Schön essen

Schön essen»So ist es irgendwie schöner«, erklärt Bastian und zupft noch eine Stoffserviette zurecht. Er besteht auch heute Abend auf einer gemeinsamen Mahlzeit der Familie am Tisch. Ein halbes Dutzend mal huscht er von der Küche zum Esszimmer und richtet Teller, Besteck und Servietten sorgfältig an. Seine Kinder verdrehen ob dieser Zeitverschwendung die Augen und wären mit einem Teller auf dem Schoß vor dem Fernseher glücklich, auch seine Frau versteht den Aufwand nicht und würde eines niemals glauben: Bastians Besonnenheit bei der Vorbereitung des Esstischs hat erheblichen Einfluss auf Geschmack und Erlebnis des Essens.

Externe Faktoren beeinflussen unsere geschmackliche Wahrnehmung des Essens signifikant, weiß Charles Spence. Den Professor für experimentelle Psychologie an der University of Oxford interessiert, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen und wie das Gehirn unsere Sinneseindrücke verarbeitet. Er leitete eine Reihe ausführlicher Untersuchungen mit aufschlussreichen Implikationen für unsere Esskultur.

Alliästhesie ist ein wenig verbreiteter Begriff für ein allgemein bekanntes Phänomen: Das Essen schmeckt besser, wenn man Hunger hat. Alliästhesie bezeichnet den Einfluss des Essens auf das innere Milieu. Spence erforscht mit seinen Kollegen hingegen überwiegend externe Einflüsse. Art, Form und Struktur der Anordnung auf dem Teller (im Englischen Plating genannt), der Name des Gerichtes, das Besteck, Farben, Umgebung und Geräusche sind mit spezifischen Veränderungen der Esserfahrung verbunden. Und das nachvollziehbar, also wissenschaftlich belegt. Esserfahrung meint die Empfindung des Geschmacks, der Ästhetik und der Freude am Essen, teils indirekt gemessen an der Zahlungsbereitschaft.

So beeinflusst die Qualität des Bestecks wesentlich unsere Wahrnehmung des servierten Gerichtes. Wertungen für Ästhetik, Geschmack und Zahlungsbereitschaft fallen bei gleichem Essen mit höherwertigem Besteck besser aus. Dies geht über etwaige chemische Interaktionen des Besteckmaterials mit den Lebensmitteln hinaus.

Auch Form und Farbe des Tellers beeinflussen diese Wahrnehmung. Selbst die Ausrichtung des Tellers wirkt sich auf den Geschmack aus. Ähnelt das Essen auf dem Teller in seiner Form einem Pfeil, bevorzugen die Gäste, wenn dieser nach oben (von ihnen weg) statt nach unten zeigt. Ein aufmerksamer Kellner kann demnach das Erlebnis des Gastes allein durch einige Grad Drehung des Tellers beeinflussen. Ein optimal ausgerichteter Teller erhöht die Gaumenfreude. Selbst den genauen Aufbau eines Dreiecks auf dem Teller analysieren wir unbewusst. Ist das Essen in Form einer Linie angerichtet, bevorzugen Probanden in Restaurants, wenn diese schräg nach rechts ansteigt.

Die Form der Anrichtung verändert also nicht nur den visuellen Eindruck, sondern direkt auch den empfundenen Geschmack und die Zahlungsbereitschaft: Gäste sind bereit, erheblich mehr (rund 30%) für das gleiche Essen zu bezahlen, wenn der Koch es richtig anordnet. Dank Charles Spence und seinem Team können Restaurantbetreiber in diesem Fall mit annähernder Zuverlässigkeit gezielt anrichten und servieren.

Mit diesen Faktoren interagiert der Name des Gerichts. Ob der Koch die Speise Frühlingstraum mit Wolkenduft oder Hochdruckerhitzte Möhren mit aufgeschäumtem Süßkartoffelpüree nennt, spielt eine Rolle.

Auch zu Getränken finden wir sehr konkrete Hinweise. Kaffee aus weißen Trinkgefäßen empfinden wir als weniger süß, als intensiver und bitterer. Die Farbe einer Kaffeetasse beeinflusst den Geschmack des Getränks. Und auch die Form des Trinkgefäßes hat mehr als nur traditionelle Bedeutung. Rot- und Weißwein finden größeren Anklang, wenn wir sie aus entsprechenden Gefäßen genießen.

