Gewinner essen regional

Regionale ErnährungMit jedem Einkauf von Lebensmitteln wählen wir, ob wir gewinnen oder verlieren möchten. Entscheiden wir uns für regionale Ernährung, können wir zugleich besser essen und unsere Gesundheit pflegen; Geld sparen; Umwelt, Natur und Tiere schützen; unsere Nachbarn unterstützen und unser Leben selbst bestimmen. Oder wir kaufen beim Discounter, steuern damit auf das Gegenteil zu und schaden uns selbst, unseren Mitmenschen und der Natur; verschwenden Geld und geben die Kontrolle über unser Leben aus der Hand.

Diese Gegenüberstellung mag absurd klingen, weil die Wahl einfach scheint: Natürlich möchte niemand sich selbst schaden. Es widerspricht unserem Instinkt, alle Vorteile bei der einen und alle Nachteile bei der anderen Wahl zu sehen. Das moderne Leben lehrt uns: Nichts ist so einfach, keine Wahl so eindeutig und jeder Vorteil ist mit einem Nachteil verbunden: Pizza ist lecker, aber ungesund. Billige Kleidung erfreut die Geldbörse, schadet jedoch der Umwelt. Selbst kochen ist gesund, allerdings unbequem.

Dieses Denkmuster des steten Verknüpfens von Vorteilen mit Nachteilen lehrt uns die Moderne. Die Industrie treibt diese Sicht auf das Leben voran. Denn wenn jeder Vorteil mit einem Nachteil verknüpft ist, stecken unsere Leben voller Hindernisse: »Abnehmen bedeutet Verzicht. Kaufe mein Wundermittel, damit ist es einfacher.« Wir haben Probleme und die Lösungen dafür können wir kaufen. Das ist jedoch ein Irrtum.

Tatsächlich versperrt dieser Blickwinkel die Sicht auf die übrigen Nachteile solcher Angebote, während die vermeintlichen Vorteile sich als Gaukelei entpuppen.

Was uns fehlt, ist die Sichtweise der Natur: Sie zeigt uns jeden Tag, wie Nachhaltigkeit und Schönheit, gemeinsamer und gegenseitiger Nutzen, Sparsamkeit und Blüte zusammengehen. Es ist der Blick auf das große Ganze, die lange anstelle der kurzen Sicht. Dafür muss man nur die Augen öffnen; schauen wir uns die Zusammenhänge an und beginnen mitten im Geschehen:

Mein Landwirt gibt mir ein Kilo Weidefleisch und ich drücke ihm dafür fünfzehn Euro in die Hand. Damit bezahle ich seine Arbeit und die seines Angestellten, seines Metzgers, dessen Gesellin und der Putzfrau. Durch den Erhalt dieser Arbeitsplätze in der Gemeinde spart die Kommune Sozialleistungen: Die öffentlichen Mittel können wir dann anderweitig einsetzen. Alle gewinnen – sogar die Tiere, die in diesem Fall keinen Transport quer durchs Land erleben müssen. Auch die Umwelt freut sich über Landschaftspflege durch Weidetiere1 und weniger Abgase und Lärmbelastung. Und natürlich sind die Straßen weniger verstopft und belastet, was abermals öffentliche Mittel schont.

Natürlich kann ich mich der Illusion hingeben, ich würde viel Geld sparen, wenn ich ein Kilo Fleisch beim Discounter für drei Euro kaufe. Das ist ein Fünftel des Betrags. Die Kosten sind allerdings höher: Die Angestellten in der Wertschöpfungskette meines regionalen Fünfzehn-Euro-Kilos Fleisch wären sonst arbeitslos und nähmen Sozialleistungen in Anspruch oder müssten sich einen weit entfernten Arbeitsplatz suchen, mehr mit dem Auto fahren, also Energie verbrauchen und Abgase und Lärm verursachen. Sie wären weniger zufrieden und hätten nicht so viel Zeit für ihre Kinder, deren Heranwachsen unter der sozial schlechteren Umgebung leidet. Dadurch könnten sie ihr Potenzial nicht voll entfalten und später der Gemeinschaft weniger dienen. Alle verlieren. Diesen hohen Preis über die drei Euro an der Discounterkasse hinaus bezahle ich durch Steuern, Sozialabgaben und eine zerstörte Gemeinschaft. Das nennt sich Externalisierung von Kosten. Wer gewinnt?

