French Toast oder: Nährstoffismus

French Toast, oder: NährstoffismusVor mir steht ein French Toast. Im deutschen Sprachraum ist er als Armer Ritter bekannt, während die Franzosen selbst es pain perdu ("verlorenes Brot") nennen. Der Truth Coffee Shop in Kapstadt, Südafrika, serviert dieses Gericht nicht einfach auf Basis einer Scheibe Brot. Stattdessen tunkt der Koch ein halbiertes Croissant in eine Mischung aus Ei, Milch und Vanille und brät dieses. Als Garnitur dient ein großzügiger Klecks Mascarpone und etwas Ahornsirup, wahlweise dazu auch gebratener Speck.

Ernährungsberater können über diese Speise mehrere Tage diskutieren. Die enthaltenen Tierprodukte Eier und Milch, das Getreide und natürlich dessen Gluten, das gesättigte Fett, die Milch in der Mascarpone, das Nitrit im Speck, der dieses über 2000 Jahre alte Rezept kürt.

Einige fragen, ob die Milch aus Weidehaltung stammt und ob es Rohmilch ist. Kommen die Eier aus Freilandhaltung und der Speck von frei lebenden Schweinen? Stammt die Butter im Croissant von Weidekühen, war das Getreide frisch gemahlen? Andere weisen auf die enthaltenen Kohlenhydrate hin und deren Auswirkungen auf den Insulinspiegel.

Über all diese Zutaten und deren Bestandteile proklamieren sie Theorien ob deren Auswirkung auf die Gesundheit, kurz-, mittel- und langfristig. Keine zwei von ihnen sind sich auf ganzer Linie einig. Sie alle hinterfragen des anderen Theorien, können dutzende Studien zitieren, allesamt eindeutig, sicher und allgemeingültig.

Niemand fragt, wie es schmeckt.

Nährstoffismus

Für viele Ernährungsberater und -wissenschaftler sind Lebensmittel die Summe ihrer Teile. Mehr nicht. Das ist die naive Perspektive des wissenschaftlichen Reduktionismus. Nährstoffismus wäre die Übersetzung dessen, was Gyorgy Scrinis im Englischen Nutritionism nennt. Michael Pollan popularisierte den Begriff in seinen Werken mit dem Hinweis, Ismen seien in der Regel Ideologien. Der Nährstoffismus habe sich zu einer Art Religion entwickelt, deren Priester (Ernährungswissenschaftler) die stets aktuelle Orthodoxie verkünden. Naturgemäß teilt Nährstoffismus die Welt des Essens in gute und böse Lebensmittel ein.

All dies beruht auf der unbestätigten Annahme, der Schlüssel zum Verständnis von Lebensmitteln seien allein die enthaltenen Nährstoffe.

Wir wissen wenig

Die Forschung entdeckt regelmäßig neue Elemente und Verknüpfungen. Ernstzunehmende Wissenschaftler wissen genau, dass wir sehr viel nicht wissen. Erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit zum Beispiel erforschen wir die Bewohner unseres Darms, deren Leben und deren Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Und entdecken erstaunliches.

Im menschlichen Darm wohnen mehr Bakterien als Menschen auf dem Planeten. Dieses Mikrobiom ist tiefgreifend in die Verdauung und Verwertung von Nährstoffen integriert. Die Zusammensetzung dieser Bakterien, nennen wir es Bakterienprofil, ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck. Das allein scheint ein hinreichendes Argument zu sein, um jeglicher Proklamation von Allgemeingültigkeit Einhalt zu gebieten. Es erklärt den Ursprung der vielen widersprüchlichen Studienergebnisse und warum anekdotische Beweise für praktisch alles bestehen.

Der Arme Ritter

Der Arme Ritter enthält reichlich Kohlenhydrate und Fett und darüber hinaus Gluten und Tierprodukte. Demnach mache er dick und krank. Er ist böse.

Doch ist nicht auch bemerkenswert, wie dieses Rezept es schafft, vermeintlichen Abfall (altes Brot) in eine nahrhafte Speise zu verwandeln? Richtig zubereitet ist er für manchen ein Hochgenuss.

