Abfall, Essen und Verschwendung

Abfall, Essen und VerschwendungRund ein Drittel aller Lebensmittel landet weltweit im Abfall und verursacht große wirtschaftliche Verluste, Treibhausgase und Umweltprobleme. Angesichts 870 Millionen hungerleidender Menschen (UN-Angaben) scheint die Lösung einfach: Wir müssten nur einen besseren Weg zur Verteilung finden und könnten so mehrere Probleme zugleich lösen. Warum haben wir diese Herausforderung noch nicht gemeistert?

Landwirte und Fischer, Industrie und Händler, Verbraucher und Politiker schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Angesichts der Zahlen wird allerdings schnell offensichtlich, dass jeder von einer Lösung profitieren könnte. Viel wichtiger: Jeder einzelne, egal ob Verbraucher, Erzeuger oder Verwalter, kann tatsächlich etwas verändern und somit profitieren und zugleich anderen helfen.

Ein kurzer Blick auf die Probleme vermittelt ein Gefühl für die Tragweite.

Die Probleme der Lebensmittelverschwendung

Die 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittelverschwendung führen weltweit jährlich zu wirtschaftlichen Verlusten von 750 Milliarden Dollar. Das zur Produktion benötigte Wasser entspricht dem, was jährlich Russlands Volga herunterfließt – für wen das noch immer unfassbar ist: Es ist wirklich sehr, sehr viel. 3,3 Milliarden Tonnen Treibhausgase gehen auf das Konto dieser Lebensmittel und 1,4 Milliarden Hektar Land belegt die Produktion, das sind rund 28% der weltweit landwirtschaftlich genutzten Fläche.

Die genannten wirtschaftlichen Kosten beschränken sich auf die Produzenten. Nicht einbezogen sind Verluste in Handel und Privathaushalt. Diese dürften durch das Voranschreiten in der Wertschöpfungskette weitaus höher liegen.

Jede einzelne dieser Zahlen scheint ausreichend attraktiv, das Problem sofort anzugehen. Geld, Wasser, Treibhausgase, Landbedarf – und vor alledem der Hunger. Tatsächlich könnten wir derzeit nicht nur sieben, sondern notfalls auch acht oder neun Milliarden Menschen ernähren.

Die Probleme gehen uns alle an. Und wir alle können die Lösung angehen, unabhängig von der Teilnahme anderer. Ganz im Sinne eines selbstbestimmten, eigenverantwortlichen Lebens.

Die Schuldigen

Ein in 2015 verabschiedetes Gesetz in Frankreich verbietet es dem Handel, Lebensmittel wegzuwerfen, etwa wenn das Verfallsdatum abläuft. Stattdessen müssen die Betreiber Verträge mit Hilfsorganisationen abschließen, denen sie dieses Essen überlassen. Wo zuvor Müllcontainer eingezäunt und abgeschlossen wurden, dürfte sich das Bild nun also im Sinne einer Lösung verschönern.

Das Containern ist eine auch in Deutschland verbreitete Beschäftigung, bei dem sich Menschen im Schutz der Dunkelheit in Müllcontainern der Supermärkte bedienen und teils ganze Festmahle zusammenstellen. Dies beschränkt sich bei Weitem nicht auf die ärmsten Menschen, auch Idealismus ist eine Motivation zu dieser meist illegalen Tätigkeit. Der Schuldige scheint in diesem Fall der Supermarkt zu sein und die Freude über das französische Gesetz ist entsprechend groß.

Im Handel finden allerdings nur 5% der Gesamtverschwendung statt. Weitaus größer ist der Anteil in Privathaushalten (42%) und der herstellenden Industrie (39%).

Der politische Wandel ist dennoch nützlich als Zeichen. Jeder kleine Schritt kann mehr Bewusstsein für den Wert der Lebensmittel schaffen und so Lösungswege verbreitern.

Entsprechend möchten Politiker dieses Gesetz nun weltweit umsetzen. Bei 89 Millionen Tonnen Lebensmittelverlusten allein in der EU sicherlich lohnenswert, auch wenn lediglich ein Zwanzigstel davon auf den Handel entfällt.

Die Zahlen zeigen soweit nicht, für welche Verschwendung der Handel direkt mitverantwortlich ist: Rund 30% des in Europa erzeugten Obsts und Gemüses erreicht den Handel gar nicht erst, in der Regel aus kosmetischen Gründen: Zu groß, zu klein, zu krumm, zu schrumplig – was dem Schönheitsideal nicht entspricht, bleibt beim Erzeuger und oft direkt auf dessen Feld. In Worten: Ein Drittel unserer Felder bewirten wir, um die Produkte hinterher liegenzulassen.

