Kein Zucker, kein Fett – trotzdem dick?

Weniger Zucker und Fett essen. Und weniger Fleisch und Gluten. Für viele Menschen sind diese Ratschläge nicht der Weg in die ersehnte Schlankheit. Dabei sind die Anweisungen erforscht und plausibel und zehntausende Einzelfälle zeigen, wie gut man damit abnehmen kann. Auch ein Blick auf die Volksgesundheit zeigt: Die Empfehlungen zu LowCarb, fettarmer oder vegetarischer Ernährung helfen offenbar nicht. Warum?

Albert Einstein sagte einst, man müsse die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher.

Essen ist einfach. Zugegeben: Der Pandabär ist so wählerisch, der macht sich das Überleben schwer. Aber nehmen wir mal uns, den Menschen: Obst, Gemüse, Nüsse, Samen, Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte, Kräuter, Salate, Insekten, Algen, Pilze – nur wenige Tierarten können von so vielen Lebensmitteln überleben oder sie sich überhaupt erschließen. Wir haben es leicht: Essen ist einfach.

Diese Einfachheit scheint zum Fluch zu werden: Wir werden dick und krank. Erst hielten wir Fett für den Übeltäter, später Kohlenhydrate, besonders Zucker. Doch die Verzichtsempfehlungen helfen oft nicht und auch wer seinen Fleischkonsum einschränkt, verliert dadurch nicht immer die gewünschten Kilos. Warum?

Weil wir gegen Einsteins Rat verstoßen. Wir machen es zu einfach. Essen ist zwar einfach, doch es umspannt Zusammenhänge, die wir bis heute nicht ganz verstanden haben. Der einfache Rat: Iss kein Fett mehr! ist übervereinfacht und wirkt deswegen nicht.

Die Ursache des Übergewichts ist einfach. Wir kennen die Schurken nicht erst seit gestern, es sind keine Errungenschaften der jüngsten Moderne wie das Fernsehen oder Videospiele. Der Franzose Brillat-Savarin1 beschreibt sie schon vor zweihundert Jahren:

Wir essen zu viel und bewegen uns zu wenig. Wir leben ungesund.

Warum ist es dann keine Lösung, weniger Fett zu essen, wo es doch so viele Kalorien hat? Und warum hilft es nicht, einfach weniger Zucker zu essen? Wir wissen doch genau: Zu viel Zucker schädigt den Stoffwechsel und macht fett. Aber wir fragen selten nach dem Grund: Warum essen wir so viel und bewegen uns wenig? Warum leben wir ungesund?

Weil es einfach ist. Es ist der Weg des geringsten Widerstandes. Es ist der Weg der Natur, unser Streben danach ist natürlich. Dass der Weg des geringsten Widerstandes auch ins Verderben führen kann, das war der Natur schon immer egal.

Deswegen genügt es häufig nicht, einfach weniger Fett und Zucker und Fleisch zu essen: Weil wir trotzdem den Weg des geringsten Widerstandes suchen. Wir wollen es trotzdem lecker und einfach haben und greifen stattdessen zu den anderen Produkten der Industrie: zu fettarmen Keksen, die stattdessen mehr Zucker und Salz enthalten. Denn wenn sie fettarm sind, kann man sie ja guten Gewissens essen, oder?

Wir greifen zu den zuckerfreien Pralinen, die stattdessen mehr Fett enthalten und Süßstoff oder Kokosblütenzucker, der nichts anderes ist als Zucker. Oder wir meiden Gluten und kaufen überteuerte Paleo-Produkte, randvoll gestopft mit Kokosfett und Agavensirup und Pfeilwurzelstärke und ranzigen Nüssen und zuckerigen Datteln. Unvergesslich: Das fleischlose vegane Fleisch mit Zutaten, deren bloße Erwähnung drei Kätzchen das Leben kostet.

Warum essen wir so etwas? Das steht auf der Verpackung: Fettarm, ohne Zucker, vegan, glutenfrei. Die Ernährung bleibt derweil so schlecht wie die übrigen Gewohnheiten des Lebens. Vielleicht hopsen wir ein, zweimal pro Woche in der Aerobic- oder Pilates-Gruppe im Fitnesscenter herum. Oder wir setzen uns eine halbe Stunde aufs Elektrofahrrad und lassen uns vom Motor herumschieben. Dann haben wir uns viel bewegt, haken das in unserer Aufgabenliste ab, trinken noch einen veganen (abgehakt), fettfreien (abgehakt) Smoothie und essen ein paar zuckerfreie (abgehakt) Kekse zusätzlich, weil wir uns so viel bewegt haben. Wir fragen nicht: Warum bin ich unzufrieden? Warum nasche ich öfter als ich Hunger haben kann?