Er ist ein Stück Esskultur, er verkörpert Tradition und eine rund 2000-jährige Geschichte - schon die Römer verfügten über ein derartiges Rezept. Frisch serviert zaubert der Arme Ritter Kindern ein Lächeln aufs Gesicht, er ernährt und wärmt.

Das lässt sich von keinem Ernährungsberater wegdiskutieren. Er mag unter speziellen Umständen Recht haben mit seinen Warnungen und Hinweisen zu Gluten und Fett, Kohlenhydraten und Nitrit.

Viel häufiger falsch liegt er jedoch mit der Konsequenz. Spricht er ein Verzichtsgebot aus, handelt er anmaßend und kurzsichtig. Nicht das Lebensmittel allein ist relevant, sondern sein Kontext, zu dem auch die Verzehrfrequenz zählt.

Auf die Frage "Ist der Arme Ritter mit Speck gesund?" gibt es keine korrekte Antwort, denn es mangelt an Kontext. Natürlich sind Herkunft und Qualität der Zutaten von signifikanter Relevanz. Mehr noch zählt jedoch das Individuum: Wie steht es um die Psyche des Genießers? Ist er körperlich sehr aktiv? Wie fit ist sein Darmtrakt? Und wie häufig isst er einen Armen Ritter? Wie sorgfältig hat der Koch die Mahlzeit zubereitet, wie viel Liebe steckt im Essen?

Der Hippokratische Irrtum

Die Prämisse "Lass Nahrung deine Medizin sein und Medizin deine Nahrung" klingt vernünftig und überzeugend. Sie verdeutlicht den potentiellen Wert von Lebensmitteln und deren Einfluss auf unseren Gesundheitszustand. Zugleich suggeriert sie, Lebensmittel dienten allein dem Erhalt der körperlichen Gesundheit.

Doch es gibt Menschen, die aus anderen Gründen essen. Genuss zum Beispiel. Oder Geselligkeit. Ganze Bevölkerungen ruinieren auf diesem Wege scheinbar eindeutige Studienergebnisse der Nährstoffismus-Anhänger, indem sie sich beispielsweise trotz hohen Fett-, Wein- oder Kohlenhydratkonsums bester Gesundheit erfreuen. Die ganzheitliche Betrachtung zeigt den Einfluss übriger Lebensumstände wie Zufriedenheit und soziale Bindungen auf den körperlichen Gesundheitszustand. Sie stellt Kontext her und relativiert so eine ernährungsideologisch verzerrte Perspektive auf das Essen.

Die Nutznießer

Wer profitiert vom Nährstoffismus? Der Verbraucher konnte daraus bislang offenbar keinen Nutzen ziehen. Im Gegenteil: Die Zahl der als ernährungsbedingt entlarvten Epidemien der letzten drei Jahrzehnte steigt kontinuierlich. Parallel übrigens mit Anzahl und Komplexität der verarbeiteten Produkte in Supermärkten. Denn für deren Hersteller ist die aktuelle Interpretation der Nährstoffismus-Schriften irrelevant. Ganz gleich, was gerade im Trend liegt: Es gibt keinen Nährstoff, um den Margarine, Corn Flakes und Reiskekse sich nicht anreichern ließen.

Urgeschmack und Nährstoffismus

Für mich und Urgeschmack stand immer der Genuss im Vordergrund. Ich esse gerne gutes Essen, weil es mich sinnlich befriedigt. Essen stillt auch meinen Hunger und versorgt meinen Körper. Doch dass nimmt bei der Vorfreude immer einen untergeordneten Rang nach der sinnlichen Befriedigung ein.

In der Vergangenheit habe ich mich von außen viel mit Nährstoffismus befasst, habe Orthodoxien beleuchtet und in Frage gestellt. Gelegentlich konnte ich selbst nicht vermeiden, Nährstoffe isoliert zu betrachten. Auf diesem Wege konnte ich eine Reihe von Leserfragen beantworten. Vor allem jedoch ermöglicht mir dieser Hintergrund eine abgerundete Perspektive, die vieles in Relation setzt. Absolute Urteile erscheinen befremdlich, ich kann Getreide nicht pauschal als das pure Böse betrachten, weiß jedoch auch um die potentiellen Gefahren einer unausgewogenen Ernährung. Paracelsus’ Ausspruch "Die Dosis mach das Gift" deutete dies schon vor rund 500 Jahren an.