Grund und Inspiration genug für den Lösungsansatz der portugiesischen Organisation Fruta Feia (Hässliche Frucht). Das 2013 gestartete Projekt unter dem Motto Schöne Menschen essen hässliche Früchte breitet sich rasant von Lissabon aus und sammelt zurückgewiesene Erzeugnisse von Landwirten ein. Diese stellt Fruta Feia zu Obst- und Gemüsekisten zusammen, welche sie günstig an Verbraucher verkauft (7€ für 6-8kg). In der Kooperation gewinnen beide: Erzeuger werden ihre Ware los und Verbraucher können günstig einkaufen. Das Nachsehen hat der Handel, der die Ware zuvor abgelehnt hat.

Es gibt also funktionierende Modelle, durch die sich zwei wesentliche Ursachen der Lebensmittelverschwendung umgehen ließen. Die größte Schwachstelle bleibt der Endverbraucher. Bei all dem Gejammere über die wirtschaftliche Situation scheint unfassbar, warum Privathaushalte so viele gekaufte Lebensmittel einfach wegwerfen. Denn auch wenn die Deutschen im europäischen wie weltweiten Vergleich mit am wenigsten Geld für Lebensmittel ausgeben: Das Einsparpotenzial ist enorm.

Warum werfen wir wertvolle Lebensmittel weg?

Ursachen für die Verschwendung beim Endverbraucher sind divers, lassen sich letztlich jedoch durch mangelnde Wertschätzung zusammenfassen: Es landen mehr verderbliche Waren im Einkaufswagen als der Haushalt verbraucht, Lebensmittel verlieren sich in den Tiefen des Kühlschranks und der Koch bereitet zu viel zu. Wenn es Reste vom Vortag heißt, mögen viele es nicht essen und die Abwechslung soll möglichst groß sein. Warum auch nicht, wenn alles so billig ist? Was stören die paar Cent Marmelade und Schinken, Eier und Fleisch im Mülleimer?

Wenn das Essen kostengünstig und anonym aus der Fabrik kommt, keine individuelle Geschichte, keine Tradition, kulturell praktisch keinen Wert hat, kann besonders in einer Überflussgesellschaft kaum Wertschätzung entstehen. Wer hingegen ein engeres Verhältnis zu seinen Lebensmitteln hat, den Erzeuger kennt und dessen Arbeitseinsatz, wer wochenlang nach dem besten Gemüsegärtner gesucht hat, ist neben dem Geld auch zeitlich und persönlich investiert. So jemand geht meist sorgfältiger mit seinen Lebensmitteln um, teilt sie sich ein und versucht, jedes Gramm optimal zu verwerten. Das ist Teil der Esskultur.

Abfall essen

Der Arme Ritter (auch bekannt als French Toast oder Pain Perdu) war ehemals ein Arme-Leute-Essen aus trockenem Brot. Heute ist dieses Rezept die Grundlage einer Delikatesse. Die reichhaltige Küche der italienischen Regionen besonders im Süden ist heute weltbekannt und beliebt, dabei basiert auch sie häufig auf Sparsamkeit und Einfallsreichtum, um aus wenig Lebensmittel viel zu machen. Das Land hütet diesen kulturellen Schatz bis heute und noch immer geben Mütter und Großmütter ihre Erfahrungen und Fähigkeiten an die Kinder weiter: Wer kochen kann, wirft oft weniger weg. Sein kulinarisches Vokabular ist größer.

Ist dampfgegarter Brokkoli von vorgestern übrig? Warum ihn nicht einfach in eine Auflaufform geben, etwas Béchamelsoße köcheln, darüber gießen und kurz backen? Kochen ist einfach. Jeder kann es lernen.

Die Verschwendung des Abfalls

Wie der nächste Schritt aussehen kann, zeigen diverse Projekte mit dem Ziel, Abfall neu zu definieren. Schalen, Kaffeesatz, Abschnitte – was in heimischen Durchschnittsküchen oft als wirklich unbrauchbar gilt, verwandelt sich mit der entsprechenden Herangehensweise in eine Delikatesse.

Arielle Johnson vom Nordic Food Lab, welches auch so originelle Speisen wie Mottenmousse oder Ameisenwürze entwickelt, spricht in einem zwanzigminütigen Beitrag über ihre Fermentationsexperimente mit Lebensmittelresten wie Schalen und Abschnitten. »Fermentation war ein Teil der menschlichen Ernährungsgeschichte seit wir Obst essen,« meint sie, »durch sie entstehen komplexe neue Aromen und Zutaten, die wir andernfalls übersehen und als Abfall betrachten würden.« Neben Sauerkraut und Kimchi hat uns dieser Prozess auch Schokolade und Wein geschenkt. Zweifelsohne besteht Potenzial, möglicherweise aus Kartoffelschalen oder Brokkolirinde eine Delikatesse zu zaubern. Küchenabfälle, welche als Viehfutter aufgrund desaströser Gesetzgebung verboten sind, könnten wenigstens auf diesem Wege doch noch Menschen ernähren.