Bleiben wir also an der Oberfläche: Wir essen zu viel und bewegen uns zu wenig. Die Lösung: Weniger essen, mehr bewegen. Mehr anstrengen, weniger bequem sein. Das ist einfach.

Wie kann man einfach gesünder essen? Mehr selbst kochen. Möglichst viel selbst kochen. Am besten: Alles selbst kochen. Das ist eine einfache Anweisung. Dann wird das Essen so viel Arbeit, da sucht man sich wieder den Weg des geringsten Widerstandes. Und beim Kochen ist das sicherlich nicht die Zubereitung einer Schokoladentorte.

Wenn es selbstgekocht, aber auch einfach und trotzdem lecker sein soll – und das soll es doch immer, oder? –, dann schneidet man ein paar Möhren, Pastinaken, Kartoffeln und Rote Bete klein, würzt die ein wenig und schmeißt sie in den Ofen. Fleisch? Viel zu schwierig: Leicht verderblich, kostet mehr als Gemüse und spritzt die ganze Küche voller Fett. Lieber ein paar Linsen zum Gemüse kochen oder drei Spiegeleier in zwei Minuten auf einen Teller zaubern. Cholesterin? So ein Quatsch. Wer so viel Gemüse isst und sich bewegt, den juckt das nicht2. Rohes Obst als Nachtisch. Einfacher geht es nicht.

Und wie geht einfach mehr Bewegung? Jeden Morgen zwanzig Minuten früher aufstehen und laufen. Oder schwimmen (nicht planschen). Jeden Morgen. Jeden. Das ist viel einfacher als mehr Bewegung, es ist greifbar; denn was heißt schon mehr? Jeden Tag laufen, das ist eindeutig und es braucht keine Fahrt zum teuren Fitnesscenter und keine extra Ausrüstung, auch keine miefenden Laufschuhe.

Dann isst man gesünder und wahrscheinlich auch weniger, denn man isst mehr Gemüse und weniger Zuckerkram. Und man bewegt sich mehr und auch das ist gesünder. Man kann diese Gewohnheiten oberflächlich vor sich hin leben; oder man kann sie sich von innen heraus aneignen, zum Selbstverständnis machen und dadurch nachhaltig viel mehr gewinnen als Schlankheit. Was es damit auf sich hat, beschreibe ich in diesem Video.

Was nicht nachhaltig funktioniert: Listen abhaken. Das ist in Einsteins Sinn eine Übervereinfachung. Wer glaubt, er müsse einfach nur Schritte zählen oder Zucker und Fett, der tappt in die Falle:

Wir wollen Wirtschaftswachstum. So möchte auch die Lebensmittelindustrie wachsen. Dafür braucht sie uns und unsere Mägen, sie kämpft um Magenanteile. Unsere Magengröße ist begrenzt. Die Bevölkerung und ihr Wachstum auch. Das steht dem Wirtschaftswachstum im Weg. Also muss die Industrie alle Mittel nutzen, um uns mehr Futter anzudrehen. Zuckerfrei, fettarm, glutenfrei, geschmacksfrei, das kann und macht sie alles, Hauptsache: wir kaufen es, weil wir diese Übervereinfachung als Lösung zum Abnehmen glauben.

Machen Sie es sich leicht: Bewegen Sie sich mehr, am besten jeden Tag. Und essen Sie viel Gemüse und kochen Sie möglichst viel selbst. Und finden Sie Zufriedenheit im Leben. Dafür muss man nicht schlank sein. Es ist eine Entscheidung, die Sie genau jetzt treffen können.

Fußnoten

  1. Siehe auch: Olschewski, Felix (2016) Eigenverantwortung als Diät. Urgeschmack.
  2. Siehe auch: Olschewski, Felix (2014) Cholesterin ist unschuldig. Urgeschmack.
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37 Kommentare zu “Kein Zucker, kein Fett – trotzdem dick?

  1. Lydia

    Ich möchte ergänzen, die Küche muss nicht nach Fett stinken und vollgespritzt werden, wenn man Fleisch zubereitet. Das meiste Fleisch wird bei mir in Stücken gekocht, entweder pur oder direkt im Gemüseeintopf. Das ist kein nennenswerter Aufwand.