Derweil scheinen Assoziationen zwischen Geschmack und Farbe primitiver als andere Korrespondenzen, welche eher kulturell geprägt sind.

Als Opportunisten suchten wir in der Vergangenheit unserer Spezies eine große Bandbreite von Lebensmitteln. Diese hatten spezifische Charakteristika gemeinsam, welche unseren Vorfahren beim Finden und Erkennen halfen. Diese Vergangenheit beeinflusst noch heute unsere Lebensmittelwahl. Farbe ist eines der offensichtlichen Charakteristika: Reife Früchte sind normalerweise rot oder orange, Wurzeln gelblich, Nüsse und essbare Tiere oft braun. All dies sind warme Farben, die sich klar abgrenzen vom Grün des Blattwerks oder Grases. Sie ziehen uns bis heute an und wir meiden die kalten Farben tendenziell.

Die deutsche Soziologin Eva Heller beschreibt ein Studienergebnis zu Farbassoziationen. Grün und Gelb verbinden wir mit sauer, wohingegen wir Pink, Orange und Rot eher mit Süße assoziieren. Auf der anderen Seite hängt an Weiß, Grau und Blau die Erwartung salzigen Geschmacks und Violett, Schwarz und Braun gehen mit der Vorstellung von Bitterkeit einher. In Experimenten nennen Probanden bei Betrachtung roter Nudeln zuerst scharf bzw. würzig als Geschmack. Ein Bild gelber Nudeln schätzen sie als herzhaft ein. Süße verbinden wir konsistent mit Rundheit.

Auch Musik kann konsistent geschmackliche Eindrücke hervorrufen und diese manipulieren. Bitter ist tief und legato, salzig ist staccato, sauer ist hoch, dissonant und schnell und süß ist konsonant, langsam und weich. Diese Assoziationen direkt zu nutzen mag unpraktisch klingen, die zugrundeliegende Implikation ist jedoch einfach: Unsere akustische Umgebung beeinflusst direkt den Geschmackssinn. Köche wie Heston Blumenthal gehen den nächsten Schritt und servieren Meeresfürchte zu Meeresrauschen.

Obwohl es bereits faszinierende und teils sehr konkrete Hinweise auf diese sinnlichen Zusammenhänge gibt, ist es noch zu früh für pauschale Aussagen. Wir können nicht sagen, welches Besteck unter allen Umständen den Geschmack optimiert. Sehr wohl können wir jedoch Schlüsse aus diesen Untersuchungen ziehen. Etwa, dass es absolut eine Rolle spielt, von welchem Besteck und Geschirr man sein Essen genießt. Diese Erkenntnis mahnt zur Sorgfalt beim Essen und zu achtsam gepflegter Esskultur.

Ist das alles nur Einbildung und hat das Drumherum des Essens keinen echten Wert? Ein Synonym für Einbildung ist Vorstellung. Google definiert dies als »ein gedankliches Bild, das man von jmdm. oder etwas gewonnen hat.« Gedankliche Bilder sind alles, was wir haben. Die Eindrücke unserer Augen, Ohren und anderer Sinne interpretiert das Gehirn und macht sich ein Bild davon. Wir sehen nicht die Farbe Rot, sondern unsere Augen nehmen eine Wellenlänge wahr und wir können nicht feststellen, ob wir alle in unseren Köpfen das gleiche Bild von Rot haben.

Was wir uns aufgrund der genannten externen Faktoren vorstellen ist in diesem Sinne Einbildung und zugleich persönliche Realität. Welche Rolle spielt die Rationalität, wenn im Ergebnis das Essen besser schmeckt? Gutes Besteck verbessert den Geschmack des Essens. Dass das Essen selbst dabei unverändert bleibt, ändert nichts an der Wissenschaftlichkeit.

Uns allen zeigt dies den Wert gepflegter Esskultur. Wir haben nun handfeste Hinweise auf den Einfluss externer Faktoren auf das Essen. Wir können mit Sicherheit sagen, wie wichtig ein ordentlich gedeckter Tisch, gutes Besteck und passendes Geschirr für das Essen sind. Diese Faktoren verändern unsere Wahrnehmung des Essens maßgeblich. Sie können uns verleiten, mehr oder weniger zu essen. Sie können den Genuss vervielfachen. Sie können die gesamte Erfahrung des Essens mit all seinen Folgen transformieren. Essen in Gesellschaft ist gesünder als essen allein, dementsprechend beeinflussen sicherlich auch Form und Farbe der Teller, die Art des Tischtuchs und die Qualität unsere Gesundheit: Durch die Empfindung des Essens und die Art dessen Konsums – und sei es nur, weil wir deswegen weniger oder langsamer essen.

