Eigenverantwortung als Diät

EigenverantwortungHeute ist mehr als ein Drittel aller Erwachsenen weltweit übergewichtig oder adipös. Mit den entsprechenden gesundheitlichen Problemen haben insgesamt 2,1 Milliarden Menschen zu kämpfen, die direkte Folge sind allein im Jahr 2010 rund 3,4 Millionen Tode. Die Pandemie des Übergewichts ist besonders in den entwickelten Ländern ein ernsthaftes Problem und Anlass für zahlreiche Diskussionen und Initiativen. Recht spät stößt nun auch die Politik mit Initiativen wie IN FORM hinzu, während die Medien vermitteln, wir hätten die Schuldigen längst gefunden.

Natürlich muss die Industrie schuld sein, denn sie verkauft die dickmachenden Produkte, macht sie schmackhaft mit Salz, Zucker und Fett und schreckt vor nichts zurück im Kampf um den Magenanteil. Die Industrie ist es, die profitiert, wenn wir mehr essen als wir sollten und uns bombardiert mit Werbung und falschen Versprechen. Die Medien wären demnach mitschuldig, weil sie die Werbung ausstrahlen und unsauber recherchieren wenn es um die gesundheitliche Aufklärung geht. Statt ihre Rezipienten in deren Interesse zu informieren, tragen sie mit widersprüchlicher Berichterstattung zur Verwirrung bei. Verboten gehört dies durch die Politik, die ebenso mitverantwortlich ist, jedoch die Gesundheit der Bevölkerung den Industrieinteressen unterordnet.

Weiterhin schuldig ist das Fett im Essen, wegen der vielen Kalorien. Und die Kohlenhydrate, denn sie machen süchtig und krank und fett.

Bei so klaren Verhältnissen müsste die Epidemie sich einfach stoppen lassen. Es sollte genügen, die Industrie in die Schranken zu weisen, die Medien besser zu regulieren und die Lobbyisten auf dem politischen Spielfeld zu entmachten. Kampagnen gegen Fett und Kohlenhydrate sind dann eine einfach umsetzbare Folge. Doch wie realistisch ist das?

Nichts hiervon soll sarkastisch klingen. Es beschreibt lediglich unseren Umgang mit Problemen der vergangenen drei Jahrzehnte. Ein anderes Verhalten der Industrie, Medien und Politik und ein aufgeklärter Umgang mit Fett und Kohlenhydraten hätten die Pandemie des Übergewichts verhindern und vielen Menschen das Leben retten können.

Doch dieses Bild ist unvollständig. Es fehlen diejenigen, die die Lebensmittel wählen und kaufen, sich in den Mund stecken, kauen und herunterschlucken. Diejenigen, die immer mehr essen und sich immer weniger bewegen: Wir Menschen. So offenbarend wie bedrückend ist ein Blick auf die Geschichte: Übergewicht mag sich heute rasanter verbreiten als je zuvor, doch die Ursachen sind seit mindestens 200 Jahren die gleichen und durchaus gut bekannt.

»[Die überwiegende Mehrheit] aller Menschen isst und trinkt zu viel und enorme Mengen Lebensmittel und Getränke werden täglich unnötig verzehrt.« schreibt Jean Anthelme Brillat-Savarin bereits im 1825 veröffentlichten Physiologie du goût (dt. Physiologie des Geschmacks). Er konkretisiert das und verweist ausdrücklich auf Kohlenhydrate: »Der zweite Hauptgrund für Übergewicht liegt in Stärke und Mehl [...] Alle Tiere, die von mehligen Lebensmitteln leben, werden fett; ob sie wollen oder nicht.«

Auch die Manipulation von Nahrungsmitteln beschreibt der Franzose schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Da wir süße Speisen selten essen, bevor wir satt sind – normalerweise sind sie das Dessert – regen wir unseren Appetit durch die Kombination aus Mehl und Zucker an, um noch mehr zu essen.

