Dieser Artikel ist auch als Podcast bzw. Netcast zum Anhören verfügbar: Was sind Lektine und warum sind sie gefährlich? (Urgeschmack-Podcast #15)
Lektine sind in der Ernährung nahezu allgegenwärtige Stoffe, mit denen jeder Mensch regelmäßig zu tun hat. Dennoch sind sie der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Trotz der großen Rolle, die sie in der Ernährung der meisten Menschen spielen, wird daher kaum über sie gesprochen.
Was sind Lektine?
Lektine sind Proteine (genauer: Glykoproteine). Sie kommen zumeist in Pflanzen vor, können jedoch auch tierischen Ursprungs sein. Man vermutet, dass sie sich als Verteidigungsmechanismen gegen Fraßfeinde entwickelt haben. Denn diejenigen Tiere, die sie in zu großen Mengen verzehren, würden daran sterben oder daraus lernen und in der Folge eher auf den Verzehr der entsprechenden Pflanzen verzichten. Lektine wären demnach eine Art natürliche Pestizide, die Pflanzen benutzen, um sich gegen den Verzehr zu wehren. Für Konsumenten sind sie Anti-Nährstoffe. Die meisten Lektine sind für den Menschen harmlos, einige wirken jedoch toxisch.
Wie funktionieren Lektine?
Lektine binden sich an spezifische Kohlenhydratstrukturen. Durch ihre Bindungsfreudigkeit binden sich einige Lektine auch an die Darmwände besonders des Dünndarms und können diese beschädigen. Dadurch wird die Absorptionsfähigkeit für andere Nährstoffe beeinträchtigt, die dem Körper in der Folge nicht mehr zur Verfügung stehen. Lektine treten über diesen Weg auch in den Blutkreislauf ein und erreichen weiter entfernte Organe. Der Darm kann, einfach ausgedrückt, “undicht” werden, das sogenannte “Leaky-Gut-Syndrome” entsteht (zu deutsch “Sickerdarm-Syndrom”). In der Folge können weitere Stoffe wie Nährstoffreste und Toxine in den Blutkreislauf gelangen.
Die Lektine, die nun durch den gesamten Körper strömen, heften sich an weitere Organe und der Körper wehrt sich entsprechend dagegen. Er greift die Lektine an – und mit ihnen auch gesundes Gewebe und Organe. Auf diese Weise entstehen einige Autoimmunkrankheiten, zum Beispiel Multiple Sklerose (s.a. diesen Beitrag über Dr. Loren Cordain). Auch Erkrankungen wie Arthritis, Morbus Crohn, Fibromyalgie, Reizmagen oder Schilddrüsenprobleme bringen Forscher heute mit Lektinen in Verbindung. Unter den betroffenen Organen kann sich auch die Bauchspeicheldrüse befinden, die bis zum Totalausfall beschädigt werden kann. Die Folge ist Diabetes Typ-1.
Weiterhin erschweren einige Lektine die Verdauung anderer Nahrungsbestandteile, darunter auch Stärke. Darüber hinaus wirken sie als Hämagluttinine, können also rote Blutkörperchen verklumpen.
Was kann man dagegen tun?
Lektine sind in vielen Pflanzen enthalten, ganz aus dem Weg gehen kann man ihnen daher kaum. Da jedoch besonders die für den Menschen toxischen Lektine in den mit Abstand höchsten Konzentrationen in Getreide (besonders Weizen) und Hülsenfrüchten (besonders Soja) enthalten sind, macht es Sinn, auf diese gänzlich zu verzichten. Auch Nachtschattengewächse wie Kartoffeln, Tomaten oder Paprika enthalten sie in nennenswerten, jedoch nicht ganz so hohen Mengen. Natürlich enthalten auch alle Folgeprodukte aus diesen Pflanzen die Lektine, also die entsprechenden Öle, Mehle usw. Und auch Milch kann davon betroffen sein.
Lektine sind verhältnismäßig resistent gegen Verdauungsenzyme und gegen Hitze. Erst durch Temperaturen oberhalb 75°C werden Lektine zumindest teilweise unschädlich gemacht. Weitere Techniken zum “Entschärfen” sind Fermentation und Einweichung. Wer also auf Brot aus Getreide absolut nicht verzichten mag, sollte zu Sauerteigbrot greifen. Haferflocken und Ähnliches sollten vor dem Verzehr grundsätzlich lange eingeweicht werden. Eine Technik, die auch für Hülsenfrüchte sinnvoll ist.
Wer bereits unter Verdauungsproblemen oder Autoimmunkrankheiten leidet, sollte jedoch wenigstens auf Getreide und Hülsenfrüchte gänzlich verzichten.
Übrigens: Lektine haben nicht ausschließlich negative Wirkungen. Es gibt auch viele positive Effekte, so haben Wissenschaftler ein Lektin aus Bananen extrahiert, das die Vermehrung des HIV-Virus verhindern könnte. Es ist also auch hier wichtig, zu differenzieren: Lektine sind nicht immer gefährlich!
Haben Sie vielleicht Verdauungsprobleme oder könnten sich eine Verbesserung ihres Verdauungsvorgangs vorstellen? Leiden Sie unter Autoimmunerkrankungen oder Allergien? Probieren Sie es doch einfach einmal aus und verzichten Sie einen Monat lang auf jegliche Getreideprodukte, Hülsenfrüchte und vielleicht auch Kartoffeln. Schaden kann es auf keinen Fall.
Quellen und weiterführende Informationen:
Urgeschmack: Sind Lektine immer gefährlich?
Jonathan M Rhodes, Professor of medicine, “Genetically modified foods and the Pusztai affair“, BMJ. 1999 May 8; 318(7193): 1284.
Carmen Cuadrado, Gyongyi Hajos, Carmen Burbano, Mercedes M. Pedrosa, Gema Ayet, Mercedes Muzquiz, Arpad Pusztai, Eva Gelencser, “Effect of Natural Fermentation on the Lectin of Lentils Measured by Immunological Methods“, Food and Agricultural Immunology, Volume 14, Issue 1 March 2002 , pages 41 – 49
Katsuya Miyake, Toru Tanaka, Paul L. McNeil, “Lectin-Based Food Poisoning: A New Mechanism of Protein Toxicity“
W. J. Peumans and E. J. M. Van Damme, “Prevalence, biological activity and genetic manipulation of lectins in foods“, Volume 7, Issue 4, April 1996, Pages 132-138
Pedro Cuatrecasas and Guy P. E. Tell, “Insulin-Like Activity of Concanavalin A and Wheat Germ Agglutinin—Direct Interactions with Insulin Receptors“, Proc Natl Acad Sci U S A. 1973 February; 70(2): 485–489.
Emma Wear, “Wheat Chemicals Starve Insect Pests“, Biology, Indiana Wesleyan University
David L J Freed, Allergist, “Do dietary lectins cause disease?”, BMJ. 1999 April 17; 318(7190): 1023–1024.
Lectins – A little known troublemaker
Dietary Lectins as Disease Causing Toxicants (.pdf)
Lectins in foods and their relation to starch digestibility
Nutritional Significance of Lectins and Enzyme Inhibitors from Legumes
A Lectin Isolated from Bananas Is a Potent Inhibitor of HIV Replication







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Danke für den wirklich verständlichen und nachvollziebaren Beitrag.