Unsere Esskultur ist demnach von essenzieller Bedeutung. Auch ohne allgemeingültige Aussagen können wir diese Erkenntnis nutzen und dabei ist zunächst einerlei, ob wir uns an die konkreten Studienergebnisse halten oder es nach eigenem Empfinden schön gestalten. Eifrige Geschäftsleute werden sicher versuchen, ein Besteck als das kulturell wertvollste und gesündeste zu verkaufen und damit am Sinn des Themas vorbeiwirtschaften. Ziel ist nicht, die eine universell beste Kombination aus Sinneseindrücken zu finden. Eine solche existiert wahrscheinlich aufgrund kulturell und persönlich unterschiedlicher Hintergründe nicht.

Esskultur als Begriff impliziert ein Bewusstsein von Essen als mehr als Nahrungsaufnahme. Bewusst-sein erfordert Achtsamkeit. Achtgeben können wir beim Essen auf weit mehr als die Zunge und Aromen, Geschmäcke und die Temperatur. Verknüpfen wir die Eindrücke verschiedener Sinne miteinander, nennt man das Kreuzmodale Wahrnehmung. Genau das ist fester Teil traditioneller Esskultur. Ein gutes Essen kann einem Ritual gleichen, mit dem wir dem Ereignis Respekt zollen und seinen Stellenwert anerkennen. Das gleiche gilt für viele andere Ereignisse im Leben. Einige Handwerker packen vor jedem Job ihr Werkzeug ordentlich aus und bereiten es vor. Hinterher reinigen sie es und räumen es ordentlich wieder weg, statt es nur in den Kasten zu ballern. Das ist für sie Teil des Erlebnisses, des Lebens als Handwerker. Sie empfinden tiefe Befriedigung durch ihre Tätigkeit und leisten entsprechend gute Arbeit. Wir bewundern gutes Handwerk, wenn wir es sehen.

Wir alle haben reichlich solcher Ereignisse im Lebensalltag. Das Essen ist eines davon. Wir können es ordentlich machen, mit Sinn und Verstand, oder lediglich die Bewegung ausführen, während wir in konstanter Bewusstlosigkeit mit den Gedanken anderswo sind.

Stattdessen können wir einfache Schritte unternehmen und die Qualität unseres Essens verbessern. Und das, bevor der erste Bissen auf dem Teller liegt:

  • Einen Tisch freiräumen, gegebenenfalls eine Tischdecke oder Platzdecken auflegen.
  • Einfaches, aber ästhetisches, haptisch ansprechendes Geschirr und Besteck verwenden.
  • Sich besonnen an den Tisch setzen und tief durchatmen.
  • Das Essen bewusst riechen, sehen und hören.

Geeignetes Geschirr und Besteck, so es nicht schon in der Schublade liegt, muss nicht teuer sein und es hält ein Leben lang. Man kommt auch ohne aus, letztlich zählt der Gedanke und der Wille, dem Essen Respekt zu zollen. Essen kann ein tägliches sinnliches Ereignis sein, wenn wir etwas dafür tun, statt lediglich einfache Maße wie Preis, Menge und Dauer anzulegen.

Ein weiteres solches Ereignisse ist Sex, den anscheinend immer mehr Menschen nur in den Dimensionen Häufigkeit und Dauer messen und dabei das Beste verpassen. Der Landwirt und Autor Wendell Berry verglich dies 1989:

»Wie industrieller Sex ist industrielles Essen zu einer degradierten, armen und erbärmlichen Sache geworden. Unsere Küchen und anderen Orte des Essens ähneln mehr und mehr Tankstellen, so wie unsere Häuser immer mehr Motels ähneln. ›Das Leben ist nicht sehr interessant‹, scheinen wir entschieden zu haben. ›Mögen seine Befriedigungen minimal, oberflächlich und schnell sein.‹ Wir hasten durch unsere Mahlzeiten um zur Arbeit zu gehen und hasten durch unsere Arbeit, um uns abends und am Wochenende und im Urlaub zu ›erholen‹. Und dann hasten wir mit größtmöglicher Geschwindigkeit, Krach und Gewalt durch unsere Erholung – wofür? Um den milliardsten Hamburger in irgendeinem Fast-Food-Laden zu essen, versessen darauf, die ›Qualität‹ unseres Lebens zu erhöhen. Und all dies mit beachtlicher Ignoranz gegenüber Ursache und Wirkung, den Möglichkeiten und dem Zweck des Lebens des Körpers in dieser Welt.« — Wendell Berry, 1989 (The Pleasures of Eating aus What are People for?)

