Was wäre, wenn das jeder machen würde?

Weidehaltung - Was wäre, wenn das jeder machen würde?»Kennen Sie den Namen ihres Zahnarztes?« Die Verwunderung ist groß, wenn ich bei Vorträgen über Essen diese Frage stelle. Fast jeder weiß den Namen seines Zahnarztes. Kaum jemand kennt allerdings seinen Landwirt. Den Zahnarzt besuchen wir ein- oder zweimal im Jahr. Von den Diensten des Bauern sind wir mehrfach täglich abhängig.

Wenn kein Bauer seine Arbeit macht, haben wir keine Musik und Museen, keine Post und Polizei, keine Gesetze und Gesellschaft. Und nichts zu essen. Unsere Zivilisation steht auf dem Fundament der Landwirtschaft. Weil Bauern sich ums Essen kümmern, können wir Klempner werden und Menschen mit Wasser versorgen oder Wirtschaftswissenschaft studieren und albern daherquatschen.

Wer sich gut ernähren möchte, der sollte seinen Landwirt kennenlernen und Lebensmittel direkt von ihm kaufen. Nur da gibts die beste Ware: Weidefleisch, Erdbeeren, Tomaten – frischer, leckerer und sicherer als direkt vom Bauern geht es nicht.

»Aber wenn jetzt jeder aufs Land fährt und seinen Landwirt kennenlernen will, wie soll das denn gehen? Überlegen Sie doch mal!« Es dauert nicht lange, bis diese Frage folgt. Den gleichen Einwand blökt mein Nachbar, wenn er erfährt, dass ich meinen Job hingeschmissen habe und künftig vom Schreiben lebe: »Wenn das jetzt jeder machen würde!?«

Manchmal denke ich, das ist die Frage der Menschen ohne Fantasie, der Erzkonservativen, derer zerfressen von Angst und Neid und Missgunst. Menschen, die stets zuerst an den eigenen Vorteil denken und sich nur so viel für ihre Mitmenschen interessieren, um sich von deren Nachteil zu überzeugen. Menschen, die sich langweilen in ihrem langweiligen Leben.

Aber Menschen sind ungleich. Jeder lebt in seiner eigenen Wirklichkeit, gefiltert durch die Brille vergangener Erlebnisse und Lebensumstände. Und weil Menschen so verschieden sind, kann man diese Frage leicht beantworten.

Es würde niemals jeder machen.

Nicht jeder möchte Berufsmusiker werden. Und nicht jeder möchte gut essen und seinen Landwirt kennenlernen. Den meisten Menschen ist ihr Essen egal und so auch, wer es erzeugt hat.

»Was wäre, wenn das jeder machen würde?« Diese Frage ist ein Aber und sie erschallt meist aus dem Ohrensessel, dessen Sitzfläche schon 30 Jahre kein Licht mehr gesehen hat. Man vernimmt sie besonders dann, wenn die Bequemlichkeit in Gefahr ist; wenn jemand eine gute Idee hört und im gleichen Moment begreift: Dafür müsste ich mein Verhalten ändern. Sie klingt dann so: »Schön und gut. Aber wenn jetzt alle Weidefleisch essen wollte, das ginge ja gar nicht. Mit Weidefleisch kann man die Welt nicht ernähren.«

Nehmen wir kurz die Haltung eines Aikidoka ein und legen die Frage durch ihren eigenen Schwung auf die Matte: Warum sollten wir die Welt ernähren? Genau dieses Vorhaben führt doch oft erst zu den Problemen unserer Nahrungskette: Billigexporte aus Deutschland ruinieren Landwirte in der dritten Welt.1 Wir müssen nicht die Welt ernähren, sondern jede Region muss sich selbst versorgen können, gemäß ihrer Kultur und Ökosysteme. Das bedeutet Ernährungssouveränität und Ernährungssicherung. Und es möchte und muss doch gar nicht jeder Weidefleisch essen. Das wäre Irrsinn. In Küstenregionen ist eine andere Ernährung sinnvoller.

Was wäre, wenn: Das ist reine Spekulation; ein Gedankenspiel. Niemand hat jemals versucht, die ganze Welt mit Weidefleisch zu versorgen. Deswegen können wir nicht wissen, ob es funktionieren würde. Müssen wir auch nicht: Weil ohnehin nicht jeder mitmachen will. Wir müssen die Discounter nicht abschaffen. Wer sich gut ernähren möchte, muss nicht sämtliches schlechte Essen aus der Welt bannen. Es genügt der Aufbau einer Alternative für die eigene Gemeinde, den eigenen Bedarf.

Die Frage ist Gift. Gespritzt von denen, die ihre fünfzehn Jahre bis zur Rente in Ruhe absitzen wollen und nun ihre Lebensweise in Frage gestellt sehen. »Was wäre wenn … wenn ich ein paar Cent mehr für Fleisch ausgeben würde? Wenn ich eingestehe: Ich könnte mich besser ernähren und der Umwelt weniger schaden? Wenn ich es besser machen könnte als bisher? Habe ich dann bislang alles falsch gemacht? Ausgeschlossen: Was der da sagt, das geht doch sowieso nicht!«

Besonders für Kinder ist das Gift für den Geist.