Selbst Bewegungsmangel und unsere Ausreden dafür sind spätestens seit der Zeit, als Napoleon Bonaparte seine Fußabdrücke hinterließ, nichts Neues: »Bewegung zu Fuß bringt noch mehr Probleme mit sich: Es ist furchtbar ermüdend, das Schwitzen birgt die Gefahr einer Rippenfellentzündung; Staub ruiniert die Strümpfe, Steine beschädigen die feinen Schuhe und die ganze Angelegenheit ist hoffnungslos langweilig«, berichtet Brillat-Savarin. »Und wenn am Ende nur der kleinste Kopfschmerz aufkommt oder sich ein nahezu unsichtbarer Hautfleck zeigt, bekommt das ganze Prinzip der Leibesertüchtigung die Schuld und wird aufgegeben, zum Unmut des Arztes.«

Die Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion war damals noch undenkbar und die Weltbevölkerung hatte gerade eine Milliarde erreicht. Strukturell hat sich unsere Gesellschaft verändert und die heutige Situation scheint dramatischer. Unser Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch deutlich, was sich nie geändert hat: Jeder Mensch ist für seine Ernährung und seinen Lebenswandel selbst verantwortlich.

Was ist die Lösung?

Es ist darüber hinaus im Einzelfall irrelevant, wer schuld an der bestehenden Situation ist. Selbst wenn wir einen Schuldigen festnageln könnten, ändert das nichts.

Sind die verlockenden Angebote der Industrie eine Herausforderung für unsere Entschlossenheit, nur frische Lebensmittel und wenig Zucker zu essen? Zweifelsohne.

Könnte die Politik etwas dagegen unternehmen und die psychologische Manipulation auch durch Werbung eingrenzen? Klar.

Wäre eine sorgfältige Berichterstattung und Information durch die Medien hilfreich bei der Bildung zu ernährungsrelevanten Themen? Sicherlich.

Wir können weiterhin mit dem Finger auf andere zeigen und warten, dass jemand etwas tut. Und wir sollten im Sinne der Zivilgesellschaft gemeinsam mit allen Beteiligten an dem Problem arbeiten.

Doch weder ist eine zügige Änderung zu erwarten, noch hälfe sie im Einzelfall. Es bleibt dabei: Wir selbst wählen und kaufen, kauen und schlucken unser Essen. Mit diesen essenziellen Schritten sind wir glücklicherweise noch immer uns selbst überlassen und hier können wir selbst eingreifen. Sicher wäre Hilfe von außen wünschenswert. Darauf können wir warten. Oder wir treffen eine Entscheidung: Selbst aktiv werden, Verantwortung für unser Leben übernehmen und die Ernährung zielgerichtet umstellen. Das ist Eigenverantwortung.

Eigenverantwortung: Heute anfangen

Sie können sofort anfangen und selbst etwas unternehmen. Eine Ernährungsumstellung kann sehr einfach und dennoch effektiv sein. Fast alle Quellen sind sich einig: Gesunde Ernährung beginnt mit einem großen Haufen Gemüse. Ganz gleich ob mediterran, vegetarisch, vegan, paleo oder Rohkost: Bei den erfolgreichsten Diäten stehen viele frische Pflanzen ganz oben auf der Liste.

Wer den Großteil seines Tellers mit Gemüse füllt, nutzt bereits die meisten Vorteile dieser Programme. Wer sich bei den Getränken überwiegend auf Wasser beschränkt, setzt einen weiteren der effektivsten Schritte zum Abnehmen um.

Und das tägliche Bewegungspensum lässt sich stets um eine Kniebeuge, Liegestütz oder 50 gelaufene Meter erhöhen. Am besten in freier Natur, denn für Bewegung gilt das gleiche wie für die Ernährung: Sie dient nicht nur dem Körper, sondern auch Geist und Seele.

