Hart am Wind ins Lebensmittelparadies

Lebensmittelparadies: Der Hofladen Kulinarisches Hasetal»Es geht nur um Masse, nicht um Qualität. Da möchte ich nicht mehr mitmachen. Das Leben ist wertvoll. Ich möchte nicht die billigste, sondern die beste Ware anbieten.« Wolfgang Möllerings Augen leuchten, wenn er über seine neuen Erzeugnisse spricht. Der Landwirt hat auf seinem Hof im Hasetal lange Zeit Bullenmast und Kartoffelanbau betrieben wie viele seiner Kollegen. Warum soll es so nicht weitergehen?

Billige Importe aus Ländern mit niedrigeren Löhnen haben den Preisdruck stetig erhöht. Die Gewinnspanne sinkt seit Jahrzehnten und ein Betrieb muss immer mehr erzeugen, um seine Einnahmen zu erhalten. Denn zusammen mit den sinkenden Preisen schrumpft auch die Wertschätzung seitens der Käufer: Wenn ein Kilo Fleisch scheinbar immer billiger werden kann, warum dann nicht das billigste nehmen? Das Bewusstsein für Qualität schwindet und mit ihm die Fähigkeit, die Qualität überhaupt zu erkennen. Dann ist Fleisch gleich Fleisch: eine Handelsware, verscherbelt wie Wertpapiere an der Börse. Und genau so musste Wolfgang täglich um die Preise pokern. Hohe Verluste ist er gewohnt. Die letzte Folge: Man benötigt immer mehr Fläche, um als Landwirt nur überleben zu können. Ein Betrieb muss wachsen oder weichen. Das beobachten wir seit vielen Jahren: Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe sinkt; ihre Größe steigt. So steuern wir langsam auf Monopole zu, steigern unsere Abhängigkeit von wenigen Unternehmen und erhöhen das Risiko für Vergiftungen in Lebensmitteln und Umwelt.

Diese Entwicklung dient keinem Landwirt. Und jeder Bürger zahlt einen hohen Preis dafür. Was an der Supermarktkasse attraktiv günstig wirkt, ist in Wahrheit herausgeworfenes Geld. Da allein der Preis zählt, ist die Qualität längst auf der Strecke geblieben; die Kosten sind indes externalisiert, das heißt: Wir zahlen sie nicht an der Kasse, sondern auf Umwegen durch Steuergelder, mit denen wir Umweltschäden, Subventionen und Sozialleistungen auf dem Konto des Agrarsektors begleichen. Immer mehr Menschen wachen auf und beginnen die Suche nach Alternativen, nach gesunden Lebensmitteln und einer Nahrungskette, die für alle Mitglieder fair ist und widerstandsfähig.

Wolfgang Möllering ist ein Bauer, der probiert, was er nicht kennt. So hat er seine Lösung des Problems gefunden: Weidehaltung. »Die Rinder stehen bei mir fast das ganze Jahr auf der Weide und fressen nur Gras und Heu. Das ist besser für die Tiere, die Umwelt und das Fleisch.«1 Doch Anbieten ist nur eine Hälfte des Geschäfts: Wenn niemand das Erzeugnis kauft, ist die beste Ware wertlos. Für das, was Wolfgang als Qualität vorschwebt, ist jedoch in den Köpfen der meisten Großhändler kein Platz. Dort ist Fleisch gleich Fleisch und Handelsklassen werten allein die Muskel- und Fettmasse. Mit Geschmack und Nährstoffen hat das nichts zu tun.

Das beste Fleisch entsteht, wenn Rinder sich ganzjährig auf der Weide bewegen und Gras fressen.2 Das kostet Geld, denn die Rinder wachsen dort langsamer als mit Kraftfutter im Stall. Trotzdem hat Wolfgang vor einigen Jahren mit einer kleinen Rinderherde auf seinen Weiden im Hasetal begonnen. Sein Ziel: innerhalb der nächsten fünf Jahre ganz aus der konventionellen Bullenmast und der Kartoffel-Massenerzeugung aussteigen und nur noch Weidehaltung betreiben und besondere, alte oder bunte Kartoffelsorten anbauen. Weniger Masse, mehr Klasse – und höhere Gewinnspannen. Nebenbei freut sich die Natur, denn Weidehaltung eignet sich zur Pflege der Landschaft und Artenvielfalt.3

Das geht aber nur, wenn sich Abnehmer finden.

Wolfgang wählt dafür die Direktvermarktung. »Ich möchte meine Kunden persönlich kennenlernen, mit ihnen sprechen und gemeinsam erkunden, was die Natur uns bietet.« Das Fleisch seiner ersten Weidetiere hat er innerhalb kürzester Zeit im Bekanntenkreis verkauft. Das ist kein Nebensatz: Wolfgang hat viele gute Bekannte. Allerdings ist er kein Networker, Social-Media-Junkie oder Vitamin-B-Hipster. Wolfgang lebt einfach nur ein ehrliches Leben in seiner Heimat: Er sucht nicht im Internet nach dem billigsten Angebot und spart bei der Bestellung 'nen Euro. Das wäre absurd. Stattdessen kauft und handelt er mit den Menschen der erweiterten Nachbarschaft. Die Folge: Er hat Beziehungen zu diesen Menschen, steckt in einem Netzwerk aus echten Menschen und kann auf sie zählen. Wer immer zum Discounter rennt, verpasst das.

Das Wohlwollen seines Umfeldes hilft Wolfgang, allerdings ist er darauf nicht angewiesen. Die Feinschmecker unter seinen Abnehmern sind begeistert von der Qualität und das spricht sich herum wie dieser Tage die Kunde von einem guten Klempner.