»Was soll denn passieren, wenn das jeder macht? Wenn jeder Musiker (oder Erfinder oder Künstler) wird?« Mit dieser Frage rauben Eltern ihren Kindern Mut und Träume. Vielleicht mit den besten Absichten: Weil sie ihrem Nachwuchs das Leben vereinfachen möchten.

Aber was passiert, wenn das jeder macht? Wenn alle Eltern ihren Kindern diese Frage stellen? Dann gibt es bald keine Musiker mehr und keine Künstler, keine Erfinder und keine Veränderung.

Fußnoten

  1. Tagesschau.de. Wie die EU Ghanas Geflügelwirtschaft zerstört. 14 Dezember 2015.

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6 Kommentare zu “Was wäre, wenn das jeder machen würde?

  1. Lesley

    Früher haben sich viele Menschen selbstversorgt und den Rest ihres Bedarfs durch Tauschgeschäfte erledigt. Wieso soll es heute, mit dem Fortschritt den wir haben, nicht auch funktionieren? Die Bequemlichkeit zu verlassen und sich damit zu beschäftigen fällt vielen Menschen schwer. Warum soll man im Garten herum graben wenn man im Supermarkt um die Ecke alles bekommt? Ich sehe das oft, bei uns in der Gartenanlage, da kommen viele junge Menschen und wollen ihr Essen selbst anbauen, ohne Gifte und Chemie. Im nächsten Jahr geben sie gleich wieder auf und es kommen wieder neue. Sie erkundigen sich nicht, holen sich keine Ratschläge bei den erfahrenen Gärtnern, kaufen sich keine Gartengeräte und meinen mit einer Schaufel allein kann man Gärtner werden. Ja, das Unkraut muss auch noch aus den Beeten, das ist zu viel Arbeit. Wer das ernsthaft sich vornimmt, kann es auch mit Hilfe von anderen oder Infos aus dem Internet oder Videos ganz gut schaffen. Man muss nicht gleich groß anfangen, es reicht seine Kenntnisse nach und nach aufzustocken. Man lernt die Natur und die Bedingungen der Natur kennen, nicht jedes Jahr kann man alles ernten, z.B. letztes Jahr kam der Frost und hat viel Schaden angerichtet. Trotzdem habe ich viel geerntet, nur eben kein Obst mehr. Außerdem muss man nicht jeden Tag Fleisch essen, es ist gesünder weniger zu essen. Viele Allergien und Unverträglichkeiten kommen nicht vom Essen, sondern von dem was drauf gespritzt wurde. Unser Essen ist nicht mehr gesund, wir essen viele Gifte und Füllstoffe mit, die krank machen. Davon profitiert die Medizin, sie wollen Dauerkranke, sonst verdienen sie nichts. Wenn alle das weiterhin mitmachen, wird es bald keine Menschen mehr geben, die ihr Essen selbst kochen und vorbereiten können, es gibt ja vieles schon zum Aufbacken oder Aufkochen eingepackt zu kaufen oder es wird Takeout mitgenommen oder der Lieferdienst kommt schnell mal vorbei. Wer kennt noch den wahren Geschmack von Gemüse, Obst und Fleisch, das ohne Gentechnik und Chemie erzeugt wurde, wer kann die Milch direkt nach dem Melken trinken ohne Magen-Darmprobleme zu bekommen? Ich könnte noch so viel schreiben, will Euch aber nicht die Zeit stehlen :0)

  2. NADO

    “Es ist Irrsinn alles beim Alten zu lassen und trotzdem auf Veränderungen zu hoffen.”

    Super Artikel lieber Felix!

  3. Hank

    Andererseits finde ich es schon wichtig darüber nachzudenken, ob der Lebens- (und Ernährungs-) Stil, den ich pflege, exklusiv ist und gar eine quantitativ weniger produzierende Landwirtschaft zu Lasten der Gesamtversorgung ginge, oder ob eine regionale, den jeweiligen Ökosystemen angepasste und auf chemische Konditionierung und weite Transportwege verzichtende Landwirtschaft grundsätzlich auch für 7 oder 8 Milliarden Menschen taugen könnte. Grundsätzlich ist diese Frage “Wenn das jeder machen würde” eine philosophische und alles andere als bequem. Das ist den Menschen, die sie nur allzu gerne stellen, aber oft nicht bewusst. Sie kämen nämlich ganz schön ins Schwitzen, wenn man sie beim Wort nehmen oder gar ihren Discounter-Lebensstil auf die Welt übertragen würde.

    1. Felix

      Hi Hank,
      »ob eine regionale, den jeweiligen Ökosystemen angepasste und auf chemische Konditionierung und weite Transportwege verzichtende Landwirtschaft grundsätzlich auch für 7 oder 8 Milliarden Menschen taugen könnte.«

      Sie muss. Sie muss taugen. Andernfalls machen wir etwas falsch. Und soweit ich die Datenlage überblicken kann, kann sie tatsächlich.

  4. Björn Spiering

    Vielen Dank Felix – für diesen bemerkenswerten und klugen Artikel.

    Dazu fällt mir der Satz “wo kämen wir hin” ein, den sicher auch viele Menschen schon mal gehört haben in ihrem Leben.

    “Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.”

    Alles Gute für Dich.

Kommentare geschlossen.

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