Es steht außer Frage, dass in Einzelfällen eine wissenschaftlich bedingte, reduktionistische Betrachtung Individuen Linderung oder Heilung verschaffen, gar das Leben retten kann. Doch auch innerhalb dieser Szenarien bleibt Essen stets mehr: Es steckt in einem Netzwerk traditioneller, sozialer, kultureller und ökologischer Verknüpfungen.

Offensichtlich ist jedoch auch, dass wir wissenschaftlich mindestens noch mehrere Jahrzehnte von den allumfassenden Erkenntnissen entfernt sind, welche die Voraussetzung für wirklich absolute Aussagen bilden. Erst dann kann Nährstoffismus sich auflösen, damit Fakten seinen Platz einnehmen können. Wahrscheinlich werden wir jedoch diese absolute Sicherheit, ein vollständiges Verständnis der Natur, nie erreichen.

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14 Kommentare zu “French Toast oder: Nährstoffismus

  1. Sue

    In diesen Tagen vieler Diskussionen um alles und teils sehr eingeschränkter Sicht auf Dinge freue ich mich, einen so unverkrampften Artikel zu lesen. Danke dafür Felix. Die Vor-Kommentatoren haben vieles schon genannt, was auch meine Erfahrungen sind. Aktuell pendele ich mich neu ein bezüglich Ernährung und Verhalten allgemein. Ein durchaus schon längeres Leben voller Genuss (bin bekennender Genuss-Genießer), aber auch Stress, Fehl-Ernährung, Übergewicht, Unbeweglichkeit, Burn Out, Allergien und Schmerzen und über die Jahre unglaublich viele verschiedene Diäten liegen schon hinter mir 🙂 Fakt ist, dass ich wohl definitiv keinen Weizen essen sollte und insgesamt vorsichtig mit Gluten sein muss, Zucker ist auch schwierig – ich spreche hier nur von Schmerzthemen, nicht Übergewicht (das habe ich sowieso schon lange). Da ich irgendwie relativ planlos gar nicht mehr wusste, was ich noch essen sollte, blieb ich bei einem amerikanischen Vorschlag (Whole30) hängen und habe das einige Wochen durchgezogen. Schmerz nach jedem Essen hilft da ungemein 😉 Das ähnelt so ein bisschen der Urgeschmack-Sicht auf die Dinge, ohne jetzt Felix zu nah treten zu wollen, denn ich kenne beides noch nicht soo gut. Das hat mich aber auch inspiriert, auf deutschen Seiten nach ähnlicher Sicht zu suchen und ich glaube ich bin bei Felix und den Urgeschmack-Seiten ganz gut aufgehoben, soweit ich das jetzt beurteilen kann. Auch die Sport-Videos mit Felix und Felix Klemm gefallen mir, weil ähnlich pragmatisch, praktisch, gut *lächel*. Klar habe ich einiges auch schon abgenommen, klar bin ich in die Bewegung gekommen und ja, meist habe ich auch keine Schmerzen mehr. Aber irgendwas ist noch schief. Insofern werde ich vielleicht das 30 Tage Programm von Felix doch auch noch einmal angehen. Vielleicht habe ich dann weitere Erkenntnisse zu meinem Schmerzen, die natürlich auch offenbar einer Darm-Thematik entstammten (Felix spricht das ja oben auch an).