Quellen und weiterführende Informationen:

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(Auch per Überweisung möglich.)

25 Kommentare zu “Eigenverantwortung als Diät

  1. Jutta

    Wieder mal ein super Artikel, ihr habt mich sogar soweit überzeugt, das ich mich zum Newsletter angemeldet hab 🙂

  2. Dani

    Danke Felix,
    ein gelungener Artikel!

    Man kann in jedem Artikel Schwachpunkte finden, wenn man danach sucht,
    oder eben dessen Vorzüge, wie hier meines Erachtens, die Erinnerung an Eigenverantwortung =)

    Viele Patienten* erwarten sich von ihrem Hausarzt* ein paar Tabletten, um alles gerade zu biegen.
    Was leider nicht selten misslingt^^
    Deine Artikel treffen meines Erachtens nach sehr treffende/wichtige Punkte!
    Weiter so!

    *bitte Gendern einfach mitdenken…

  3. Matthias

    Naja, das ist schon alles richtig, was Sie da schreiben, allerdings ist es aus meienr Sicht nicht die ganze Wahrheit.

    “Fast alle Quellen sind sich einig: Gesunde Ernährung beginnt mit einem großen Haufen Gemüse.”

    Sie kennen doch bestimmt Herrn Udo Pollmer? Der sagt, dass es individuell verschieden ist, was gesund für einen Menschen ist, da sich Menschen genetisch und inforlgedessen im Stoffwechsel erheblich voneinander unterscheiden. Gemüse KANN gesund sein, hat aber auch Nachteile. Der kindliche Stoffwechsel beispielsweise kann nicht jeden sekundären Pflanzenstoff gut entgiften, deshalb stehen Kinder so sehr auf Pommes, denn Solanin und Alpha-Schackonin gehen nur durch Frittieren wirklich kaputt.

    Und okay, in der Ta ist das Angebot von leicht verfügbaren Kalorien ein wichtiger Faktor bei der ENtwicklung von Übergewicht. Aber nicht nur. Auch hier ein gutes Argument von Herrn Pollmer: Der Windhund wird nicht wirklich dick, egal mit welchem Hundefutter man ihn füttert. Der Bernhardiner oder die Bulldogge wird nicht schlank, egal wie kalorienarm seine bzw. ihre Ernährung ist – so ein Hund würde eher verhungern bei einer Unterversorgung mit Kalorien. Es ist also AUCH Veranlagung.

    Dann gibt es noch das interessante Argument, das auch in dem “Darm mit Charme”-Buch von Guilia Enders vorkommt, mit der Darmflora: Kottransplantationen haben gezeigt, dass schlanke Patienten, deren Darm mit der Darmflora eines Übergewichtigen angeimpft wird, selbst oft dick werden.

    Es ist halt nicht einfach nur die Frage, wie viel und was man isst. ich zum Beispiel habe das große Glück, dass ich Essen kann, was ich will – ich werde nicht dick, ich nehme kein Bisschen zu. Ich glaube, das ist pures Glück.

    Aber klar gebe ich Ihnen natürlich im Großen und Ganzen Recht. Man muss in Sachen Ernährung auf sich aufpassen. Auch wenn man schlank ist, sollte man nicht alles in sich hineinstopfen.

    Jeder ist für seine eigene Ernährung verantwortlich? Schon, aber dann ist wieder die Frage, wie eingeschränkt der freie Wille eines Menschen sein kann, wenn aus z.B. genetischen Gründen seine “Essbremse” nicht funktioniert und er deshalb regelrecht hungert, wenn er nur angemessen viel isst anstatt zu viel. Das ist ja schon richtiges Leid. Die Frage ist auch, ob jemand, der vom Kleinkindalter an immer viel essen durfte oder musste – es gibt ja Eltern, die ihre Kinder zum teller leer essen zwingen/früher gezwungen haben – die Vernatwortung übernehmen kann, wenn er sich danach lebenslänglich mit quälen darf, sich beim Essen zu beherrschen.

