Was ist nachhaltige Ernährung?

Nachhaltige Ernährung durch Pastinaken?Wer auf Fleisch verzichtet, ernähre sich nachhaltig, meinen viele Veganer. Dem widerspricht mancher Paleo-Fan mit dem Argument, Weidefleisch sei schließlich auch nachhaltig. Wieder andere verschaffen sich mit dem Griff zu Bio-Ware ein reines Gewissen gegenüber der Umwelt.

Dass restriktive Ernährungspläne wie die der Paleo-Fans, Vegetarier, Veganer oder LCHF-Jünger meist gleichermaßen eine Vergewaltigung der Natur darstellen: das ist bei so vielen plausibel klingenden Argumenten kaum vorstellbar. Ist es nicht immer nachhal­tige Ernährung, wenn Bio draufsteht?

Eine Ernährung kann per Definition nur dann nachhaltig sein, wenn wir sie auch in fünfhundert Jahren noch in dieser Form erzeugen können. Ganz gleich wo man mit dem Wühlen durch die kursierenden Vorschläge beginnt, man wird bei logi­schem Vorgehen immer am Boden enden. Im Wortsinn. Denn Ernährung ist ultimativ auf unsere Böden und deren Gesundheit angewiesen. Und liegt die nicht der Bio-Land­wirtschaft am Herzen?

Streng genommen nicht. Siegel wie EU-Bio sind schon auf dem Papier kompromittiert und häufig nur Fortsetzungen der industriellen Perspek­tive mit grünen Mitteln, wie Landwirt und Autor Eliot Coleman beschreibt1. Es sei eine Betrachtung der natürli­chen Umwelt als unzureichendes, oft übel­wollendes System, welches Veränderungen und Verbesserung bedarf.

Unter den in Deutschland vertretenen Anbauverbänden folgt einzig Demeter aus­drücklich den Lehren Rudolf Steiners durch die konsequente Umsetzung biologisch-dynamischer (biodynamischer) Landwirtschaft mit Fokus auf die Bodenfruchtbarkeit und -gesundheit.

Doch auch diese landwirtschaftliche Achtsamkeit erfüllt nicht die Bedingungen wirk­lich nachhaltiger Ernährung. Denn noch immer unterwirft sie das Land dem Diktat des Verbrauchers und Landwirte bauen gemäß der Nachfrage an. Wir essen, was das Land hergibt, statt anzubauen, was das Land erfordert.

Wir picken die vermeintlichen Filetstücke landwirtschaftlicher Produkte heraus. Beim Fleisch im Wortsinn, während kostbare Innereien wie Herz und Leber nur wenige Abnehmer finden. Beim Getreide bevorzugen wir Weizen, wo eine optimale Fruchtfolge oft Roggen und Hafer in gleicher Menge erfordern würde. Wir bauen Tomaten um jeden Preis an, errichten und beheizen Gewächshäuser, obwohl auf dem gleichen Land mit erheblich weniger Ressourcen Pastinaken wachsen könnten. Oder Kartoffeln.

So folgt der Speiseplan zuerst unserer Bequemlichkeit. Ob paleo oder vegan, die erste Frage lautet: Woher bekomme ich mein gewünschtes Lebensmittel? wo sie lauten sollte: Welches ist die beste Nutzung des Landes in meiner Region?

Restriktive Diäten oder Ernährungskonzepte wie paleo, vegan, vegetarisch oder auch LowCarb und LCHF sind aus diesem Grund keine nachhaltige Ernährung. Wer wie die Paleos Getreide per se ablehnt, ignoriert die Ansprüche des Landes genau wie ein Veganer, der durch Fleischablehnung die beste Nutzung eines spezifischen Stückes Land im Zusammenwirken mit Tierhaltung etwa zur Landschaftspflege oder zur Düngung ver­weigert. Ohne Frage gibt es für fast jedes dieser Konzepte irgendwo auf der Welt das optimale Ökosystem. Doch nicht überall. So entkoppeln diese Ernährungskonzepte den Menschen von seiner unmittelbaren Umwelt.

