Weideschlachtung: Tod auf der Weide

Weideschlachtung erleichtert konsequente Haltung Schottischer HochlandrinderDas Tier liegt friedlich auf der Weide, umge­ben vom Herdenverband. Ein gedämpfter Knall und sein Leben ist zu Ende. Keine Spur von Stress, Aufregung oder Schmerzen. Ernst Hermann Maier beschreibt seine Methode der Weideschlachtung blumig als »Vom einen Augenblick zum anderen in den Kuhhimmel gebeamt.«1 Nüchtern betrachtet ist selbst Entschlafen für ein Lebewesen kaum eine sanftere Art des Sterbens. Heute nutzen über 200 Betriebe in Deutschland und Europa die Methode Kugelschuss auf der Weide2. Die höhere Fleischqualität durch dieses Vorgehen wirkt nebensächlich ange­sichts der ethischen Bedeutung. Doch die Weideschlachtung bietet darüber hinaus Vorteile für die gesamte Gesellschaft.

Was ist Weideschlachtung?

Maier hat viele Jahre für sein Prinzip gekämpft, Rinder nicht dem Stress durch Trans­port und Schlachthaus auszusetzen. Der Kugelschuss auf der Weide ermöglicht dem Tierhalter das Schießen des Tieres aus nächster Nähe direkt im Herdenverband. Es ist kein Standardverfahren, die Rahmenbedingungen sind jedoch klar geregelt. Details umfassen die Art der Schusswaffe, das Kaliber und die Projektilart, die Gestaltung des Geheges und Fragen des Tierschutzes, Lebensmittelrechts und Waffenrechts3. Durch umfassende Forschungsarbeit ermittelte man die optimalen Parameter zur sofortigen und vollständigen Zerstörung des Gehirns – und damit zum schmerz- und stressfreien Tod. Die Umsetzung der Weideschlachtung ist aufwändig und erfor­dert neben diver­sen Sachkundenachweisen in der Regel den Bau eines speziellen Abschuss­geheges. Der Lohn dieses Aufwandes ist für Tier, Mensch und Natur immens.

Das folgende Video zeigt den Ablauf einer solchen Weideschlachtung bei den Maiers. Die Durchführung wie hier auf der offenen Weide ist nicht die Regel. Meist erfolgt der Abschuss von einem Schießstand aus auf einer separaten Koppel4. Es ist kein Blut zu sehen und es ist unspektakulär.

Auch diesem Video ist zu entnehmen, dass Maier ein selten inniges Verhältnis zu den Tieren hat. Nur dies ermöglicht ihm die scheinbar mühelose Durchführung im Vorbei­gehen. Leicht fällt es ihm nie.

Weideschlachtung ist die konsequente Fortsetzung der Weidehaltung. In der Mutter­kuh­haltung entfallen damit jegliche Tiertransporte. Die Tiere kommen auf der Weide zur Welt, leben im Herdenverband und sterben dort. Insofern ist die Weide­schlach­tung eine massive Verbesserung des Tierschutzes. Auch die übrige Umwelt profitiert besonders in den Fällen, in denen die Weideschlachtung einen wirtschaftlichen Einsatz von Rindern zur Landschaftspflege erst ermöglicht.

Der im Vergleich zur industriellen Schlachtung höhere Aufwand ist im Preis ablesbar. Genau diese Preiserhöhung und deren Hintergrund bewegt immer mehr Verbraucher, eher weniger Fleisch zu essen; die Wertschätzung des Produktes steigt. Höhere Preise ermöglichen höhere Margen und somit ein besseres Auskommen der Landwirte. Das dient kleinbäuerlichen Strukturen.

Der Verbraucher bezahlt allerdings nicht einfach nur einen höheren Aufwand, bes­se­ren Tierschutz und einen zufriedenen Landwirt, sondern auch höhere Qualität. Das Verladen von Weidetieren für den Transport ist Zeit- und Kraftaufwendig für Mensch und Tier. Das Ausbleiben dieses Stresses wirkt sich positiv auf die Fleischqualität aus. Agraringenieurin Katrin Juliane Fischer untersuchte das gesamte Verfahren an der Universität Kassel und stellte anhand messbarer Kriterien wie pH-Wert, Zartheit, Farbe und Wasserhaltevermögen eine signifikant höhere Qualität des Fleischs aus Weideschlachtung fest5.

Probleme für Landwirte

Der Weg zur Weideschlachtung ist gepflastert mit Anträgen, Genehmigungen, Prüfun­gen und Auflagen. Doch nicht nur der Papierkrieg schreckt ab. Nicht jeder Landwirt ist fähig, seine Tiere zu erschießen. Und nicht jeder möchte es, so sehr er sich den Ver­zicht auf Transporte und das Wohlergehen seiner Tiere wünscht. Selbst wenn sich also potenzielle Käufer des Fleischs zum zwangsläufig höheren Preis finden, ist die Durch­füh­rung nicht einfach.

Wichtig zur Verbreitung der Methode ist daher die Schaffung der rechtlichen Rahmen­be­ding­ungen. So können lokale Infrastrukturen entstehen, welche die Weide­schlach­tung vereinfachen und zugleich einfacher und kostengünstiger machen.