In andere Ansätzen liegt das Augenmerk auf Kaffeesatz. Kaffee steht auf Platz Zwei der weltweit am meisten gehandelten Güter, übertroffen nur von Erdöl. Nur weniger als 1% der Bohne landet in der Tasse, entsprechend groß sind die täglich anfallenden Mengen Kaffeesatz und auch hier kann die Lösung im Kleinen anfangen, wie Matt Orlando präsentiert. Neben der Verwendung als Wurmfutter mit anderen Küchenabfällen im Kompostsystem seines Restaurants, verwenden die Köche dort Kaffeesatz als Zutat und Gewürz. Rote Beete mit Kaffeesatz in Alufolie gebacken ist ein entsprechendes Rezept.

Einen großen Schritt weiter geht Chido Govera: Als Kind stand sie vor der Wahl, einen reichen Mann zu heiraten, um keinen Hunger mehr leiden zu müssen. Sie entschied sich dagegen und lernte durch eine Reihe glücklicher Ereignisse, Pilze zu züchten. Auf diesem Weg konnte sie sich selbst versorgen und gründete in Südafrika eine Organisation, die heute vielen Menschen auf dem gleichen Weg Unabhängigkeit bietet. Als Substrat für die Pilze dient Kaffeesatz, welcher so statt zur Vergrößerung von Müllbergen der Ernährung von Menschen dient.

All diese Ansätze können die Problematik nicht schlagartig und weltweit beheben. Denn das Problem mag global sein, findet jedoch regional statt und deswegen sind gerade diese kleinen Lösungen ein nachhaltiger Weg in die Zukunft. Egal wie gering die jeweilige Wirkung sein mag: Allen Vorgehensweisen ist gemein, dass sie Bewusstsein schaffen für Art und Umfang des Problems und zugleich mögliche Auswege präsentieren. So ist die Herausforderung für jeden Verbraucher fassbar und verliert ihre Bedrohlichkeit.

»Iss deinen Teller leer, in der Dritten Welt verhungern Kinder!«

Je effizienter wir Lebensmittel verwerten, desto geringer ist anteilig unser Ressourcenverbrauch. Entsprechend sinkt die von uns benötigte landwirtschaftliche Fläche. Wir sind dann nicht mehr oder zumindest weniger darauf angewiesen, Land in Entwicklungsländern zu kaufen, um dort Lebensmittel für unseren Bedarf anzubauen. Dieses Landgrabbing führt in fernen Ländern zu Landmangel, welcher dort wiederum häufig Versorgungsprobleme der lokalen Bevölkerung verursacht. Und auf genau diesem Weg könnte jedes weggeworfene Stück Essen eben doch Hunger an einem anderen Ort verursachen.

Geld sparen ist einfach

Was kann der Endverbraucher also tun, um weniger Lebensmittel zu verschwenden und Geld zu sparen? Es kostet nur ein wenig Hirnschmalz:

  • Überlegen, was wirklich benötigt wird, sich vor dem Einkaufen eine Liste machen, ein wenig Planen und auch mal auf exzessive Vielfalt verzichten.
  • Den Kühlschrankinhalt im Auge behalten und bei Ideenmangel ein gutes Kochbuch besorgen, das für jede Zutat ein passendes Rezept bietet*.
  • Hochwertige Lebensmittel kaufen, vielleicht etwas mehr bezahlen, den Erzeuger oder wenigstens die Erzeugung kennenlernen und so Wertschätzung entwickeln.

Die Ursachen des Hungers und der Verschwendung auf der Welt sind divers und äußerst komplex, sie lassen sich nur interdisziplinär erfassen. Doch auch ohne den vollen Überblick über politische, geographische und logistische Ursachen können wir alle zum allgemeinen und eigenen Nutzen an der Lösung arbeiten.

* Empfehlen möchte ich speziell hierzu den Silberlöffel, übersetzt aus dem italienischen (“Il Cucchiaio d’argento”), welcher neben einem vollen Überblick über die gesamte italienische Küche unzählige Rezepte bietet und im Index auch nach Zutaten sortiert ist. Wer eine Verwendung etwa für langsam vertrocknenden Zucchini sucht, findet innerhalb kürzester Zeit vier bis fünf einfache und bestens erprobte Rezepte dazu. Keine Bange: Pasta und Pizza stellen nur einen Bruchteil der über 2000 Rezepte.

Weiterführende Informationen:

Ist Meditation ein essenzieller Nährstoff?

Dies ist ein Gastbeitrag von Sascha Fast. Sascha schreibt unter ME improved regelmäßig über Selbstbestimmung und körperliche und geistige Freiheit. Seine wertvollen Beiträge sind stets fundiert und intensiv recherchiert. Für mich sind sie eine ideale Vertiefung spezifischer Themen, welche sich immer wieder als unbezahlbar und nützlich im Alltag erweisen.

Meditation
Foto: ‘Meditation’ von Rennett Stowe (Lizenz)

Meditation leitet sich vom lateinischen Wort meditatio ab, was so viel wie nachdenken heißt. Auf Wikipedia heißt es weiter, dass es eine spirituelle Praxis vieler Religionen und Kulturen sei.