Wer alles nimmt, was er bekommen kann, nutzt ein System im Maximum – nicht im Optimum. Das Maximum hat eindimensionale Quantität im Visir und kümmert sich um Qualität bestenfalls in zweiter Linie. Es arbeitet mit genügendem Erhalt der Bodenfruchtbarkeit, für Nachhaltigkeit kaum ausreichend.

Der US-Amerikanische Koch Dan Barber erläutert in diesem Zusammenhang die fehlerhafte Bezeichnung des Farm-to-Table-Trends. Dabei werben Restaurants, ihre Produkte kämen allesamt direkt von der örtlichen Farm. Das stimmt; doch tatsächlich stehen auch hier Tierproteine und beliebte Gemüse im Fokus der Menüs – gemäß den gewünschten Speisen. Es sei daher eher eine Table-To-Farm-Heran­gehens­weise2. Der Tisch diktiert der Farm, was zu erzeugen sei.

Nachhaltige Ernährung muss demgemäß überall auf der Welt anders aussehen, enthält manchmal viel Fleisch und meist sehr wenig, besteht aus viel Gemüse, Obst und Getreide.

Ein Blick auf langlebige Ernährungsformen deutet auf die Notwendigkeit einer ent­sprech­enden Kultur. Essen war immer Teil unserer Bräuche und Traditionen. Vor den Zeiten des Überflusses und der industriellen Landwirtschaft blieb uns nichts, als das zu essen, was wir bekommen konnten. Mancherorts wuchs aus solchen Ernäh­rungsgewohnheiten eine Esskultur im Einklang mit der Natur, eine Verbindung aus nachhaltiger Landwirtschaft und Landpflege. Sie erfordert den Blick auf den Menschen als Teil der Natur – nicht als ihr Herrscher und auch nicht als ihr Feind.

Eine solche Perspektive erklärt das spanische Wort tierra. Dieser Begriff meint mehr als den Boden, auf dem man steht. Er schließt die gesamte Ökologie der Pflanzen, Tiere und Mikroben ein und bezieht sich auf die gesamte Gemeinschaft. Dazu gehört nach Forstwissenschaftler und Ökologe Aldo Leopold, einem der Mitbegründer der Natur­schutzbewegung, auch die Gemeinschaft der Menschen3. Nur eine solch ganzheitliche Betrachtung könne nachhaltige Landwirtschaft ermöglichen. Damit geht der Begriff tierra über das französische terroir hinaus.

Hierbei identifizieren Menschen sich durch ihre Ernährung. Allerdings nicht frei gewählt wie bei einem Lebensstil oder einer Ideologie (z. B. paleo, vegan) oder religiös motiviert (muslimisch oder jüdisch). Stattdessen definiert umgekehrt der örtliche Boden die Kultur und somit den dortigen Menschen. Gegebenenfalls auch dessen Religion, denn in einem Gebiet mit traditionell weit verbreiteter Schweinezucht ist die Ausbrei­tung etwa jüdischen oder muslimischen Glaubens weniger wahrscheinlich.

Da regionale Lebensmittel an lokale Ökosysteme, Böden, Klimata und Traditionen gebunden sind, ist diese Identifikation des Menschen weltweit einzigartig. Beispiele für entsprechende Produkte sind Jamón Ibérico aus der spanischen Dehesa, Parmaschin­ken und Parmigiano Reggiano (Parmesan) aus der Region Parma oder auch Surstrom­ming in Schweden.

Viele Lebensmittel und deren Produktion sind nicht einfach nur in der Kultur verwur­zelt, sondern teilweise sind sie Inbegriff der Kultur. Sie bestimmen das Leben der Menschen schon durch den unaufhaltsamen Verlauf der Jahreszeiten und entsprechender Ernten. Ein Beispiel dieser engen Verknüpfung von Natur mit Kultur ist die Almadraba mit ihrer über 3000 Jahre alten Tradition des Thunfischfangs.

Solch traditionelle Produktionssysteme sind selten verantwortlich für biologische Probleme. Die Almadraba fängt 700 Tonnen Blauflossen-Thunisch pro Jahr – so viel wie ein industrieller Trawler an einem Tag. Die Bestandsprobleme haben sich erst in den letzten drei Jahrzehnten entwickelt, also nach Beginn der industrialisierten Befischung und dem Wunsch, die ganze Welt mit diesem Lebensmittel zu versorgen2. Folgt nun die Umweltpolitik der industriellen Vorgehensweise und spricht Fangver­bote aus, bedroht sie direkt die Almadraba und ihre Kultur, also menschliche Identi­täten.