    1. Arian

      Seit ich Paleo mache, vor allem viel Obst, Gemüse und Eier. Zum Süßen meist Honig (im Tee bzw. selten im Joghurt) habe ich kaum noch Verlangen nach Fleisch. Selbst Grillen ist mir kaum noch danach. Vielleicht werde ich bald Vegetarier, mal schauen.

      Früher bräuchte ich fast jeden Tag Fleisch.

  2. Laura

    Hey Felix,

    super Beitrag, danke!

    Alles Geniale ist einfach 🙂 Natur gibt uns alles, was wir benötigen. Wir brauchen nichts besonderes zu erfinden.

    Viele Grüße,
    Laura

  3. Arian

    Sehr schöner Artikel. Ich muss sagen, dass ich erst durch diesen Blog und deine YouTube-Videos Paleo kennenlernen und umgesetzt habe (zumindest zu 80%). Durch diese Ernährungsumstellung habe ich nicht nur abgenommen, sondern mein Hauptziel: mein Heuschnupfen ist weg. Allein deswegen und weil ich nicht ewig Medialmente mehr zu mir zu nehmen liebe ich Paleo.

    Ich würde mich freuen auf mehr Podcast-Folgen und YouTube-Videos. Danke Felix.

  4. Heike

    Ich finde den Artikel leider nicht hilfreich und muss Hannes zustimmen! Ich persönlich leide unter einer Östrogendominanz und einem Progesteronmangel wie übrigens sehr viele Menschen. Ich kann mich “perfekt” ernähren und Sport machen und sehe nur geringste Ergebnisse. Des Weiteren kann ich auch nicht damit übereinstimmen dass “weniger” Fleisch gesund ist, da besonders in rotem Fleisch viele B-Vitamine enthalten sind, die unser Körper zum entgiften benötigt und die aus pflanzlichen Quellen nicht so gut aufgenommen werden können. Ich denke, der springende Punkt ist jedoch wie immer ” Alles in Maßen” Warum aber Felix Kartoffeln und Linsen empfiehlt, kann ich nicht ganz nachvollziehen…. hab ich da was verpasst?

    1. Felix

      Hallo Heike,
      wenn sie für dich nicht funktioniert, kann deine Ernährung nicht perfekt sein.
      Nirgendwo im Artikel steht, weniger Fleisch sei gesund. Dass unser Körper Fleisch zum Entgiften benötige, halte ich hingegen für eine gewagte These. Auch empfehle ich in diesem Artikel keine Kartoffeln oder Linsen. Das sind lediglich Vorschläge. Beispiele.
      Mir scheint, du suchst in dem Artikel genau das übervereinfachte Standardrezept, dessen Nichtexistenz er beschreibt.
      Mach stattdessen mehr von dem, was für dich funktioniert. Und weniger von dem, was für dich nicht funktioniert oder dir schadet.

  5. Hannes

    Hallo Felix,

    Ich muss leider einige Anmerkungen zum Artikel loswerden. Ich finde, dass die Regel „Mehr bewegen, weniger essen“ ebenfalls zu sehr vereinfacht.
    Unser Stoffwechsel wird von Hormonen gesteuert. Wer denkt, dass er oder sie diese einfach durch Willenskraft übersteuern kann sollte nur wieder an die Pubertät zurückdenken. Eines der wichtigsten Hormone ist hier Insulin. Ein hoher Insulinspiegel für mehr oder weniger direkt dazu, dass der Körper Fett speichert. Hierzu kann ich bspw. die Videoreihe von Fung „Aetiology of Obesity“ auf Youtube empfehlen.
    Wenn wir gesund sind und kein Übergewicht haben, so kann die Regel „Mehr bewegen, weniger essen“ funktionieren, jedoch muss man auch beachten, dass die Jäger und Sammler der Kalahari einen sehr ähnlichen Grundumsatz zu gesunden Europäern haben, obwohl sie sich viel mehr bewegen. (Die Quelle dazu finde ich gerade nicht mehr.)
    Haben wir jedoch Übergewicht auf Grund einer Insulinresistenz, so sollten wir vielleicht versuchen, diese Resistenz zu reduzieren. Hier setzen gut formulierte LCHF- / Ketogene Ernährungen an. Denn eigentlich geht es bei diesen nicht darum keine Kohlenhydrate zu essen, sondern darum wieder eine hohe Insulinsensitivität zu erlangen oder diese zu erhalten. In den letzten zehn bis zwanzig Jahren sind hierzu viele wissenschaftliche Studien veröffentlicht worden, die den Erfolg solcher Ernährungen zeigen. Ich empfehle hier „The Art and Science of Low Carbohydrate Living“ sowie „The Art and Science of Low Carbohydrate Performance“ von Volek und Phinney.
    Ich weiß nicht, was der Bezug auf Cholesterin sollte, denn es sollte eigentlich seit Jahren bekannt sein, dass Cholesterin das wir essen keinen signifikanten Einfluss auf die Cholisterinwerte im Blut hat. Zudem sind beim Cholesterin nach aktuellem Stand eigentlich nur bestimmte Sorten von LDL-Cholesterin, die sogenannten Small-Dense-LDL Moleküle schlecht. Deren Abbau wird wohl auch durch Kohlenhydrate und die damit verbundene Erzeugung von Triglyceriden im Blut behindert. Zudem ist das Verhältnis zwischen HDL und LDL bei einer hohlenhydratarmen Ernährung besser. (Quellen hierzu sind verschiedenste Vorträge von Volek oder Phiney.)