    Also auf diesem ganzen Weg erfreut mich ein Kommentar wie der obige ganz besonders. Was man definitiv nicht braucht, sind Leute, die alles sehr eng sehen und geradezu Religionen und Ideologien daraus machen, aber die Leute, die sich über all das Bemühen lustig machen, braucht es nun genauso wenig. Und davon gibt es genug. Die stillen Belächler, wenn man nach einem glutenfreien Brot fragt oder zumindest vielleicht nach purem Dinkel (weil alles andere sofortige Krampfzustände hervorruft). Nicht schön im Alltag. Aber was solls…

    Mir gefällt übrigens der Kommentar von Petra und anderen, die auf das Essen unserer Großmütter eingehen, extra gut. Ich bin selbst 60 Jahre alt, kenne das noch sehr gut aus meiner Kindheit und ihr habt absolut recht!!! Auch der Weizen war zu der Zeit noch “normal” mit “normalem” Glutenanteil, nicht so hochgezüchtet und gentechnisch verändert… Interessant auch die Ausführungen von ReNi zu den DDR-Gewohnheiten und Veränderungen nach der Wende. Wusste ich auch gar nicht das mit dem Anstieg der Allergien. Kein Wunder.

    Bezüglich Genuss und Genießen: Kommt nie zu kurz. Ich bin wirklich Vertreter von “zulassen”, aber dann bewusst und mit Genuss! Alles Verkrampfte (in jeder Beziehung) macht glaube ich nicht glücklich und führt nicht zum Ziel.

    Ralf und Schokolade: Ja, das ist immer wieder ein Thema auch für mich. Ich habe meine Freude inzwischen gefunden an Riegeln, die mit naturbelassenen Zutaten auf Dattelbasis zusammengestellt sind (z. B. Raw Bite, Beond oder Roo, gibt es in den Bioläden oder gut sortierten Supermärkten) oder übrigens tatsächlich einfach einigen frischen Datteln (gibts bei uns beim Perser sehr preiswert). Ich bin der Schoko-holik überhaupt und habe schon seit Monaten nun kein einziges Stück Schokolade gegessen und vermisse das auch nicht. Einer von den (immer Schoko-) Riegeln (meist der kleinste 30 g-Riegel) findet allerdings relativ regelmäßig seinen Weg in meinen genießenden Mund 🙂 Abgenommen habe ich trotzdem schon beträchtlich und genossen habe ich auch *lächel*…

    Nun werde ich mal weiter studieren, was es hier Interessantes zu erfahren gibt und freue mich auf genussvolles (und schmerzfreies) Essen.

  2. Tom

    Sehr gute geschrieben Felix!
    Vor dem Hintergrund des Nährstoffismus finde ich auch “Exoten” wie die sogenannte Lichtnahrung als Extrembeispiel betrachtenswert!

  3. Steff

    Vielen Dank, Felix, für diesen wunderbaren Artikel, der gerade zur rechten Zeit kommt. Ich hatte mit einem Freund nach seiner ersten Stent-OP und den ganzen Einschränkungen ärztlichseits eine Diskussion, wo ich auch diese Meinung vertrat, sie aber längst nicht so differenziert und fundiert ausdrücken konnte. Trotz seiner Befürchtungen, waren seine Werte nach unserem Degustations-Menü inklusive der Sünden Salzbutter, Wein und ich weiß nicht mehr, am nächsten Tag bestens.
    Danke auch an die persönlichen Kommentatoren, die bei mir frühe Erinnerungen an Essgewohnheiten wach gerufen haben, wie z.B. das Speckfett meiner Urgroßmutter (sie starb mit 92) auf frischem Bauernbrot.
    Wenn ich mir etwas Gutes tun möchte, dann krame ich in den Rezepten aus Kindheitstagen – Nahrung ganzheitlich sozusagen !

  4. Petra

    Felix, das ist ein interessanter Artikel, der sehr unaufgeregt mit den verschiedenen Ausprägungen und Ansprüchen der Paleo-/Primal-/natürlichen Ernährung umgeht.
    Meiner Meinung nach sind viele dieser Diskussionen vor allem unserer modernen (Überfluss-)Gesellschaft geschuldet, in der es unzählige und immer verfügbare Nahrungsmittel aus der ganzen Welt gibt.
    Ob ich Süßkartoffel, Wildreis oder Kochbanane als Beilage esse oder mit Kokosmehl, Cashewmus oder dunklen Kakaonibs backe sind Probleme, die unsere Mütter und Großmütter gar nicht hatten.