Wissen Sie, was bei Spezialeinheiten, insbesondere Scharfschützen, gelehrt wird? Das Gleiche, was auch Spitzensportler lernen müssen: Meditation.

Würden Sie beten, obwohl Sie weder christlich, muslimisch oder irgendeinem anderen Glauben anhängen? Ich denke, dass Sie das nicht tun würden. Doch auch genau das finden wir im Spitzensport und nennt sich positive intrapersonelle Kommunikation. Es geht darum, sich ausdrückliche, positive Botschaften zu senden: “Du schaffst es!” anstelle von “Oh, Gott. Das wird schwer.”

Meditation und ähnliche Praktiken werden bereits dort eingesetzt, wo eine hohe geistige Klarheit und eine stabile Psyche sehr wichtig sind. Mich wundert es, dass so wenig Menschen sich diese bewährte und sogar wissenschaftlich gut erforschte Praktik zu eigen machen.

Was ist ein essenzieller Nährstoff?

Ein essenzieller Nährstoff ist ein Stoff, den der Körper nicht selbst aus anderen Stoffen herstellen kann, aber auf ihn angewiesen ist. Meditation ist offenbar nicht überlebensnotwendig und auch kein Nährstoff im eigentlichen Sinne. Schließlich ist Meditation nicht einmal ein Stoff.

Doch ich glaube nicht, dass wir diese Frage bereits an dieser Stelle verneinen können. Die Frage, wie wichtig Meditation ist, funktioniert in etwa so ähnlich wie die Frage, ob Liebe essenziell ist.

Liebe ist kein Stoff und auch ohne Liebe kann das Leben weitergehen. Doch die meisten Menschen zögern hier, viele würden die Frage sogar intuitiv bejahen und die wenigsten sagen, dass Liebe lediglich ein “nice to have” ist.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Fragen ist, dass ich bei der Liebe ein Ziel habe. Liebe steht für sich und wir Menschen versuchen, sie durch unser Handeln in unser Leben zu holen.

  • Wir lassen unseren altersschwachen Hund bei uns im Schlafzimmer übernachten, obwohl er unerträglich schnarcht. Aber wir lieben ihn und wollen nicht, dass er sich alleine fühlt.
  • Wir lassen unsere Kinder, Nichten und Neffen auf uns herumturnen, auch wenn wir dabei auch mal einen Tritt abbekommen. Aber wir lieben sie und das ausgelassene Spiel ist uns wichtiger als ein paar blaue Flecken.
  • Wir kochen abends für unseren Partner, auch wenn wir müde sind. Er ist sicherlich auch müde und er ist es uns das Wert.

Die Eingangsfrage “Ist Meditation ein essenzieller Nährstoff” ist genauso falsch gestellt, als würde ich fragen, ob ein schnarchender Hund im Schlafzimmer essenziell ist.

Der essenzielle Stoff ist Achtsamkeit. Wir sind chronisch unterversorgt. Etwas so schwer Greifbares, das ist schwer zu vermitteln und in unserer Hochgeschwindigkeitskultur nur schwer anschlussfähig.

Ein Vitaminmangel ist viel leichter feststellbar und durch unser mechanistisch-westliches Denken viel leichter zu verstehen.

Die Suche nach dem Jetzt

Was suchen wir eigentlich bei der Meditation? Wir suchen den Moment und die Erkenntnis, dass es nichts gibt außer dem Jetzt.

Dies ist ein sehr modernen Phänomen. Einerseits ist die Vorstellung absurd, dass sich der Steinzeitmensch in die Höhle geschneidert hat, um sich erstmal eine Runde auf die Chakren zu konzentrieren. Doch das Leben als Jäger und Sammler verläuft an sich schon ganz anders, als ein Leben in der Moderne.

So haben sie beispielsweise eine deutlich geringere chronische Stressbelastung. Die !kung jagen und sammeln nur 12-19 Stunden pro Woche.1

Sie verbringen viel Zeit in der Natur, nämlich 24h des Tages. Natur befriedigt das Bedürfnis der Menschen nach Spiritualität. So nehmen Menschen mit Zugang zur Natur weniger an traditionell strukturierten religiösen Praktiken teil2 und Waldgeräusche senken den Stress stärker als beruhigende Ambientetöne.3

Die moderne Stressbelastung trägt dazu bei, dass wir körperlich und seelisch krank werden, obwohl wir in einem noch nie da gewesenen Überfluss leben.

Ganz so, wie unsere Verdauung und auch der Körper negativ auf Fastfood, Fertigprodukte und meistens auch Getreide reagieren, reagieren unsere Körper und Seelen negativ auf diesen chronischen Stress.

Bei akutem Stress erhöhen die Stresshormone unsere Wachsamkeit und bereiten unseren Körper auf Anstrengung vor. Deswegen sind wir auch körperlich angespannt, wenn wir in eine hitzige Debatte geraten.

Chronischer Stress überlastet uns jedoch und unser Körper reagiert auf eine für uns unvorteilhafte Weise.