Konzepte wie Paleo- oder vegane Ernährung liegen im Trend und pflegen eine globalisierte Perspektive: Bio-Fleisch aus Neuseeland, Bio-Kokosmilch aus Thailand, Bio-Süßkartoffeln aus Peru und Bio-Obst aus aller Welt. Doch selbst bei rein regionaler Versorgung bedingen diese egozentrischen Ideen häufig eine falsche, eine ungünstige Nutzung des Landes.

Als der Omnivore der wir sind, mit dem Feuer, dem opponierbaren Daumen, gewalti­gen intellektuellen Fähigkeiten und den Werkzeugen der Landwirtschaft sind wir vermutlich das einzige Tier, das seine Ernährung nicht nur vorausschauend planen, sondern auch flexibel gestalten und umsetzen kann.

Die Zeit des Sammeln und Jagens ist vorbei und schon für sieben Milliarden Menschen in unserer Situation nicht mehr nachhaltig ausführbar. Wir werden die Landwirtschaft weiterführen, möglicherweise mit Konzepten der Permakultur und Polykultur, des Waldgartens und des Stadtgartens. Werden wir durch unser Vorgehen traditionelle Kulturen zerstören und unser Land und unsere Identitäten verlieren? Oder wagen wir das Aufgeben reiner Bequemlichkeiten, ändern unsere Gewohnheiten und schaffen im Einklang mit der Natur neue, örtliche Kulturen?

Die Antwort beginnt mit täglichen Entscheidungen. Was esse ich heute? Bestehe ich auf meiner Leibspeise? Suche ich das Beste aus der Landwirtschaft? Oder frage ich die Natur durch meinen Landwirt, welches Lebensmittel gerade am besten in den Boden passt, dessen Fruchtbarkeit optimiert und das Ökosystem fördert, in dem ich lebe?

Ein guter Anfang ist gewiss der Griff zu ausschließlich regionalen und saisonalen Zutaten. Doch wie wir sehen genügt das nicht. Wir müssen im nächsten, eigentlich ersten Schritt ergründen, was die Bedürfnisse des Landes sind und welche Nutzpflanze sie erfüllt und Fruchtbarkeit erhält und mehrt.

Das erfordert die Änderung unserer Gewohnheiten. Auch die weniger populären Lebensmittel, deren Anbau für gesunde und effiziente Landwirtschaft unabdingbar ist, wie etwa Buchweizen, zögen auf unserem Speiseplan ein. Vielerorts würden sich die Fleischmengen reduzieren, während an einigen wenigen Orten mehr Milch­produkte auf den Speiseplan drängen. Und in unseren Breiten landeten sicherlich erheblich weniger Bananen, Kokosprodukte und Sojabohnen auf den Tellern.

Die für eine nachhaltige Nahrungskette erforderliche Kultur können Landwirte und Verbraucher, Tiere und Natur nur gemeinsam formen. Während wir vor der eigenen Tür kehren, sollten wir einen Blick in die Umgebung wagen. Jenseits dieses Teller­rands können wir entdecken, welche Pflege das Land benötigt, um uns auch in Zukunft zu versorgen. Mit Lebensmitteln, aber auch Sauerstoff, mit Schönheit und Duft. Mit Leben.

Quellen und weiterführende Literatur:

  1. Coleman, Eliot (2014) Handbuch Wintergärtnerei
  2. Barber, Dan (2014) The Third Plate
  3. Leopold, Aldo (1949) A Sand County Alamanac

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25 Kommentare zu “Was ist nachhaltige Ernährung?