    Ich hatte eine Unterhaltung mit meiner Großmutter, bevor sie starb. Sie begann vor ca. 80 Jahren in einem Dorf ihr Hausfrauendasein ohne jegliche “Ernährungsideologie”.
    Die Lebensmittel, die ihr zur Verfügung standen, unterscheiden sich doch sehr von denen, die wir heute benutzen.
    Es gab keine exotischen oder vorgefertigten Produkte, Tüten oder Dosen, auf die sie zurückgreifen konnte. Gemüse und Obst waren heimische Sorten und vorwiegend saisonal verfügbar. Schinken und heimischer Fisch wurde selbst geräuchert, Fleisch gepökelt und alles, was in Gläser eingemacht wurde, kam aus dem Garten. Erst später kamen die ersten kaufbaren Dosen auf, die zwar praktisch, aber auch sehr teuer und deshalb selten waren.
    Zucker war viel teurer als heute, ebenso wie exotische Gewürze. Dafür gab es Honig zum Süßen und gewürzt wurde mit dem, was der eigene Garten oder Wald und Wiese hergaben.
    Schweine und Geflügel wurden meist für den Eigenbedarf gehalten und mit Gras und dem gefüttert, was Garten und Küche hergaben.
    Kühe wurden oft nicht geschlachtet, sondern zur Feldarbeit gebraucht (es war eine arme Gegend) und Milch gab es nur, solange ein Kälbchen gesäugt wurde.
    Außer Butter gab es Schweine- und Gänseschmalz zum Braten, Margarine wurde erst später (für die Kriegsversorgung) erfunden und schmeckte wohl sehr gruselig.

    Also ziemlich ärmlich und eingeschränkt im Vergleich zu uns heute.
    Schokolade, Bananen und Orangen lernten meine Mutter und ihre Geschwister erst nach dem Krieg kennen, als die Soldaten sie ihnen schenkten. Pizza und Pommes kamen noch später.

    So wie ich es verstehe, ist die Paleo-/Primal- usw. Ernährung in allen ihren Ausprägungen eine teilweise Rückkehr zu diesen Gegebenheiten – allerdings in unserer Überflussgesellschaft dadurch auch eine bewusste Einschränkung, die nicht unbedingt immer mit der heutigen Vorstellung von Genuss übereinstimmt.

    Gut finde ich, dass Du auch die Menschen erwähnst, die aufgrund ihrer angeschlagenen Gesundheit strengere Regeln (z.B. das Autoimmunprotokoll) beachten und dadurch Linderung und Heilung ihrer Beschwerden erreichen können. Seriöse Vertreter dieser Richtung betonen aber auch, dass nicht jeder das nötig hat und immer ausprobiert werden muss, was einem selbst guttut oder auch nicht.

    Ich selbst z.B. habe keine Laktoseintoleranz. Trotzdem verzichte ich normalerweise auf alle Milchprodukte außer Butter und ab und zu Parmesan, weil ich weiß, dass ich sonst am nächsten Tag meine Gelenke nur unter Schmerzen bewegen kann.
    Wenn ich ab und zu trotzdem Milchreis, Sahnesoße oder Arme Ritter esse (was ich alles sehr mag), entscheide ich mich bewusst dafür und nehme für diesen Genuss dann auch die Schmerzen am nächsten Tag in Kauf.

    1. Re Ni

      Das was du beschreibst kenne ich noch aus meiner Kindheit. Ich bin in der DDR aufgewachsen und bei uns gab es diese ganzen exotischen Sachen überhaupt nicht.Gemüse und Obst gab es aus dem Garten. Im Winter gab es eingekochtes Obst und saisonales Gemüse. Es gab wirklich nie Obst und Gemüse außerhalb der Saison. Brot gab es nur beim Bäcker, Fleisch beim Fleischer. Diesen ganzen abgepackten Kram gab es nicht. Joghurt gab es so viel ich weis nur in zwei Sorten und diese in Flaschen. Milch wurde nicht hocherhitzt und pasteurisiert. Es gab sie auch nur in Flaschen und man konnte den Rahm abschlecken.*yummi* Es gab auch viel sauer eingelegtes. Und es gab bei weitem nicht so viel Süßes wie heutzutage. Ich hab mir meine Schokoriegel extra aus dem Süßigkeitenladen geholt. Eis gab es nur in der Eisdiele oder eine Sorte am Stiel beim Bäcker. Also insgesamt gab es wirklich viel weniger Süßes und wenig Fertigprodukte. Als die Wende kam war ich 12. Mit 13/14 Jahren gingen meine Allergien los. Allgemein ist bekannt dass es in der DDR viel weniger Allergien gab, aber nach der Wende nahmen sie rasant zu. Ich denke das liegt am Essen und an den vielen Zusatzstoffen. An der Umwelt kann es ja nicht liegen, die Luftverschmutzung war ja vorher viel extremer.