    Ist alles so eine Sache – aber okay, natürlich ist auch vieles dabei eine Sache des Esskultur, der Selbstbeherrschung, der eigenen Verantwortung usw. – trotzdem glaube ich, dass es letztlich pures Glück ist, dass ich selbst zum Beispiel absolut mühelos schlank bleibe und dabei essen kann, was ich will und so viel ich will. Die Dicken sind bestimmt nicht alles “selbst schuld” an ihrem Übergewicht, das ein erhebliches Handicap darstellt.

    1. OvO

      Naja, großartig genetisch verändert haben wir uns nicht. Jedenfalls nicht so sehr, wie sie es darstellen. Menschen, die mit Genetik argumentieren haben meiner Meinung nach, nicht wirklich etwas davon verstanden. Sei es beim Thema Ernährung oder auch beim Thema Gesundheit/Krankheiten.

      Sicherllich gibt es individuelle Verträglichkeiten/Unverträglichkeiten. Aber die betreffen allenfalls einzelne Lebensmittel und nicht ganze Lebensmittelgruppen. “Einen großen Haufen Gemüse” ist schon absolut richtig so. Welches Gemüse genau und wie groß der Anteil an Gemüse und anderer Lebensmittelgruppen genau sein soll, muss aber natürlich jeder für sich entscheiden. Niemand sagt schließlich, dass man nur noch Gemüse essen soll. Ich denke, Felix bezieht diese Aussage eben auf jene Menschen, dessen Ernährung und Gesundheitszustand entsprechend schlecht ist. Also Menschen die Gemüse zb. nur in Form von einer kleinen Scheibe Gurke auf dem McDonalds Burger kennen oder vom Broccoli im Fertigauflauf ausm Supermarkt und das als ausreichend betrachten. Ich persönlich gehörte leider auch mal zu dieser Gruppe.

      Wenn man von Gemüse spricht, muss man sich aber darüber im Klaren sein was Gemüse eigentlich ist. Gemüse ist in Punkto Artenvielfalt, Geschmacksvielfalt, Zubereitungsmöglichkeiten, Haltbarkeit, Nährstoffgehalte, Sättigungspotential und Gesundheitswert unübertroffen. Mittlerweile stellt Gemüse auch der Mittelpunkt meiner Ernährung dar und ich frag mich bis heute wie es jemals anders sein konnte. Das ergibt sich mMn auch automatisch, wenn man anfängt sich bewusst zu ernähren. Qualitativ hochwertige Tierprodukte und Getreideprodukte sind ziemlich teuer, von Obst alleine kann man mMn nicht wirklich zufrieden leben. Pilze und Nüsse scheinen mir auch ungeeignet als Lebensmittelgrundlage. Besser wohl eher als Ergänzung. Da bleibt nur noch Gemüse.

      “Die Frage ist auch, ob jemand, der vom Kleinkindalter an immer viel essen durfte oder musste ”

      Sicher kann er das. Das Lernen hört ja nicht ab einem bestimmten Alter auf. Die Frage wäre hier lediglich welcher Weg der bBeste um es an Person X heranzutragen.

      Aber wie auch bei der Verträglichkeit hat hier jeder Mensch seine individuelle Geschichte die ihn formt. Das hat aber recht wenig mit der sachlichen Aussage zutun, dass frisches Gemüse der essentielle Nahrungsbestandteil unserer Gesundheit ist. Und auf nichts anderes will dieser Artikel hinaus.

      1. Matthias

        @ OvO

        Also auf Streitigkeiten hab ich zwar keine Lust, aber eines wüsste ich schon mal gerne. Sie schreiben:

        “Naja, großartig genetisch verändert haben wir uns nicht. Jedenfalls nicht so sehr, wie sie es darstellen. Menschen, die mit Genetik argumentieren haben meiner Meinung nach, nicht wirklich etwas davon verstanden. Sei es beim Thema Ernährung oder auch beim Thema Gesundheit/Krankheiten.”