Denn dem Abschuss des Tieres folgt das Zerlegen und auch dies unterliegt einer Viel­zahl von Gesetzen und Auflagen. Vielerorts scheitert die Umsetzung schon an der Ent­fernung zum nächsten Schlachtbetrieb. Und nur für wenige Landwirte lohnt sich der Bau einer eigenen zugelassenen Einrichtung.

Tod bleibt Tod. Ethik und Moral.

Als unmoralisch oder gar unethisch bezeichnen viele Tierfreunde den Verzehr von Fleisch. Das ist anmaßend, denn moralische Vertretbarkeit ist Entscheidung des Indi­viduums. Eine moralische Bewertung ist subjektiv.

Bei ethischer Betrachtung zeigt die Weideschlachtung viele Vorteile. Und auch eine utilitaristische oder nüchterne Betrachtung kann die Methode nur willkommen heißen. Wer als letzten Schritt den totalen Verzicht auf die Tötung von Tieren aufgrund des verursachten Leids fordert, muss die Weideschlachtung als ersten Schritt auf dem Weg gutheißen. Denn sie bedeutet weniger Leid.

Viel schwerer wiegt allerdings die Bedeutung der Weideschlachtung bei ganzheitlicher Betrachtung. Die Methode ist Symbol für einen erhöhten Respekt vor Tier und Natur durch Förderung der Weidehaltung. Das deutet auf eine höhere Wertschätzung der Umwelt, von der wir alle profitieren. Emotional, gesundheitlich und wirtschaftlich durch die Dienstleistung des Ökosystems Weide.

Was können wir tun?

Nutztierhaltung ist nicht allein Aufgabe des Landwirtes. Denn »wir alle sind Landwirte durch einen Bevollmächtigten«6, welchen wir durch unser Portemonnaie wählen. Wir alle sind demgemäß zuständig für die Entwicklung und Verbreitung solcher Methoden.

Wer das Ende der Massentierhaltung und entsprechender Tiertransporte, Schlach­tun­gen und Qualen einleiten möchte, hat die einfache Wahl, das entsprechende Fleisch nicht mehr zu kaufen. Menschen müssen kein Fleisch essen um zu überleben. Wer dennoch nicht verzichten möchte, hat die Wahl, ausschließlich Fleisch aus Weide­hal­tung und Weideschlachtung zu beziehen. Qualitativ ist es objektiv die deutlich bessere Wahl. Es kostet mehr als die Industrieware. Das versteht sich von selbst. Fleisch ist ein Luxusprodukt.

Wo findet man Fleisch aus Weideschlachtung?

Die Seite weidefleisch.org fokussiert objektiv auf sämtliche Aspekte der Weidehaltung und hilft beim Finden entsprechender Produzenten.

Fußnoten

  1. Weideschlachtung auf der Alb | Kaffee oder Tee? YouTube (18. Oktober 2015). [^]
  2. Laut Angaben des Uria e.V. anlässlich der Einladung zum Hoffest 2016. [^]
  3. TVT Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. (2013) Merkblatt Nr. 136 Kugelschuss auf der Weide als Betäubungs- / Tötungsverfahren zur Schlachtung von Rindern. Bramsche. [^]
  4. Mehr Details zur Methode finden sie hier: weidefleisch.org/weideschlachtung [^]
  5. Katrin Juliane Schiffer (2015) Hofschlachtung von Rindern per Kugelschussmethode. Universität Kassel, ISBN 978-3-8440-3951-1. [^]
  6. Wendell Berry. [^]

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8 Kommentare zu “Weideschlachtung: Tod auf der Weide

  1. Franziska

    Lieber Felix,

    mir gefällt sehr gut an diesem Artikel, dass du den ethischen Aspekt in den Vordergrund stellst. Ich erlebe es immer wieder dass Menschen von Fleisch aus Weideschlachtung schwärmen, dass die Qualität des Fleisches so unglaublich gut ist und dass sie nur noch Fleisch aus Weideschlachtung essen weil qualitativ sonst einfach nichts anderes mithalten kann. Ich muss mir dann immer auf die Zunge beißen um nicht zu fragen ob der Geschmack des Fleisches so viel wichtiger ist als die Lebens- (oder Sterbens-)bedingungen des Tieres.
    Das ist ein Trend den ich so ein bisschen beobachte, auch bei Veganern und Vegetariern, oder Bio-essern. Man tut das nicht weil man der Umwelt oder den Tieren etwas Gutes tun will, sondern weil man es leckerer oder gesünder findet.
    Ich will nicht behaupten dass das kein guter Gund wäre, aber ich finde es schade dass es “out” ist, sozial zu sein.
    Da kann man ja nur von Glück sagen dass das Weideschlachtungsfleisch besser schmeckt, sonst würden die Tiere wahrscheinlich bald bei lebendigem Leibe gegrillt…

    1. Felix

      Danke Franziska. Ich teile deine Einschätzung nicht. Mein Eindruck ist eher, dass viele Menschen diese Themen zu dogmatisch und pauschal behandeln. Da wird ein mal entschieden, dass Tod immer schlimm ist und dass wegen der Methoden die Tötung abgeschafft werden muss. Dann hat so jemand das entschieden und im Kopf abgehakt und verliert den Blick für Abschattungen und kann nicht mehr differenzieren. Das eigentliche Ziel verliert er aus den Augen und rennt blind seinem Ideal hinterher. Wie ein religiöser Fanatiker.

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