Der Discounter. Er lächelt derweil, denn er ist bald der einzige Lebensmittelanbieter und Arbeitgeber in der Branche. Er entscheidet, was wir essen: Nämlich den Einheitsbrei, den er anbietet. Er beschäftigt kaum Fachkräfte, sondern wenige und austauschbare Fließbandarbeiter. Sein Lager verlegt er in tausende LKW, mit denen er unsere Straßen zu Schutt fährt und durch seine Marktmacht drückt er den Landwirt auf sechs Cent für ein Kilo Kartoffeln.

Die fünfzehn Euro, die ich meinem regionalen Landwirt gebe, sind keine Ausgabe. Sondern eine Investition:2 In mich, meine Familie und ihre Gesundheit körperlich und geistig, in meinen Landwirt, meinen Metzger, seine Angestellten, meine ganze Gemeinde. Diese Investition nutzt mir und anderen. Das ist nicht offensichtlich, doch das macht es nicht weniger nützlich. Der regionale Einkauf ist eine Stellungnahme zur eigenen Heimat: Das ist mein Land, das sind meine Leute. Auch wenn ich viele von ihnen nicht persönlich kenne – wir sitzen hier alle im selben Boot und nur das zählt.

Der Unfug aus den internationalen Nachrichten ist dafür nicht von Belang. Wichtig ist zuallererst, was in meiner Nachbarschaft geschieht. Denn wenn der Vulkan ausbricht, der Fluss über die Ufer tritt, der Krieg losgeht, die Wirtschaft implodiert, die Dürre andauert oder wenn ich einfach sonntags vor die Tür gehe, dann sind es diese Menschen, mit denen ich leben muss und die sich gegenseitig unterstützen müssen.

Eine solche Gemeinde mit Zusammenhalt ist widerstandsfähig; genauer: sie ist resilient. Stellt sie es richtig an, ist sie noch mehr: Sie wird durch Belastung stärker, die Menschen rücken in der Not näher zusammen und bilden dauerhafte Netzwerke und Strukturen.

Beim Kauf im Supermarkt stehen Geld und Gewinne im Vordergrund. Gebe ich dort drei Euro aus, finanziere ich damit meine eigene Zerstörung. Beim Kauf regionaler Produkte steht die Gemeinschaft im Vordergrund. Da sind fünfzehn Euro ein Schnäppchen für das, was ich bekomme.

Noch vor ein bis zwei Generationen war Gemüseanbau im eigenen Garten der Normalzustand. Erntete man im Überfluss, tauschte man es mit Nachbarn oder brachte es zum örtlichen Markt. Ernährung war eine Arbeit der Gemeinschaft. Man hatte mindestens bei diesem Austausch Kontakt zu allen Nachbarn und durch den Zusammenhalt waren Gemeinschaften weniger abhängig und bestimmten ihre Geschicke selbst. Heute versorgt ein Landwirt nicht mehr vier Personen, sondern hundertundvierzig Menschen sind von ihm abhängig. Das ist ein Risiko.

Und dieses Risiko fördert jeder Einkauf im Supermarkt: Der Seifenblase eines schnellen Gewinns, eines Schnäppchens heute folgt Zerstörung in der Zukunft. Manchmal muss man hart mit sich sein und einen Umweg gehen: Heute etwas mehr Aufwand und Geld investieren und morgen den Gewinn ernten. Das ist wie in der Kindererziehung. Heute die Zähne putzen und den Nutzen noch in dreißig Jahren genießen. Heute gut essen und morgen gesund sein. Das sind Umwege, es klingt ineffizient, doch genau das – scheinbare Ineffizienz – macht die Natur uns allgegenwärtig vor: Pflanze wachsen wild durcheinander und bilden mehr Blattmasse als unbedingt nötig; Bäume wachsen jahrelang, bevor sie Früchte tragen; Tiere bekommen regelmäßig mehr Nachwuchs, als sie versorgen können; für jede Herausforderung schafft die Natur vielfältige Lösungen (zum Beispiel die Flugapparate von Vögeln, Fledermäusen und Libellen). Vielfalt und Überreichlichkeit, Vernetzung und Komplexität haben in der Natur keine Grenze. Messen wir dies an unserem von Wirtschaft mit kurzer Sicht geprägten Begriff der Effizienz, wirkt die Natur wie der absolute Gegensatz. Mutter Natur investiert für Jahrhunderte. Unser Horizont endet zu oft bei Quartalsergebnissen oder dem Kontostand am Monatsende.

