Nährstoffe versorgen den Körper mit dem, was er zum Überleben oder fürs Wachstum braucht. Essentielle Nährstoffe sind solche, die wir zu uns nehmen müssen, weil unser Körper sie nicht selbst aus anderen Stoffen bilden kann. Wie passt die Tätigkeit Spielen in diese Kategorien? Müssen wir wirklich spielen, um zu überleben?

Was ist Spielen?

Die meisten Wörterbücher definieren das Spielen ungefähr so: »sich zum Zeitvertreib, Vergnügen und allein aus Freude an der Sache selbst mit etwas beschäftigen, auf irgendeine Weise betätigen.«

Da ich früher selbst einige Jahre beruflich als Entwickler von Videospielen tätig war, überrascht mich die offenbar weitgehende Einigkeit dieser Definition. Denn in der Entwicklung von Spielen stehen bei uns Regeln im Vordergrund: Ohne Regel kein Spiel. Und sei es nur, dass sich etwas bewegt, wenn ich den Joystick nach vorn schiebe.

Zugleich erfreut mich diese Definition jedoch, denn sie bedeutet eben Regelfreiheit. Und sie verdeutlicht unseren Missbrauch des Begriffs oder wenigstens unser Missverständnis: Wir sprechen von Fußballspielen, wo es in der Bundesliga gewiss nicht um Zeitvertreib, Vergnügen und Freude an der Sache geht. Und selbst auf dem Dorfbolzplatz gelten klare Regeln für dieses Spiel.

Solch starre Regeln verhindern jedoch eine Art von Spiel. Nehmen wir die im Fußball so quer liegende Abseitsregel: Wenn diese Handhabe jedem Beteiligten auf den Keks geht und man sich trotzdem daran hält, dann kann das auch einem Kinderspiel die Freude an der Sache rauben.

Man kann sagen: All zu starres Festhalten an einer Regel, raubt jedem Spiel den Sinn. Das soll nicht heißen, Regeln seien nie sinnvoll oder hälfen nie beim Spielen. Druck, zum Beispiel Zeitdruck, ist hingegen wesentlicher Bestandteil vieler Spiele. Vielleicht sollten wir formulieren: Beim Spielen herrscht kein Zwang. Deswegen kann man um Geld praktisch nie spielen, denn wenn es um Geld geht, stehen oft Lebensumstände auf dem Spiel – und Grundlagen wie Nahrungsmittel (zwingend nötig zum Überleben).

Was geschieht beim Spielen?

Beim Spielen tun wir so, als ob. Kinder spielen Rollen als Prinzessinnen oder Piraten; Schachspieler spielen im Kopf Szenarien durch, die (noch) gar nicht auf dem Spielfeld bestehen; Kartenspieler rechnen die Wahrscheinlichkeiten noch möglicher Kombinationen aus und schließen stillschweigend Wetten über die Bedeutung des Gesichtsausdrucks der anderen ab; Künstler spielen im Kopf hunderte möglicher Fortsetzungen ihres Werkes durch und entscheiden sich immer nur für eine; sie spielen mit Worten und spinnen diese Ideen immer weiter, bauen imaginäre Welten und erkunden Formen und Inhalte. Gemein haben diese Spiele eines: Vorstellungskraft. Die Vorstellung der Spielenden muss mal weniger, mal mehr verschiedene Sichtweisen auf die Welt aufrechterhalten und sie aus diesen Blickwinkeln untersuchen und beurteilen.

Spielen erfordert Vorstellungskraft. Und es trainiert die Vorstellungskraft. Das Lesen fiktiver Literatur ist demnach zum Beispiel auch ein Spiel. Das wiederum kann die Kluft zwischen hartgesottenen Buch- und Filmfans erklären: Wer einen Film schaut, benötigt aufgrund der gelieferten Bilder bedeutend weniger Vorstellungskraft und verarbeitet das Erlebnis anders als ein Leser. Auch eine Erzählung wie Helge Schneiders Schwedenreise kann die Vorstellungskraft umfassend anregen.1

Echtes Spielen, also Zwanglosigkeit, entlastet den Kopf. Es kann daher besonders in einem sonst stressigen Alltag als Erholung dienen. Spielen hilft beim Stressabbau. Zumindest dann, wenn es nicht zutiefst frustriert und verärgert – was sich ausschließt, da es der Definition von Spielen zuwiderläuft.

Spielen können wir daher als Nährstoff betrachten: Es lädt das Gehirn auf mit Erholung. Und es tut dies auf eine einzigartige Weise. Diese Verbindung aus Erholung und Anregung vermag sonst keine Tätigkeit zu leisten. Also ist Spielen ein essentieller Nährstoff: Spielen ist lebensnotwendig, sofern man gesund bleiben möchte.

Spielen ist unproduktiv

Aus der Natur und Zwanglosigkeit des Spielens folgt, dass wir damit kein Geld verdienen können. Sobald Geld ins Spiel kommt, folgt ihm der Zwang und das Spiel endet. Das stimmt. Jedoch nur dann, wenn wir es isoliert betrachten, wie unser Wirtschaftssystem es vielerorts vorzieht.

Treten wir einen Schritt zurück und betrachten die Zusammenhänge, wird klar: Das Spielen allein mag unproduktiv sein. Seine Wirkungen, die Erzeugnisse des Spielens, treiben jedoch ganze Industrien an. Die schönsten Melodien der Weltgeschichte sind beim Spielen entstanden. Spielen ist das Fundament, nein: die Welt auf der die Unterhaltungsindustrie steht.

Spielen ist zugleich die Tätigkeit, welche Millionen Menschen lebensfähig hält, die jeden Tag um ihren Lebensunterhalt kämpfen unter Umständen, die sie niederschlagen. In Berufen oder an Arbeitsplätzen, die sie hassen, die sie auslaugen, sie verzweifeln lassen. Oder einfach nur in harter Arbeit, die zwar befriedigt, jedoch wenig Abwechslung und Perspektive bietet.

Spielen rettet Leben

Zwischen totaler Verzweiflung und einem Leben mit Hoffnungen, Träumen und Freude kann das abendliche Einschalten der Nintendo-Konsole stehen. Oder der Griff zur Gitarre neben dem Sofa; oder zum Fantasyroman.

Nicht als Flucht in eine andere Welt. Sondern als Perspektivwechsel. Egal, wie beschissen das Leben aussieht: Ist das Gehirn durch Spiele geübt, andere Perspektiven einzunehmen, kann man auch das eigene Leben in anderem Licht sehen. Und angesichts der größten Herausforderung lächeln.

Fußnoten

  1. Helge Schneider, Schwedenreise, https://youtu.be/64qcFscOPt8?t=183