        Wo hab ich denn bitte behauptet, wir Menschen hätten uns in Relation zu früher genetisch stark verändert?

        Und beim Thema Ernährung und auch in Sachen Gesundheit/Krankheiten wollen Sie allen Ernstes den Einfluss der Gene kleinreden? Was haben denn Menschen, die AUCH mit genetischen Einflussfaktoren argumentieren, Ihrer Meinung nach nicht verstanden?

    2. Petra

      Ich gebe bei allem Wichtigen und Richtigen, was Sie schrieben, eins zu bedenken:
      Menschen sind eben anders. Auch anders, als Fachleute sie gern hätten.

      Ihr Bsp. Kartoffeln und Pommes: Kinder mögen fritierte Kartoffeln lieber wegen der Entgiftung.
      Kann sein – aber mein eines Kind aß Kartoffeln – und jedes andere Gemüse, was in Reichweite war – am liebsten ROH. Und ging lieber in den Garten ans Beet als Gekochtes zu Mittag zu essen.
      Da ich davon ausgehe, dass Kinder sehr gut wählen, was ihnen gut tut und was nicht, habe ich es gewähren lassen. Und es ist auch groß geworden.

  4. Sophie

    Wieder ein sehr guter Artikel, Felix, vielen Dank dafür. Der Gemeine Durchschnittskonsument kauft diesen Müll aber nicht etwa, weil es so bequem ist und so gut schmeckt sondern viele kaufen das Zeug, weil es BILLIG ist. Gute Lebensmittel kosten nun mal eine Kleinigkeit mehr. Viele haben Geld für Auto, Urlaub, die neuesten Klamotten, die neuesten Handys aber wenn es dann darum geht, Geld für gute Lebensmittel auszugeben, ist Geiz plötzlich geil, da geht´s eben lieber zum Discounter. Was alles in diesen Produkten drin ist, wie sich das auf die Gesundheit, Umwelt und die Tiere auswirkt, das interessiert meistens nicht oder die Augen werden einfach verschlossen, denn die Produkte sind ja so schön günstig und der Supermarkt doch gleich um die Ecke. Warum also in den weiter entfernten Bio- oder Bauernladen tigern, wo man noch doppelt so viel bezahlt? Wie die Tiere behandelt wurden, die dann als billiges Discounter-Steak im Laden liegen, ach, das interessiert nicht oder wird schön geredet. Das soll keine Verallgemeinerung sein, ich möchte auch niemandem zu nahe treten, aber das was ich hier schreibe, hat sich tatsächlich aus zahlreichen Gesprächen ergeben – mit Menschen, die sich durchaus Bio leisten könnten, wenn sie denn nur WOLLTEN. Dabei sprechen nebst den im Artikel genannten Gründen vor allem ethische Beweggründe für eine verantwortungsbewusste Ernährung.

  5. Sascha

    Ich kenne dieses Konzept als Prinzip der totalen Verantwortung. Egal, was passiert, man übernimmt Verantwortung dafür, selbst wenn man nicht Ursache ist oder Schuld hat. Schließlich ergibt sich erst aus Verantwortungsübernahme eine nachhaltige Verbesserung. Verantwortung ist immer handlungswirksam oder ich habe sie nicht übernommen. (So verwende ich wenigstens den Begriff der Verantwortung.