    TL;DR
    Die Regel „Mehr bewegen, weniger essen“ scheint (wenn überhaupt) nur bei aktuell gesunden Menschen zu funktionieren. Für viele andere liegt die Ursache in einer Insulinresistenz, welche meist durch einen überhöhten Kohlenhydratkonsum ausgelöst worden scheint. Cholesterin, das wir essen hat keine signifikanten Auswirkungen auf das Cholesterin im Blut. Der Fettgehalt des Blutes wird mindestens zu großen Teilen durch den Konsum von Kohlenhydraten gesteuert.
    Kranken / Übergewichtigen Menschen zu sagen, dass sie sich nur „mehr bewegen, [und] weniger essen“ müssen ist gibt ihnen die Schuld dafür, dass sie Ernährungsratgebern der letzten fünfzig Jahre gefolgt sind und verhält sich meiner Meinung nach ähnlich dazu pubertierenden Teenagern zu sagen, dass sich sich nicht so pubertär verhalten sollen.

    Grüße
    Hannes

    1. Hannes

      Eine kleine Anmerkung noch. Viele „Urvölker“ haben sehr gesund mit einer Ernährung gelebt, bei der 80% der kcal aus Fett kommen, während die letzten fünfzig Jahre zeigen sollten, dass mit Einführung Ernährungsrichtlinien mit vielen Kohlenhydraten das Problem der Übergewichtigkeit stark zugenommen hat.
      Eine fettreiche Ernährung für bei den meisten Leuten übrigens dazu, dass ihr Hungegefühl wieder korrekt funktioniert uns sie weniger oft kleinere Mengen Essen.

      1. Felix

        Hi,
        kann es sein, dass du mit “viele Urvölker” ein wenig übertreibst? Mir fallen nur wenige ein, die sich mit so viel Fett hätten versorgen können. Vor allem ganzjährig.

        1. Hannes

          Hi,
          Es kommt natürlich immer darauf an, wo genau ein Stamm gelebt hat. In tropischen oder gemäßigten Gebieten ist es leichter als Jäger und Sammler Kohlenhydrate zu sich zu nehmen (im Sommer/Herbst). Sobald es in die kälteren Regionen geht wird Fett immer wichtiger. Bekannt sind mir direkt zB die Inuit, Masai und die Bison-Völker Nordamerikas. Bei mongolischen, sibierischen sowie nordeuropäischen Völkern kann ich es mir sehr gut vorstellen, habe jedoch keine Daten dazu. Die Wanderungen der Menschenarten aus Afrika zur Besiedelung der Welt sind nur mit lang haltbarer, nahrhafter Nahrung möglich. Eine sehr gute Möglichkeit bieten hier viele tierische Fette.
          Beim von mir gewählten Ausdruck „viele Urvölker“ meinte ich vor allem, dass es nicht so wenige sind, wie populär behauptet. Alle Stämme die vor mehr als 10000 Jahren außerhalb der tropischen Regionen gelebt haben werden ziemlich sicher wenigstens einen Teil des Jahres größtenteils auf Fett als Energielieferant angewiesen gewesen sein. Eines der großen Probleme heute ist mMn nicht, dass wir Kohlenhydrate essen, sondern dass wir in einem dauerhaften Sommer leben, während wir davor gut zwei Millionen Jahre in einem Rythmus aus Sommer und Winter lebten (außer in tropischen Regionen). Die Stoffwechselmechanismen haben sich wohl in den letzten Jahrhunderten kaum verändert.

          1. Christine

            Als selbst Betroffene kann ich bestätigen: Eine hormonelle Schieflage führt erst dazu, dass ein Mensch fett wird.

