Food Porn: Angucken macht dick

Törtchen als Food PornSchokoladensoße rinnt lasziv am warmen Kuchen herab; dicke Käsefäden dehnen sich über den goldbraunen Pizzateig; hypnotisierend wechseln sich die Schichten der Schwarzwälder Kirschtorte ab: Food Porn nennt man solche Bilder; auf Deutsch: Essenspornografie. Lust auf Essen sollen sie machen. Millionen Internetnutzer stellen Ihre Food Pornos täglich ins Internet; hunderte Millionen ergötzen sich daran in sozialen Netzwerken an und machen sich Lust. Ist das Obszön? Oder gar schädlich? Vom Zuschauen wird doch niemand dick, oder?

Food Pornos anschauen macht hungrig. Wir sagen dann: Da läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Plötzlich scheint ein Loch im Magen. Appetit bekommen dann auch jene, die gerade erst gegessen haben.1 Wer sich Bilder von köstlichem Essen anschaut, verändert seine Wahrnehmung von Hunger und Appetit. Durch das gestörte Hungergefühl fördert Food Porn ungesundes Essen. Der Inhalt der Bilder verschlimmert das: Abgebildet sind meist hochkalorische Speisen und große Portionen. Gerade in den Massenmedien vermitteln sie eine Norm und verändern so das Essverhalten.2 Eine Bestätigung bietet die Statistik: Je mehr man sich Fotos von aufreizend gestaltetem Essen anschaut, desto höher ist tendenziell das Körpergewicht.3

Sehen wir einen Essensporno, ein Bild einer äußerst ansprechenden Speise, können unsere Gehirne nicht anders, als sich das Essen dieser Nahrung vorzustellen: Es scheint, das Gehirn könne das Foto nicht von einer echten Mahlzeit unterscheiden. Im Kopf ist das Essen echt und das gilt auch für die Versuchung, der wir dann widerstehen wollen oder müssen. Schaut man das Foto einer delikaten Torte an, kostet das ebenso Kraft wie das Widerstehen der realen, greifbaren Versuchung. Später fehlt diese Kraft und es folgt: Wer viel Food Porn schaut, wählt anschließend eher ungesunde Lebensmittel.4

Das ist ganz natürlich. Unsere normale Gehirnfunktion, geschärft durch Millionen Jahre der Evolution, wird uns in der Moderne zum Verhängnis. Die Lebensmittelindustrie nutzt das und versenkt unser Schlauchboot des gesunden Essverhaltens durch Dauerbeschuss mit Bildern.

Sie nutzt ihre Erkenntnisse über Form und Farbe der Teller, Verpackungsgröße, Beleuchtung, soziale Umgebung, Gewichte und Geräusche: All das steuert unseren Verzehr von Lebensmitteln erheblich stärker, als vielen Menschen bewusst ist.5 Wenn man das weiß, kann man sich wappnen.

Forscher wissen, welche Bilder die dicksten Löcher in unser Boot reißen und uns in den Ozean der Versuchung stürzen: Lebensmittel in Bewegung wecken mehr Gelüste. Das gilt sogar für Fotos, wenn sie die Bewegung nur andeuten: Ein Bild von Orangensaft während des Eingießens wirkt attraktiver als ein einfaches Foto eines Glases Saft.6

Ein noch größeres Kaliber ist Protein in Bewegung, also Fleisch und Fisch, herausquellendes Eigelb oder triefender Käse: Genau solch einen energetischen Lebensmittelreiz Aufspüren und Verfolgen hat unser Gehirn durch die Evolution gelernt. Bilder von energiereicher Nahrung ziehen unsere Blicke auf sich, wie alles in Bewegung. Wirksames Beispiel ist der Schokoladen-Lavakuchen, dessen warme Füllung aus flüssiger Schokolade sich beim Anschneiden über den Teller ergießt.

Allerdings schaden optisch ansprechende Mahlzeiten dem Essverhalten nicht grundsätzlich. Im Gegenteil: Gefällt das Essen dem Auge, schmeckt es nachweislich besser.7 Und wenn es besser schmeckt, ist die Befriedigung höher, man isst weniger und gesünder.8

Jedoch das Anschauen der Fotos, das kann uns in den Strom der Versuchung reißen. Die Werbung wird weiter mit Bildern appetitlicher Lebensmittel locken. Am besten wehrt man sich dagegen durch Bewusstsein: Ja, diese Bilder manipulieren unser Hungergefühl; sie verleiten uns zum Überfressen; sie nutzen uns aus und machen krank.