Wer das System der Industrie auf Knien anbetet, darf sich nicht wundern, wenn die Füße der Aktionärsversammlung ihn zu Brei treten. Jeder Einkauf beim Discounter, der auf dem Weltmarkt handelt, erhöht unsere Abhängigkeit von den Preisen des Weltmarktes und dessen Spekulationsgeschäften. Wen zu viel Macht durch die EU und Brüssel stört, sollte zuerst vor der eigenen Tür kehren und den Landwirten seiner Region den Rücken stärken. Das ist der Weg zur Eigenständigkeit.3

Der Weg der Gewinner

Auf diesem Weg bestückt man seinen Esstisch mit den Erzeugnissen der eigenen Region, genießt als Nebenwirkung einen saisonalen Speiseplan und dient der Umwelt mehr als jedes Bio-Siegel das allein vermag. Am Wegesrand findet man Schätze, die verloren schienen: Transparenz der Nahrungskette und Lebensmittelsicherheit, Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität. Die Kreativität nimmt zu, wenn man sich an die Erzeugnisse der Saison anpassen muss. Auch die Güte der Lebensmittel steigt, denn die Ware legt kürzere Wege zurück, gelangt frisch auf den Tisch, verliert weniger Nährstoffe und schmeckt besser. Wer gesund bleibt, spart Zeit, die er sonst beim Kranksein verliert. Geht man diesen Weg eine Weile mit seinem Landwirt, gewinnt er Sicherheit für seine Planung. Weil er mehr an seinen Erzeugnissen verdient, kann er auch mehr in deren Güte investieren. Und er kann seinerseits mehr Geld in die Region investieren mit Rücksicht auf Natur und Tier, Mensch und Zukunft. Dafür muss er nicht teilnehmen am Bio-Spiel, dessen Regeln die konventionelle Agrarindustrie geschrieben hat. Den Papiertiger im grünen Fell kann sich sparen, wer Güte an oberste Stelle seiner Prioritätenliste schreibt und seine Erzeugnisse an Mitmenschen statt Konzerne vermarktet.4

Am Ende dieser Nahrungskette kann nur der Käufer den Erhalt oder das Entstehen eines solchen lokalen Handels ermöglichen. Regionale Ernährung ermöglicht den persönlichen Kontakt zwischen Verbrauchern und Erzeugern. Dieser Austausch fördert das gegenseitige Verständnis für die Bedürfnisse und Herausforderungen des Alltags. Aus diesen Verbindungen zwischen Menschen kann eine gemeinsame Kultur der Wertschätzung wachsen. Wertschätzung echter Lebensmittel und echten Handwerks. Und es überlebt (oder entsteht) eine einzigartige, weil regionale Esskultur. Um so etwas zu erleben, fahren viele Menschen in den Urlaub.

In diesen Zeilen beschreibe ich die beiden Extreme einer Bandbreite: Die Discountermentalität auf der einen gegen den persönlichen Kontakt zum Landwirt auf der anderen Seite. Natürlich gibt es einen Bereich dazwischen. Doch wir müssen uns entscheiden, welches Ende wir anstreben wollen. Sollen wir den Trend der Konsum- und Wegwerfgesellschaft fortsetzen und die Umwelt verdrecken, während uns das Fett über den Hosenbund quillt und wir uns auf dem Sofa verdummen? Oder ist unser Ziel die Schönheit einer Heimat voller Vielfalt, starker Menschen und gesunder Kreisläufe? Ob wir dann unser Klopapier selbst schöpfen, uns von Erdöl unabhängig machen wollen oder einfach erst einmal keinen Discounter mehr betreten, ist eine Frage des Kompromisses in der Umsetzung.

Natürlich ist nicht jedes regionale Produkt eine gute Entscheidung. Ich wohne im Emsland, einer Hochburg der industriellen Landwirtschaft, unter anderem Standort unzähliger Hähnchenmastanlagen. Dreihundert Meter von meinem Elternhaus entfernt schlachtete früher die EWG-Hähnchen täglich 40.000 Tiere5 und heute packt am gleichen Ort ein Unternehmen Schlachtreste für den Export und torpediert damit Märkte in Entwicklungsländern. Die Salmonellen in Bio-Eiern, die im Juni 2018 durch die Republik gingen?6 Kamen aus einem Stall in drei Kilometern Entfernung von meinem Schreibtisch. Das gilt überall in Deutschland: Wenn der Metzger Fleisch »hier aus der Region« anbietet, kann auch das von einem Großabnehmer für Antibiotika stammen. Man muss also Ernst machen und den Landwirt wirklich kennenlernen. Genauso ist Bio-Ware nicht immer der goldene Weg. Viele Landwirte verzichten auf den grünen Papierkrieg und Regulierungswahnsinn und verlassen sich auf die Denkfähigkeit ihrer Direktabnehmer. Auch ist die teuerste Ware nicht immer die beste. Es gibt kein solches oberflächliches Merkmal, das die eigene Kontrolle und den persönlichen Kontakt zum Landwirt ersetzen kann. Das kostet ein wenig Zeit und kann auch im ersten Moment mehr Geld kosten als der Gang zum Discounter.