            Aber Deine Schlussfolgerung, dass man durch (very) low carb eine Insulinresistenz heilen könne, halte ich für falsch. Wenn Du einen insulinresistenten Menschen no oder low carb leben lässt, dann verbrennt er äußerst effektiv Fett. ABER: Insulinsensitivität stellt er damit keine her. Lies bspw. nach unter http://stg.edubily.de/2016/04/ketogene-diaet-gesundheit/
            Gerade dickere Menschen haben viel mehr Fettsäuren und Ketonkörper im Blut schwimmen als schlanke. Da Fettsäuren aber vorrangig oxidiert werden und die Glukose-Oxidation unterdrücken (Randle-Cycle), zeigt sich gerade bei diesen Menschen eine hohe Abhängigkeit vom Fettstoffwechsel. Das wird nicht behoben, indem Du sie 80 % Fett essen lässt.

            Mich hat damals der Artikel von Dr. Paul Jaminet überzeugt, wo er darlegt, warum KH keineswegs überflüssig sind: http://livinlavidalowcarb.com/blog/paul-jaminets-response-to-the-critics-of-his-safe-starches-concept/11920

            Zum Irrtum bezüglich der totaaaal wenigen KH, die Völker wie die Eskimo gegessen haben sollen (Artikel bereits von 2014): https://freetheanimal.com/2014/03/disrupting-carbs-prebiotics.html

    2. Felix

      Hallo Hannes,
      danke für deine Gedanken. Meine Artikel sind immer als Ganzes zu verstehen. Nimmt man dann enen Satz ohne Kontext, funktioniert das nicht. Da nutze ich die Intelligenz meiner Leser einfach aus.
      Von Willenskraft schrieb ich nicht.
      Was die Insulinresistenz angeht: Ja, daran kann man durch Kohlenhydratreduktion arbeiten. Weißt du aber, was noch äußerst effektiv ist? Viel Bewegung. Am besten (für diesen speziellen Fall) offenbar Kraftsport.

      1. Hannes

        Ich bin mir gerade nicht sicher, welche deiner Punkte ich aus dem Kontext genommen habe. Auch wenn du von Willenskraft nichts schreibst, so war sie meines Empfindens nach impliziert, denn weniger Essen und mehr Bewegung sind ohne Willenskraft nicht machbar.
        Ich habe einige Berichte zu Studien (die ich gerade nicht mehr finde) gelesen, die insbesondere eine einfache Kalorienreduktion als problematisch aufzeigen. Wenn nicht auch eine Stoffwechselumstellung stattfindet, so wird bei den meisten Menschen der Grundumsatz zurückgefahren. Dadurch wird diesen Personen kälter und es geht ihnen nicht gut. Dieser Rückgang des Grundumsatzes ist auch nach zwei Jahren normalem Essen noch nicht wieder hergestellt.
        Gegen Sport/Bewegung habe ich gar nichts. Es ist sehr gut für das Herzkreislaufsystem, die allgemeine Gesundheit und kann unter Umständen den Grundumsatz erhöhen. Allerdings nur in einem gewissen, persönlichen Rahmen und bei gleichzeitiger Kalorienreduktion steigt er normalerweise nicht.

        Ich habe es vielleicht etwas missverständlich ausgedrückt. Bei der Regel „viel bewegen“ bin ich voll dabei. Wir sind als evolutionär eher als wandernde Jäger und Sammler angelegt. Ich meinte vor allem, dass die Regel „weniger essen“ es sich zu einfach macht. Und genau das war meiner Lesung nach die Intention des Artikels; es sich bei Ernährung nicht zu einfach zu machen.

        1. Felix

          Hi Hannes,
          dann hast du da zu viel hineininterpretiert. “Weniger essen” ist für mich nicht gleich Kalorienreduktion oder weniger Fett und schon gar nicht unterkalorische Ernährung. Genau das hast du da aber offenbar hineingelesen, wenn ich mir deinen Hinweis bezüglich Kalorienreduktion und “danach wieder normal essen” anschaue.

          Wenn ich schreibe “weniger essen”, meine ich genau das: Weniger essen. Von diesem oder von jenem. Nicht einfach weniger Zucker oder Kohlenhydrate oder Fett. Sondern weniger von dem, was zu viel ist. Sonst hätte ich geschrieben “weniger Kalorien verzehren” – und das würde ich nicht tun, denn auch das ist übervereinfacht.