      1. Petra

        Danke für Deine Schilderung, ich wusste das aus der DDR nicht.

        Aber ich erinnere mich auch an meine Kindheit und die viel kleinere Auswahl vor allem an Süßem und Fertigprodukten. Eis gab es in drei Sorten (Vanille, Erdbeer, Schokolade), der Naturjoghurt war viel saurer als heute und wir haben ihn selbst mit Früchten gemischt und ein Glas Bluna (Fanta-Vorgänger) gab es als Extra beim Essen in der Gaststätte.
        Und da ich auf dem Land großgeworden bin, waren unsere “Snacks” Äpfel von den Straßenbäumen, Beeren aus dem Garten und auch ab und zu mal eine Zuckerrübe frisch aus dem Feld gebuddelt.
        So lange ist das noch nicht her, aber der Geschmack hat sich inzwischen sehr gewandelt hin zum süßen und vorgefertigten Essen – im gleichen Maß, wie sich die Nahrungsmittelindustrie entwickelt hat.

  5. Lisa

    Ich finde diesen Artikel toll! Man besinnt sich wieder mal darauf einen anderen Blickwinkel zu sehen und nicht nur: ungesund–>darfst du nicht essen, ich bin 27 Jahre alt war immer Normalgewichtig aber unzufrieden und hab dies auch nach aussen ausgestrahlt, habe vor 8 Monaten alles umgestellt, teils Paelo, teils Urgeschmack, teils Low Carb, glutenfrei, Reduktion der Milchprodukte und mein Gewicht um ca 12 Kilo (170 gross von 70 Kilo auf 58) reduziert ich fühl mich toll, vital, frisch ich liebe mein neues Leben aber ich sehne mich auch hin und wieder danach einfach mal 2 Tafeln Schokolade aus dem Supermarkt zu vernichten (ich liiiebe Schokolade) verbiete es mir selbst weil natürlich nicht die besten Zutaten verwendet werden (leider steh ich gar nicht auf Bitterschokolade) tja lange Rede kurzer Sinn ist es in meinem Kopf ein Hin und Her zwischen gönn es dir und tu es nicht sonst verfällst du in alte Muster…wie auch immer zeigt mir der Artikel Genuss steht für Felix im Vordergrund und Genuss muss nicht ungesund heißen, kann es aber manchmal und das find ich eine sehr wichtige Aussage, so hab ich den Artikel für mich zumindest interpretiert 🙂

  6. Claudia

    Danke, Felix für diesen Artikel.
    Ich habe vor zwei Jahren low carb für mich entdeckt und gesundheitlich in hohem Maße davon profitiert. Darüberhinaus konnte ich meinen altersbedingten chronischen Gewichtsanstieg stoppen und bisher 12 Kilo abnehmen…
    Aber – die Seele will manchmal einfach nicht mit, und wie Re Ni sagt, zum Teil rauben mir diese Vorschriften eine ganze Menge Lebensfreude, vor allem wenn es um das Essen in der Gemeinschaft geht. Viele Low Carber unterstellen einem dann Sucht – nach Zucker oder nach Getreide, aber ich hab viel mehr das Gefühl, dass die Einhaltung solch strikter Vorschriften an Orthorexie grenzt und etwas Fanatisches an sich hat.

    Ich bin richtig froh, dass es Menschen gibt, die das ähnlich empfinden!

