attraktiv zu gestalten. Er kann der Umwelt dienen – jedoch nur, wenn auch jemand das Fleisch seiner Weidetiere kauft.

Ich mag Musik und ich mag die Natur. Deswegen bezahle ich bei Konzerten gerne Eintritt. Und deswegen kaufe ich nur Fleisch von einem Landwirt, der seine Tiere auf der Weide hält und die Natur pflegt. Äße ich gar kein Fleisch, müsste ich mehr Pflanzen essen und das meiste Gemüse auch mit Bio-Siegel wächst in Monokulturen auf dem Acker mit geringer Artenvielfalt. Lieber unterstütze ich Weidewirtschaft und Landschaftspflege.

In der Natur herrscht ein dauernder Wettbewerb: Vögel und Insekten, Amphibien und Fische, Reptilien, Raubtiere und Pflanzenfresser, Gräser, Büsche, Bäume und Pilze – sie alle möchten leben und am liebsten ein Solo spielen. Zwischen alledem stehen wir Menschen mit dem Taktstock. Ganz gleich, ob wir eine große Komposition schreiben oder Improvisationen zulassen: Auch Jazz folgt Regeln und Absprachen. Unsere große Macht erfordert eine ebensolche Verantwortung. Dieser Verantwortung können wir durch den Erhalt des Graslandes besser gerecht werden als durch reinen Ackerbau.

Daran kann einfach mitwirken, wer das Fleisch im Supermarkt und Discounter liegenlässt und stattdessen den örtlichen Landwirt bei der Weidehaltung unterstützt.

Gutes Essen – eine Bürgerpflicht

Für gutes Essen und gesunde Ernährung braucht man gute Lebensmittel. Gute, gesunde, saubere, faire Lebensmittel – woher bekommt man die? Kann man sich auf die Angaben der Hersteller und Supermärkte verlassen, wenn Lebensmittelskandale so häufig durch die Medien geistern? Warum tut die Politik nicht mehr für unsere Sicherheit, mehr für Transparenz bei Lebensmitteln?

Eine transparente, also im Wortsinn durchschaubare Nahrungskette erfordert Leistungen auf zwei Seiten: Erzeuger und Hersteller müssen den Blick ermöglichen auf alle Menschen in der Produktion, alle Arbeitsschritte ob maschinell oder handwerklich, alle Zutaten, alle Transportwege und so fort. Und der Betrachter, der Käufer, muss hinschauen und er muss begreifen, was er sieht. Wenn niemand hinschaut, gibt es keinen Durchblick. Das ist dann, als gäbe es keine Transparenz. Gibt sich der Käufer mit der einfachen Versicherung zufrieden, seine Ware käme aus der Region, sei geprüft und von hoher Qualität und der Hersteller sei transparent, dann verschließt er die Augen und beteiligt sich direkt an jedem Lebensmittelbetrug. Ein Bio-Siegel genügt nicht. Das ist offensichtlich, denn Betrug mit Bio-Fleisch, -Gemüse und -Obst ist Alltag.1 Auch ein Demeter-Siegel genügt nicht. Kein Siegel genügt. Kein Siegel kann Kontrolle und persönliches Vertrauen ersetzen. Im Gegenteil: Jedes Siegel dieser Art will beruhigen und einlullen.

Wer vor einem Verbrechen die Augen verschließt oder hinschaut und nicht handelt, macht sich selbst zum Mittäter. Und wer das billigste Fleisch vom Discounter kauft und seinem Supermarkt blind vertraut, ist Komplize einer kriminellen Industrie und verdient gammeliges Fleisch und giftiges Gemüse.2 Und das gilt derzeit für den Großteil aller Käufer.3

Fordern wir eine transparente Nahrungskette in Form einwandfreier Lebensmittel, Rückverfolgbarkeit und klarer Zuständigkeiten, müssen wir auch selbst etwas dafür tun: Die Augen öffnen, genau hinschauen, selbst kochen, verschiedene Anbaumethoden und deren Vor- und Nachteile verstehen, Saisonalität begrüßen, faire Löhne und damit faire Preise akzeptieren, die Zusammenhänge zu Umweltschutz und Sozioökonomie begreifen. Kurz: Wir dürfen keine reinen Verbraucher, keine reinen Konsumenten sein. »Konsumenten sind Menschen, die an einer Krankheit leiden: Konsumismus« meint Carlo Petrini, Gründer der Slow-Food-Bewegung. Der Begriff Konsument sei in dieser Form nur drei Jahrhunderte alt. Er wurde geboren mit der industriellen Revolution. »Konsumismus zerstört das Gehirn. Dein Wert wird nicht gemessen an dem, was du bist, sondern daran, wie viel du konsumierst. Je mehr du konsumierst, desto größer dein Wert. […] Wir dürfen keine Konsumenten sein. Wir müssen Koproduzenten sein.«4

