Der Urgeschmack von süß: Wie gesund ist Honig wirklich?

(Gastbeitrag) An Honig scheiden sich die Geister: Was die Einen als hochgesundes Nahrungsmittel loben, läuft bei den Anderen als reine Zuckerbombe. Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Eines ist sicher: Honig ist allemal besser als Weißzucker – er hat einige Kalorien weniger, ist vielfältiger im Geschmack und Grundlage etlicher Hausmittel. Nur allzu viel sollte man von dem süßenden Tausendsassa nicht zu sich nehmen.

Süßer Geschmack – das war mal selten …

In der Natur beschränkt sich Süßes zumeist auf Spätsommer und Herbst, wenn die Früchte reifen und mit Fruchtzucker locken. Mensch und Tier empfinden diesen Geschmack als Sensation, denn er signalisiert schnelle Energie durch leicht verwertbare Kohlenhydrate. Daher ist es wenig verwunderlich, dass der Neandertaler in uns nach Süßem lechzt. Der Haken: Was früher eine seltene und begehrte Ausnahme in der Nahrungspalette war, steht uns heute in fast unbegrenzter Menge zur Verfügung. Das Angebot ist so groß, dass der Versuchung zu widerstehen schwerfällt.

… und Honig eine Rarität

Nirgendwo in der Natur kommt Zucker so konzentriert vor wie im Wintervorrat der Bienen. Wie der Mensch auf die aberwitzige Idee kam, sich trotz der wilden Gegenwehr an ihren Waben zu vergreifen wissen wir nicht. Dass das aber bereits in der Steinzeit so war, zeigen die Höhlenmalereien der spanischen Cueva de la Araña.1 Allzu oft werden sich unsere Vorfahren diese schmerzhaften Raubzüge nicht angetan haben. Auf die Idee, mit der Betreuung von Bienenvölkern leichteren Zugang zu der begehrten Spezialität zu erhalten kam man vor rund 7.000 Jahren in Anatolien. Ägypter, Griechen und Römer verfeinerten die Imkerei im Laufe der Jahrhunderte. Bis ins Mittelalter war Honig das einzige Süßungsmittel. Das änderte sich mit den ersten Zuckerrohrplantagen in der Karibik und der Verarbeitung der Zuckerrübe. Die daraus gewonnene Saccharose und andere Zuckerarten stehen heute in praktisch unbegrenzten Mengen zur Verfügung. Sie gelten als wichtigste Krankmacher unserer Zeit, denn Fettleibigkeit und Bewegungsmangel sind Hauptursachen für Bluthochdruck, Diabetes, Arteriosklerose und weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen.2 Wären wir doch bloß beim Honig geblieben!

Honig ist Zucker pur – und mehr

Ernährungsphysiologisch betrachtet bedeutet Honig vor allem Zucker. Der Gehalt an Traubenzucker und Fruchtzucker liegt jeweils zwischen dreißig und vierzig Prozent, wobei die Fruktose meist überwiegt. In dieser übersättigten Lösung sind weniger als zwanzig Prozent Wasser enthalten, sodass sie vor Bakterien und Pilzen geschützt ist.3, 4, 5 Hinzu kommen Vitamine wie Vitamin A, B-Vitamine und Vitamin C sowie Mineralstoffe wie Zink und Eisen. Als Quelle dafür ist Honig allerdings wenig geeignet – dafür müsste man täglich ganz erhebliche Mengen zu sich nehmen.6, 7 Für die medizinische Wirkung von Honig sind unter anderem Enzyme verantwortlich, vor allem Glukose-Oxidase und Katalase. Zusammen mit dem hohen Zuckergehalt wirken sie gegen Bakterien, Viren und Pilze, hemmen Entzündungen und fördern die Wundheilung.8, 9 Isst man den Honig, ist es mit der enzymatischen Wirkung vorbei, denn Eiweiße denaturieren durch die Magensäure und werden so wirkungslos. Nicht so bei äußerlicher Anwendung: Bekannt geworden durch extrem bakterizide Wirkung ist Manuka-Honig, einen ausführlichen Artikel gibt es bei Bienen.info. Enzyme spielen hier nur eine untergeordnete Rolle – er hat sie seinem hohen Gehalt an Methylglyoxal (MGO) zu verdanken.10

Wie viel Honig darf man essen?