So gibt es eine enge Verbindung zwischen chronischem Stress und

Wenn Sie trotz ausreichend Schlaf und guter Ernährung mit ihrem Lebensgefühl nicht zufrieden sind, sollten Sie sich einen Moment Zeit nehmen und darüber nachsinnen, ob Sie nicht vielleicht zu stark stressbelastet sind.

Woher kommt die chronische Stressbelastung?

Kurzum: Ein Leben in der Moderne bedeutet mit menschheitsgeschichtlich betrachtet hohem Stress umzugehen.

Das führt uns zur Meditation. Wenn sie etwas bietet, dass uns in unserem modernen Leben so dringend fehlt, sollten die Effekte von Meditation vielfältig sein. Und so ist es:

Körperliche Gesundheit durch Meditation

  • Stärkung des Immunsystems.45
  • Verringert das Schmerzempfinden.6
  • Reduziert die Entzündungsreaktion.78910

Psychische Gesundheit durch Meditation

  • Reduziert Symptome von Depression.1112
  • Reduziert die Symptome von Angststörungen.131415
  • Reduziert chronischen Stress.16171819
  • Verbessert die Fähigkeit klar zu denken und Konzentration.2021

Meditation ist die wichtigste Quelle von Ruhe und Achtsamkeit in unserem modernen Leben. Sie ist vielfach erprobt und auch wissenschaftlich gut erforscht. Sie schafft das Gegengewicht zu einer Kultur und Umwelt, die uns auf eine völlig neue Art überlastet, als wir es gewohnt sind.

So, wie wir ohne Liebe überleben aber nicht leben können, können wir ohne Ruhe und Achtsamkeit nur noch funktionieren, während das Leben an uns vorbeizieht und wir von seinem Ende überrascht werden.

Wie funktioniert Meditation?

Die einfachste Form der Meditation ist meiner Meinung nach die Sitzmeditation. Sie ist völlig voraussetzungslos und sehr einfach zu tätigen.

Sie setzen sich bequem aber nicht nachlässig hin. Für mich funktioniert die klassische Position, also mit gekreuzten Beinen und auf Knien gelegten Händen, hervorragend. Es ist aber jede andere Position möglich, in der Sie sich aufrecht und in einer offenen Haltung befinden.

Warum die offene Haltung? Wir wollen auch Stress und Belastung entgegenwirken. Daher sollten wir auch die Körpersprache entsprechend gestalten.22

Wenn Sie ihre Position gefunden haben, schließen Sie die Augen und atmen tief und langsam in den Bauch. Ihre einzige Aufgabe ist es, Ihren Atem zu beobachten.

Bedenken Sie: In der Meditation gibt es keinen Erfolg oder Misserfolg. Innerhalb der Meditation ist das urteilsfreie Praktizieren von Beobachtung die Kernpraxis.23

Wenn Sie sich also dabei erwischen, wie Ihr Verstand anfängt zu wandern, sollten Sie sich deswegen nicht verurteilen, sondern sich wieder auf Ihr Meditationsobjekt konzentrieren. Das wäre in Ihrem Fall Ihr Atem.

Der Akt des Zurückholens ist wichtig für den Effekt der Meditation aus. Nur so üben Sie, Ihre Konzentration zu bündeln.

Wie geht es dann weiter?

Wenn ich sage, dass ich meditiere, meine ich damit nicht, dass ich mich hinsetze und einfach meinen Atem beobachte. Ich meine damit, dass ich eine Meditationspraxis habe.

Zu sagen, dass ich meditiere, ist etwa genauso gehaltvoll zu sagen, dass ich trainiere. Damit ist nur gesagt, dass ich mich um mein körperliches (im Falle des Trainings) oder mein geistiges Wohl (im Falle der Meditation) kümmere – aber nicht wie.

Den Einstieg in die Meditation habe ich ihnen schon genannt. Am Anfang steht die einfache Sitzmeditation.

Eine weitere Übung ist eine einfache Chakrenmeditation. Lassen Sie sich nicht vom Begriff Chakra irritieren. Es geht hier nicht wirklich darum, Chakren zu aktivieren oder ihre tatsächliche Existenz anzuerkennen.

Wir verwenden sie als eine einfache Merkhilfe und eine Vorstellung, die Ihnen helfen wird, bestimmte geistige Aufgaben zu erfüllen.

So geht die Chakrenmeditation:

Sie setzen sich ganz so wie bei der einfachen Sitzmeditation hin und geben sich einige Minuten Zeit, bis Sie in sich ruhen. Dazu konzentrieren Sie sich natürlich ganz einfach auf ihren Atem.