  1. Manon

    Lieber Felix

    Du beschreibst hier eine Perspektive, die so definitiv viel zu selten eingenommen wird. Der Diskurs des “Farm-to-Table”-Prinzips, wenn ich das mal so zusammenfassend nennen kann, fehlt in meinen Augen völlig. Würd aber definitiv allen Nachhaltigkeitswissenschaftlern, Biologen, Forschern, Politikern, Ökonomen, Verbrauchern, Produzenten – allen – gut tun…

    Mir bleiben viele Fragen hängen, die ich gerne weiterspannen möchte. Abgesehen davon, dass kein einheitliches Verständnis von “Nachhaltigkeit” gibt, geh ich jetzt mal von deiner Definition “nachhaltige Ernährung = auch in X-beliebigen Jahren durchführbar” weiter aus.
    Angenommen, wir versuchen, uns einem Ökosystem gerecht zu ernähren; wie sollen wir wissen/definieren, was die Natur braucht? Wie wissen wir, ob jetzt Rübe oder Rote Bete für ein Ökosystem am besten sind, oder beide oder weder noch? Müssten wir dafür nicht ein ungeheures Verständnis von a) den Nahrungsmitteln und b) jedem einzelnen Stück Land haben?
    Wahrscheinlich ist die Überlegung total doof, aber ich teile einfach mal meinen “Gedankenfluss”.

    Als zweiten kritischen Punkt sehe ich das “was die Natur bedarf”. Die Natur, wenn man sich das weiterdenkt, bedarf ja eigentlich gar nix. Was bestimmt, ob an einem Ort Pflanzen A, B, und oder C wachsen, wird doch einfach durch die Anpassungsfähigkeit dieser Pflanze bestimmt. Kommt nun eine Sorte D, die in derselben Region auch wachsen kann, aber fast “parasitisch” die andern Sorten verdrängt – ist das dann auch noch “natürlich”? (Die Einführung der Kartoffel im 14./15. Jhrd. zum Beispiel?)

    Und zu guter letzt dürfen Alternativen, die durch Innovation neuer Technologien entstehen und uns zum heutigen Zeitpunkt noch unfassbar erscheinen, nicht vergessen werden.., Neue Anbautechnikem, die vielleicht weder Erde noch sonstwas fordern, sondern lediglich Wasser und UV-Licht, gibts ja schon…

    Liebe Grüsse, würd mich freuen, wenn du deine Gedanken hierzu teilen würdest! 🙂

    1. Felix

      Hallo Manon,
      danke für deine Gedanken.
      Was die Natur braucht, lässt sich feststellen, indem man sie beobachtet. Natur ist freilich auch Chaos und es gibt nicht die genau eine Sache, die sie braucht. Aber mit der Bedingung nachhaltiger Ernährung lässt sich die Auswahl gut eingrenzen. Das höchste Gut ist die Bodengesundheit. Will man darauf dann Lebensmittel erzeugen, schat man sich die Bedürfnisse der Fruchtplanzen an und findet so heraus, was in dieses Mikro-Ökosystem passt und was zusammenpasst. Das Baut man an und dann beobachtet man, wie das System reagiert. Sogenannte Unkräuter sind Hinweise auf Probleme im System oder auch Hinweise darauf, dass alles gut läuft. Was ich hier beschreibe ist keine esoterische Zukunftsvision, sondern schlicht die traditionelle Art der Landwirtschaft. Noch vor wenigen Generationen wusste jeder Landwirt genau, was am besten funktioniert. Wenn dich das interessiert: Ein wenig mehr dazu findest du im Buch von Dan Barber, das ich unterm Artikel verlinkt habe.
      Ja, man braucht ein Verständnis für Lebensmittel und für die Natur. Zum Glück kann man das leicht erlangen, wenn man aufmerksam ist. Der Rest ist langjährige Erfahrung.
      Was deine Frage zur Natürlichkeit angeht: Wie gesagt, wenn man gleichzeitig als Bedingung nachhaltige Ernährung setzt, dann kann man schon recht gut eingrenzen, was geht und was nicht. Auch ein Parasit kann funktionieren. Letztlich sind die besten Anbausysteme diejenigen, die nur minimalen Input vom Menschen benötigen. Die Systeme laufen von selbst (siehe auch Permakultur), blühen und produzieren Überfluss.
      Was die heute noch undenkbaren Technologin angeht: Die darf man nicht vergessen, da stimme ich dir zu. Aber sie ändern nichts am Grundprinzip der Natur und dass auch ihr Grenzen gesetzt sind.

