Leibwinde bändigen: Mittel gegen Blähungen

Mittel gegen Blähungen - Leibwinde bändigenStefanie verabschiedet mit einem Lächeln ihren neuen Freund, wartet bis er im Treppenhaus verschwunden ist und schließt dann mit schmerzverzerrtem Gesicht ihre Wohnungstür. Den ganzen Abend hat sie ihre Blähungen eingehalten und leidet nun unter Magenschmerzen. Wie so viele Menschen hat sie ihr Wohlergehen unseren oft kurios anmutenden Bräuche des sozialen Miteinanders untergeordnet, sie hat kein Lüftchen getrübt und verflucht jetzt den Rosenkohl.

Der Furz oder Pups, die Blähung, die nahezu poetisch als Leibwind bezeichnete Flatulenz gilt heute als unanständig, unhöflich und vulgär. Wer diesen Wind sät, erntet einen Sturm der Entrüstung – oder manchmal des Gelächters, wenn er in vertrauter Runde weht.

Egal wie absurd uns die Ächtung natürlicher menschlicher Vorgänge in der Öffentlichkeit vorkommt: Es gibt einige gute Gründe, die Entwicklung oder das rektale Entweichen von Darmgasen zu vermeiden.

Warum nicht einfach furzen?

Das Furzen ist eine natürliche Körperfunktion. Befindet sich Gas im Darm, so lässt der Körper dies optimalerweise entweichen. Denn staut sich die Luft an, kann sie schmerzhafte Bauchkrämpfe verursachen. Damit hat Stefanie gerade zu kämpfen. Das Pupsen vor ihrem neuen Freund wäre ihr viel zu peinlich gewesen, sie hat eingehalten, die Luft hat sich angesammelt, ihre Bauchdecke spannt sich und die Muskulatur hat zu kämpfen. Die Folge einer einfachen Entscheidung für einen Abend ohne missliche Zwischenfälle wie unvorhersehbare Gerüche.

Die Bildung von Flatulenzen ist abhängig von der Ernährung. Manchmal besteht keine Wahl und man ist zum Verzehr besonders gasverursachender Lebensmittel gezwungen. Vielleicht sogar über längere Zeit. Dann können die abgehenden Blähungen stören oder anstrengend werden, denn eine erhöhte Gasproduktion im Darm verursacht auch bei häufigem Pupsen oft einen gespannten Bauch.

Besonders problematisch ist dies für Patienten mit Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder Reizdarmsyndrom (RDS, IBS), welche entsprechend gute Gründe zur Meidung von Blähungen haben.

Wie entstehen Blähungen?

Woher genau kommen die Gase im Darm? Zu den häufigsten Ursachen gehört der bakterielle Abbau pflanzlicher Nahrung im Dickdarm. Was der Verdauung in Magen und Dünndarm entgeht, landet im Dickdarm. Dort zersetzen unsere besten Freunde, die Darmbakterien, die Reste in ihre Einzelteile und bilden dabei Gase. Verantwortlich für Blähungen sind also nur solche Lebensmittel, die wir nicht bereits selbst in Magen und Dünndarm durch Enzyme verdaut haben. Konkret sind es einige Kohlenhydrate (spezifische Zucker) in diesen pflanzlichen Lebensmitteln, darunter Raffinose und Inulin. Für die Verdauung dieser Stoffe fehlen uns die entsprechenden Enzyme. Inulin finden wir in Topinambur, Pastinaken, Schwarzwurzeln und Zwiebeln (wie auch Lauch und Knoblauch). Raffinose ist besonders in Hülsenfrüchten (Bohnen, Erbsen) und den verschiedenen Kohlsorten enthalten.

Blähungen effektiv vermeiden

Ein radikaler, aber zuverlässiger Weg zur Vermeidung von Blähungen, ist der Verzicht auf diese Lebensmittel. Doch häufig ist das nicht wünschenswert und es gibt Alternativen. Verhindert man, dass die entsprechenden Zucker (s.a. FODMAP) in den Dickdarm gelangen, können die Bakterien dort keine Gase mehr daraus bilden. Dazu gibt es zwei Lösungen.