Weiterführende Literatur:

Einfach essen (Video)

Die Ernährung muss für Ihr Leben funktionieren – nicht Ihr Leben für die Ernährung. Die richtige Ernährung kann daher nur mit der Frage beginnen: Was ist gut für mich? Statt durch Lebensmittelskandale und widersprüchliche Studien Verwirrung zu stiften, will dieses Buch Ihnen dabei helfen, das einfache, natürliche Essen wiederzuentdecken. Diäten, Studien und Nährstofftabellen sind keine Lösung, denn sie verallgemeinern, was in Wirklichkeit individuell ist. Einfach essen zeigt Wege zu einer Ernährung, die zugleich gut schmeckt, Spaß macht, gesund und vor allem praktikabel ist: Gute Zutaten mit Liebe zubereitet und mit Genuss verzehrt. Mehr dazu im Video:

Hier finden Sie alle Informationen über Einfach essen.

Der Wandel des Kochens

Wandel des KochensKochen: Der ewig lästige Schritt vor dem Essen. Seit Anbeginn unserer Zeit versuchen wir, uns das Kochen zu erleichtern. Die Geschichte zeigt klare Trends für die Zukunft. Werden Häuser in der Zukunft über keine Küchen mehr verfügen und stattdessen ein Schrank mit Kühlschrank, Mikrowelle und Spülmaschine ihren Platz einnehmen?

Technische Entwicklungen haben in der Vergangenheit wiederholt unser Koch- und Essverhalten beeinflusst und dabei auch das Zusammenleben verändert. Wo man sich einst um das offene Feuer oder den Ofen in der Küche versammelte, nahm bald ein geschlossener Herd deren Platz ein. Vorbei waren die Abende, an denen wir gemeinsam ins Feuer starrten oder uns in der Küche Geschichten erzählten und austauschten. Unsere Häuser sind längst nicht mehr um die Feuerstelle organisiert.

Seit den 60er Jahren verbringen wir nur noch ungefähr halb so viel Zeit mit dem Kochen: 27 Minuten sind es in den USA täglich im Durchschnitt. Plus 4 Minuten für den Abwasch.

Kochen sollte immer schneller und einfacher gehen. Ehemals schufteten Sklaven und Kinder in den Küchen, heute übernehmen Maschinen viel manuelle Arbeit. Neben unserem Wohnraum müssen wir auch unseren Tagesablauf nicht mehr um den Erhalt des Feuers strukturieren. Wir haben Zeit für andere Dinge und weinen den alten Zeiten diesbezüglich kaum eine Träne nach. Warum sollte sich diese Entwicklung nicht fortsetzen?

Der erste Gasherd kam in Großbritannien im Jahr 1824 auf den Markt. Bis dahin regierten Holz- und Kohleherde, welche sich ihrerseits nur langsam gegen ihren Vorgänger, das offene Feuer, durchsetzen konnten. Erst 60 Jahre später übernahmen die in der breiten Öffentlichkeit als giftiges Teufelszeug verschrienen Gasherde den Markt.

Heute meistert die Mikrowelle eine ähnliche Herausforderung. Viele Berufsköche haben ihren praktischen Nutzen für spezifische Aufgaben längst erkannt und nutzen sie effizient. Auch in über 70% der Privathaushalte hat sie einen festen Platz gefunden, dabei unsere Esskultur verändert und das Essen individualisiert: Jeder kann essen wann er will und was er will. Vorportionierte Fertiggerichte machen es möglich, erzwingen es geradezu. Denn kaum eine Mikrowelle erlaubt das Aufwärmen oder Zubereiten von Essen für mehr als zwei Personen. Setzt sich das Gerät endgültig gegen den Gas- oder Elektroherd durch, ist es vorbei mit dem Familienessen und die Mikrowelle wird die Gesellschaft ähnlich verändert haben wie der Siegeszug des Gasherds 80 Jahre zuvor.