Verdeutlicht man sich diese Gefahren, kann man die Wirkungen der Lebensmittelpornos an sich selbst wahrnehmen lernen. Diese Achtsamkeit führt zu Selbsterkenntnis und -verständins: Damit kann man der Versuchung an der italienischen Backwarenauslage leichter widerstehen und das Bild vom sahnigen Käsekuchen entlarven. Eine Art Bild, die übrigens schon Arthur Schopenhauer vor 200 Jahren als verwerflich beklagte, weil solche Bilder »nothwendig den Appetit darauf erregen, welches eben eine Aufregung des Willens ist, die jeder ästhetischen Kontemplation des Gegenstandes ein Ende macht.«9

Trotzdem kostet der Widerstand mentale Kraft. Die beste Lösung ist: Keine Pornos mehr gucken, sondern es selbst schön machen. Magazine, Fernseher, Smartphones, Tablets, Plakatwände: Das sind die Geschütze der Lebensmittelindustrie. Man kann sein Boot des gesunden Essverhaltens mit Stahlplatten und Kevlar verstärken, einen stärkeren Motor einbauen und zwischen dem Beschuss hindurch manövrieren. Oder man bleibt ihm einfach fern. Weg mit der Zeitung; weg mit dem Smartphone; raus aus dem Internet; weg vom Fernseher: Das ist die einfachste Lösung.

Keine Lebensmittelpornos mehr gucken, sondern das eigene Essen schön und dadurch befriedigender gestalten. Nicht ins Bordell des Essens schleichen. Das ist ein Teil gepflegter Esskultur.

Fußnoten

  1. Spence, Charles (2017) Gastrophysics – The new science of eating.
  2. ebd.
  3. Food-Porn-Schauen korreliert mit hohem BMI; siehe auch Spence, Charles (2017) Gastrophysics – The new science of eating.
  4. ebd.
  5. Wansink, B (2004) Environmental factors that increase the food intake and consumption volume of unknowing consumers. Annu Rev Nutr. 2004;24:45579.
  6. Gvili, Yaniv (2015) Fresh from the Tree: Implied Motion Improves Food Evaluation. Food Quality and Preference, Volume 46, December 2015, Pages 160165.
  7. Siehe auch: Olschewski, Felix (2016) Schön essen: Wie Dekoration den Geschmack verändert. Urgeschmack.
  8. Siehe auch: Olschewski, Felix (2015) Lecker ist gesund: Aroma ist lebenswichtig. Urgeschmack.
  9. Schopenhauer, Arthur (1819) Die Welt als Wille und Vorstellung.
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14 Kommentare zu “Food Porn: Angucken macht dick

  1. Helmut.w.k

    Hallo Felix,
    Deine Informationen zur Esskultur finde ich sehr gut! Das gehört ja schon in den Bereich
    Gastrosophie. Viel Erfolg mit deiner Aufklärungsarbeit!

  2. Sandra

    Lieber Felix

    Das glaube ich auch und das stimmt ganz sicher. Ich habe dies bei mir auch bemerkt. Ich backe und koche sehr gerne und schaue mir sehr viele Rezepte an im Internet, in den Kochbüchern und auch auf Instagram gibt es so viele tolle Fotos und Rezepte von Foodbloggern. Allerdings schaue ich mir (gesunde und vegetarische, meistens vegane Bilder an). Und das lockt tatsächlich das man dann mehr isst oder Lust auf Essen bekommt und nochmals etwas ausprobieren möchte und Hunger bekommt, obwohl man gar nicht hungrig ist. Das muss ich bei mir selbst echt reduzieren und mal für eine Zeit lang weg lassen….

    Lieber Felix, was hältst Du von den so genannten Food-Bloggern?

    Vielen Dank und lieber Gruss
    Sandra

    1. Felix

      Danke Sandra. Zu deiner Frage: Ich mag nichts pauschal zu einer Gruppe sagen. Die meisten solchen Blogs sprechen mich nicht an und selten finde ich originelle Beiträge. Meist scheinen es eher Tagebücher zu sein, die einen Selbstdarstellungstrieb befriedigen.