Die Erste ist der Abbau der problematischen Zucker vor dem Verzehr. Die einzig praktische Möglichkeit im Haushalt ist dafür Hitze. Raffinose zerfällt bei 118°C. Möchte man etwa Rotkohl durch Hitze entschärfen, benötigt man also einen Schnellkochtopf, unter dessen hohen Druck diese Temperaturen möglich sind. Die Modelle unterscheiden sich allerdings stark und viele erreichen nur 115-116°C. Wer die Eigenschaften seines Küchenwerkzeugs genau kennt, kann diesen Weg wählen. Eine allgemein zuverlässige Methode ist das Erhitzen allerdings nicht, da in der Regel Unklarheit über die Temperatur und deren Verteilung im Topf besteht.

Bleibt als zweite Möglichkeit die enzymatische Zersetzung der Raffinose nach dem Verzehr. Wenn der Mensch von Natur aus nicht über das passende Enzym verfügt, können wir nachhelfen. Zum Beispiel durch die pflanzlich gewonnene alpha-Galactosidase. Die gibt es in Tablettenform in der Drogerie, offenbar ohne jegliche gesundheitliche Bedenken. Im englischen Sprachraum ist das Produkt Beano verbreitet, in Deutschland bietet das Unternehmen Biolabor eine günstigere und höher dosierte Alternative unter dem Namen Verdauungsenzym an. Endlich mal Klartext.

Diese Tabletten habe ich nun längere Zeit und unter erschwerten Bedingungen (haufenweise Gemüse) getestet. Sie funktionieren und bestätigen so die Studienlage. Ein Teller voll Grünkohl oder Rotkohl verursacht mir nun keine einzige Blähung mehr. Die Stille ist beinahe beunruhigend.

Etwa sieben Euro kostet der Spender mit 40 Tabletten, das sind rund 18 Cent für eine krampf- und tonlose Verdauung solcher Lebensmittel und es gibt Alternativen von anderen Herstellern (siehe unten*). Die Tablette nimmt man direkt vor dem Essen ein. Möglicherweise funktioniert sie bei einigen Menschen nicht, was an einem ungünstigen Milieu im Magen liegen kann oder an falscher Anwendung. Einen Versuch wert scheint es allemal. Leider habe ich ein entsprechend erhältliches Enzym zur Verdauung von Inulin nicht finden können.

Neugierig war ich, was denn nach der enzymatischen Verdauung der Raffinose passiert. Wenn das Enzym sie in ihre Einzelteile zerlegt, kann mein Körper sie offenbar verdauen. Das bedeutet zwangsläufig einen höheren Nährwert. Recherchen bei den entsprechenden Herstellern bestätigen dies und geben einen durchschnittlich fünf bis zehn Prozent höheren Kohlenhydratanteil der entsprechenden Gemüse an. Prima, mehr Energie aus der gleichen Gemüsemenge und dafür keine Blähungen. Ein guter Tausch. Hinsichtlich des Blutzuckerhaushalts ist diese Änderung praktisch irrelevant, da Kohl ohnehin nur wenige verdauliche Kohlenhydrate enthält.

Stefanie kann also entscheiden, ob sie zum Vermeiden von Blähungen künftig auf ihren geliebten Rosenkohl verzichtet, mit einem Schnellkochtopf experimentiert oder die Hilfe der Tabletten in Anspruch nimmt.

Warum verfügen wir nicht von Natur aus über dieses Enzym? Man kann nicht alles haben und in der Evolution setzen sich nur lohnenswerte Eigenschaften durch. Vermutlich reicht der geringe energetische Mehrgewinn aus der Nahrung durch das Enzym nicht aus, um es zur Standardausstattung des Menschen zu machen. Vielleicht waren andere Teile unseres Organismus wichtiger. Oder vielleicht hat die Natur für uns eine Karriere als Kunstfurzer im Moulin Rouge vorgesehen.

* Verdauungsenzym von Biolabor ist erhältlich bei Amazon, allerdings zu einem höheren Preis als in der Drogerie. Alternativ bietet sich das Produkt Oligase 600 der Pro Natura GmbH an, welches bei gleicher alpha-Galactosidase-Dosierung weitere Enzyme in geringer Menge enthält. Wer bei Amazon bestellt, kommt mit letzterem Produkt (Oligase 600) erheblich günstiger davon. Ich habe nur Verdauungsenzym getestet.

Einen Schritt weiter geht Doctor’s Best Best Digestive Enzymes. Meine Ergebnisse damit waren noch zuverlässiger und umfangreicher, allerdings is das Produkt auch etwas teurer.