Dann gehen Sie die folgenden Chakren durch:

  1. Konzentrieren Sie sich auf das Wurzelchakra. Das ist der unterste Punkt an ihren Damm. Stellen Sie sich vor, wie Sie in warmem Wasser sitzen und spüren Sie diese Wärme in Ihrem Wurzelchakra. Versuchen Sie, diese Wärme auszudehnen, bis sie ihren ganzen Körper umfasst.
  2. Dann konzentrieren Sie sich auf ihr Sakralchakra. Denken sie an einen Menschen, den Sie begehren und dem Sie körperlich Nahe sein wollen. Nehmen Sie dieses Gefühl auf und übertragen Sie es auf ihren Solar Plexus. Er befindet sich am Übergang von Brustkorb zur Magengrube.
  3. Dort ist Ihr Sonnenchakra. Stellen Sie sich einen Energieball in Ihnen vor, der sich ausdehnt und Ihre Haltung streckt und aufrichtet. Stellen Sie sich mit großer Selbstsicherheit vor.
  4. Nun lassen Sie ihren Fokus zum Herzchakra wandern. Es befindet sich auf Höhe Ihres Herzens. Es ist aber auch in Ordnung, wenn sich Ihr Fokus auf Ihren ganzen Brustkorb erstreckt. Denken Sie an eine Person, die Sie lieben, sei es platonisch oder romantisch. Lassen Sie das Gefühl der Zuneigung Ihren ganzen Brustkorb ausfüllen.
  5. Ihr nächster Fokus ist das Kehlchakra. Es ist genau auf Ihrem Kehlkopf. Hier denken Sie daran, wie Sie sich mitteilen. Stellen Sie sich vor, wie Sie Ihre (oder eine) Botschaft so senden, dass sie ankommt.
  6. Jetzt ist das Stirnchakra, auch drittes Auge genannt, dran. Stellen Sie sich vor, wie es wie ein Scheinwerfer Täuschungen und Illusionen klärt. Erinnern Sie sich an einen Moment, als Sie klar und intuitiv die Wahrheit einer Sache erkannt haben und halten Sie an diesem Gefühl fest.
  7. Nun konzentrieren sie sich auf Ihren Scheitel. Dort ist das Kronenchakra. Wie ein Springbrunnen schießt es die Energien, die Sie bis hierher gesammelt haben und formt daraus eine Aura um Sie herum.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Ich bevorzuge es, relativ zügig die Chakren durchzugehen, dafür aber mehr Wiederholungen zu machen. Dabei verweile ich etwa 10 Sekunden mit meinem Fokus bei jedem Chakra. Dafür gehe ich diese Reihe relativ häufig durch. Wie oft das ist, kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich noch nie gezählt habe.

Eine andere Möglichkeit wäre es, länger zu verweilen und dafür weniger Durchgänge zu machen. Wie Sie es machen, bleibt Ihnen überlassen.

Abschließende Worte

Achtsamkeit und Ruhe sind genauso essenziell wie die Liebe. Es sind lebenswichtige Nährstoffe für unseren Geist und unsere Psyche.

So, wie uns gutes Essen mit Nährstoffen versorgt und unsere körperliche Gesundheit befördert, kann uns Meditation Ruhe und Achtsamkeit geben, um unsere psychische Gesundheit zu befördern. Nur so kann man als ganzer Mensch zu einer ganzen Gesundheit finden. Eine kranke Psyche macht körperlich krank und ein kranker Körper belastet uns psychisch.

Eine meditative Praxis ist eine Bereicherung für nahezu jeden Menschen, kostet nichts und ist sehr zeiteffizient. Wie paradox gerade mit diesem Kriterium einen solchen Beitrag zu beenden, nicht wahr?

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Das Leben voll auskosten

Das Leben voll auskosten - die kompetente Wahl des KaffeesGerade habe ich den Stempel meiner sorgsam vorbereiteten French Press heruntergedrückt und setze zum Einschenken an, da betritt der Sohn meiner Pariser Gastgeberin die Küche. Er greift zielstrebig zur mehrere Stunden alten Kanne aus der Filtermaschine, gießt sich schwungvoll einen Becher ein und rammt ihn in die Mikrowelle. In meinen Gedanken stirbt ein Kätzchen einen qualvollen Tod, da lächele ich und freue mich über die Vielfältigkeit des Lebens.

Kaffee ist nach Erdöl Handelsgut #2 auf der Welt. Er ist ein Massenprodukt und für die meisten Kaffeetrinker nicht mehr als eine Gewohnheit, vielleicht Mittel zum Zweck. Relativ wenige wissen um die vielen Unterschiede und Feinheiten im Geschmack. Kaffee dient dabei nur zur Einleitung dieser Geschichte, denn das Phänomen betrifft praktisch alle Lebensmittel.

Third Wave Coffee nennt sich die Bewegung, die Kaffee seit einigen Jahren wieder als Spezialität wie etwa Wein oder Käse kultivieren möchte. Einige dieser Feinschmecker schauen verachtungsvoll auf alle, die ihren Kaffee mit Milch oder Zucker verunreinigen. Viele andere wollen ihre Welt des vielfältigen Geschmacks miteinander teilen.