  3. Michaela

    Vielen Dank, Felix, dass du diese Fakten dargestellt hast, mir waren sie bisher gar nicht bewusst. Gut, dass ich keinen Fernseher habe und das Smartphone nur für wenige Dinge nutze.
    Was ich jedoch häufig mache, ist in Kochbüchern nachsehen, wie ich Rezepte auf meinen Bedarf umwandeln kann (getreide- und zuckerfrei). Da ich auch recht alte Kochbücher habe, fällt mir auf, wie sehr sich die Abbildungen gewandelt haben. Ja, ich habe mehrere Kochbücher, da sind überhaupt keine Bilder drin, heutzutage undenkbar.

    Was ich jedoch oft bei aktuellen Rezepten vermisse, sei es in Zeitschriften oder im Internet, ist die Abbildung der geeigneten Portionsgröße. Klar: je nach Grundumsatz und Nährstoffdichte ist diese größer oder weniger groß, mein Eindruck ist jedoch, die Abbildungen zeigen oft gigantische Portionen. Oder ich habe das Gefühl: davon kann man nicht satt werden. Diese Beobachtung überschneidet sich mit Renates Beitrag von der Schwierigkeit, die richtige Essensmenge pro Mahlzeit zu ermitteln. Mir gelingt das auch nicht immer, und so greife ich zu intermittierendem Fasten, indem ich erst dann wieder etwas esse, wenn ich Hunger habe. Das kann nach einer großen schmackhaften Portion schon einmal nach 18 – 24 Stunden sein.
    Vor Zeiten habe ich einmal einen Beitrag gesehen/gelesen (leider vergessen wo), bei dem gezeigt wurde, dass auch Nahrungsmittel, die man in der Vorstellung gegessen hat, eine Sättigung hervorrufen. Als Beispiel wurde eine Tafel Schokolade in Gedanken so verzehrt, wie man eine echte essen würde. Angeblich stellt sich danach eine Befriedigung ein, wie nach einer realen Tafel.
    Spannende Vorstellung: man verzehrt in Gedanken ein Fünf-Gänge-Menü in Echtzeit, mit filmischer oder bildlicher Unterstützung und danach nimmt man ein kleines Salätchen zu sich *lach*
    Das ist dann echte Perversion.

    1. Felix

      Hallo Michaela,
      “Vor Zeiten habe ich einmal einen Beitrag gesehen/gelesen (leider vergessen wo), bei dem gezeigt wurde, dass auch Nahrungsmittel, die man in der Vorstellung gegessen hat, eine Sättigung hervorrufen. Als Beispiel wurde eine Tafel Schokolade in Gedanken so verzehrt, wie man eine echte essen würde. Angeblich stellt sich danach eine Befriedigung ein, wie nach einer realen Tafel.
      Spannende Vorstellung: man verzehrt in Gedanken ein Fünf-Gänge-Menü in Echtzeit, mit filmischer oder bildlicher Unterstützung und danach nimmt man ein kleines Salätchen zu sich *lach*”

      So ungefähr stimmt das tatsächlich. Siehe auch Morewedge Ck, Et Al.. (2010) Thought for food: imagined consumption reduces actual consumption. Science. 2010 Dec 10;330(6010):1530-3.

  4. Birgit

    Hallo Felix,
    ich konnte beim Lesen deines Artikels auch gleich feststellen, das nicht nur ansprechende Bilder von (ungesunden) Lebensmitteln Appetit machen 😉 Den Schokokuchen hätte ich auch gleich nach dem Lesen darüber essen können…
    Das Werbung darauf abzielt, das wir (die Verbrauchen) etwas unbedingt haben wollen, ist ja nichts neues. Das funktioniert bei der Autowerbung genauso, wie bei Lebensmitteln.
    Hier hilft (fast) nur Aufklärung und Bewusstsein beim Verbraucher. Wo, meiner Meinung nach, der “Staat” viel mehr tun müsste, ist bei Kindern. Bei z.B. Kinder-TV kommt nur McDonalds-, Schokoladen- und Gummizeug-Werbung. Kein Wunder, das die Kleinen nicht genug davon bekommen können. Das müsste, ähnlich wie das Werbeverbot für Zigaretten und Alkohol zu bestimmten Uhrzeiten im TV, gesetzlich geregelt werden. Hier sei natürlich auch noch anzumerken, das die Eltern sich damit nicht vollständig aus der Verantwortung ziehen können, was die “Berieselung” des Nachwuchses angeht.
    Warum nicht gesundes “Food Porn”? Also leckere, frische Salate usw. Auch gesundes Essen kann man äußerst appetitlich “präsentieren” (hattest du in deinem Artikel ja auch angesprochen).
    An dieser Stelle vielleicht für Dich noch ein weiteres Thema, welches Du mal beleuchten könntest: Smoothie Bowls und Buddah Bowls
    Ich persönlich liebe die bunten Smoothie Bowls am Wochenende zum Frühstück. Da lasse ich mir richtig viel Zeit bei der Zubereitung und Dekoration. Natürlich esse ich dann auch mit ordentlich Genuss!
    Gruß,
    Birgit