Alleine essen macht krank

Karotten alleine essenDie Tochter verkrümelt sich gerade mit einem Teller Nudeln mit Käsesoße vor den Fernseher, als Mama die siebte Kurznachricht durch ihr Telefon feuert, ein Knäckebrot in der linken Hand. Ihr jüngerer Sohn hat bereits am Computer in seinem Zimmer eine Lasagneschale ausgelöffelt und Papa lässt sich auf dem Heimweg im Drive-Through bedienen. Niemand muss mehr seinen Lebensstil unterbrechen, um zu essen wann und was er möchte. Wir nennen das Komfort. Biologisch erfüllt diese Art des Essens scheinbar die gleiche Funktion. Doch durch den zusehends individualisierten Lebensstil verlieren wir viel.

Unsere Evolution hat uns bereits vor vielen Tausend Jahren ermöglicht, unseren Tag mit anderen Dingen als nur der Futtersuche zu verbringen. Diese freigewordene Zeit können wir heute mit wichtigen Tätigkeiten wie dem Anschauen von Katzenvideos verbringen. Dennoch ist Essen nach wie vor lebensnotwendig und wohl dank dieses Umstandes ist das kommunale oder familiäre Essen am Tisch traditionell der Mittelpunkt des sozialen Lebens. Technologische Entwicklungen wie die Industrialisierung der Lebensmittelproduktion und die Mikrowelle haben diese Institution in den letzten 60 Jahren jedoch besonders in den Industrienationen zusehends verwässert. Familienmitglieder essen vermehrt allein und verlieren den Kontakt zueinander. Zu den dramatischsten Folgen der einsamen Mahlzeiten gehört neben Übergewicht und Essstörungen auch ein erhöhter Drogenkonsum.

Alleine essen in der Jugend

Essen Jugendliche häufig (fünf- bis siebenmal pro Woche) mit ihren Eltern zu Abend, berichten sie mit erheblich höherer Wahrscheinlichkeit von einem exzellenten Verhältnis zu ihren Eltern. Ein solch gutes Verhältnis ist schon für sich genommen gesund und angenehm und gewiss streben die meisten Familien dies an. Doch der Effekt geht darüber hinaus: Jugendliche mit einer solchen Beziehung zu ihren Eltern bleiben mit zwei- bis vierfacher Wahrscheinlichkeit Drogen wie Marihuana, Alkohol und Tabak fern. Dies bestätigt die These, ein positiv gefestigtes soziales Umfeld schütze effektiv gegen Drogenmissbrauch. Ob die Jungendlichen stattdessen mehr Katzenvideos konsumieren, war nicht Teil der Untersuchung.

Diese Ergebnisse können darauf hindeuten, dass sich die Eltern in solchen Familien generell mehr am Leben ihrer Kinder beteiligen und nicht das gemeinsame Essen diese positiven Effekte verursacht. Dennoch ist das gemeinsame Essen ein Bestandteil dieses Zusammenlebens.

Alleine essen im Alter

Andere Untersuchungen zeigen die Auswirkungen einsamer Mahlzeiten auf ältere Menschen. Alleinstehende oder verwitwete Senioren essen seltener und weniger vielseitiges Obst und Gemüse. Zugleich neigen sie erheblich häufiger zu Übergewicht, wobei für allein essende Männer zugleich die Gefahr des Untergewichts erhöht ist. Die Zusammenhänge sind komplex und deuten auf ein generell gesünderes Essverhalten bei in Gesellschaft lebenden und essenden Senioren hin.

Diese Beispiele verdeutlichen den Wert gemeinsamer Mahlzeiten. Sie fördern ein gesundes Essverhalten und stärken soziale Bindungen. Bestsellerautor Michael Pollan argumentiert in seinen Werken: »Das gemeinsame Mahl erhebt Essen vom mechanischen Prozess der Energieversorgung zu einem Ritual der Familie oder Kommune, von tierischer Biologie zu einem Akt der Kultur.«

Wenn ein Verständnis für den Wert des gemeinsamen Speisens besteht, erhöht dies den Stellenwert der Mahlzeit als Ritual im Alltag. Diese erhöhte Wertschätzung dehnt sich wahrscheinlich auch auf die Qualität des Essens selbst aus. Da liegt nahe, mehr selbst (und gemeinsam) zu kochen, was weitere gesundheitliche Vorteile mit sich bringt.

Der positive Effekt gemeinsamen Essens ist demnach immens.

Wie kann man das zu Hause umsetzen?