          Willenskraft: Klar, wenn du es so definierst: Nichts außer dem Herzschlag und unter Vorbehalt vielleicht noch das Atmen ist ohne Willenskraft möglich. Ach richtig, die von dir erwähnte Pubertät, die erfolgt auch ohne Willenskraft. Und selbstverständlich kann man sich einfach durch Willenskraft mehr bewegen und dadurch seiner Gesundheit nutzen, genauso wie man durch Willenskraft zu gesünderer Ernährung kommt und dadurch abnehmen kann. Wieso sollte das nicht durch Willenskraft gehen? Beziehungsweise: Wie sollte es sonst gehen?

          1. Hannes

            Hi Felix,

            Ich habe wohl viel hereininterpretiert, weil „weniger essen“ eine mMn sehr schwammige Formulierung ist. Aber ich stimme dir zu, dass die Ernährung – insbesondere deren Umfang und Zusammensetzung – auf die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden muss. Dies ist jedoch ohne Wissen bei dem aktuellen Überangebot nicht einfach (was du auch wenigstens implizit ansprichst).

            Ich sehe das ganze Gebiet der Ernährung und des Stoffwechsels seit einiger Zeit als komplexes System, das ich verstehen muss, um darin (durch Willenskraft) eine Veränderung zu erwirken oder es auszutricksen. Und eben dieses Wissen macht es nicht so einfach wie mehr oder weniger zu sagen „iss weniger“. Ich finde auch das ist eine zu starke Vereinfachung.

          2. Felix

            Hallo Hannes,
            “Ich sehe das ganze Gebiet der Ernährung und des Stoffwechsels seit einiger Zeit als komplexes System, das ich verstehen muss, um darin (durch Willenskraft) eine Veränderung zu erwirken”
            damit unterliegst du wie der größte Teil unserer westlichen Gesellschaft einem kolossalen Irrtum. Ja, das System Komplex. Unfassbar komplex, im Wortsinn. Niemand versteht es vollständig und sollte sich das jemals ändern, was ich bezweifele, dann wird es bis dahin noch viele Jahre dauern. Du musst nichts verstehen um eine Veränderung zu erwirken. Kinder lernen laufen, ohne zu wissen, was ein Muskel ist oder wie er funktioniert. Vögel fliegen ohne die geringste Ahnung von Thermodynamik. Grundlegende Zusammenhänge der Musik stammen nicht aus der Theorie, sondern aus physikalischen Gegebenheiten, die wir nicht anders erklären können als: Das ist so, weil es so ist!

            Was wir Wissen nennen schadet mindestens so häufig wie es nutzt. Denk an all die Fälle, in denen sich vermeintlich bahnbrechende Ergebnisse der Forschung Jahre später als falsch erwiesen haben. Den an all die Menschen, die zu Erfolg geraten, gerade weil sie nicht besonders viel über ihr Fachgebiet wissen (“Alle sagten, das sei unmöglich. Dann kam einer, der wusste das nicht, und hat’s gemacht.”)

            Du kannst ohne einen Schimmer von Kohlenhydraten, Fett und Protein die richtige Ernährung für dich finden. Durch ausprobieren an dir selbst. Was funktioniert, ist richtig. Oder du schaust in die für dich angemessene Ernährungstradition und orientierst dich daran. Das ist Volkswissen. Dass man zum Beispiel von zu vielen Kartoffeln fett wird, da wussten Hausfrauen schon vor über 200 Jahren. Sie wussten nicht, warum. Und das spielt(e) auch keine Rolle. Dass Kohlenhydrate und Insulin beteiligt sind, das ist unser heute plausibelstes Modell. Würdest du dein Leben darauf verwetten, dass es wirklich ganz genau so ist wie die Wissenschaft es dir heute erzählt? Oder genügt es dir, die richtige Ernährung zu finden, auch wenn du dann vielleicht nicht alle Zusammenhänge kennst? Die Suche nach der Erklärung für alles ist menschlich, weil wir Angst haben vor dem Ungewissen. Aber es gibt sie nicht, diese Erklärungen für alles.

            “Weniger essen und mehr bewegen” ist die präziseste verallgemeinerbare Anweisung, die wir haben. Denn alles weitere ist unterliegt individuellen Gegebenheiten.

          3. Hannes

            Da ich bei deiner Antwort nicht mehr antworten kann, schreibe ich hier.

            Deine Argumentation scheint so als sei es sinnlos, Wissen zu sammeln. Nur weil wir etwas können ohne fundierte Kenntnisse der Prozesse dahinter heißt das nicht, dass wir es nicht besser können, wenn wir eine Vorstellung dieser Prozesse haben.

