YouTube ist ohne Frage ein Werkzeug mit großem Nutzen. Es ist die zweitgrößte Suchmaschine der Welt. Man findet dort alles Erdenkliche und auch solche Dinge, die man sich niemals hätte ausdenken können.

Wer YouTube als Hilfsmittel benutzt, um beispielsweise eine Fähigkeit zu erlernen oder weiterzuentwickeln, sollte sich jedoch einer großen Gefahr bewusst sein.

Nehmen wir an, du bist ein Anfänger des Gitarrespiels und du möchtest lernen, wie man AC/DCs For those about to rock richtig spielt. Du gibst also in die Suchmaschine ein: for thoes abut to rock tutorial. YouTube zeigt dir eine ganze Liste von Suchergebnissen an, überwiegend mit passenden Titeln und recht attraktiven Miniaturbildern, sogenannten Thumbnails.

Ein oder zwei dieser Thumbnails sind optisch besonders ansprechend und treten dadurch hervor. Der Username lautet MikeConnelly-GuitarTutorials. Aber das siehst du vielleicht gar nicht und es spielt keine Rolle. Du klickst drauf, das Video läuft und du findest genau, was du suchtest, lernst etwas und bist dankbar. Der Typ in dem Video ist sympathisch und bittet um ein Abonnement seines Kanals, weil er dir noch viele andere Dinge beibringen kann. Super, denkst du dir – und abonnierst.

In den kommenden Wochen siehst du immer mehr Videos von diesem Mike Connelly und alles ist wahnsinnig interessant und du möchtest alles lernen, was er anbietet. Du sitzt schon lange in der Falle.

Mike macht das wahrscheinlich gar nicht mit böser Absicht. Doch er verändert deinen gesamten Lebensweg, beeinflusst deine Perspektive und manipuliert deinen Musikgeschmack.

Er zeigt dir Dinge, von denen du gar nicht wusstest, dass es sie gibt oder dass du sie können möchtest. Erinnere dich: Eigentlich wolltest du damals nur diesen Song von AC/DC lernen. Wäre es dabei geblieben, hättest du dein Leben weitergelebt und wärest irgendwann auf den nächsten Song gestoßen, an dem du dir die Zähne ausbeißt, bis du ihn im Schlaf spielen kannst. Du hättest auf Deinem Weg Schritt für Schritt Dein Repertoire aufgebaut, Deine Fehler gemacht, Deine musikalische Identität entwickelt.

Stattdessen verbringst du nun viel Zeit mit Mike und spielst alles, was er spielt. Und was Millionen seiner anderen Abonnenten spielen. Du hast ein Stück deiner Identität verloren, die dich einzigartig macht.

Zufällig spricht Mike auch viel über seine Gitarren und seinen anderen Spielkram und erklärt, wie ihm diese glänzenden Gerätschaften das Leben erleichtern. Und du denkst dir: Mensch, das hätte ich auch gern. Und dann kaufst du es. Oder du wirst unglücklich oder unzufrieden, weil du es nicht hast und es dir nicht leisten kannst.

Überhaupt: Alle paar Wochen spricht Mike über die fünf Songs, die jeder Gitarrist spielen können muss oder die fünf Techniken, die ein echter Pro beherrschen muss. Und du glaubst ihm das, weil er echt was auf dem Kasten hat und du schon viel von ihm gelernt hast. Überhaupt hast du viel Zeit mit Mike verbracht und dadurch, das ist eine ganz einfache psychologische Funktion und hat mit Investition zu tun, hat alles, was Mike sagt und tut, einen hohen Stellenwert bei dir.

Jede Woche verbringst du nun Stunden mit Mikes Videos. Hörst ihm zu. Und spielst in der Zeit nicht Gitarre. Lernst vielleicht etwas, aber bist auch irgendwie immer ein wenig unzufrieden, fühlst dich unvollständig. Weil du etwas nicht kannst oder hast, was Mike wichtig findet.

Da geht sie hin, deine Lebenszeit. Nicht auf deinem Weg mit deinem Kopf. Sondern auf einem fremden, vorgelebten Weg, dem Millionen anderer schon folgen und gefolgt sind.

Da geht sie hin, deine Zeit. Und gewiss auch dein Geld. Dein Leben.

Das ist die Gefahr, die YouTube mit sich bringt. Bei allem Nutzen. Bei aller Bereicherung.

Wäge gut ab und überlege ganz genau, ob du einen Kanal wirklich abonnieren möchtest.

Interessant und Wichtig sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Die Welt wird immer Milliarden Größenordnungen mehr interessante Dinge enthalten, als deine Lebenszeit zulässt. Interessant ist völlig unwichtig.

Wähle, was Dir wirklich wichtig ist. Sei dir klar, was Du willst. Mach Dein Ding.

4 thoughts on “Die Gefahr der YouTube-Kanäle

  1. Danke für Deine wahren Worte, “wichtig” und “interessant” zu unterscheiden. Das fängt schon bei alltäglichen Bedürfnissen an. Was ist wirklich wichtig, und was ist interessant, das ich aber nicht wirklich benötige. Wirklich wichtig sind aus meiner Sicht z.B. reale Freunde und nicht Tausende von “Online-Freunden”.

    1. Hallo Max,
      gaaaanz unten unterm Strich kann ich deine Anmerkung absolut nachvollziehen. Aber auf dem Weg dorthin würde ich deiner Anmerkung insofern widersprechen, als meine Bücher mir noch nie eine Nachricht geschickt oder beim Gang zum Kaffeetisch oder ins Schlafzimmer darauf aufmerksam gemacht haben, dass einer meiner bevorzugten Autoren ein neues Buch herausgebracht hat. Mal ganz abgesehen von der Veröffentlichungsfrequenz. Daher finde ich den Bezug auf alle Medien nicht angebracht im Vergleich mit einer Videosuchmaschine und einem Abonnementsystem wie YouTube.
      Herzliche Grüße
      Felix

  2. Ich Danke Dir für diesen Beitrag. Seit längerem hat mich im Internet nichts mehr so berührt wie deine Worte in deinem Beitrag. Du sprichst aus deinem Herzen, und das find ich wirklich schön – Danke. & Gute Nacht!

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