Ist nicht erstaunlich, wofür wir uns Zeit nehmen, wenn die Motivation stimmt? Der Tag ist zu geschäftig für ein paar Liegestütz und Kniebeugen zwischendurch, ganz zu schweigen von einer halben Stunde Küchenarbeit. Und trotzdem reicht die Zeit für den abendlichen Kinobesuch und die Lieblingsserien im Fernsehen. Und für Katzenvideos zwischendurch. Folgende Tipps können am Anfang bei der Motivation helfen:

  • Das gemeinsame Essen als zusätzlichen Termin, als Pflicht einführen zu wollen, wird wahrscheinlich nicht von Erfolg gekrönt. Wie wäre es, wenn Sie stattdessen gemeinsam über das Potenzial für schöne gemeinsame Momente sprechen? Herrscht Einigkeit, ist der Erfolg garantiert und bereits das erste Erlebnis macht Lust auf mehr und zeigt zugleich stets Potenzial zur Verbesserung auf. Das ist die Pflege des Beisammenseins.
  • Wichtig ist, sich nicht selbst einzuschüchtern. Es geht zunächst um ein einziges, schönes, angenehmes Mahl miteinander. Fangen Sie einfach damit an. Schauen Sie dann, wie es Ihnen gefallen hat und machen Sie sich erst dann an das nächste Mahl. Gelegenheiten gibt es schließlich jeden Tag.
  • Es bricht wirklich keine Welt zusammen, wenn man Nachrichten auf dem Smartphone mal eine halbe Stunde unbeantwortet lässt. Am besten schalten Sie das Gerät ganz aus.
  • Morgens ein paar Minuten früher aufzustehen, um sich beim Frühstück wenigstens kurz noch zu sehen, kann den Tag eher verbessern als verschlechtern.
  • Machen Sie sich bewusst, was Ihnen zwischenmenschlichen Beziehungen bedeuten und wie wichtig die Familie in Ihrem Leben ist. Entstehen nicht einige der schönsten Erinnerungen beim Zusammensein am Esstisch?
  • Reservieren Sie einen Tisch im Haushalt als gemeinsamen Esstisch, nichts darf ihn blockieren. Wenn nicht so viel Platz ist, räumen Sie wenigstens zum Essen alles andere vom Tisch.
  • Setzen Sie sich an den Tisch und atmen Sie tief durch. Schauen Sie sich gegenseitig in die Augen und wünschen Sie sich guten Appetit. Es ist ein Geschenk, dass Sie diesen Moment gemeinsam verbringen können.
  • Sprechen Sie über das Essen. Wonach schmeckt es? Wie gefällt es? Wie wurde es zubereitet? Vielleicht auch: Woher kommen die Zutaten?
  • Oder sprechen Sie über wichtigere Themen: Wie geht es uns?

Der Drache im Kochtopf

Jeder kann kochenDie Medien porträtieren Köche und Gastrokritiker als Helden und Weise im Kampf um die Tempel des guten Geschmacks: Restaurants. Derweil bekämpfen sich im Fernsehen vor wachsenden Zuschauerzahlen Menschen gegenseitig in der Küche. Dieses einschüchternde Bild der Küchenarbeit vermittelt, Kochen sei schwierig, mühselig und riskant. Doch das sind Legenden und Hirngespinste. Köche und Restaurants, Kochbücher und Kritiker sind nicht das Maß des Kochens. Das eigentliche Kochen findet anderswo statt.

In einem Restaurant im Schatten des Notre-Dame schaue ich überwältigt auf meinen Teller. Dort liegt ein Coq-au-Vin – ein Stück Huhn. Aus der Mikrowelle. Ein leider zu später Blick in die Küche zeigt drei dieser Geräte im Dauerbetrieb. Kurz bilde ich mir ein, das überhitzte und ausgetrocknete Häufchen Fleisch vor mir schaue mich mit einem weinenden und einem beschämt blickenden Auge an. Mein Mitgefühl ist ihm sicher.

Restaurants & Profiköche

Viele Restaurantbesucher kennen diese Momente der Enttäuschung. »Das hätte ich zu Hause besser hinbekommen – und günstiger!« ist ein häufiges Fazit. Und doch genießen die Profiköche weiterhin hohes Ansehen, werden teils wie Rockstars gefeiert. Doch was ist ein Profikoch? Der Profi definiert sich durch die Profession, den Beruf. Ein Profikoch ist streng genommen einfach jemand, der mit dem Kochen Geld verdient. Das setzt keine Ausbildung voraus, keine Erfahrung, kein Fachwissen und keine Qualitätsansprüche.

