Getreide – gesund oder ungesund?

Getreide – gesund oder ungesund?Das Fundament unserer Zivilisation besteht aus Treibsand. Getreide mag dem Menschen als Spezies zum weltweiten Erfolg verholfen haben, doch nun rammt es uns in Zeitlupe einen vergifteten Dolch in den Rücken und bringt uns den Niedergang. So liest sich zumindest das Werbematerial vieler Ernährungsgurus und Mitspieler der Industrie mit dem Stempel: Glutenfrei. Sollte das erste Lebensmittel, das wir kontrolliert anbauen und lagern können und das uns Croissants, Apfeltorte und geschnitten Brot gebracht, wirklich ungesund sein?

Getreide dient der Zivilisation seit über zehntausend Jahren als Treibstoff.1 Für die meisten Menschen sind Brot, Müsli und Getreidebrei als Grundnahrungsmittel fester Teil des Alltags und die folgenden Argumente gegen Getreide klingen unglaublich:

Getreide enthalte Schadstoffe, die den Darm verletzen, uns Nährstoffe rauben und schwere Krankheiten verursachen. Gemeint sind die sogenannten Anti-Nährstoffe Phytinsäure, Lektine und Gluten. Vervollständigen wir das Quartett durch ungünstige Fettsäuren und stellen uns die vier Reiter der Apokalypse vor, dann erreichen wir ungefähr das Bild vom Getreide, das einige Missionare vermitteln möchten. Aber das ist noch nicht alles.

Getreide enthält verhältnismäßig viele Kohlenhydrate und wer davon zu viel isst, wird fett und krank.2 Und wem das nicht genügt, der kann Nachschlag bekommen:

Der Anbau von Getreide zerstört die Umwelt, laugt Böden aus und kostet unzählige Tiere das Leben.

Mir schmeckt eine gute Scheibe handgemachten Sauerteigbrotes trotzdem noch.

Negative Auswirkungen auf die Natur kann schließlich jede Art Ackerbau haben. Zudem kann man Getreide auch so anbauen, dass die Bodenfruchtbakeit erhalten bleibt oder sich gar erhöht. Entsprechende Fruchtfolgen und Methoden ermöglichen den nachhaltigen Anbau und verbessern zudem den Nährstoffgehalt des Erzeugnisses.

Was die Kohlenhydrate angeht: Die stecken auch in Kartoffeln, Hülsenfrüchten, Möhren und Beeren. Auch die machen fett und krank, wenn man zu viel isst.3 Das passiert meistens, wenn man zu viel von etwas isst.

Es bleiben die Anti-Nährstoffe. Auch ihr Belagerungsturm gegen die Gesundheit wankt, wenn wir ihn mit der Lupe untersuchen:

Phytinsäure beschießt unsere Gesundheit nicht nur mit Pfeilen: Sie ist kein reiner Schadstoff, sondern bietet auch Vorteile.4 Zudem kann man sie mit einfachen Mitteln entschärfen.

Für Lektine gilt das gleiche: Sie haben auch nützliche Wirkungen; sie stecken ohnehin in viel mehr Lebensmitteln als nur Getreide; und auch bei den Lanzen der Lektine kann man die Spitzen recht einfach abbrechen.5

Selbst Gluten ist keine scharfe Handgranate: Verantwortlich für gesundheitliche Probleme ist zudem nicht Gluten selbst, sondern bestimmte Folgen von Aminosäuren, also ganz besondere Bestandteile einiger Glutensorten.6 Ob ein Mensch mit Glutenunverträglichkeit oder Zöliakie auf Gluten mit Beschwerden reagiert, hängt demnach ab von der Art und Sorte des Getreides. Das erklärt, warum viele betroffene Patienten zwar modernen Weizen nicht vertragen, jedoch teils die ebenfalls glutenhaltigen Kamut oder Dinkel ohne Beschwerden genießen können. Wer sein Getreide einweicht oder fermentiert, kann die mögliche Sprengkraft des Glutens ebenfalls abfangen. Letztlich kann auch der Zustand der Darmflora7 darüber entscheiden, ob Gluten im Darm eine feindliche Invasion oder ein harmloser Besucher ist.8

Getreide ist zum Leben nicht notwendig. Angesichts der Risiken könnte man Argumentieren, ein Jeder würde besser darauf verzichten.