  2. Stephan

    Hallo!
    Ein sehr schöner Artikel und einer mit großem Potential für den konstruktiven Diskurs :-). Generell beginnt alles bei den Menschen selbst. Wir sind halt den industriellen Größenwahn der billigen und vielfältigen Nahrungsproduktion gewöhnt. Da umzudenken & die Gewohnheit etwas abzustreifen ist vielleicht ein (erster) wichtiger Schritt.
    Ich habe mal auf einer Konferenz einen Beitrag der LCA-Analysten gehört. Hat zwar nur indirekt mit dem Thema hier zu tun, is aber lustig & passt vielleicht doch zu den Bio-Produkten aus aller Welt. Da hatten sie ausgerechnet, dass der autofahrende Vegetarier in Europa einen viel besseren ökologischen Fußabdruck hat als der fleischfressende Fahrradfahrer, der seine Steaks vom Bio-Rind aus Argentinien bezieht.
    Nochmals danke für den Artikel & viel Erfolg bei den weiteren Projekten
    Stephan

  3. Christoph

    Ahoi Felix!
    Danke für diesen wichtigen und notwendigen Artikel! Die Frage für einen selbst bleibt: was kann ich effektiv tun und was zu tun oder zu leisten bin ich ehrlich bereit. Jahrzehntelange und generationsübergreifende Missachtung der Natur und ihrer Zusammenhänge haben uns zu Menschen gemacht, die heute einfach nicht mehr wirklich wissen, was Natur und ihre Eigendynamik wirklich bedeuten. Denn wir haben schon viel zu lange darin herumgepfuscht. Lebensmittel aus Übersee, sowie permanent verfügbare, aber eigentlich saisonale Lebensmittel sind vollkommen normal geworden und keine Spezialitäten oder Besonderheiten mehr! Wir haben uns vollkommen daran gewöhnt, z.B. Bananen zu essen, Lamm aus Neuseeland und Rind aus Argentinien kommen zu lassen und finden es mittlerweile sogar irritierend, wenn nicht immer alles verüfgbar ist.
    Nachhaltige Landwirtschaft ist in unseren Zeiten wohl nur in einer Nische möglich und selbst da stellt sich die Frage eher nach der Größe der Anbau- oder Nutzfläche als nach dem gesamten Terroir oder der Tierra, die es optimal zu nutzen gilt. Ein extrem spannender und sicher auch fruchtbringender Gedanke übrigens.
    Was kann man also tun? Saisonal und regional ist in dieser Hinsicht wohl schon die halbe Miete. Aber ganz im Ernst, wer will schon auf seinen geliebten Morgenkaffe oder Tee verzichten und nur noch heißes Wasser trinken. Ich kenne sehr(!) wenige. Letztlich haben die Lobbyverbände in den letzten fünf Jahrzehnten ganze Arbeit geleistet, in uns Bedürfnisse zu wecken und derart aufzubauen, dass wir glauben, ohne sie nicht mehr leben zu können. Eine Abkehr davon wird oft als Rückschritt ins Mittelalter gesehen.
    Das Kind ist schon vor sehr langer Zeit in den Brunnen gefallen und es liegt dort ganz tief unten im Dunkeln. Es wieder rauf zu holen ist ein hartes Stück Arbeit und gelingt wohl auch nur vielleicht.

    1. Felix

      Danke Christoph. Um bei deinem Bild zu bleiben: Lass uns durch diesen Beitrag erst einmal Licht in den Brunnen strahlen. Und dann geben wir dem Kind ein paar Decken und Verpflegung runter. Irgendwo müssen wir anfangen.

  4. Murat

    Die Menschen heutzutage sind einfach zu bequem. Sie sind zu faul oder gar desinteressiert und setzen sich deshalb nicht mit ihrem Umfeld auseinander. Es fängt an, wie in diesem Beitrag beschrieben, mit der Nahrung, aber meiner Meinung nach geht es darüber hinaus auch weiter mit der Menschlichkeit, dem Ehrgeiz, dem Miteinander. Keiner möchte mehr neues sehen, sich neuen Dingen öffnen, etwas für eine bessere Welt, eine gesündere Welt tun. Überall sieht man ignoranz und intoleranz, in jedem Lebensgebiet und das zeugt einfach nur von Unwissenheit. Und diese Unwissenheit schürrt eben von genau der genannten Bequemlichkeit der Mitmenschen.