»Jeder kann kochen!« proklamiert die Figur des Auguste Gousteau im Pixar-Film Ratatouille und macht damit Mut, in die abenteuerliche Welt des Kochens einzutauchen und es einfach auszuprobieren. Später relativiert die Geschichte nur leicht: »Nicht jeder kann ein großartiger Koch sein; aber ein großartiger Koch kann von überall kommen.«

Allerdings bezieht sich der Film dabei auf die Leidenschaft für das Kochen und nicht auf die Professionalität. Die Nachricht: Wer etwas gerne macht, kann und soll es machen; ohne Zertifikat und Attest. Establishment und Institution haben keine Autorität.

Wer in der Fast Food-Branche Burger wendet oder Salate zusammenwirft, ist Profikoch. Ebenso wie jeder, der in einer Kneipe einen in Rapsöl ertränkten Strammen Max bereitet. Mit der Definition Profi kommen wir aufgrund der Qualitätsbandbreite nicht weiter. Zumal: Was passiert mit dem erfahrenen Profikoch, wenn er in Rente geht? Dann ist er kein Profi mehr – kaum jemand würde jedoch argumentieren, er verlöre damit auch seine Fähigkeiten als Koch.

Ultimatives Ziel eines Restaurants ist der finanzielle Gewinn. Das ist die wirtschaftliche Realität und Notwendigkeit dessen, was ein Restaurant ist: Ein Geschäft. Natürlich kann man in diesem Rahmen mit Liebe fantastisches Essen auf den Tisch bringen, das Kunsthandwerk weiterentwickeln und Menschen etwas beibringen. Doch das sind optionale Ziele, die wenige Köche verfolgen, zumal sie selbst häufig angestellte mit klar eingeschränkter Aufgabe sind: Gewinnbringend arbeiten.

Immer mehr Restaurants setzen nicht vornehmlich auf gutes Essen, sondern auf Erlebnisse, wie der stets wachsende Bereich der Event-Gastronomie zeigt. Mit etwas Feuerwerk und Augenwischerei ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert (etwa Gürteltier-Filet mit Pastinakenschaum an Oktarinen-Anis-Crumble. Mit Blattgold.) und schon übertönt das Aussehen des aufwändig angerichteten und vielfach Smartphone-fotografierten Mahls dessen mäßigen Geschmack und die ahnungslose Kellnerin.

»Restaurants gibt es unzählige. Was hat das Kochen gewonnen? Ich würde eher sagen, was es verloren hat«, beklagt der Gastrokritiker Charles Monselet entsprechend bereits 1879.

Die Realität ist: Praktisch jeder kann ein Restaurant eröffnen. Qualität oder schmackhaftes Essen sind dafür keine Voraussetzungen. Das Mittelmaß genügt und auch das übelste Schnitzel kann ausreichen, um einer Gaststätte über Jahrzehnte Gewinne einzufahren.

Weder die Einrichtung des Restaurants noch der Status Profikoch sind also Garanten für gutes Essen. Wenn diese Adressen uns nicht weiterhelfen können, wo sonst können wir das wirkliche Kochen finden?

Fernsehen

Immer mehr Köche zieht es ins Fernsehen, wo sie unerklärt eine weitere Adelung ihrer Fähigkeiten erfahren. Wer sogar im Fernsehen kocht, habe es weit gebracht und müsse ein wirklich guter Koch sein. Das Attest gilt erschreckend weitreichend, wenn man bedenkt, dass nur die wenigsten Zuschauer mangels Geschmacksfernsehen die Werke dieser Köche je gegessen haben. Auch im Fernsehen kann jeder kochen.

Das Fernsehen konzentriert sich naturgemäß auf visuelle Aspekte. Das Essen (und das Kochen) soll gut aussehen und spektakulär oder inspirierend einfach wirken. Ob es echt ist und wie es schmeckt, spielt dabei keine Rolle, solange ausreichend flotte Sprüche fliegen und der Zuschauer dran bleibt.

Zu diesem Zweck rekrutieren die Produzenten auch Amateurköche. Das sind solche, die gleich ihrer Fähigkeiten, Hingabe und Ausbildung kein Geld mit dem Kochen verdienen und es nur als Hobby betreiben. Klar abzugrenzen also von den Profiköchen. Diese treten in zahlreichen Shows gegeneinander an, die Küche gerät wörtlich zur Arena. Das ist eine Lektion, die das Fernsehen uns vermitteln möchte: Man könne gegeneinander kochen.

