Deine Ernährung verändert die Welt

Jede Entscheidung für bestimmte Lebensmittel beeinflusst die Welt nah und fern. Auf diesem Weg sind wir alle Landwirte und verändern das Schicksal unserer Zivilisation – und unserer Nachbarschaft.

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7 Kommentare zu “Deine Ernährung verändert die Welt

  1. Peter

    Der Beitrag individualisiert ein gesellschaftliches Problem. Der Einzelne soll Schuld sein, soll sein Verhalten ändern, soll Verantwortung übernehmen, obwohl die echten Entscheidungen auf ganz anderen Ebenen getroffen werden.

    Ja, man kann sich natürlich einbilden, unsere “Nachfrage” würde das “Angebot” bestimmen, und in ganz kleinem Rahmen, in unserer winzig kleinen Bio-Nische, mag da etwas dran sein. Eine Minderheit der Bevölkerung in der Minderheit der Länder namens “Erste Welt”. Leute mit Zugang zu sehr guter Bildung und einem mindestens leicht überdurchschnittlichen Einkommen können mit ihren Kaufentscheidungen eine kleine Bio-Wirtschaft am Laufen halten.

    Im Großen und Ganzen läuft es im Kapitalismus aber eher umgekehrt: Das Angebot bestimmt die Nachfrage, die Nachfrage ist mehr so eine relativ unbedeutende Grundlage, ohne die es zwar nicht geht, aber die sich eine mächtige Industrie so zurechtbiegt, wie es die Produktionserfordernisse eben verlangen. Man lese da mal die Literatur zur entsprechenden Industriegeschichte, z. B. über Tabakindustrie (The Cigarette Century: The Rise, Fall, and Deadly Persistence of the Product That Defined America: A Cultural History of Smoking in the United States von A. Brandt) oder über die Entwicklung der Mais- und Industriezuckerproduktion – die Möglichkeit der billigen Produktion von Kalorien in Form von Zucker sorgt dafür, dass das entsprechende Kapital sich selbst die erforderliche Nachfrage produziert, die Möglichkeit, schnell in Zigarettenform konsumierbaren Tabak in industrieller Weise zu produzieren, sorgt dafür, dass das entsprechende Kapital die Nachfrage produziert und dafür sogar mithilft, die gesellschaftliche Stellung der Frau in den USA zu revolutionieren, wenn das dafür nötig ist, Frauen als Tabak-Konsumentinnen zugewinnen.

    Eine kleine gebildete und relativ wohlhabende Minderheit kann sich dann ruhig immer einbilden, sie würden mit ihren individuellen Kaufentscheidungen irgendwas bewirken. Das hat dann mit der Realität des Marktes ungefähr soviel zu tun, wie unsere individuelle Friedfertigkeit mit Krieg und Bomben im Nahen Osten.

    1. Felix

      Peter, dein Argument ist also: Menschen ohne Zugang zu “sehr guter Bildung” und unterhalb eines “mindestens leicht überdurchschnittlichen Einkommen” können durch ihr Kaufverhalten rein gar nichts beeinflussen? Kannst du diese These mit empirischen Daten belegen?
      Und: Was soll das mit der Bio-Wirtschaft zu tun haben?
      Die Opferrolle ist zweifelsohne bequem, weil man dann jegliche Verantwortung von sich weisen kann.

      1. Peter

        Naja, was beeinflussen die Millionen Menschen auf der Welt, in Afrika und anderswo, von denen man hört, ihr verfügbares Einkommen betrage weniger als 1 $ am Tag, mit ihrem Kaufverhalten? Die gucken halt, wo der Reis am billigsten ist. Was macht eine alleinerziehende Mutter mit Hartz 4, die guckt halt, wo das Toast und die Marmelade und die TK-Pizza am billigsten ist. Sicher hat sie die Wahl zwischen sehr schlechtem Junk Food und frischem Pestizid-Gemüse, aber dazu muss man erstmal kochen können und auch überhaupt WISSEN (und nicht mal nur irgendwo gehört haben) das Junk Food schlecht ist. Wenn man’s nur mal gehört hat, weil man zufällig mal 5 Minuten in die Ernährungsdebatte bei “Hart aber fair” reingezappt ist, bleibt man auch nur beim Wissenstand “Die einen sagen so, die anderen sagen so”. Und auch wenn man nicht SOOOO weit “unten” schaut, bleibts eine Tatsache, dass man erstmal sehr viel wissen muss, um nicht der Spielball der Nahrungsmittelindustrie zu sein, und heute fettarmen Zuckerjogurt, und morgen Süßstofflimonade und übermorgen was weiß ich für den Inbegriff gesunder Ernährung zu halten.
        Und selbst wenn es denn dann wüsste, und auf das in deinem Video erwähnte Billigfleisch verzichtet, weil es ungesund ist und weil die Hersteller mit ihren Überschüssen auch noch quasi im Vorbeigehen Kleinbauern in Afrika mit ruinöser Konkurrenz kaputtmachen: Wer sagt denn, dass die gleichen Hersteller dann eben nicht die Reste exportieren, sondern eine Extraproduktion von Antibiotika-Fleisch für Afrika aufziehen? Nach dem Motto: Biofleisch für Deutschland, Chemiefleisch für Afrika.