            Und ich glaube wir haben unterschiedliche Definitionen von Wissen. Ich halte mich da an informationstheoretische Definitionen nach denen Wissen verknüpfte Information ist. Oder auch die Information, die ein Mensch weiß (und anwenden kann). Wissen ist also immer persönlich. Woher die zugrundeliegende Information herkommt ist vollkommen egal. Dein Argument klingt etwa so, als würde ein Kind nicht wissen, wie es laufen kann, oder ein Vogel nicht wissen, dass er bei einem bestimmten Gefühl in den Federn seine Flügel schlagen muss. Das ist alles Wissen. Du unterscheidest auch Volkswissen von anderem (vermutlich aus der Wissenschaft entstandenem Wissen) ohne, dass mir diese Unterscheidung klar wird.

            „Was wir Wissen nennen schadet mindestens so häufig wie es nutzt.“ Was passiert wenn wir das Wissen nicht haben. Was du in diesem Absatz ansprichst ist nicht ein Problem des Wissens an sich, sondern eines Mechanismus der uns ermöglicht in der Welt zu funktionieren. Wenn wir etwas sehen, das mit unserem aktuellen Wissenstand nicht vereinbar ist, nehmen wir zuerst einmal an, dass der sensorische Reiz (also die Information) nicht korrekt aufgenommen wurde. Ohne diesen Mechanismus könnten wir in unserer Umwelt nicht korrekt überleben. Dieses Bias sollte sich jede*r ernstzunehmende Wissenschaftler*in (und andere Menschen auch) bewusst sein und bei wiederholter Information diese in sein Informationsnetz aufnehmen und damit sein Wissen anpassen. Das ist einer der Gründe, warum Peer Review Verfahren entwickelt wurden.
            Gleichzeitig zur Unvoreingenommenheit gibt es das Phänomen, dass man oft erst die Idee bekommen muss, etwas könnte auch anders funktionieren (zB durch SciFi oder die eigene Phantasie). All das basiert auf Vorwissen. Also kann hier Unwissenheit genauso ein Nachteil sein.

            Ich kann immer noch nicht sehen, wie „weniger essen“ nicht zu sehr verallgemeinert ist. Dagegen stimme ich dir zu, dass man weniger davon essen sollte, was einem nicht gut tut. Gleichzeitig wird man dann aber meistens mehr von etwas anderem essen, was in verschiedensten Maßsystemen von „mehr“ und „weniger“ dazu führen kann, dass man eigentlich mehr isst als vorher (für ein gewisses „mehr“).

          4. Felix

            Hallo Hannes,
            wir reden offenbar weiter aneinander vorbei. Meine Äußerungen sind immer im Kontext zu verstehen. Mein letzter Kommentar bezog sich genau auf den zitieren Satz von dir. Der Umkehrschluss gilt nicht, die Verallgemeinerung ebensowenig.

            Du schreibst, eine Änderung setze Verständnis voraus. Ich sage: nein. Siehe Beispiele.

            Mehr nicht.

            Vielleicht sollten wir darüber mal bei einem fettarmen, veganen, glutenfreien, koffeinfreien Fair-Trade-Biokaffee sprechen. Ich bin sicher: unsere Positionen sind nicht all zu verschieden.

  6. Sonja Stendera

    Mir ist es ein Rätsel, dass mensch so viele verpackte ‘Lebensmittel’ kauft und als gesund erachtet. Die Zutatenliste zu lesen ‘kostet’ genauso viel Zeit, wie einen Kohlrabi zu schneiden (fettarm, glutenfrei, kalorienarm und zuckerarm – nur mal so als Bsp.).
    Wobei diese Lebensmittel ja sowieso nur ein Werbemittel sind, um Geld in die Firmenkassen zu spülen. Keiner, außer wir selbst, ist an unserer Gesundheit interessiert, keine Lebensmittelhersteller, kein Arzt, keine Krankenkasse, keine ‘Brigitte’, no one! Weil nur mit Krankheit und vorgetäuschter Gesundheit (damit mieie ich die …frei-Hysterie) sich Geld verdienen lässt.
    Nur wir selbst, und wir haben es in der Hand. Wenn ich also so gut wie alles selbst mache, habe ich die volle Kontrolle und das sogar auch noch über mein Geld! Allerdinsg habe ich es da einfacher, denn ich brauche kein Kokosblütenzucker oder sonstigen schnickschnack und ich esse sowieso kein Brot, Marmelade, Joghurts, Pizza, Fastfood oder was andere so essen…

    1. Sigrid Koppe

      So sehe ich das auch. Wir haben das Essen in den Kopf verschoben und zermartern und kasteien uns, lassen uns täglich etwas Neues einreden und folgen Argumenten von Menschen, die wir gar nicht kennen.
      Nichts verzehren, was stark verarbeitet ist und Teller und Töpfe mit Selbstgemachtem füllen. Natur wieder schmecken. Das macht vielleicht nicht schlank, aber es lässt uns wohlfühlen und erkennen, was gut tut.
      Ein Rezept für alle gibt es nicht. Wie legen doch sonst so viel Wert auf unsere Individualität. Warum nicht beim Thema Ernährung?
      Keiner hat absolut recht. Auch ich nicht.