Das Urteil über die Fähigkeiten fällt hinterher eine Jury. Wildfremde Menschen sitzen da als die Weisen der Gastronomie. Niemand von ihnen würde im echten Leben zu den Kandidaten nach Hause gehen und sich bekochen lassen. Dennoch, so zeigt das Fernsehen, haben diese zu Autoritäten aufgestuhlten Personen nun die Qualität des Essens zu beurteilen. Und das, nachdem die Kandidaten nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen eine laut tickende Uhr gekocht haben.

Noch eine Lektion aus dem Fernsehen: Kochen ist ein Wettkampf. An dessen Ende entscheiden fremde Autoritäten definitiv über die Qualität.

Die Nachricht: Kochen ist anspannend, anstrengend und endet wahrscheinlich im Versagen. Liebe Zuschauer, macht das besser nicht zu Hause.

Kochbücher

Wer sich all dem entziehen möchte, die Suche nach guten Restaurants aufgegeben und das Fernsehen hinter sich gelassen hat, möchte es vielleicht doch noch selbst versuchen. Hilfe verspricht eine Unzahl von Kochbüchern. Rezepte und Traditionen aus aller Welt können wir im heimischen Bücherregal abrufen. Dorthin gelangen die Bücher, deren Inhalte viele Sammler selbst nicht ein einziges Mal nachgekocht haben, ganz einfach: Durch Versprechen höchster Genüsse. Transportiert überwiegend durch aufwändig produzierte Fotos projizieren sie ihre Geschichten von exotischen Aromen und einfacher Zubereitung in die Vorstellung der Betrachter (selten: Leser) und schaffen sich so Platz im Portemonnaie.

Angekommen in der Realität der heimischen Küche schlafen viele dieser ehemals strahlenden Bücher sofort ein. Exotische Zutaten, nicht verfügbare Geräte, schlechte Beschreibungen, mehrstündige Vorbereitungszeiten oder, erschütternderweise, enttäuschend armseliger Geschmack der aufwändigen Ergebnisse stehen der Umsetzung der Traumfotos im Weg.

Ohne Frage gibt es echte Juwelen in der Welt der Kochbücher. Meist sind sie sehr schlicht produziert und enthalten wenige bis gar keine Fotos. Stattdessen dringen Seite nach Seite wertvolle Informationen auf den Leser ein, gesammelt über Jahrhunderte und zusammengetragen von Generationen. Diese Art Buch findet man so selten wie einen Trüffel.

Das Gros der erhältlichen Kochbücher jedoch existiert scheinbar in einer biblischen Parallelwelt der Perfektion, welche keine Variation zulässt und in der nichts schiefgehen kann – es sei denn, der Hobbykoch macht etwas falsch. Die Botschaft demgemäß: Wenn das Ergebnis nicht genauso aussieht, muss der Hobbykoch etwas falsch gemacht haben.

Das echte Kochen: Zu Hause

Kochen mache uns menschlich, argumentieren einige Wissenschaftler und Autoren. Es ist eine der definierenden Fähigkeiten unserer Spezies. Sicherlich haben wir gekocht, bevor es Fernseher und Kochbücher gab und auch vor der Eröffnung des ersten Restaurants.

Ziel des Kochens war zunächst allein die Ernährung, wozu mindestens als Mittel zur Wahl der besten Lebensmittel immer auch guter Geschmack gehörte. Menschen in aller Welt kochten und aßen gemeinsam. Traditionell sind es meist Großmütter und Mütter, die für ihre Familien kochen und sie ernähren und – nach Kräften – mit höchstem Genuss verzaubern.

Das ist das echte, das eigentliche Kochen. Es ist das Kochen, das Eltern an ihre Kinder weitergeben und so bewahren und immer weiter verbessern. Es ist eine Quelle der Tradition, es definiert uns kulturell. Es ist das täglich Kochen; das Kochen, das unsere Zivilisation aufgebaut hat. Es ist das einfache Kochen, das jeden Tag Menschen sättigt und das Überleben sichert.

Kochen ist einfach. Es ist kein Wettkampf, es braucht kein Diplom, keine Institution. Jeder kann kochen. Jeder darf kochen.

Der Haken: Die Definition des Kochens?