  5. Christine

    Genau. Denn ich stelle die Vielfalt gar nicht in Frage. Felix hätte mir die verschiedenen Wintergemüse nicht aufzählen müssen. Ich halte es auch so, dass es bei mir Erdbeeren eben nur gibt, so lange der große Erdbeerbauer im Nachbarort eigene hat und sie schmecken darum besonders köstlich, weil sie nur eine kurze Saison haben.

    Wenn der Boden in meiner Umgebung aber nur eine begrenzte Auswahl “verträgt”, wie Felix propagiert, muss ich die Region schon ausweiten. Nicht umsonst gibt es auf den Fildern traditionell viel Spitzkrautanbau, Wein imRhein-/Maintal, Gurken im Spreewald und so weiter.

    Und wenn ich in den Supermarkt gehe, dann liegen da halt viele Verführungen. Damit kämpfe ich seit über 4 Jahren. Dann wird nach einigen Wochen/Monaten strengen Regionalitätsprinzips halt doch der Gedanke an Verzicht und Darben geweckt und irgendwann greift man dann doch zur Kokosmilch oder zu den Maronen.

  6. Sascha

    Moin Felix,

    das ist einer der wichtigsten Gedanken, die ich von dir gelesen habe. Genau aus diesem Grund wächst die Abteilung in meinem Zettelkasten zu Permakultur stetig.

    Die größte Hürde wird meiner Meinung nach sein, dass die meisten Menschen sich in so eine Lage gebracht haben, dass sie nur unter heftigem und schmerzhafter Rückmeldung umstellen können. Raucher kriegen es ja nicht einmal hin im Angesicht von Lungenkrebs, Tod und abgeschnittenen Füßen ihr Verhalten zu ändern, um egoistischen Bedürfnissen zu entsprechen. In unserer jetzigen Kultur das Bewusstsein und die Bereitschaft dafür zu erzeugen, dass die unmittelbaren Gelüste gegenüber einer langfristigen Bodengesundheit zurückzustellen sind, scheint mir wie eine fast (!) unmögliche Aufgabe.

    Viele Grüße
    Sascha

    1. Felix

      Ich teile deinen Ansicht: es scheint fast unmöglich. Auch hinsichtlich Kilmawandel und dessen Ursachen. Wenn ich mir allerdings den Erfindungsreichtum der Menschen und ihre Entschlossenheit ansehe, solche Sachen wie die Deltawerke oder in jüngerer Vergangenheit Tesla und Solar City, dann sehe ich da einen bislang unterschätzten Weg. Moralisch ist der sicher nicht optimal: Einige wenige sorgen dafür dass die Masse in ihrer Bequemlichkeit bleibt/bleiben kann. Es bleibt spannend.

  7. Maria

    Wow, wirklich sehr spannend und interessant verfasster Text. Ich stimme dir bei deinem Fazit vollstens zu. Nur gemeinsam, Verbraucher und Produzent, können es schaffen eine nachhaltige Ernährung, durch gesunde und nachhaltige Lebensmittel zu schaffen.
    Meiner Meinung nach muss der Mensch, in diesem Falle der Konsument, bereit sein ein wenig mehr Geld auszugeben, um dafür gesundes und nachhaltiges Essen zu bekommen.

    1. Felix

      Danke Maria. Ich glaube auch nicht, dass für die meisten Menschen das Geld der Grund für die (selbst-)zerstörerischen Ernährungsgewohnheiten ist. Es ist, wie auch Sascha hier kommentierte, die Bequemlichkeit.

  8. Nick

    Sehr schöner Artikel.

