Es sich selbst machen

Es sich selbst machen - ZwetschgenmusSchlafzimmer und Küche haben eines gemeinsam: Wer sich nicht selbst befriedigt, hat keine Ahnung. Und wer es sich selbst macht, bereichert sein Leben immens. Kann man wirklich nur dann gut essen, wenn man selbst kocht?

Wer nicht selbst kocht, erlebt nur einen oberflächlichen Ausschnitt der verfügbaren Aromen. Die volle Bandbreite der Stimulanzien bleibt im Verborgenen und so auch das Spektrum der eigenen Sinneswahrnehmung. Folglich mangelt es so jemandem an Sinneskompetenz. Dieser Mensch beurteilt das Essen auf Basis einer beschränkten Perspektive. Er kann freilich beurteilen, ob ihm etwas schmeckt. Doch das ist ein tragischer Selbstbetrug: Was er isst, hat jemand anders zubereitet. Er erlebt nur eine fremde Zubereitung. Sein Hori­zont bleibt stets beschränkt durch anderer Menschen Geschmack, Rezepte und Konventionen. Kann so jemand überhaupt erwarten, von jemand anderem ein köstliches Mahl vorgesetzt zu bekommen?

Wenn jemand sich nie selbst befriedigt hat, nicht weiß, welche Reize welche Gefühle auslösen, wie kann er dann erwarten, dass ein Partner dies vermag? So vergehen ganze Ehen in sexueller Unzufriedenheit durch unrealistische Erwartungen, begleitet von Affären und heimlichen Bordellbesuchen. Niemand anderes als wir selbst ist zuständig oder verantwortlich für unsere sinnliche Befriedigung.

Was für das Schlafzimmer gilt, stimmt am Esstisch nicht weniger: Wer nie selbst gekocht hat, nie selbst geschnitten, geschmort, gewürzt und gebraten hat, weiß gar nicht um die bestehenden Möglichkeiten – und Unmöglichkeiten. Er weiß nicht, was seine eigenen Sinne überhaupt können. So jemand lebt in einer nebulösen Welt, ist fremdbestimmt durch die Geschmäcke anderer Menschen.

Sinnliche Befriedigung findet darüber hinaus im Kopf statt. Wenn wir uns mehr oder bessere Befriedigung wünschen, können wir andere Stimulatoren verfolgen; andere Partner suchen, andere Bilder anschauen, andere Blumen beschnuppern oder anderes Essen probieren. Kurz: Wir können die gewünschte Befriedigung in der Umwelt su­chen. Doch ultimativ findet die Befriedigung, die Interpretation der Sinneseindrücke, allein im Kopf statt. Das erklärt, warum der gleiche Reiz unter­schied­liche emotionale Reaktionen hervorrufen kann. Schokoladencreme als Dessert kann uns ekstatisch begeistern oder, nach jeder Mahlzeit serviert, zu den Ohren heraushängen.

Wer vor diesem Hintergrund allein dem Koch die Schuld am schlecht schmeckenden Essen gibt, handelt unfair und verkennt die eigene Rolle. Von handwerklichen Fehlern und Extremfällen abgesehen, gehören zum schlechten Essen immer zwei: Jemand, der es zubereitet und jemand der es isst. Das verdeutlicht den Unterschied zwischen Rezeption und Interpretation. Auch dann, wenn der Koch sein Essen selbst isst.

Und hier schließt sich der Kreis. Denn wie unser Kopf Sinneseindrücke interpretiert, hängt auch von vergangenen Erfahrungen ab. Das heißt: Wer sein Leben lang nur unreife Bananen gegessen hat, wird diese für das Optimum halten. Erst, wenn er eine reife Banane probiert, bewertet er die bestehende Datenlage neu und wird wahr­schein­lich künftig den Geschmack unreifer Bananen für abstoßend halten – obwohl dieser sich objektiv nicht verändert hat.

Die Erweiterung des geschmacklichen Repertoires hat somit die Wahrnehmung verändert. Wer regelmäßig kocht, kann dies ständig erleben. Man könnte formulieren: Wer nicht kochen kann, hat keine Ahnung vom Essen. (Es bleibt dabei: Selbstverständlich kann jeder beurteilen, ob ihm etwas schmeckt. Doch ohne die entsprechende Erfahrung bleibt das stets ein oberflächliches und beschränktes Urteil. Damit kann man leben. Wenn man möchte.)

Nur wer die Natur seiner eigenen Vorlieben kennt, kann seine Sinne voll befriedigen. Und wer sinnlich derart kompetent ist, hat auch größere Chancen, andere Menschen zu befriedigen, weil er zumindest das Wesen der Befriedigung erforscht hat. Solche Experimente kann man alleine in aller Ruhe durchführen. Sie können die Sinne wecken, den Blick auf weit mehr als das Essen völlig verändern und viel Freude in den Alltag bringen.

  • Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit für sich selbst und erkunden, was Sie anmacht?
  • Probieren Sie auch mal neue Sachen aus? Oder probieren Sie aus, wie Altbekanntes mit einer kleinen Änderung zu einem neuen Erlebnis werden könnte?
  • Vorlieben ändern sich im Lebensverlauf. Erlauben Sie sich, Ihre Meinung zu ändern und Dinge auszuprobieren, die Sie in der Vergangenheit abgelehnt haben?

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6 Kommentare zu “Es sich selbst machen

  1. Marie

    Guter Artikel! Mich würde deine Meinung zu Intermittent fasting, speziell 16 : 8 interessieren..vielleicht hast du ja mal Zeit und Lust was darüber zu schreiben.
    Mach weiter so:)

    1. Felix

      Hallo Marie,
      danke. Meiner Meinung nach sind Meinungen da nicht relevant. IF ist ein nützliches Werkzeug für spezifische Zwecke. Ich habe es lange Zeit selbst betrieben, kann aber keine Wunderheilung oder sonstige, herausragende Wirkung auf mich berichten. Und ich esse zu gerne & vielseitig, als dass ich mir dann die zusätzliche Mahlzeit entgehen ließe.

  2. Florian

    Ich kann es mir aber auch anders herum vorstellen. Wenn ich mit einem Essen überrascht werde schmeckt es mir vielleicht besser als wenn ich selber am Herd schon die Gerüche kennengelernt habe. Vielleicht vergleichbar mit Kitzeln. Wenn ich mich selbst kitzle dann ist das nicht kitzelig. Und die Befriedigung hängt sicher zu einem Großteil auch davon ab mit wem ich koche und Esse und wie ich mich grade mit der Person verstehe. Wenn man sich beim Essen einsam fühlt, dann schmeckt es sicher nie.

    1. Felix

      Schöner Gedanke. Letztlich wird es eine Kombination aus beidem sein: Wer seine Sinne nicht allein erforscht, kann das volle Potenzial nicht ausschöpfen, wenn jemand anders kitzelt.

  3. Bettina

    Du bist einfach Klasse! Danke und mach unbedingt weiter! Ich wünsch dir alles Gute und freu mich schon auf deine nächsten Beiträge! Liebe Grüße, Bettina

Kommentare geschlossen.

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