    1. Felix

      Danke Birgit,
      im Beitrag ging es mir gar nicht allein um ungesundes Essen. Auch ansprechende Fotos von gesundem Essen machen Appetit und stören das Hungergefühl.
      Was die Smoothie Bowls oder Buddha Bowls angeht: Bei mir heißen die weiterhin Püree, Suppe oder Salat. Beides schmeckt mir.

  5. Renate

    Hallo Felix,
    “Und wenn es besser schmeckt, ist die Befriedigung höher, man isst weniger und gesünder.” Das mit dem “weniger” kann ich nun nicht bestätigen. Leider esse ich mehr (und oft auch zuviel), wenn das Essen hochwertig und lecker ist. Zuviel ist, wenn der Magen überlastet wird. Wie kann man das verhindern? Langsamer oder mit mehr Konzentration essen funktioniert bei mir auch nicht. Und ich habe nicht die Zeit, nur eine kleine Portion zu kochen – das soll schon mehrere Male reichen. Das tut es dann manchmal nicht. Sich zwingen, nur genau die eine kleine Menge zu essen ist sicher auch nicht gesund.

    1. Birgit

      Hallo Renate,
      das klingt nervig. Der Magen ist ja auch äußerst dehnbar und bei dir scheint er es gerne zu tun und sich nicht schnell wieder zurückzubilden. Ich bin keine Ärztin, kann also nur “harmlose” Methoden vorschlagen:
      1. Trinke vor dem Essen erstmal ein Glas leicht warmes (stilles) Wasser. Das füllt schon mal den Magen.
      2. Wenn es dein Alltag zulässt, versuche mal 5 kleinere Mahlzeiten, anstatt 3 große zu dir zu nehmen.
      3. Vielleicht solltest du tatsächlich mal einen Arzt aufsuchen. Ständiger Hunger kann ja auch ein Anzeichen für eine Erkrankung sein (z.B. einen Mineral-/Nährstoffmangel, Diabetes etc.).
      Gruß,
      Birgit

    2. Birgit

      Liebe Renate,
      vielleicht hilft es, mehrere Portionen zu kochen, die Menge, die aufgehoben werden soll, gleich bestimmungsgemäß zu verpacken und wegzuräumen. Die zu essende Menge hübsch anrichten und genießen.

    3. Felix

      Hallo Renate,
      für mich war das ein langsamer, jedoch nicht kriechender Lernprozess: Wenn ich dies tu, geht es mir hinterher schlecht. Also sollte ich es ändern. Ich habe das analytisch gemacht und letztlich die Lebensmittel oder Zubereitung vorher abgewogen. Das ist eigentlich ganz einfach. Dann ist hilfreich, wenn der Nachschlag nicht auf dem Tisch vor mir steht, sondern drei, vier Meter weiter in der Küche.
      “Sich zwingen” ist negativ formuliert. Ersetze es durch “lernen”. Das müssen wir alle ständig. Lernen, lernen, lernen. Und manchmal fällt man hin und dann steht man wieder auf und versucht es erneut. Das halte ich für den langfristig wirksamsten Weg.
      Und dabei wünsche ich dir alles Gute. Ich bin sicher: Du bekommst das hin.

  6. Nini

    Ja, das glaube ich sofort, lieber Felix!
    Schön und DANKE!, dass du uns das nochmal so deutlich machst… und ich werde mich wohl jetzt mal auf die Suche nach einem bewegten Bio-Möhrchen machen und das in meiner Küche plakatieren… 🙂
    Herzlichst
    Nini

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