    Ein schönes Zitat zu diesem Thema:

    “Wir stehen da mit unserem großen Dilemma. Wenn wir den Patienten die Verantwortung für ihre Handlungen zusprechen, riskieren wir, dass diese Verantwortung zu schwer auf ihnen lastet und dass sie der Kritik und der Verurteilung durch sich selbst und die Umgebung ausgesetzt und vor Angst, Scham und Schuld wie gelähmt sind. Doch nehmen wir ihnen die Verantwortung ab und erklären ihre Handlungen als unverschuldete Anschläge ihrer Krankheit, nehmen wir ihnen auch die Kontrolle über ihre Lebenssituation und riskieren, dass sie passiv werden, antriebslos und vor Angst gelähmt. Zwischen diesen beiden Polen befinden sich die eingewiesenen Patienten. Der Kampf um Besserung verlangt ein sehr großes Gespür für Balance.” Aus: Arnhild Lauveng (2008): Morgen bin ich ein Löwe. Wie ich die Schizophrenie besiegte, München: btb.

    In diesem Sinne könnte man jeden als krank bezeichnen, der nicht gewillt ist, Verantwortung zu übernehmen und von dieser Krankheit muss man sich heilen, will man eine heilende Kraft für sich und andere sein.

    1. odomos

      Prinzipiell ist das richtig. Man darf aber auch nicht vergessen, dass auch die Umstände den Menschen einschränken bzw. seine Lebenart formen. Wer Hartz4 bezieht, wird sich keine Biolebensmittel oder gar Fleisch vom Weiderind leisten können.
      Wer täglich für einen Hungerlohn Überstunden schuften muss, um irgendwie seine Familie zu ernähren, hat vielleicht schlicht keine Zeit für Sport, Kochen, Müßiggang.
      Auch können wir nicht für alles die Verantwortung übernehmen. So können wir nur auf Lebensmittel zurückgreifen, die nun mal angeboten werden. Und keiner weiß ob bei Bio nicht doch auch getrickst wird oder wie fair die Bananen denn nun wirklich gehandelt werden.
      Und das zieht sich weiter über Kleidung, Elektroartikel etc.
      Wir kommen schlicht nicht umhin Verantwortung abzugeben, an Politik, Wirtschaft etc.
      Der Traum von der vollständigen Verantwortung jedes Einzelnen für sein Tun ist daher imho ein schönes Ideal, das aber nur begrenzt realiserbar ist.

      1. Petra

        odomos,
        es geht ja auch zuerst nicht um die “Gewissensfrage” Weiderind und Biotomaten oder Supermarkthähnchen und Hollandsalat.
        Sondern darum, _überhaupt_ etwas anders zu machen als vorher. Den Schwerpunkt auf Gemüse zu legen und z.B. Wasser zu trinken statt Cola, so wie Felix geschrieben hat.
        Wenn es finanziell machbar ist, natürlich gern regional oder bio usw. Aber selbst wenn nicht, sind Gemüse, Obst und Eier besser als TK-Baguettes und Weißbrot.

        Und das, das weiß ich aus familiärer Erfahrung, kann man auch als ALG I / Hartz IV-Bezieher.
        Selbst wenn man auf die Tafel als Ergänzung angewiesen ist, kann man dort jedenfalls hier nach mehr Obst und Gemüse fragen und dafür die Fertigprodukte für jemand anderen lassen.

        Überstunden usw. sind sehr hart, ich habe das auch einige Monate mitgemacht. In der Zeit hat mich und meine Familie “gerettet”, dass wir konsequent einmal in der Woche einen “Kochnachmittag” veranstaltet haben. Alles vorbereiten, was geht und dann in den Kühlschrank oder die Gefriertruhe, bis wir es brauchten. Das reduzierte den täglichen Aufwand um einiges und wir waren dadurch motivierter, auch wirklich gesund zu essen statt im Laden die Pizza zu besorgen oder beim Fastfood-Heini vorbeizufahren.

        Es gibt nicht nur schwarz-weiß, sondern ganz viele Farbtöne dazwischen.
        Das habe ich auch erst lernen müssen.

        Und ein Trainer von mir hat mal gesagt:
        Egal wieviel du tust, es ist auf jeden Fall 100% mehr als vorher. Also fang einfach an.