        Es geht ja gar nicht um bequem oder unbequem: Ich könnte auch sagen, es ist sehr bequem, die Verantwortung hochzuhalten, die jeder selbst “im Kleinen”, im Dorf, in der Familie usw. hat, denn dann spart man sich die äußerst unbequeme Notwendigkeit, politisch gegen Verhältnisse vorzugehen in denen Lebensmittel auf verschiedene Weisen “tödlich” sein können, bei uns und in Afrika …

        Statt dieser Frage, wer ist bequemer, wäre es doch sinnvoller zu fragen, was die Gründe für so eine absurde Nahrungsmittelindustrie sind. Und da finde ich folgendes wichtig: Es geht doch heute in allen Staaten nur noch um eins: Internationale Wettbewerbsfähigkeit. Jeder Schei** in der Innen-, Außen-, Wirtschafts-, Bildungs- usw. usw. politik misst sich daran, und wenn irgendwas internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährdet, ist die Sache erledigt.
        Und BILLIGE Lebensmittel sind ein Grundpfeiler für die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Denn billige Lebensmittel erlauben relativ niedrige Löhne, und die sind entscheidend, wie nicht nur Gerhard Schröder wusste mit seiner Agenda 2010.

        Oder zugespitzt: Qualitativ hochwertige Lebensmittel für alle sind teuer und gefährden deshalb die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standort Deutschland.

        1. Felix

          Mit anderen Worten: Du kannst deine These nicht belegen. Und du hast keinen besseren Vorschlag. Richtig?

  2. Melli

    Lieber Felix,
    danke für diesen Beitrag. Ich finde es sehr wichtig, dass du diese Zusammenhänge noch mal erklärst! Dass z. B. Städte und Dörfer (zumindest sozial) aussterben, wenn Kunden lieber in Riesensupermärkten am Stadtrand einkaufen statt beim Metzger im Dorf. Von der Ausbeutung der Umwelt und Menschen möchte ich gar nicht erst anfangen. Ich beobachte das alles sehr, sehr kritisch und weigere mich einfach, da mitzumachen. Seit ungefähr einem Jahr kaufe ich deshalb nur noch auf dem örtlichen (Bio-)Markt ein. Ich habe zunächst befürchtet, dass uns das in den Ruin treiben würde, aber das ist nicht eingetroffen. Zwar kosten die Produkte deutlich mehr als sonstwo, aber für gesundes Essen, das unter vertretbaren Bedingungen lokal angebaut wurde, gebe ich das Geld gern aus.
    Viele Grüße
    Melli

  3. helmut.w.k

    Hallo Felix, danke für die “wieder bewusst machung” . Eigentlich weiß “man das alles”, aber gerade. im täglichen Trubel, der Routine ist es wichtig innezuhaben und nachzudenken.

    Deutschland exportiert seine von Agrarkonzernen gewollt produzierten Fleischüberschüsse, zB. Schweinefleisch, Hühnchen in (fast) alle Welt. In Afrika verlieren lokale Hühnerzüchter ihren Beruf. Ein neuer Markt für Fleisch soll China werden…(Deutschlandfunk 5.8.15).
    Brasilien kann es noch “besser”. Aber das kann ja kein Maßstab sein.
    Was tun? In Hamburg gegen G 20 gegen die Politik des “ständigen Wachstums” demonstrieren?

    Mit besten Grüßen

    1. Felix

      Hi Helmut,
      Was tun? In Hamburg gegen G 20 gegen die Politik des “ständigen Wachstums” demonstrieren?
      Die Fahrt kannst du dir sparen. Deinen Willen demonstrierst du täglich beim Essen, beim Kochen, an der Kasse – beim Landwirt/Hofladen/Marktstand/Erzeuger.

      Bevor wir Exporte, Weltwirtschaft und Bundespolitik angehen, sollten wir unten beginnen und an unseren Gemeinden arbeiten: Sie wieder zu Gemeinschaften machen, zu Nachbarschaften, zu Partnerschaften. Starke Wurzeln bilden und die lokalen Wirtschaften stärken, das ist unser stärkster Schlag gegen den globalisierten Wachstumswahn. Deswegen der Hinweis: Vor der eigenen Haustür kehren.

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