Wahnsinn: Slow Food und die “Genussausstellungen”

In dieser Kolumne schreibe ich unregelmäßig über Dinge, die über Ernährung hinaus in den Alltag reichen. Bei meiner täglichen Arbeit sehe ich mich ständig mit Merkwürdigkeiten konfrontiert, mit Unzulänglichkeiten und Kuriositäten, die ich hier anspreche. Denn es zeigt sich, dass, wie alles im Leben, auch die Ernährung nicht losgelöst von der Umwelt betrachtet werden kann.

In fröhlicher Atmosphäre darf überall probiert und genossen, verglichen und eingekauft werden. Am Stand von Slow Food Osnabrück werden Produkte der “Arche des Geschmacks” angeboten und Kinder auf die Suche nach dem guten Geschmack geschickt.

Es klingt großartig, was der Slow Food Verband und das Moormuseum da schreiben. Überhaupt schreibt sich “Slow Food” tolle Sachen auf die Fahne. Nachhaltigkeit, Fairness, Genuss, Erhaltung der Esskultur- und -Tradition. Leider klappt das in der Praxis nicht immer so. Denn oben genannte Veranstaltung am vergangenen Wochenende, war kaum etwas anderes als ein Wochenmarkt mit Eintritt.

Zunächst kostete diese Ausstellung einen saftigen Eintritt von 5€, was an keiner Stelle in den Werbeunterlagen vermerkt war. Der Gipfel ist jedoch, dass keineswegs “überall probiert” werden durfte. Lediglich eine Handvoll Gewürz- und Pesto-Händler boten Ihre Ware auch zum Probieren an. Im Übrigen handelte es sich hier um eine reine Verkaufsveranstaltung. Dabei stehen keineswegs die Händler allein in der Verantwortung: Denn auch am Slow Food-Stand war von den genannten “Produkten der Arche des Geschmacks” nichts zu sehen. Jedoch gab es dort zahlreiche Magazine. Allerdings nicht essbar.

Dass dies bei zahlreichen Besuchern großen Unmut hervorrief, ist mehr als verständlich.

So gestaltete sich der Besuch auf dem “Tag des Genusses” als sehr kurze Angelegenheit, zumal sich das knappe Dutzend Stände sich nur zum kleinsten Teil aus Anbietern der Region zusammensetzte: Viele Anbieter hatten bis zu diesem Markt eine weite Strecke von mindestens 90 Minuten zurückgelegt. Wie es da um die Regionalität und Nachhaltigkeit selbst auf kurze Sicht bestellt sein soll, bleibt mir ein Rätsel. Niemand, der diesen Markt besucht hat, wird künftig sein Gemüse beim Händler in 160km Entfernung kaufen. Und das ist auch besser so, denn es gibt reichlich “echte” regionale Anbieter, die wenigstens die gleiche eher jedoch bessere Ware anbieten.

Besonders tragisch ist das Versagen bei einer solchen Verantstaltung angesichts der tollen Ziele, die Slow Food verfolgt. Die Intentionen im Kern mögen die besten sein. Doch die lokale Ausführung scheitert häufiger, da sich einzelne Mitglieder immer und immer wieder in Verbandsklüngeleien verheddern. So ist offen, warum an dieser Veranstaltung keiner der Bio-Gemüsehändler der direkten Umgebung teilnehmen konnte. Eine Mitgliedschaft im Slow Food-Verein scheint Voraussetzung zu sein. Ein zentralisiertes System, das allein aus diesem Grund lokal nur schlecht funktionieren kann. Denn gesunde Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung ist nicht zentralisiert und nicht standardisiert. Sie ist lokal und vielfältig, passt sich den individuellen Gegebenheiten der Landschaft und der Gemeinde an. Kein global agierender Verband kann dem Gerecht werden.

Fazit: Der Nordhorner Wochenmarkt, der regelmäßig wenige Kilometer entfernt vom Moormuseum stattfindet, bietet wesentlich mehr als diese Slow Food-Aktion. Die dortigen Händler, allesamt direkt aus der Region, bieten fast alle ein Stück zum Probieren an. Und der Eintritt ist kostenlos.

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