In der Tat gibt es hier viel zu entdecken. Viel mehr, als uns die vakuumverpackte und vorgemahlene Massenware aus dem Supermarkt zeigen kann. Nur sorgfältig geröstet, frisch gemahlen und mit Bedacht aufgebrüht kann ein Kaffee wirklich sein volles Potential entfalten. In seiner Komplexität steht er damit anderen Lebensmitteln wie Möhren und Kakao in nichts nach. Den meisten Kaffeetrinkern entgehen diese Feinheiten. Sie verbringen ein Leben in friedvoller Ignoranz, statt etwas über das Produkt zu lernen, von dem sie 149 Liter pro Jahr trinken. Sie lernen nichts über die geschmacklich Details – und erst recht nicht über Anbaugebiet, Ernte, Verarbeitung und Röstung, die sich darauf auswirken. Sie betrügen sich selbst um Genuss und Glückseligkeit, um Vorfreude und Bewusstsein. Jeder Schluck könnte ein Lächeln auf das Gesicht zaubern. Doch wie oft fließt das schwarze, heiße Wasser stattdessen achtlos die Kehle herunter während der Blick grimmig auf den Monitor gerichtet bleibt? Wie viele Käffchen gehen in der Bewusstlosigkeit des Tratsches unter?

Später an diesem Tag bietet mir ein Café nahe Notre-Dame sein Gebräu aus vorgemahlenem Kaffee für 6€ pro Tasse an. Ich lehne dankend ab und steuere weiter auf mein Ziel zu: Café Craft. Dort bekomme ich einen frisch gemahlenen Äthiopier, gebraut mit viel Zeit und Liebe und bezahle moderate 3,50€.

Ich erwarte nicht, dass wir alle nur noch Spezialitäten-Kaffee trinken. Es muss ja auch nicht jeder Miles Davis hören. Wir leben in einer Gesellschaft, in der jeder so viel Justin Bieber hören kann, wie er möchte. Weil es ihm gefällt. Das ist großartig. Tragisch hingegen scheint mir, wie viele Menschen nichts anderes kennen. Wer seine Alternativen nicht kennt oder versteht, lebt ein beschränktes Leben. Er lebt unvollständig.

Im Kontrast dazu steht in Deutschland die Existenz des Autovergleichs. Fast jeder weiß um die gängigen Automarken, Fahrzeugklassen und Qualitätsunterschiede. Jeder weiß, dass ein alter Käfer sich anders fährt als ein neuer Mercedes. Jeder versteht die Preisunterschiede und hat zumindest einen groben Überblick über die Bedeutung der technischen Daten. Und auch die Argumentationen scheinen konsequent. Es besteht Verständnis für die Menschen, die scheinbar unvernünftig große Summen für Autos ausgeben, wenn sie begründen »Ich erfreue mich jeden Tag an dem Fahrzeug, wenn ich die Tür öffne und einsteige. Jeden Tag, jedes Mal.« Wichtig dabei ist: Das Wissen um diese Unterschiede besteht auch bei denen, die sich die teuersten Autos nicht leisten können oder wollen.

Dabei ist das Auto – jedes Auto – ein Luxusgut. Das Essen hingegen ist lebensnotwendig und es hat unbestreitbar größere und weitergehende Auswirkungen auf alle Bereiche unseres Alltags. Wie kommt es, dass viele Autobesitzer mit ihrem geliebten Gefährt eine halbe Stunde über die Vorteile von Superbenzin diskutieren und danach in den Drive-in der billigsten Fast Food-Schleuder kurven? Es ist eine Frage der Prioritäten. Doch was ist der Grund dafür, dass so vielen Menschen ihre Gesundheit, ihre Umwelt, ihre Zukunft weniger wichtig ist, als ihr Transportmittel?

Die Suche nach einer Antwort führt zur Ausbildung, zum verfügbaren Wissen. »Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß«, beschreibt der Volksmund vage. Wenn das Schulsystem versagt, übernehmen Medien und Werbung die Ausbildung. Und frische Lebensmittel wie einzelne Gemüse, aber auch komplexere Spezialitäten haben hier schlechte Karten, denn die Budgets für Werbung sind zu gering. Wenn in der Werbung niemand erklärt, warum genau die Möhren vom Landwirt um die Ecke so hochwertig und faszinierend sind, dann setzt sich die Werbung der verarbeitenden Industrie durch. Und dort gilt systembedingt: Masse statt Klasse.

Am Ziel genieße ich in Ruhe meinen ersten frisch gerösteten, V60-gefilterten Kaffee seit drei Monaten. Ein Lächeln drängt sich gewaltvoll auf mein Gesicht und ich kann mich nicht wehren: Wie üblich für diese Region Afrikas wirkt das Gebräu auf mich ein wenig wie Honig. Das Gefühl umspielt meine Zunge noch Stunden später.