Getreide steht zugleich im Zentrum unserer Esskultur, unserer Traditionen und damit unserer Identitäten. Brot und Gebäck sind auf der ganzen Welt Kulturerbe und häufig Lebensretter.

Zahlreiche andere Lebensmittel schaden uns, wenn wir zu viel davon essen oder sie nicht sorgfältig zubereiten: Spinat und Rhabarber vergällen uns die Freude durch Oxalsäure, Nüsse erhöhen das Oxidationspotenzial und Fleisch kann tödliche Keime beherbergen. Es gibt kein perfektes Lebensmittel und Essen ist immer eine schmutzige Angelegenheit. Getreide als Besonderheit herauszuheben aus der trüben Suppe unserer Lebensmittel, wirkt willkürlich.

Was also tun? Einfach weiter jeden Morgen das Brot aus dem Supermarkt futtern? Oder ganz auf Getreide verzichten? Die Antwort ist einfach: Wer sich gesund ernähren möchte, muss sorgfältig einkaufen, kochen und essen.

Damit kann ich gut leben:

Wer das billigste Mehl oder Fertigbrot kauft und kiloweise isst, lebt entsprechend.

Einfach kochen Einfach essen

Siehe auch:

Herzlicher Dank gilt Yvonne Benck, Jonas Burri, Daggggi, Judith Henzler, Jan-Marten Kolle, Konstantin Niese, Kolinger Jessica, Marius Schütte und allen anderen Stiftern dieses Beitrags mittels Patreon, PayPal und Überweisung.

Fußnoten

  1. Olschewski, Felix (2016) Polenta, Porridge & Pap – der Brei des Lebens. Urgeschmack.
  2. Olschewski, Felix (2018) Zucker tötet – und rettet Leben. Urgeschmack.
  3. ebd.
  4. Olschewski, Felix (2012) Was ist Phytinsäure? Urgeschmack.
  5. Olschewski, Felix (2017) Getreide und Hülsenfrüchte optimal einweichen. Urgeschmack.
  6. Siehe dazu auch Olschewski, Felix (2016) Ist Hafer glutenfrei? Urgeschmack.
  7. Olschewski, Felix (2015) Der beste Freund des Menschen: Die Darmflora. Urgeschmack.
  8. Olschewski, Felix (2014) Ist Getreide wirklich ungesund? Urgeschmack.
  9. Siehe dazu: Olschewski, Felix (2017) Getreide und Hülsenfrüchte optimal einweichen. Urgeschmack.

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4 Kommentare zu “Getreide – gesund oder ungesund?

  1. Helmut Kupilas

    Schön, dass du eine Lanze für gutes Brot brichst, denn es gibt noch Bäcker die ihrem Brot die nötige Reifezeit geben.

    Ansonsten kann man wohl mit Paracelsus sagen: …“allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift sei“

  2. Daniele

    Huch, so fern von Paleo? Da habe ich noch deinen alten Beitrag im Kopf über Getreide,der etwas kritischer daherkam.
    Finde es gut das du es im Kontext siehst und im Gluten nicht den Teufel persönlich. Getreide ist und bleibt ein zweischneidiges Schwert doch mit etwas Verstand kann man es in seinen Alltag einsetzen, sofern du es willst.
    Ich persönlich liebe eine gute Scheibe Brot mit Butter und Marmelade und seit ich keine Bilder in meinem Kopf von perforierten Darmwänden habe, esse ich es mit viel mehr Wohlwollen.

    1. Felix

      Hallo Daniele,
      über Getreide habe ich eine Handvoll Artikel geschrieben und schon die früheren haben vielen Paleo-Hardlinern nicht gepasst – aber ich schreibe ja auch nicht für irgendwelche Ideologen.

  3. maria

    DANKE und mit einem guten Mehl
    backt auch jeder Mensch ein gutes Brot,
    wenn dann noch Zeit und Liebe dabei sind,
    also die Stufen- und Ruhezeiten eingehalten werden,
    dann nährt das Brot beim gemeinsamen Frühstück nicht nur den Bauch,
    sondern auch die Gemeinschaft.
    Buchtipp:

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