Nur ein schrumpfendes Grüppchen von Zweiflern wehrt sich noch und wirft dem Mikrowellenofen gesundheitliche Risiken vor, ohne überzeugende Beweise. Einige sprechen ihr die ernsthafte Brauchbarkeit zum Kochen ab. Sicherlich kann man in der Mikrowelle ein Steak nicht so anbraten wie auf einem Gasherd. Dass das Resultat anders schmeckt als auf der Vorgängertechnologie, hat aber schon den Gasherd nicht aufhalten können. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann auch dieser Widerstand bricht. Die Erfindung ist erst 70 Jahre alt und das erste markttaugliche Modell erschien 1967. Verglichen mit dem Gasherd bleibt der Mikrowelle zur Vollendung ihres Feldzuges also noch ein Jahrzehnt.

Und doch sehnen wir uns scheinbar nach dem Feuer. Jedes Jahr im Frühling stehen Millionen Menschen sehnsüchtig am Fenster und warten auf den Beginn der Grillsaison. Feierlich fahren sie dann den Grill aus dem Gartenschuppen, laden Freunde und Verwandte ein und starten ein offenes Feuer. Fleisch am offenen Feuer zu grillen, war früher Alltag. Dass ein fachgerecht an der Flamme gegrillter Fleischspieß mit keiner anderen Technologie wie dem Backofen oder der Pfanne zu vergleichen ist, wird jeder Grillfreund ohne Zögern bestätigen. Doch wie viele Menschen kennen noch den Unterschied? Wie lange sind unsere Gärten noch groß genug, können wir uns den Brennstoff noch leisten, wird das Grillen noch erlaubt sein? Wann sinkt die gemein­same Grillfeier auf der Prioritätenliste unter das Gefummel am Smartphone? Wie lange finden wir noch das passende Werkzeug und wer bewahrt das Know-how und die Erfahrung über die Aufrechterhaltung eines guten Feuers? Das Grillen trägt heute zusehends rituelle Züge. Wann ersäuft auch dieser alte Brauch im Fahrwasser der Effizienz?

Mit jedem dieser Entwicklungsschritte verlieren wir auch Geschmäcker und Aromen. Neben dem Geschmack von Fleisch auf Feuer sind heute auch die Aromen alter Obst- und Gemüsesorten kaum noch bekannt. Und die nächste Revolution hat bereits begonnen:

Soylent nennt sich das von einem Programmierer entwickelte Nahrungsmittel auf Sojabasis, welches alle nötigen Nährstoffe enthalten soll. Einfach mit Wasser mixen und trinken, schon ist das lästige Essen erledigt. Zumindest aus Perspektive des Nährstoffismus handelt es sich bei Soylent um eine ganzheitlich vollwertige Mahlzeit. Motivation und Konsum dieses Produkts sind leicht nachzuvollziehen: Nicht jeder macht sich etwas aus Essen und für viele ist es eine lästige Notwendigkeit. Wem Fertiggerichte zu teuer oder zu ungesund sind, der findet in Soylent die optimale Lösung. Der Name bezieht sich auf den Roman New York 1999, erinnert jedoch eher an die darauf basierende Dystopie Soylent Green.

Soylent habe keine Langzeitstudien durchlaufen, lautet eine der vielzähligen Kritiken. Doch das gleiche trifft auf die meisten Fertiggerichte zu. Als Folge liegen anatomische Veränderungen am Menschen nahe, der nun nicht mehr kauen muss und dessen Zähne sicher auch auf die Veränderung reagieren werden. Fatal wird die Auswirkung auf die Sinneskompetenz sein. Wer den immer gleichen Brei trinkt, verliert binnen kurzer Zeit die Fähigkeit zum Schmecken subtiler Aromen und saisonaler Unterschiede.

Die wenigen, die ihrem Essen einen hohen Stellenwert beimessen, werden zu Liebhabern wie heute Kunstsammler oder Musiker. Die sinnliche Welt der kulinarischen Genüsse gerät zu einer ähnlichen Nische wie die der Ölmalerei, des Klavierspiels oder der Poesie. Ein kleiner Teil der Bevölkerung wird noch selbst kochen, teure Gewürze kaufen und seine Freizeit mit dem Kochen verbringen. Wenige davon eröffnen ein Restaurant. In diesem Gallerie-Äquivalent servieren sie Essen für andere Kenner. Kochen reiht sich ein in die lange Reihe kreativer praktischer Fähigkeiten, die ein zusehends kleinerer Teil der Bevölkerung beherrscht oder versteht.