  7. Miri

    Wirklich ein sehr hilfreicher Artikel.
    Ich stelle auch immer wieder fest, dass ich ernährungstechnisch so gar nicht in irgendeine Schublade passen will. Probiert habe ich schon viele: vegetarisch, vegan, Rohkost usw. Wirklich zu 100% gepasst hat keine.

    Eigentlich ist es wirklich “einfach” sich gesund zu ernähren. Aber leider gilt hier oft auch die Devise: Denn sie tun nicht, was sie wissen! 🙂

    Die wirkliche Schwierigkeit ist am Ende des Tage immer, dabei zu bleiben. Routinen zu entwickeln. Sowohl für die Bewegung als auch für das gesunde Essen.
    Es muss einfach “normal” sein, jeden Tag zu laufen oder eben Gemüse zu schnippeln. Damit hat man den Großteil aller Tage schon in der Tasche. Und ein paar Ausnahmen schaden dann auch nicht. 🙂

  8. Saskia

    super Artikel, vielen Dank. Ich wunderte mich nur über die Empfehlung Linsen zu essen… ich ging davon aus, dass Hülsenfrüchte nicht die beste Entscheidung in der Küche seien..? ich würde mich über Aufklärung freuen!

    1. Felix

      Hallo Saskia,
      was die beste Entscheidung in der Küche ist, das musst du selbst entscheiden. Es gibt viele, sehr viele ungünstigere Lebensmittel als Linsen.

  9. Jürgen Müller

    Ein bisschen lang, aber so was von zutreffend!!!
    Meine Zuckerwerte sind manchmal bei dem kh-ärmsten Essen auch nicht so richtig runterzukriegen. Aber bei ausreichender Bewegung reagieren sie. Und bewegen kann ich mich. Damit meine ich Bewegung, nicht Sport, schon gar nicht Leistungssport.
    Essen? Ich nehme gerne und oft eines der einfach gehaltenen und dennoch schmackhaften und lange satt machenden Gerichten aus der “Rezeptküche” von Felix.

  10. Susa

    Ja dem stimme ich zu. Ich habe in den ersten drei Jahren 30 Kilo abgenommen und jetzt? Jetzt läuft nichts mehr. Laufe jeden Tag 30 min und gehe mittlerweile 3 mal statt 2 mal ins Studio. Und jeden Tag hoffe ich…ein kleinen Erfolg zu sehen…Aber nichts… wie im Artikel beschrieben hangele ich mich derzeit auch mit weniger Essen und Kokosblütenzucker und Gluten usw durch … Ich bin fast schon mit meinem Latein am Ende….
    Aber der Artikel ist eine “Offenbarung”, ein Augen auf und auf was neues zu gehen…

  11. Lisa

    Sehr toller Beitrag!
    Werde ich mir hinter die Ohren schreiben.
    Ich mache es mir auch gerne zu kompliziert vor allem beim Kochen.

    Das was ich immer schwer finde ist sein Ernährungsweg zu gehen wenn man bei anderen eingeladen ist.
    Das sind immer die Tage wo ich dann Ausnahmen mache. Aber danach wieder zuhause hänge ich dann sofort wieder in einen Kuchen und Pfannkuchen kreislauf-.

    Aufjedenfall danke für die einfachen aber eindrücklichen Worte

    1. Felix

      Danke Lisa. Ein guter Weg gegen die Kuchenfalle ist eine schöne Berufung. Beschäftigung mag ich es nicht nennen, das klingt wahllos. Eine Leidenschaft, ein Hobby, über das man das Essen fast vergisst. Das ist hilfreich.

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Vielen Dank für Ihren Kommentar, leider kann ich nicht immer auf alle reagieren. Zugunsten der Mitleser lösche ich Kommentare ohne Themenbezug und Kontext. Einige Kommentare muss ich manuell freischalten; in der Regel binnen 48 Stunden, selten binnen zwei Wochen.