    Vor etwa 3 Jahren bin ich über dich (Felix) zu “paleo” gekommen, es ging sehr schnell und der Name für meine Ernährung war hinfällig, denn ich aß was es eben gab.
    Speziell seit 2 Jahren ernähre ich mich recht streng saisonal/regional und ich merkte, ich hatte noch nie eine so große Vielfalt an Nahrungsmitteln gegessen. Letztes Jahr habe ich spaßeshalber mal aufgeschrieben welche pflanzlichen Nahrungsmittel ich zu mir genommen habe, es waren mehr als 120. Pilze nicht mitgezählt.
    Es ist wahrlich manchmal schwer, besonders im späten Winter, wenn schon wieder Kohl oder Wurzeln auf dem Teller liegen, doch ist es nicht auch eine Breicherung?
    Ja ich kann mich unglaublich auf die ersten Gurken freuen, das erste frische Grün im Frühjahr. Erst der Mangel zeigt mir in welchem Überfluss wir leben.
    Es gibt soviel essbares, warum nur auf Kartoffel, Tomate, Gurke und Co. beschränken.
    Ich empfehle jedem sich mit den Wildkräutern auseinander zu setzen, es lohnt sich.
    Da gibt es Klettenwurzel, Nachtkerzblüte und Wurzel (Schinkenwurzel), Tannentriebe, Klee, Gänseblümchen, usw. die meisten sind jedem wohlbekannt nur der Mut sie mal zu testen fehlt.

    Ich habe das Glück, dass ich auf dem hiesigen Markt einen Demeterbauern habe, der Bodenfruchtbarkeit noch wirklich ernst nimmt. Dann gibt es in einem Jahr eben mal keine Erdbeeren, dafür Unmengen roter Beete.
    Ich denke wir müssen nicht alles “den da oben” überlassen, beschäftigt man sich mit seiner Umgebung und wirft ein paar Wohlstandsdinge über Bord kann jeder Einzelne einen großen Beitrag leisten und erkennt vielleicht auch den Wert, es ist eben dann doch etwas besonderes eine Gurke zu essen.
    Die Frau bei der ich eine Kräuterwanderung gemacht habe sagte zu uns: Dieses ganze Gehabe man soll so oder so essen, diesen Stoff in dieser Menge zuführen ist Blödsinn. Besinnt euch auf die Natur, es gibt zu jeder Jahreszeit die richtige Nahrung. Im Frühjahr wachsen entgiftende Kräuter, die das ausführen der ganzen Ansammlungen (eiweißreiche Kost im Winter) hinausschleusen. Im Sommer wachsen Pflanzen, die leicht sind und im Herbst die Dinge die Kraft für den Winter geben.

    1. Felix

      Hallo Nick, danke für dein Feedback. Ich empfinde die Beschränkung auf regionale (=saisonale) Erzeugnisse als Bereicherung. Die Auswahl sinkt, dadurch wird der Überblick klarer und ich bin gefordert, durch Kräuter und Gewürze Abwechslung hineinzubringen. Dadurch verbessert sich meine Wahrnehmung und ich koche besser.

  9. Renate

    Wenn nun der Griff zu ausschließlich regionalen und saisonalen Zutaten nicht genügt, wie findet man am besten heraus, was dem Boden der Gegend, in der man lebt, gut täte? Gibt es da Studien oder eine Sammlung von Internetlinks für einzelne Regionen? Vielleicht über das Emsland? Buchweizen ist ja vermutlich nicht überall das Richtige.

    1. Felix

      Hallo Renate, das war das Fachgebiet des Landwirtes. Keine zwei Höfe gleichen sich. So sind zum Beispiel die hunderten verschiedenen Schafrassen in England entstanden: Jeder Landstrich, jede Hügelsetigung, jede Niederschlagsmenge brauchte seine eigene Rasse zur optimalen Nutzung. Insofern bleibt uns heute oft nur noch der Blick in historische Aufzeichnungen. Die meisten Landwirte haben primär die Vermarktung (das liebe Geld) im Auge und ihr Urteilsvermögen ist dadurch oft getrübt. Die ältere Generation weiß meist noch, wie man das Land liest und entsprechend reagieren kann. Einige wenige Nachkommen tun es ihnen gleich. So etwas ist zwar die Aufgabe von landwirtschaftlichen Instituten und Universitäten, aber die dürften überfordert sein. Insofern ist der beste Schritt sicherlich doch der Gang zum Landwirt und beharrliches Nachfragen. “Was wäre in einer pefekten Welt die beste Pflanze…?” – die Demeter-Leute wissen da am häufigsten Bescheid.
      Der Lichtblick: Grundsätzliche Prinzipien sind überall gleich: Bodenfruchtbarkeit aufbauen, Bodenleben schützen, wenig pflügen, keine/nur kleine Maschinen nutzen, Vielfalt fördern.