Mit einer kleinen Rinderherde hat Wolfgang einen Ausweg aus dem Dilemma gefunden und einen Pfad getrampelt. Doch höhere Gewinnspanne hin oder her: Mit den Einnahmen aus einer kleinen Herde kann man keine Familie ernähren und die Kaufkraft des Bekanntenkreises ist bald ausgereizt. Auch in der Gastronomie ist die Nachfrage nach diesem Erzeugnis begrenzt. Wie kann Wolfgang seinen Ausstieg aus dem Massenmarkt besiegeln?

»Ich möchte einen Anlaufpunkt schaffen für Menschen, die Essen wertschätzen und zeigen, was das Hasetal zu bieten hat.« Die Direktvermarktung an Stammtisch und Telefon ist wirksam, jedoch beinahe unsichtbar. Wer mehr erreichen möchte, muss sich zeigen. Was liegt für einen bodenständigen Menschen wie Wolfgang, jemanden mit Verbundenheit zur Heimat, näher als ein Laden? Ein echter, physischer Ort zum Ausstellen der Ware, wo echte Menschen zusammentreffen und echten Kontakt haben, sich austauschen und gemeinsam Wertschätzung pflegen.

Mit seiner Frau Helga mietete er einen Laden nahe des Heimathofes an. Die Lage ist strategisch klug an einer stark befahrenen Straße gewählt, die Gelegenheit ergab sich abermals aus dem persönlichen Umfeld, das ihm auch bei Umbau und Gestaltung des Ladens zur Seite stand. Der Anlaufpunkt für Genießer gewinnt durch ein einmaliges Ambiente. So hat Wolfgang keinen zugig-kalten Hofladen erschaffen, sondern ein kleines Paradies für Liebhaber guten Essens, in dem er sich auch selbst gerne aufhält.

Der Hofladen Kulinarisches Hasetal eröffnete im November 2017 erfolgreich und bereichert seitdem das Hasetal und die umliegenden Regionen. Eine Bresche ist geschlagen durch den Dschungel der Discounter und Supermärkte: Erzeuger und Verbraucher haben einen Weg zueinander gewonnen; wer hier Lebensmittel aus einer transparenten, fairen Nahrungskette sucht, findet sie bei Wolfgang, der seine Ladenfläche auch anderen Erzeugern zur Verfügung stellt.

Diese Initiative kam vom Landwirt, vom Erzeuger selbst. Die Keimzelle war allerdings ein kleiner Kreis von Liebhabern guten Essens. Wenn solch leidenschaftliche Menschen sich zusammenfinden fehlt nicht viel, bis sich eine Lösung findet.4

Wolfgang und Helga Möllering zeigen eines von vielen Beispielen dafür: Man muss die Hände nicht in die Luft werfen und auf Politiker, Industrie, Markt oder Verbraucher zeigen. Sondern man kann das Ruder selbst in die Hand nehmen, das Ziel anpeilen und hin und wieder den Kurs korrigieren. Der Wind wird mal von vorne kommen und mal gar nicht: Das gelobte Land, das Paradies liegt im Wind entgegen der Strömung. Manchmal schwappt Wasser ins Boot; dann packt man sich einen Eimer und schöpft es heraus.

Ersaufen wird, wer seinen Platz auf dem Schiff des Lebens nicht begreift. Wenn wir den Blick hinaus richten über das eigene Riemenholz, dann sehen wir: Da sitzen noch andere mit im Boot. Das tröstet und fordert:5 Wer sich treiben lässt, nicht mitrudert oder schöpft, fliegt als nutzloser Ballast über Bord und bleibt zurück.

Das Navigieren ist so schwierig nicht. Eine Anleitung habe ich hier veröffentlicht: Einfach essen; und ein Logbuch in Form eines Kochbuchs dort: Einfach kochen.

Helga und Wolfgangs Hofladen findet man auch im Netz – neuerdings nebst Shop.

Herzlicher Dank gilt Yvonne Benck, Jonas Burri, Daggggi, Judith Henzler, Jan-Marten Kolle, Konstantin Niese, Jessica Kolinger, Marius Schütte und allen anderen Stiftern dieses Beitrags mittels Patreon, PayPal und Überweisung.

Fußnoten

  1. Siehe auch Olschewski, Felix (2017) Weidehaltung und Wertschätzung (Video). Urgeschmack.
  2. Siehe auch http://weidefleisch.org/gesundheit/
  3. Siehe auch http://weidefleisch.org/landschaftspflege/
  4. Wie man das bewerkstelligen kann, wenn kein Landwirt teil dieser Gruppe ist, habe ich hier niedergeschrieben: http://weidefleisch.org/hilfsmittel/weidefleisch-angebot-schaffen/
  5. Siehe auch: Olschewski, Felix (2017) Gutes Essen – eine Bürgerpflicht. Urgeschmack.

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2 Kommentare zu “Hart am Wind ins Lebensmittelparadies

  1. Maria

    “… Wer sich treiben lässt, nicht mitrudert oder schöpft,
    fliegt als nutzloser Ballast über Bord und bleibt zurück.”

    … oder ist vielleicht der MENSch, der einfach durch seine Präsenz (kommt von Präsent – Geschenk), das Strahlen seiner Augen oder die Liebe seines Herzens einfach auf dem Schiff des Lebens mitsegelt. 🙂

    Wie gut, dass es solche Landwirte gibt und
    Menschen, die darüber berichten:
    Guten Appetit.

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