Erst als Koproduzent, als Mit-Erzeuger, tritt der Bürger aus seinem isolierten Segment hervor. Aus einer Isolation, in welche uns die Industrialisierung zur vermeintlichen Steigerung der Effizienz in Einzelhaft geschoben hat als Landwirte und Metzger, Köche und Verbraucher. Jeder Beruf soll in seiner eigenen Zelle stecken mit undurchsichtigen Wänden. Doch die besten Landwirte sind jene, die auch kochen können und sich für guten Geschmack interessieren; die besten Köche besuchen ihre Erzeuger, um besser zu begreifen, wann welche Zutaten am besten schmecken. Und so muss auch der Verbraucher wieder ein wenig Koch sein und ein wenig Landwirt. Erst dann wird er überhaupt seinem eigenen Wunsch nach mehr Durchblick gerecht.

Wer mit seiner Forderung nur auf Politik und Industrie zeigt, gibt die Verantwortung ab5 – und damit zugleich das Recht auf ein Stück Selbstbestimmung. Eine solche Forderung ist ein Aufruf zu Bevormundung und Entmündigung. Dann ist es kein Wunder, wenn wir Rohmilch nicht mehr einfach beim Bauern kaufen dürfen; warum wir nicht mehr die freie Wahl haben, das Fleisch aus einer Hausschlachtung zu erwerben; nicht einmal die Kürbisse von der Nachbarin. Dann erwachen wir eines Morgens in einem Dschungel aus Regulierungen und Vorschriften, weil wir die Gartenpflege auf die anderen geschoben haben. Im Dickicht finden wir uns nicht mehr zurecht und Überblick herrscht nur noch über dem Blätterdach: Entscheidungen fallen über unsere Köpfe hinweg und der kleinbäuerliche Betrieb ersäuft dank unserer gemeinsamen Faulheit im Sturzregen der Auflagen.

In einer Gesellschaft muss jeder mitarbeiten. Wir können natürlich Vertreter wählen und von der Politik Lösungen in unserem Interesse fordern. Wir können sie auch erwarten. Jedoch können wir nicht auf Ergebnisse warten oder uns darauf verlassen. Die Lösung unser aller Probleme ist unser aller Aufgabe. Die Politik kann sich um Straßenbau und Wasserversorgung kümmern. Von meinem Esstisch und Einkaufskorb, von der Ernährung meiner Familie soll sie die Finger lassen.

Anbau- und Haltungsmethoden verstehen, den Erzeuger persönlich kennen, selbst kochen und selbst Entscheiden, was man isst: Ist das nicht auch mit Arbeit verbunden? Natürlich ist es das. Es mag unfair erscheinen, worum man sich kümmern muss, wo doch in unserer Gesellschaft alles einfach sein soll. Aber niemand hat gesagt, das Leben sei fair: Schau dir die Katze an, wie sie die Maus ausmerzt. Und dann entscheide, ob du eine Maus sein willst; oder ein hirntoter Konsument. Bist du die Katze, die fünfzehn Minuten vor dem Laubhaufen lauert und auf ihre künftige Mahlzeit starrt, sie mustert und sich dann doch lieber in die Sonne legt? Oder bist du die tüchtige Biene, die jeden Sonnenstrahl und jede Blüte nutzt, ihre süße Ernte zum Wohl ihres Volkes teilt und befruchtete Landschaften hinterlässt?

Wir werden die Industrie nicht abschaffen. Der Versuch wäre vergeudete Mühe. Stattdessen können wir die Zeit nutzen und eine eigene Nahrungskette nach unseren Wünschen schweißen. Die Was-wäre-wenn-Frage, wie denn die übrigen kleinbäuerlichen Betriebe all die Menschen versorgen sollen, erübrigt sich: Diese alternative Nahrungskette kann genau so viele (Mit)Glieder versorgen, wie daran teilnehmen. Das Angebot passt sich der Nachfrage an und den meisten Menschen wird die industrielle Versorgung weiterhin genügen.

Anstelle solcher Spekulationen kann ein jeder genau jetzt handeln, die Erzeuger seiner Umgebung kennenlernen und sich die Frage stellen: Was bin ich mir wert? Und wer will ich sein, in der Nahrungskette?

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