Honig oder Zucker: Ernährungsphysiologen machen da keinen Unterschied. Eine offizielle Ernährungsempfehlung für Honig gibt es nicht, wohl aber für Zucker. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und die Weltgesundheitsorganisation raten, maximal zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr mit Zuckern zu decken.11, 12 Viel ist das beim heutigen Überangebot nicht: 50 Gramm Zucker erledigen das bei einem durchschnittlichen Erwachsenen mit 2.000 kcal. Zum Vergleich: Die Honigportionen beim Hotelfrühstück enthalten meist 20 Gramm, ein Glas Cola rund 25 Gramm.

Honig oder Rohrzucker – Was ist besser?

Durch den hohen Gehalt an Fruktose ist Honig süßer als Haushaltszucker. Daher kann man ihn beim Backen nicht 1:1 als Ersatz einsetzen; stattdessen nimmt man nur drei Viertel der angegebenen Menge. Er ist nicht nur süßer als Zucker, er hat auch weniger Kalorien – immerhin ein gutes Viertel: 100 Gramm Rohrzucker schlagen mit 380 kcal zu Buche, Honig nur mit 300 kcal. Der größte Unterschied ist allerdings der Geschmack: Ist Weißzucker einfach nur süß, schmeckt jeder Honig anders. Daher mundet ein Tee mit Akazienhonig vollkommen anders als einer mit etwas Lavendelhonig, und Lebkuchen mit Invertzucker statt Honig ist kein Lebkuchen. Vollrohrzucker ist ebenfalls geschmacklich interessanter, hat aber ernährungsphysiologisch keinerlei Vorteile gegenüber der zusätzlich gebleichten Variante.13

Besser Imkerhonig statt Industriehonig

Hat man einen Imker um die Ecke wohnen, sollte man seinen Honig lieber dort kaufen als im Supermarkt. Abgesehen davon, dass sein Honig keine Weltreise hinter sich hat und daher einen besseren ökologischen Fußabdruck aufweist als Massenware aus Fernost, muss der Imker die strengen Verordnungen der Honigverordnung des Deutschen Imkerbundes einhalten.14 Das heißt, er darf den Honig nicht über 40 °C erwärmen, der Wassergehalt muss unter 18 Prozent liegen und andere Kriterien, die zu einer außergewöhnlich hohen Honigqualität beitragen.

Vorsicht vor Pestiziden

Der Gehalt an Pestiziden ist in deutscher Ware meist geringer als in Importhonig. Die Angabe Mischung von Honig aus EU-Ländern und Nicht-EU-Ländern sollte man als Gefahrenhinweis betrachten: Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hat in jedem zweiten Honig aus dem Supermarkt Rückstände von Pestiziden gefunden.15 Der Gebrauch von Spritzmitteln macht vor Ackergrenzen nicht halt. Daher ist es wenig verwunderlich, dass Öko-Test in konventionell erzeugtem deutschem Honig ebenfalls Insektizide gefunden hat.16 Spitzenreiter waren Rapshonig und Blütenhonig mit hohem Rapsanteil. Mit Bio-Honig fährt man hier deutlich besser. Von Gesetzes wegen müsste das nicht so sein: Die Grenzwerte der deutschen Honigverordnung sind die gleichen sind wie bei Bio-Honig.17, 18

Welche Rolle spielt Pollen gentechnisch veränderter Pflanzen?

Eine ähnlich traurige Trefferquote hatte Öko-Test bei Importhonig mit Pollen gentechnisch veränderter Pflanzen: Fast die Hälfte der untersuchten Proben enthielt Blütenstaub von Gen-Mais und ähnlichem.19 Selbst innerhalb der EU ist man davor nicht mehr gefeit, seit man die Deklarationspflicht für Pollen gentechnisch veränderter Pflanzen abgeschafft hat: Er gilt inzwischen nicht mehr als Zutat, sondern als natürlicher Bestandteil. Eine entsprechende Angabe ist daher nicht mehr notwendig. Wer keinen GVO-Pollen frühstücken möchte, sollte auf Honig aus Deutschland, Südosteuropa und fairem Handel zurückgreifen. Dort spielen Gen-Mais und -Raps keine Rolle, und der Einsatz von Pestiziden erfolgt sparsamer als etwa in den USA.

Was bedeuten bei Honig Bio und Fairtrade?