Ich kann es mir nicht leisten, billig zu kaufen. Ich kann es mir nicht leisten, mich nicht um meine direkte Umgebung, meine Gemeinde, meine Umwelt zu kümmern. Ich pflege meinen Körper und meinen Geist. Der Mensch ist immer auch ein Erzeugnis seiner Umgebung. Dieses Umfeld beeinflusst meinen Körper und meinen Geist. Also muss ich meine Umwelt mitgestalten.

Das Aufziehen eines Kindes beginnt nicht bei dessen Geburt oder Empfängnis. Die Arbeit fängt 100 Jahre davor an beim Gestalten der Umwelt, in der das Kind aufwachsen wird. Für meine Kinder wünsche ich mir eine Welt voller Geheimnisse und versteckter Schätze: Sie sollen durch die Straßen gehen und die Nachbarn kennen und deren Geschichten, vom Landwirt lernen und vom Schäfer. Sie sollen dem Metzger zuschauen und die Kühe füttern können, auf der Heidelbeerplantage aushelfen und über den Wochenmarkt tanzen; beim Maschinenbauingenieur staunen und mit Tante Mechthild backen.

Dass ich mich um meine direkten Mitmenschen kümmere ist aus diesem Blickwinkel Egoismus in Reinform. Stellt man es richtig an, sind Egoismus und Altruismus das Gleiche. Das ist das Wesen dieses Vorgehens: Regionale Ernährung nährt die Region.

Dein Gewinn:

  • Mehr Sicherheit und Gesundheit: Für dich, deine Familie, deine Mitmenschen.
  • Höhere Lebensqualität für die Gemeinschaft.
  • Mehr Selbstbestimmung.

So gehts:

  • Gehe zum Landwirt. Begib dich direkt dorthin.
  • Gehe nicht zum Discounter.
  • Ziehe nicht durch den Supermarkt.

Beachte:

  • Regional ist nicht immer gut.
  • Teuer heißt nicht besser.
  • Bio heißt nicht gut.

Als Hilfe bei der Umsetzung habe ich die Bücher Einfach essen und Einfach kochen geschrieben.

Herzlicher Dank gilt Yvonne Benck, Jonas Burri, Judith Henzler, Konstantin Niese, Jessica Kolinger, Marius Schütte und allen anderen Stiftern dieses Beitrags mittels Patreon, PayPal und Überweisung.

Fußnoten

  1. Olschewski, Felix (2018) Artenvielfalt durch Fleischverzehr. Urgeschmack.
  2. Olschewski, Felix (2016) Essen ist eine Investition. Urgeschmack.
  3. Olschewski, Felix (2016) Wir alle sind Landwirte. Urgeschmack.
  4. Olschewski, Felix (2018) Hart am Wind ins Lebensmittelparadies. Urgeschmack.
  5. Zeit Online: Zwist in Twist. Aus Die Zeit Nr. 37/1968 vom 13. September 1968.
  6. ndr.de. Emsland: Salmonellen-Rückruf betrifft 120.000 Eier. 21.06.2018 16:31 Uhr.

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4 Kommentare zu “Gewinner essen regional

  1. Sonja Stendera

    Ich geb dir vollkommen Recht, ein guter Beitrag. Aber, man muss natuerlich auch bedenken, dass in dem Discounter auch Menschen arbeiten, die sich versorgen muessen.

    1. Felix

      Danke Sonja. Natürlich müssen die Angestellten sich versorgen. Aber fiele der Discounter weg, benötigte man ihre Arbeit und Fähigkeiten doch noch immer. Es wird ja nicht weniger gekauft.

      1. dors venabili

        Das Discounterproblem wäre ja auch lösbar wenn es um Menschen ginge, die sich aus der Region für die Region darum kümmern welche regional nicht erhältlichen Produkte sinnvoll gehandelt werden können.
        Aber dass ein Albrecht-Clan nun den drölfzigsten Laden in Connecticut aufmacht ist bösartig!

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