  10. Philip

    Klasse Artikel! Ich habe kürzlich Fokuokas “Der Große Weg hat kein Tor” gelesen, in dem ich viele inhaltliche Parallelen finde. Das Buch hat mich sehr nachdenklich gemacht und motiviert mich mehr daran zu orientieren, was hier natürlicherweise wächst. Ich denke da, neben den schon genannten Gewächsen auch in Richtung Wildkräuter, an die ich mich bisher noch nie ran getraut habe.
    Schön, wenn man dann Artikel wie diesen findet, die einen wieder erinnern und neu motivieren. Vielen Dank dafür!

    1. Felix

      Danke Philip. Wildkräuter finde ich spannend, habe mir im vergangenen Jahr ein kleines Buch dazu gekauft und mit Spitzwegereich, Gundermann und Konsorten an einer köstlichen Oberfläche geleckt. Das macht Lust auf mehr.

  11. Florian

    Vielleicht sollten wir, wenn wir mehr kulinarische Abwechslung haben wollen, mehr reisen und ab und zu die Sesshaftigkeit aufgeben. Durch Trampen, Wandern und Fahrradfahren geht das ja auch sehr ökologisch. Die Urbanisierung führt sicher auch dazu, dass das Bewusstsein für Landwirtschaft verloren geht, vielleicht sollte man Dezentralisierung fördern, damit die Menschen zu den Böden zurückkehren.

    1. Felix

      Danke für deine Gedanken, Florian. Ich denke nicht, dass kulinarische Abwechslung wirklich eine Folge von mehr Rücksicht auf unsere Böden wäre. Langfristig eher das Gegenteil. Not macht erfinderisch.

      1. Florian

        Naja aber die bewusst wahrgenommene Abwechselung ist, wenn sie dann mal da ist bestimmt größer. Sowie es derzeit ist, ist sowie so jede erdenkliche Form von Abwechslung selbstverständlich und kann insofern doch auch gar nicht mehr richtig wertgeschätzt werden

  12. Christine

    Das bleibt meiner Meinung nach ein Wunschtraum.

    Was regional-saisonal bedeutet, hat meine Mutter in ihrer Kindheit noch erlebt und niemand will heute mehr dorthin zurück. Als ich sie vor zwanzig Jahren, als Kürbis wiederentdeckt wurde, fragte, warum sie zu Hause nie Kürbis gekocht hätte, antwortete sie, sie hätte in ihrer Kindheit so viel davon essen müssen, dass es ihr fürs ganze Leben reicht.

    Niemand ist heute mehr bereit, monatelang nur Kartoffeln und Kohlgemüse zu essen. Auch dann nicht, wenn man damit der Erde was Gutes tut.

    1. Felix

      Die Böden würden sich über weit mehr freuen als das Dutzend Früchte, das wir derzeit verspeisen. Was die Kriegs/Nachkriegsgenerationen erlebt haben mit Steckrübe und Co mag geprägt haben, aber es waren Ausnahmen. Wenn ich über die derzeitige Vielfalt nur kurz nachdenke, fallen mir Rote Bete, Pastinaken, Petersilienwurzel, Rübe, diverse Kartoffelsorten, Rot-, Weiß-, Grünkohl, lagerfähige Äpfel, Quitten, Vogelbeeren, Schlehen, Möhren ein. Dazu diverse lagerfähige Produkte von Sommer und Herbst. Und das sind nur die üblichen Verdächtigen.

    2. Sascha

      Hallo Christine,

      man könnte das, was du schreibst, insbesondere den letzten Satz, auch anders ausdrücken: Niemand ist heute bereit seine eigenen Wohlstandsgelüste zurückzustellen und das zu tun, was absolut notwendig ist.

      Viele Grüße
      Sascha

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