Bio-Imker müssen strenge Auflagen bei der naturnahen Haltung ihrer Völker einhalten und auf ausreichenden Abstand zu konventionell bestellten landwirtschaftlichen Flächen achten.20 Im Umkreis von drei Kilometern müssen vorwiegend Wildpflanzen wachsen. Dazu gehören ökologisch bestellte Äcker und Wiesen und Wälder. Im Durchschnitt verbraucht jeder Deutsche zwei Pfundsgläser Honig. Mit inländischem Honig ist dieser Bedarf nicht zu decken. Will man trotz der schlechteren Ökobilanz auf ausländischen Honig zurückkommen, sollte man auf das Fairtrade-Siegel achten. Damit ist wenigstens sichergestellt, dass die einheimischen Imker einen gerechteren Lohn erhalten als von den großen Lebensmittelkonzernen.

Insektensterben: Imker fördern heißt Bienensterben verhindern

Mit dem Kauf von regionalem Honig beim Imker unterstützt man den Erhalt von Bienenvölkern, vor allem wenn dieser nach den Bio-Richtlinien agiert. Was trivial klingt, ist unheimlich wichtig: Bienen sind unsere fleißigsten Bestäuber – ohne sie gäbe es keine Äpfel, Birnen, und auf viele weitere Obstsorten sowie die meisten Gemüse müssten wir verzichten.21 Das vielzitierte Bienensterben ist nur die Spitze des Eisberges namens Insektensterben. Die Biomasse an Insekten hat in knapp dreißig Jahren um über 75 Prozent abgenommen – das sollte ein eindringliches Warnsignal sein.22 Denn für eine effektive Bestäubung sind auch Wildbienen notwendig, die nicht von Imkern umsorgt werden wie die Honigbienen.23 Ganz zu schweigen von den sonstigen Folgen für unsere Ökosysteme.

Tipps für den Gebrauch von Honig

Wie beim Zucker sollte man es auch mit Honig nicht übertreiben – im Übermaß sind beide ungesund. Gegen den Einsatz als Genussmittel spricht hingegen nichts. Zu seinen zahlreichen Verwendungsmöglichkeiten gehören:

  • Honig in der Küche. Einfach die angegebene Zuckermenge durch dreiviertel des Gewichts an Honig ersetzen, etwa beim Backen.24 Welche Honigsorte schmeckt am besten? Ausprobieren!
  • Honig als Hausmittel. Berühmtestes Beispiel: Honig mit kleingeschnittenen Zwiebeln gegen Erkältungen. Der austretende Saft hilft bei hartnäckigem Husten und macht in den meisten Fällen ein Antibiotikum überflüssig. Davon profitieren vor allem Kinder.25
  • Honig gegen Pickel und Akne. Honig, insbesondere Manuka-Honig, wirkt bakterizid. Damit lassen sich Bakterien vertreiben, die Eiter bilden und hässliche Narben hinterlassen.26 Ab und zu eine Honigmaske pur oder mit Quark verrührt auftragen und nach einer halben Stunde mit Wasser abwaschen genügt. Zudem wird die Haut damit feucht und elastisch.
  • Honig gegen Hauterkrankungen. Honig hilft ebenso bei dermatologischen Erkrankungen wie Psoriasis und Neurodermitis.27 Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über eine ergänzende Behandlung.
  • Honig zur Lippenpflege. Die meisten Lippenpflegeprodukte enthalten Mineralöle, Paraffin und sind gesundheitlich fragwürdig. Öko-Test fand darin Stoffe, die im Verdacht stehen krebserregend zu sein.28 Viel gesünder, billiger und einfacher: Ab und zu die Lippen mit etwas Honig einreiben.29
  • Honig zur Wundheilung. Hier ist Manuka-Honig das Wundermittel. Er hilft nicht nur bei Druckgeschwüren, Unterschenkelgeschwüren und anderen chronischen Wunden, sondern auch bei normalen Schnittverletzungen oder Abschürfungen.30 Erstere sollte man den Experten überlassen, bei einfachen Verletzungen kann man eine Spur davon auf die Wunde auftragen, bevor man Pflaster oder Verband anlegt.

Bildquelle: Drawn of a painting from the caves of Cueva de la Araña by Achillea (Umzeichnung der mesolithischen Felszeichnung eines Honigjägers oder einer Honigjägerin, der auf einem Baum geklettert ein Bienenvolk ausbeutet. Aus den Cuevas de la Araña, bei Bicorp, Valencia, Spanien. (Datierung unsicher um 8000 bis 6000 vor Chr.)