Wer das für abwegig hält, wage noch einen Blick in die Vergangenheit: Noch vor 50 Jahren war es üblich, in den Garten zu gehen, ein Huhn zu packen, zu töten, zu rupfen, auszunehmen und vollständig zu kochen. Heute scheint das für die meisten Menschen unvorstellbar und geradezu abstrus. Jeder weiß doch, dass Fleisch in Plastikschalen im Supermarkt wächst.

Unsere Entwicklung zeigt seit Jahrhunderten klare Pfeile:

  • Wir verbringen immer weniger Zeit in der Küche.
  • Wir erleben immer geringere geschmackliche Vielfalt.
  • Wir haben immer weniger Kontakt zur Natur.
  • Wir verbringen trotz wachsender Bevölkerungen immer weniger Zeit miteinander – besonders beim Essen.

Kurz: Unsere Wertschätzung des Essens und der Esskultur sinkt.

Soylent und die Mikrowelle sind keine Teufelswerke, sondern die Antworten auf bestehende Ansprüche und Wünsche. Sie sind logische Folge gesellschaftlicher Verän­derung auf der einen und Ursache für weitere Veränderung auf der anderen Seite. Sie zeichnen keine schreckliche Zukunftsvision, die wir verhindern müssen. Sie fördern lediglich eine wahrscheinliche Änderung unseres Essverhaltens und unserer Gesellschaft.

Glücklicherweise hat jeder einzelne von uns die Wahl, an diesem gesellschaftlichen Trend teilzunehmen oder beim Alten zu bleiben. Die Lösung scheint einfach: Sich bewusst und achtsam mit dem Essen und dessen Herkunft – geografisch wie geschichtlich – befassen. Selbst kochen.

Die zentrale Frage lautet dabei weiterhin: Was und wie und mit wem möchte ich essen? Das kann Soylent sein, das kann aus der Mikrowelle kommen, das kann allein am Schreibtisch sein. Solange man sich dieser Wahl bewusst ist, sie bewusst trifft und Klarheit über die Konsequenzen herrscht, besteht kein Konflikt. »Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers«, ist ein jahrhundertealter Aphorismus ungemeiner Treffsicherheit. Er zeigt uns den Stellenwert und die Chancen des Loslassens – und entbehrt im Falle der Mikrowelle nicht einer gewissen Ironie.

Was können wir verlieren?

  • Einen weiteren Interaktionspunkt mit der Natur, weil wir weniger frische Lebensmittel verarbeiten und weniger über deren Herkunft wissen.
  • Kunst- und Fachwissen, denn wenn wir es weniger anwenden, fehlen uns Praxis und Erfahrung.
  • Genuss und Sinneskompetenz, denn je weniger Vielfalt wir erleben, desto weniger lernen wir zu erkennen.
  • Einen Ort der sozialen Interaktion, die Küche und den Esstisch als Mittelpunkt des Familienlebens.

Was können wir gewinnen?

Was davon tatsächlich eintritt, hängt allein von uns ab. Soylent und die Mikrowelle, als zwei Symbole der Entwicklung, sind lediglich technische Entwicklungen. Werkzeuge. Wir können sie destruktiv nutzen, die gewonnene Zeit mit passivem Medienkonsum verbringen, fett werden und den gewonnenen Raum mit noch mehr Ramsch füllen, während wir die lästigen Details über das Essen vergessen und unsere Sinne mit Massenware betäuben.

Oder wir können das Kochen in die sorgsamen Hände derer legen denen es zutiefst am Herzen liegt und die es bewahren. Wir können die gewonnene Zeit nutzen, Lösungen für die Probleme dieser Welt zu erarbeiten. Wir können sie in der Natur verbringen oder miteinander oder beim ruhigen und bewussten Erleben unserer Sinneseindrücke. Am besten alles zusammen. Den Raum können wir nutzen, um anderen Menschen etwas abzugeben und selbst einfach weniger zu verbrauchen.

Die Welt verändert sich. Wir können sie nicht aufhalten. Aber jeder einzelne kann die Veränderung mitgestalten. Im eigenen Leben, vor der eigenen Tür, mit den eigenen Mitmenschen.

Quellen und weiterführende Informationen: