Ist gesunde Ernährung zu teuer?

Kaum jemand bestreitet: Schlechte Ernährung ist eine der Hauptursachen der Welle von Übergewicht, Diabetes und Herzkrankheiten, die uns zu überfluten droht. Und der Grund dieser schlechten Ernährung? Gesunde Ernährung sei für viele Menschen zu teuer, einigt sich unsere Gesellschaft. Stimmt das? Ist gesunde Ernährung wirklich teuer und wenn ja: Ist das tatsächlich die Ursache des Problems?

Definieren wir zuerst gesunde Ernährung. In diesem wirtschaftlichen Zusammenhang benötigen wir einen eindeutig messbaren Anhaltspunkt. Sehen wir also hinweg über Esskultur und Geist und Seele und vereinfachen auf das wesentliche Merkmal: Gesunde Ernährung ist nährstoffreich. Viele Mineralstoffe, Vitamine, Aminosäuren und Antioxidantien aus frischem Gemüse und Obst fördern die körperliche Gesundheit.

Wie vergleichen wir die Kosten? Durch die Kalorie. Denn alle Lebensmittel haben sie gemein und wir benötigen die Energie zum Überleben. Vergleichen wir also die Lebensmittelpreise pro 100 kcal. Schnell verlassen wir dann die Gemüseauslage und finden uns tief zwischen den Supermarktregalen wieder, in der Welt der Plastiktüten und Kartons. Kartoffelchips und Butterkekse sind die Champions im Preiskampf. Das verwundert nicht: Weißes Mehl, Zucker und Pflanzenfett sind die billigsten Rohstoffe. Günstiger kommt man höchstens davon, wenn man sie direkt kauft und selbst Kekse backt.

Billige Fertiggerichte, stark verarbeitete Erzeugnisse, leere Kalorien: Hier kostet der Umkarton meist mehr (und ist möglicherweise nahrhafter) als die Herstellung des Inhaltes. Ernährt man sich davon, kommt man kurzfristig unbestreitbar billiger davon als mit gesunder Ernährung: Kartoffelchips sind billiger als frischer Spargel.

Allerdings gibt es günstige, nährstoffreiche Alternativen wie die Kartoffel. Sie mag teurer sein als die billigsten Kalorien, doch nur wenig. Und nur ein Narr würde alles oberhalb des absoluten Tiefstpreises für zu teuer erklären. Discounter sind kein Maßstab für normale Preise. Selbst das Hartz-IV-Lebensmittelbudget ermöglicht ein Leben von Bio-Gemüse.1 Wer selbst zu Hause kocht, lebt günstiger gesund.

Ist also allein der Preis der Grund für die verbreitete ungesunde Ernährung? Wäre das so, müssten Haushalte mit höherem Einkommen sich besser ernähren. Das trifft jedoch nicht zu. Eine in den USA durchgeführte Studie zeigt: Die Qualität der Ernährung erhöht sich erst bei einem Einkommen entsprechend dem fünffachen Existenzminimum – und selbst dann nicht besonders.2

Dass so viele Menschen ihre glänzende Karosse mit quietschenden Breitreifen auf dem ALDI-Parkplatz abstellen und mit stur auf das neue iPhone gerichtetem Blick lederbestiefelt ihr Ziel zwischen Billigtiefkühlpizza, Billigcola und Billiggummibärchen finden, das liegt nicht an ihrem mangelnden Einkommen. Sondern: Es ist einfach und bequem und es schmeckt ihnen.

Bequem und lecker und billig: Danach strebt der Mensch von Natur aus. Es ist der Weg des geringsten Widerstandes. Vergessen wir für den Moment, dass die billige Ware tatsächlich nicht günstig ist (weil sie versteckte Kosten trägt) und auch nicht wahrhaft lecker (weil sie aromatisch verarmt ist; man vergleiche das nur mit halbwegs anständig selbstgekochtem Essen): Sie bleibt bequem. Wer will das nicht?

Wer sind die Menschen, die an dieser Stelle Nein sagen? Wer verzichtet auf die Bequemlichkeit, den scheinbar billigen Preis, die schnelle Befriedigung durch Salz, Zucker und Fett? Das sind Menschen in allen sozialen Schichten. Solche, denen gutes Essen wichtig ist, aus den unterschiedlichsten Gründen. Einige nennen es gesund, andere anständig, wieder andere wollen genießen, und zwar richtig und kultiviert.

Die einen kochen jede Mahlzeit selbst, backen sogar wöchentlich ihr eigenes Brot. Andere beschränken sich nach dem werktäglichen Kantinenessen auf das Kochen am Wochenende. Das ist ihr jeweiliges Selbstverständnis und das beruht auf Selbstachtung.

Es ist weniger bequem und es kostet etwas mehr Zeit als das Hasten und Schlingen in der Burgerschleuder. Und Zeit, die ist begrenzt. Wollen wir uns aber wirklich verstecken hinter der alleinerziehenden Mutter dreier Kinder, die in vier Jobs arbeitet, für die sie täglich fünf Stunden mit sechs Bussen fahren muss? Wie viele solcher Einzelfälle gibt es?

Was ist mit den Millionen, die ihre Zeit vor der Glotze verpennen? Auf dem Tisch ein Bier, die Tiefkühlpizza daneben nur halb gegessen, der Rest kommt in den Müll; gleich erstmal auf den Balkon, eine Kippe, dann schön Eiskonfekt und 'ne Packung Butterkekse.

Die Wahrheit schmeckt weniger, sie kratzt im Hals, liegt schwer im Magen: Wir sind nicht einfach Opfer der Wirtschaft oder gar des Lebens. Wir sind selbst verantwortlich.3 Jeder hat das Recht, das Privileg und die Pflicht, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Wer das begreift und selbstbestimmt lebt, gewinnt Selbstachtung. Selbstachtung kann jeder haben, auch der ärmste Bettler.

Selbstachtung erschwert den täglichen Selbstbetrug. Kaufst du die Tüte Kartoffelchips wirklich, weil sie billiger ist als der Sack Kartoffeln? Und die drei Flaschen Cola landen ehrlich nur deswegen im Einkaufswagen, weil du dir das Pfund Bohnen nicht leisten kannst? Könnte es sein: Du bist ein fauler Sack und schaust dir lieber Angst, Hass, Titten und den Wetterbericht im Vorabendprogramm an, statt die halbe Stunde in der Küche ein kleines Festmahl zu kochen?

Die Antworten können schmerzen. Wir sind keine Opfer unserer Gesellschaft, sondern Mittäter in der Nahrungskette. Jeder Einkauf ist ein Stück Demokratie, eine Wahl mit der Geldbörse für oder gegen ein Lebensmittel. Wir gestalten dadurch unsere Umwelt sozial, ökonomisch, kulturell.

Natürlich gibt es Extremfälle und wir haben ein Verteilungsproblem. Doch für jeden, der wirklich jeden Cent zweimal umdrehen muss und auf die allerbilligsten Kalorien angewiesen ist, gibt es Hundert, die sich aus reiner Bequemlichkeit und Genusssucht gegen gesunde Ernährung entscheiden.

Fußnoten

  1. Siehe auch: Olschewski, Felix (2012) Was kostet gesunde Ernährung? Urgeschmack.
  2. Hazel A.B. Hiza. et al.. Diet Quality of Americans Differs by Age, Sex, Race/Ethnicity, Income, and Education Level. Journal of the Academy of Nutrition and Dietetics. February 2013, Volume 113, Issue 2, Pages 297–306.
  3. Siehe auch: Fast, Sascha. Das Prinzip der bedingungslosen Verantwortung. ME Improved. 28 Jan. 2016.
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26 Kommentare zu “Ist gesunde Ernährung zu teuer?

  1. Christine

    Die Bequemlichkeit ist die eine (und sehr starke) Seite.

    Dann gibt es noch die Tatsache, dass es einfach gesellschaftlich anerkannt ist, sich in der Mittagspause vom Bäcker ein Leberkäsebrötchen zu holen oder anderes bequemes “Essen”. Es ist genauso gesellschaftlich anerkannt, sich Tiefkühlpizza aufzubacken wie man damit prahlt, süchtig nach und abhängig von Kaffee zu sein und dies auch an fast jedem Arbeitsplatz unterstützt wird, indem eine Kaffeemaschine dasteht. Welcher Arbeitgeber bietet seinen Angestellten frischen Kefir oder fermentiertes Gemüse? Vergangenen Sonntag war ich auf einer Konfirmationsfeier und es war hip, sich den Bauch vollzuschlagen und zu stöhnen, weil man so überfressen war – ich war die einzige, die bei Gemüse und Fleisch blieb, ohne Knödel, Spätzla, Griesklößchensuppe, mega-Kuchenbuffet und Sekt. Und ich war damit Außenseiter. Viele wollen das nicht sein.

    Und drittens: Wir sind nicht mehr bereit, auf frisches Gemüse im Winter und Frühjahr zu verzichten, wir wollen große Abwechslung rund ums Jahr, wir ekeln uns vor Soleiern oder milchsauer eingelegtem Gemüse. Wir wollen täglich einen Apfel essen, weil das ja angeblich so gesund ist und unser einziges Feigenblatt. Wir kennen aber durch den Discounter auch nur noch die paar Obst- und Gemüsesorten, die dort jahreszeitenunabhängig angeboten werden. Wildkräuter kennen wir nicht mehr, alte Gemüsesorten aus unserer Region auch nicht. Was der Discounter nicht deutschlandweit einheitlich anbietet, verschwindet aus unserem Blickfeld. Im Januar nur Sauerkraut, Rosenkohl, Steckrüben, Zwiebeln, Kartoffeln, Bohnen und ein paar verschrumpelte Lageräpfel essen? Dazu sind wir nicht mehr bereit. Müssten wir nicht sein, wenn wir die Tiefkühltechnik nutzen würden, aber selbst einfrieren ist ja angesichts des ständig verfügbaren frischen Gemüses so unbequem und so beginnt die Sache wieder am Anfang, bei der Bequemlichkeit …

    1. Felix

      Die gesellschaftlich und von den meisten Arbeitgebern gestützte Kaffeesucht ist ein sehr guter Punkt, auf den ich eigentlich noch in einem eigenen Artikel eingehen sollte. Aus meiner Zeit in der Videospielebranche weiß ich von einigen Studios, die auch unbeschränkt Schokoriegel und anderen Süßkram kostenlos bereitstellen. Allerdings habe ich auch Studios gesehen, die jeden Mittag einen Caterer ordentliches Essen herbeibringen lassen und gemeinsam am Tisch essen. Das kann also funktionieren, wenn man die entsprechende Kuktur pflegt. Insofern sehe ich den Ansatzpunkt wieder bei jedem Individuum und, deine Punkte weiter aufgreifend, in Allianzen zwischen den “Außenseitern”, die so eine wachsende Gruppe bilden können. Eine Gegenbewegung – in der Demokratie muss so etwas immer von der Basis kommen.
      Was den vermeintlich beschränkten Speiseplan angeht, empfinde ich darin eine der größten kulinarischen Bereicherungen, weil mich das saisonal beschränkte Angebot anstößt, mir häufiger neue Gerichte auszudenken.
      Danke für deine Gedanken, Christine.

  2. Jahn

    Hallo Felix,
    dass gesundes Essen sehr teuer ist, ist ein Argument, das mir immer wieder begegnet.
    Es ist natürlich schwer im Preis dagegen zu argumentieren, wenn jemand aktuell KEIN Obst und Gemüse isst und dann jeden Tag (am besten noch Bio) Obst und Gemüse essen soll. Natürlich entstehen da Mehrausgaben aber die sollte einem ein besseres und gesünderes Leben wert sein.
    Ich glaube auch nicht, dass es (bei uns in D) jemanden gibt, der es sich nicht leisten kann genug frisches Obst und Gemüse und generell gesunde und frische Lebensmittel zu essen. Menschen bei denen es dann finanziell beim Einkauf knapp wird, sollten dann lieber an den Genussmitteln etwas einsparen oder Ausgaben außerhalb der Lebensmittelaufwendungen überdenken.
    Viele Grüße
    Jahn

  3. Tobi

    Aber teuer heißt nicht automatisch gut: Neulich musste ich 2,50 Euro für 500 g Schweinehack bezahlen uund das Fleisch war nicht gut geschmeckt:-(

    1. Felix

      “Aber teuer heißt nicht automatisch gut.”

      Richtig. Das steht auch nicht im Artikel.

      “Neulich musste ich 2,50 Euro für 500 g Schweinehack bezahlen”

      2,50 Euro für 500g, also 5 Euro je Kilo Fleisch ist nicht teuer, sondern schon ausgesprochen billig: Für das Geld kann man kaum vernünftige Qualität, schon gar keine tier-, menschen- oder umweltfreundliche Ware erwarten.

  4. Erdmute

    Ja, wieder einmal ein wirklich guter und umfassender Beitrag. Der Beitrag von Lea spricht mir auch aus dem Herzen. Ich hätte es gern, wenn die Discounter etwas positiver genannt werden, denn dort gibt es auch frische Produkte, so wie auch in den anderen Supermärkten. Es muss ja nicht gleich Bio sein, sondern frische Ware und selber kochen ist doch erst mal das Ziel oder? Das (weite) fahren zum Bauern oder zum Markt sehe ich nicht so positiv, denn da bemüht der Verbraucher sein Fahrzeug – na ja, da kommen wir vom Thema ab. Die Frage ist doch, wer kocht denn noch selbst? Es gibt Kochsendungen zu Hauf – aber…, lassen wir das. Frisch kochen z. B. eine Kartoffelsuppe würde für Kochfleisch und Gemüse für die Brühe so ca. 5 Euronen kosten. Das frische Gemüse Kartoffeln, Möhren, Lauch vielleicht auch noch mal 5 Euronen, dann habe ich aber 5 Liter Suppe. Der Zeitaufwand ist natürlich enorm – vielleicht will sich diesen keiner leisten, denn dann verpasst man ja was?! Weiter so!

  5. Tiller

    Beim Edeka bekomm ich Heringkonserven von Gut & Günstig für 1,25 EUR (enthält 200 g Hering). Jetzt kann ich noch einen Schwall Leinöl auf den Fisch geben (sagen wir für 0,25 EUR)…

    Gesunde Ernährung ist eindeutig zu TEUER!

  6. andy

    Hi Felix,

    kurz:

    mmn. ist es günstiger und wertvoller… Zigaretten und Pizza gegen Gemüse und Fleisch/Fisch vom Wochenmarkt auszutauschen. Weniger “Hifi” Tv-Dinger und hochwertigeres und auch nachhaltigeres Essen.

    Ins Restaurant gehn dann als monatliche “Ausnahme”

    Liebe Grüße

    Andy aus eckernförde 😉

  7. Sherina

    ich kann es bestätigen, es braucht nicht viel Geld für gute Lebensmittel. Wenn wir gute Lebensmittel zu uns nehmen, sind auch mehr Vitalstoffe vorhanden. Und die machen schneller satt. Ich brauche lange nicht mehr soviel Lebensmittel wie früher und kann mir trotz wenig Geld Bioware kaufen. Äpfel kg 5,00 Euro muss ein Druckfehler sein 😉
    Es bedeutet natürlich viel Kreativität um Essen herzustellen und eine Rübe als Gemüse ob gedünstet oder als Suppe, einfach ganz hervorragend lecker. Sogar als Muffins möglich. Einfach ausprobieren und nicht denken ” eine Rübe würde ich nicht essen”. Wie heißt es so schön: “was der Bauer nicht kennt, isst er nicht”.

  8. Thomas Imm

    Hallo Felix, toll wie Du schreibst und die wahren Gründe der oft Dummen Angewohnheiten von uns Menschen in dieser “Hochkultur” ansprichst. Eigenverantwortung würde
    Uns gut tun um sich weiter zu entwickeln. Es gibt viele Ausreden die unser EGO uns einflüstert
    aber es bleibt dabei ” Du bist was Du isst”.
    Liebe und gesunde Grüße
    Thomas

  9. Jasmin

    Ich stimme da voll und ganz zu. Toller Artikel!
    Für so viele “Luxus”-Artikel gibt der Mensch Unmengen an Geld aus. Für den neuesten Fernseher oder das neueste Smartphone ist kein Cent zu schade. Bei der Ernährung aber, die ja das WICHTIGSTE überhaupt ist, will gespart werden. Dabei muss gutes Essen nicht teuer sein.

  10. Florian Hirsch

    Hallo Felix,
    vielen Dank für den interessanten Artikel. Ich habe vor einiger Zeit auch mal an die “Macht der Verbraucher” geglaubt, aber inzwischen glaube ich die Sache ist einfach viel komplexer, als das jemand der sich bisher “billig” und ungesund ernährt hat, sich von heute auf morgen für gesunde Bioernährung entscheiden könnte. Selbst wenn dies einigen gelingen sollte, hat doch dieses Neoliberale System immer irgendein Mittel um uns so einzubinden wie es das gerne hätte.
    Außerdem gibt es viele Rebound-Effekte, einer davon liegt fasst überhaupt nicht in der Hand des Verbrauchers: Wenn das Essen bezahlt ist, habe ich keine Kontrolle mehr über “mein” Geld, ein Teil davon geht vielleicht in einen Langstreckenflug nach Neuseeland, ein Teil davon an den Staat, also auch an Panzer und Kohlekraftwerke oder Bürokratie die wiederum Biobauern das Leben schwer macht etc. Ich habe einen Interessanten Artikel gefunden, zwar aus veganer Perspektive, aber im Grunde finde ich, ist das eine richtige Richtung: http://jungle-world.com/artikel/2017/01/55478.html
    http://jungle-world.com/artikel/2017/01/55478.html

    1. Felix

      Hallo Florian,
      danke für deinen Kommentar. Leider kann ich dir nicht folgen. Wenn ich zu Christian, dem Landwirt meines Vertrauens, fahre und ihm ‘nen Zehner in die Hand drücke, damit er mir zehn Bund Rucola vom Feld schneidet, dann weiß ich genau: Das Geld landet in seiner Tasche. Ob er damit im Urlaub nach Jamaica fliegt oder mit seiner Freundin essen geht, kann und muss mir egal sein. Ich kenne ihn und er ist ein ordentlicher Kerl, mit dem ich gerne Geschäfte mache. So versuche ich den größten Teil meines Geldes weiterzugeben: An anständige Menschen, die ich persönlich kenne. Wenn sich einer mal als panzerfahrender Waffennarr herausstellt, dann soll das so sein. Man kann nicht alles steuern.
      Dass ich nicht alles unter Kontrolle habe ist keine Entschuldigung dafür, einfach die Hände hochzuwerfen und zu flennen “Aber das System…!” Das System™ mag mächtig und schmutzig sein. Trotzdem liegt vor unser aller Türen noch immer ausreichend Dreck, den wir selbst aufkehren können.

      Man kann natürlich bequem vom Ohrensessel aus darüber schwafeln, wie machtlos, dumme, naiv, klein der Verbraucher ist und wie zwecklos solche Versuche im Großen Ganzen. Oder man hört auf über Theorie zu quasseln und bewegt ganz praktisch seinen Arsch nach draußen und führt ganz praktisch solche Dinge aus, die ganz real, lokal, persönlich, unmittelbar wirken.

      Mit anderen Worten: Selbst wenn der Verbraucher nicht alle Macht hat, bedeutet das nicht, er habe keine Macht.

      1. Florian

        Ja klar ich wollte ja deinen Standpunkt natürlich nicht zu 100% entkräften.
        Natürlich beschäftige ich mich auch damit wie ich als Teil des “Systems” mich und das “System” verändern kann. z.B. gehe ich direkt, wie du auch, zur Bäuerin und kaufe direkt bei ihr, somit habe ich zwar immer noch nicht ganz die Kontrolle (die Bäuerin zahlt natürlich Steuern etc.), aber natürlich mehr als wenn ich einfach zu Edeka gehen würde. Das klingt jetzt so als wollte ich über alles die alleinige Kontrolle haben, natürlich nicht, ich bin für eine Gesellschaft die sich selbst im gemeinsamen Konsens verwaltet, ohne Machtstrukturen und Menschen die “unseren Willen” gesetzlich repräsentieren. Außerdem plane ich mich mit meiner Imkerei als Kleinunternehmen selbstständig zu machen, beschäftige mich auch mit alternativen Wohnformen und eigendlich mit allem was mich irgendwie unabhängiger machen könnte. Aber was finde ich nicht reicht, wäre zu beschließen, ich ernähre mich jetzt nur noch Biologisch und Paleo und damit wäre die Welt und ich gerettet.
        Auch ich bin mit meinen Aktionen noch ganz am Anfang und es dauert ewig bis sich ernsthaft vieles zum guten wendet. Ich mache das alles natürlich nicht blos nur weil ich besser Leben will, sondern ich möchte z.B. nicht mehr nur zusehen wie mit “unserer” Unterstützung Menschen ausgebeutet werden, oder in Syrien ums Öl gekämpft wird.
        Aber vielleicht habe ich dich da auch nur falsch verstanden.
        viele Grüße,

        Florian

        1. Felix

          Hallo Florian,
          ich denke schon, du missverstehst den Artikel. Es geht dort nicht um die Macht des Verbrauchers, sondern um die Frage des Preises gesunder Ernährung. Oder darum, was Menschen von guter Ernährung abhält.

          “Aber was finde ich nicht reicht, wäre zu beschließen, ich ernähre mich jetzt nur noch Biologisch und Paleo und damit wäre die Welt und ich gerettet.”

          Das schreibe ich auch an keiner Stelle, zumal ich im Gegenteil meine: Wenn man sich jemand entscheidet, einfach nur noch biologisch und Paleo zu essen, genau dann verlässt er/sie sich oft nur noch auf Labels und schaltet das Denken aus. Gerade das verursacht viele Probleme erst.

  11. Ingo

    Sehe ich etwas anders. Wenn wir nur die Menschen betrachten, die sich tatsächlich gesund ernähren WOLLEN, dann glaube ich, dass viele gerne noch mehr Geld für gutes Obst oder Gemüse ausgeben würden, das Geld aber fehlt. Ich verdiene nicht schlecht, aber Kilo Äpfel für 5€, ist schon nicht billig. Allgemein Obst und Gemüse kostet in guter Qualität gerne mal 10€ pro Kilo auf dem Markt. Das ist selbst mir zu viel für jeden Tag. Kilo Nudeln dagegen kostet vielleicht 1€ und davon könnte ich vier mal satt essen.

    1. Felix

      Hallo Ingo,
      da kann ich nicht ganz mitgehen. Selbst die teureren Biomöhren bekomme ich selten über 2,50€/kg, habe heute Lauch für 5,95€/kg gekauft und bezahle auch für Kohl seltenst über 2,90€/kg – generell eher weniger. 10 €/kg kosteten selbst in diesem für Südeuropa besonders harten Winter nicht einmal die Paprika, welche es aus heimischer Erzeugung und, wenn es denn sein muss, mit Bio-Siegel im Sommer für höchstens 7,90€/kg gibt. Klar: Immer alles vom Feinsten und mit Bio-Siegel, das geht vielleicht nicht. Aber das ist auch keine Voraussetzung für gesunde Ernährung. Die geht auch mit mit günstigerem Obst und Gemüse. Dass nur Bio gesund sei, das ist ein Irrtum.

  12. Hanna

    Grundsätzlich gebe ich dir Recht und in den meisten der Fälle wird es wohl so sein. Es gibt aber auch Menschen (ja, auch in Deutschland!), die tatsächlich so wenig Geld zur Verfügung haben, dass es gerade so zum Überleben reicht. Da ist dann auch nicht von Fertiggerichten die Rede, aber viel mehr als Brot, Kartoffeln, Reis oder Nudeln kommt da nicht auf den Tisch. Ganz günstig ist gesunde Ernährung da im Vergleich leider wirklich nicht – und wenn man hier vor die Wahl gestellt wird, dann wählt man nunmal das Überleben.

      1. Lea

        Lieber Felix,
        ganz genau!!! Das sehe ich ganz genau so!
        Bio und gesunde Ernährung hat tatsächlich nur einen einzigen “Hinkefuß” und das ist die Zeit, die sich viele Menschen, egal, ob mit oder ohne Geld, ob mit oder ohne Zeit, nicht zum selber kochen und backen nehmen.
        Wer selber tätig wird, der lebt erheblich gesünder und auch viel günstiger, als Menschen, die dieses ganze aufgemotzte Billig-Fertig-Zeugs in sich rein schaufeln.

        Und noch etwas: Hier in Deutschland gibt es tatsächlich nur sehr wenige Menschen, die so wenig Geld haben, dass sie sich partout kein (Bio)Gemüse kaufen könnten.

        Ich weiß wovon ich rede, ich habe als Bankkauffrau über viele viele Jahre Bauklötze gestaunt, wer in unserer Gesellschaft von den sogenannten Sozialverbänden als “arm” bezeichnet wird.
        Es gibt tatsächlich einige wenige, wirklich arme Menschen hier bei uns, die auch noch unverschuldet und nicht, weil sie keinen Bock haben, in diese Armut abgerutscht sind, aber das ist die Ausnahme in unserem Sozialstaat.
        Wenn ich bei REWE, FAMILA oder auch LIDL oder ALDI einkaufe, dann staune ich immer wieder, was da so in den Wagen liegt. Mein Mann und ich müssen schon innerlich grinsen, wenn wir das sehen: Chips, Softdrinks, Süßigkeiten, Pizza, Fertiggerichte, Zigaretten, massenhaft Billig-Fleisch, Billig-(Weiß)Brot und -brötchen und natürlich auch immer die dazugehörigen 15 Cent billigeren Eier aus der Bodenhaltung…und das kot.. mich sowas von an…

        Wir haben Bio-Gemüse, Bio Eier und Bio-Hack im Wagen. Unser bisschen Galloway-Fleisch kaufen wir beim Bauern direkt und wir geben definitiv nicht mehr Geld aus, als die Leute mit ihrem Schrott im Einkaufswagen! Aber wir kochen – jeden Tag !!!

        Mittlerweile haben wir seit 2 Wochen von Etepetete einen wöchentlichen DA für krummes Bio-Gemüse und wir bekommen 5 kg Gemüse für nicht mal 20,00 Euro jeden Freitag frei Haus geliefert. Krumme Gurken, Dreibein-Möhren, klitzekleine Fenchelknollen, Roote Beete, Kartoffeln, Zwiebeln und vieles mehr.
        Da soll noch mal jemand zu mir sagen: “Ich kann mir aber kein Bio-Gemüse leisten….”

        Und Billigbrot muss auch nicht sein! Wir backen unser Vollkornbrot schon seit Jahren selber. Billiger geht nicht! Und geschmackvoller auch nicht. Ich könnte jedesmal, wenn das Brot frisch aus dem Ofen kommt, sterben für unser frisch gebackenes Vollkorn- Dinkelbrot, oderfür ein Dinke-Einkorn-Brot mit Bio-Käse, -Butter oder -Quark…
        Und nein, es ist nicht teuer!!! So ein 750g-Brot kostet keine 2 Euro.

  13. Andreas

    Hallo Felix,

    der Artikel ist dir wie immer wunderbar gelungen.

    Du schaffst es auf Urgeschmack, viel von dem in genau die Worte zu fassen, die ich zwar als Gedanken im Kopf habe, aber manchmal nicht richtig formulieren kann.
    Das hilft mir enorm, meine Motivation für Gesundheit, Nachhaltigkeit und ein gemeinsames “ganzheitliches” Leben mit Respekt vor unserer Umwelt an andere weiterzugeben. Ich bin mir sicher, dass wir gemeinsam und jeder einzelne viel erreichen können – für deinen Beitrag dazu möchte ich mich einfach mal bedanken : ).

    Viele Grüße

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