In Kochen – eine Naturgeschichte der Transformation sieht der Autor Michael Pollan sich mit einer viel früher ansetzenden Definitionsfrage konfrontiert. Um herauszufinden, wie viele US-Amerikaner selbst kochen, schaut er in die Statistiken der Marktforscher. Nach deren Definition ist Kochen die Kombination zweier Zutaten. Wer eine Packung mit Salatmix öffnet und darüber ein Fertigdressing aus einer weiteren Tüte gibt, koche demnach bereits.

Diese Perspektive der Marktforscher verdeutlicht die Vielfalt der titelgebenden Frage, ist jedoch nur von akademischem Interesse. Werfen wir einfach einen Blick in eine Vergangenheit, in der unsere Kochtradition noch stark verbreitet war: Bis vor rund 100 Jahren gab es kaum Fertigprodukte. Erst im Zuge der Industrialisierung und durch die technische Entwicklung während der Weltkriege zur Versorgung der Soldaten änderte sich dies. Die Verarbeitung von Lebensmitteln zeigte sich für die Industrie erheblich profitabler als die Erzeugung. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts füllen immer mehr sogenannte Convenience-Produkte, Fertiggerichte und helfende Pülverchen die Lebensmittelregale und das Essen nahm zusehends Züge von Feldrationen an.

So drängte sich die Lebensmittelindustrie mit dem Versprechen von mehr Freizeit (hatten wir vorher zu wenig?) und der Befreiung der Frauen in die Küchen. Viele Frauen zu jener Zeit zogen allerdings eine klare Linie: Anders als die übrige Hausarbeit mochten nicht wenige das Kochen als kreative Tätigkeit. Diese Ambivalenz geriet unter die Räder der Werbebotschaften, die im Fahrwasser des Feminismus dazu ermutigten, unangenehme Gespräche über Arbeitsteilung einfach zu meiden und das Kochen ganz der Industrie zu überlassen. Deren Werbung richtete sich dennoch weiter überwiegend an Hausfrauen.

In Urgroßmutters Küche hätten wir demnach das eigentliche Kochen noch entdecken können: Das Kochen aus sorgfältig ausgesuchten und selbst geschnittenen Zutaten, mal rudimentär, mal ausgeklügelt, jedoch immer mit einer zentralen Zutat: Liebe. Dies weiterzutragen liegt in unser aller Macht und Verantwortung.

Selber machen

Kochen ist eine gesunde Angewohnheit: Je mehr eine Nation selbst kocht, desto geringer ist die Verbreitung ernährungsbedingter Krankheiten. Lassen Sie sich nicht von vermeintlichen Autoritätspersonen, Institutionen oder Medien verängstigen, denn dazu gibt es keinen vernünftigen Grund.

Kochen ist einfach und es erfordert kein Fachwissen. Wenn Sie ihr Frühstücksei salzen, oder ihr Brot sorgfältig mit Butter und Marmelade bestreichen, trägt dies bereits Grundzüge des Kochens in sich, sofern Sie nach bewusstem Ermessen handeln. Das Kochen richtet sich immer auch an die Sinne. Achtsamkeit, Aufmerksamkeit und Bewusstheit sind die Grundvoraussetzungen nicht nur für das Kochen, sondern für ein erfülltes Leben. Das sind sehr einfache Dinge, über die wir alle verfügen.

Deswegen kann jeder kochen. Ohne Schwert und ohne Rüstung, denn im Kochtopf sitzt kein böser Drache. Und die einzige Magie im Spiel ist die Liebe, die Sie dem Gericht widmen.

Wenn Sie eigentlich gerne kochen würden, aber den Aufwand fürchten, denken Sie nicht an den Zeitaufwand oder die Häufigkeit. Sie müssen keine Karriere als Profikoch beginnen, sondern kochen nur ein Gericht. Ein einziges. Sie müssen nicht mit drei Mahlzeiten täglich beginnen.

Wie sieht es am nächsten verregneten Sonntag aus? Sie könnten gelangweilt vor dem Fernseher sitzen. Oder Sie können mit angeregten Sinnen in der Küche Aromen erkunden und sich und Ihren Mitmenschen dabei etwas Gutes tun. Es ist Ihre Wahl.

Buchtipps zum Thema:
Die folgenden Bücher legen auf unterschiedliche Weise die Verbindung des Menschen mit dem Kochen dar. Im Original empfand ich sie als großartige, fundierte und fesselnd geschriebene Lektüre.