    Claudia

  7. Christine Nirschl

    Lieber Felix,
    je mehr ich von dir lese, desto besser finde ich dich! Es ist so wohltuend, die Stimme der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes zu hören in all diesen -ismen! Ich bin gerade dabei, meine Ernährung zu überprüfen, manches überwiegend wegzulassen, Erfahrungen damit zu sammeln und mir nicht mehr irgendwelche Verbote aufzuerlegen. Aber das erfordert eben einen sehr hohen Bewusstseinsgrad, über den ich prinzipiell zu verfügen meine, aber das alte “Du sollst – du sollst nicht” macht natürlich auch vor mir als Therapeutin nicht Halt. Im Gegenteil: würde ich nicht all diese menschlichen Fallstricke so gut kennen, wäre ich wohl eine schlechtere Therapeutin als ich es meistens bin.
    Ich danke dir für deine Seite, sie tut mir gut und erfreut mein Herz!
    Liebe Grüße aus Bayern
    Christine

  8. Re Ni

    Sehr schöner Beitrag! Du hast genau die richtigen Worte gefunden! Vor einigen Jahren sind bei mir Lebensmittelunverträglichkeiten festgestellt worden. Zunächst habe ich Ersatzprodukte für bestimmte Getreidesorten, für Ei usw. verwendet und bin später zu paleo gekommen. Allerdings ohne Eier. Ich merke immer wieder wie mich zu starke Ernährungsvorschriften regelrecht einschränken und mir die Lebensfreude rauben. Ob es Geselligkeiten, Feste usw. sind ob es Situationen sind, wenn zb meine Kinder genüsslich ihren Pfannkuchen oder Milchreis schlemmen…ja mir fehlt sie oft: die Nahrung für die Seele…die Kindkeitserinnerungen…und auch mal unkontrolliert zu essen. Momentan bin ich ernsthaft am überlegen ob ich nicht ab und zu mir solche Leckereien gönne, denn ich habe das Gefühl dass dieses extrem kontrollierte Essen psychisch nicht gesund ist und mich aus dem Gleichgewicht bringt.

    1. Lisa

      Ich weiss was du meinst man driftet schnell mal in ein Extrem ab ein gesundes Mittelmaß zu finden finde ich sehr schwierig und ich bin auch gerade dabei dieses anzustreben tut aber gut zu hören das sich auch andere diesbezüglich Gedanken machen 🙂

      1. Ralf

        Ja mir geht es genau so, ich habe erst seit 4 Wochen meine Ernährung umgestellt auf Urgeschmack. Das ist nicht die erste Umstellung, Rohkost, vegetarische Ernährung und Vegan habe ich schon ausprobiert, immer für ca.1-2 Jahre. Einzig unsere Bio Ernährung hält seit 22 Jahren. Gescheitert bin ich immer ,wie es ja bei euch auch ist an der Rückfälligkeit vom Süßen und am Brötchen. Natürlich lag das ganz alleine an meiner dogmatischen Einstellung. Ich sagte mir immer wenn dann richtig und keine halben Sachen,das war mein größter Fehler! Gut ich habe keine Lebensmittelunverträglichkeit und Allergien aber der Heißhunger so GLAUBE ich ist überall gleich. Nun stieß ich beim Suchen nach einer neuen Abnehm-Methode auf Urgeschmack. Ich blieb auf der Seite hängen, weil Felix es nicht so dogmatisch angeht und auch schrieb, wenn er mal JAPP auf ein Croissant hat dann isst er eben eins. Gut also fing ich an meine Ernährung umzustellen mit Erfolg (6 Kilo) aber auch mit dem verfluchten Heißhunger auf die Leckereien .Was tun sagte ich mir als der Heißhunger kam. Ich machte folgendes: ich liebe auch Schokolade und Honig. Also nahm ich zwei Bananen, streute dort 75% Biokakao und ein bisschen Honig drüber und aß es langsam auf. Der Heißhunger der mich überfiel war weg. Aus dem Honig wurde kein Zucker mangels Hitze, der Kakao war sowieso ohne Zucker und die Bananen sind gesund. Ich weiß natürlich nicht was Ihr essen könnt und was nicht, aber Schokolade muss nicht immer fest und knackig sein um einen über diesen Heißhunger hinweg zu helfen.

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