Justin Bieber verkauft sich besser als Jazz. Das ist zunächst keine Frage des Geschmacks. Zweifelsohne ist Jazz in der Regel komplexer und daher schwieriger zu verstehen als Radiopop. Es ist genau diese schwierige Verständlichkeit, die ihn für viele unattraktiv macht. »Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.« Auch das sagt der Volksmund und trifft damit ins Schwarze. Würden wir in der Schule weniger tote Zahlen und Fakten auswendig lernen und stattdessen unsere Sinnes- und Kunstkompetenz schulen, gewännen wir ein umfassenderes Verständnis unserer Umwelt. Jazz wäre nicht mehr so schwer zu erschließen. Eine köstliche, süße, frische Möhre gewinnt an Faszination, wenn man um die zu ihrer Produktion nötigen Faktoren weiß und begreift, wie sie sich von einem Erzeugnis aus schlechten Böden unterscheidet. Und was dies beim Verzehr für den Körper bedeutet.

Wir können uns dann immer noch entscheiden, Britney Spears zu hören und Kaffee aus der Mikrowelle zu trinken, weil uns das besser gefällt. Zumindest kennen wir die Alternativen – und wir verstehen, was wir da eigentlich tun.

Jedoch rechne ich damit, dass jeder Mensch, dem seine Optionen in vollem Umfang bewusst werden, sein Konsumverhalten ändert. Wer die Unterschiede zwischen einem medium rare gegrillten Stück Weiderind und einem Mikrowellen-erwärmten Billigburger so gut versteht wie die zwischen einem fabrikneuen Tesla und einem alten Opel Rekord, dürfte Gefallen finden an der qualitativ höherwertigen Alternative.

Im Falle der Ernährung muss höhere Qualität allerdings nicht die teurere Wahl sein. Eine Mahlzeit aus frischem Gemüse kostet nur selten wirklich mehr Geld als die vorverarbeiteten Produkte der Industrie. Vom Nährwert mal ganz abgesehen.

Auch im Falle der echten Spezialitäten, etwa einem handgefertigten, lange gereiften Käse gegenüber dem berüchtigten Analogkäse wird sich diese neu gewonnenen Wertschätzung ändern. Statt viel vom Billigsten zu kaufen und sich dadurch selbst zu frustrieren, landet seltener und weniger, dafür wirklich köstlicher Käse im Einkaufskorb – und zergeht zu Hause bei vollem Bewusstsein und mit höchstem Genuss auf der Zunge.

Dabei geht es nicht um Elitarismus. Sondern um eine für alle Bereiche des Lebens relevante Fähigkeit: Kompetenz. Das Wissen um und die Fähigkeit zur Unterscheidung der verfügbaren Alternativen und die wohlbegründete, bewusste Wahl.

Natürlich hinkt der Autovergleich an einigen Stellen. Das tut er immer. Autos sind Gebrauchs- und keine Verbrauchsgegenstände. Wir kaufen sie relativ selten und nicht täglich oder wöchentlich. Und dennoch funktioniert der Vergleich wenigstens zur Illustration.

Während ich die letzten Tropfen des hell gerösteten Äthiopiers genieße, sattele ich meine Sinne bereits für die weitere Reise. Dass ich die meisten Kaffees nicht mehr trinken mag, nehme ich in Kauf. Umso mehr freue ich mich über den Mittelklassewagen, den ich mir gelegentlich mit meinem bescheidenen Reise-Kaffeebesteck bereite. Ich habe die vielfältige Welt der Kaffeequalität in großen Teilen erkundet und darin meine Grenzen gesteckt. Weder muss ich Geisha für 8 Euro pro Tasse trinken, noch kommt mir alter Kaffee von der Herdplatte auf die Geschmacksnerven. Lieber weniger und seltener, dafür mehr Genuss. Lieber Qualität als Quantität. Und manchmal, schockschwerenot, brühe ich sogar Bohnen über drei Monate nach dem Röstdatum auf – ich werfe Lebensmittel nur ungern weg.

Die Sinne ausbilden: Mehr lernen

Wie kann man seine Sinneskompetenz verbessern und mehr über die verfügbaren Lebensmittel lernen? Es beginnt mit einer einfachen Frage: Was stecke ich da eigentlich in mich hinein?

Unser Körper ist unser Tempel des Lebens. Was wir essen, ist der Baustoff für unseren Tempel. Woraus sind die Steine gemacht? Könnte der Mörtel besser gemischt, der Stein sauberer geschliffen sein? Wie könnte man das Gebäude stabiler machen? Ist das Dach aus Zucker gebaut? Diesen Fragen kann man jeden Tag etwas mehr Wert beimessen.

Was habe ich heute gefrühstückt? Wie hat es geschmeckt? Welches Gefühl hat es mir bereitet? Könnte man das Erlebnis verbessern? Woher kamen die Zutaten? Wer hat sie erzeugt? Ist das wirklich die beste Methode für optimalen Geschmack und Nährstoffgehalt?

Wie gut kenne ich meine Mitmenschen? Kenne ich die Details ihrer Persönlichkeiten wirklich?

Wer das Leben voll auskosten möchte, muss nicht alles auf einmal umstellen. Es ist ein langer Weg und auch die weitesten Ziele erreicht man immer nur, indem man bewusst einen Fuß vor den anderen setzt.