        1. odomos

          Hallo Petra,

          danke für deine Antwort auf meinen Kommentar.
          Ich stimme dir im Übrigen auch zu, insbesondere dass alles was man tut mehr und besser ist als nichts zu tun.
          Mein Einwand bezog sich auch hauptsächlich auf Saschas Gedanken des “Prinzips der totalen Verantwortung”.
          Verantwortung können wir bis zu einem gewissen Grad selbst übernehmen (und die Grenzen dürften bei vielen von uns noch lange nicht ausgereizt sein), nicht aber total und auf allen Ebenen.
          Insofern denke ich nicht, dass wir gegenteiliger Meinung sind 🙂

      2. Sophie

        Hallo odomos
        Das kann ich so jetzt leider nicht gelten lassen. Wer wenig Geld hat, kann sich natürlich nicht oft gutes Fleisch leisten. Aber erinnern wir uns, wie es unsere Groß- und Urgroßmütter gemacht haben: Sie aßen sehr wenig Fleisch, damals gab es den wohlbekannten Sonntagsbraten. An den anderen Tagen der Woche gab es leckere selbstgekochte vegetarische Mahlzeiten. Kartoffeln zum Beispiel sind nicht teuer. Im Biomarkt gibt es immer wieder Sonderangebote, auch kommt es günstiger beim Bauern direkt zu kaufen oder man kann selbst anpflanzen. Dass bei Bio geschwindelt wird, stimmt zwar, aber nur bedingt. Vor allem beim Supermarktbio ist dies der Fall, wer sich aber informiert, stößt auf drei Marken mit den strengsten Biokriterien. Wer das immer noch nicht glaubt, geht eben direkt zum Biobauern, auch da kommt es günstiger als im Bioladen. Oft ist auch jede Menge Gemüse übrig und wird zu einem Schnäppchenpreis verkauft. Augen auf also! Wir können die Verantwortung sehr wohl übernehmen, denn die Nachfrage bestimmt das Angebot. Die Industrie wird so lange minderwertiges Zeug produzieren, so lange wir es kaufen. Zum Lügen gehören immer zwei: Einer der lügt und einer der die Lüge glaubt. Wir Konsumenten haben es sehr wohl in der Hand, wir können gegen die Missstände sehr wohl protestieren, indem wir diesen Industrieschund einfach im Regal liegen lassen. Stichwort: der mündige Bürger. Man kann nun mal nicht der Industrie die 100%ige Schuld zuschieben, denn die würden diesen Mist gar nicht machen, wenn wir, Konsumenten, es nicht völlig kritiklos kaufen würden.
        Was mir auch noch auffällt ist, dass besonders bei Menschen mit niedrigem Einkommen Fertiggerichte im Einkaufswagen landen. Für den Preis einer Fertigpizza kann man genau so gut einen großen Sack Biokartoffeln kaufen oder ein Kilo Biogemüse! 300 Gramm Biofeldsalat direkt vom Bauernhof ist günstiger als ein Burger beim großen gelben “M”. Denkt mal drüber nach und fragt Euch: Muss es wirklich täglich oder mehrmals pro Woche Fleisch sein?

        1. odomos

          Hallo Sophie,
          zunächst einmal bleibt es jedem selbst überlassen, wie er sich ernährt. Wenn einer meint sein Geld bei dem großen gelben “M” auszugeben anstatt sich einen Sack Biokartoffeln zu kaufen kann uns das im Grunde egal sein.
          Und genauso wie du mit dem Finger auf solche Leute zeigst, zeigen andere Leute vielleicht mit dem Finger auf dich, weil du in deren Augen verantwortungslos handelst.
          Die totale Verantwortung übernehmen, für alles was wir tun, tut doch in letzter Konsequenz niemand von uns. Oder hast du deinen PC ethisch vertretbar eingekauft? Oder deine Klamotten? Stammen alle deine Möbel aus zertifiertem Holzanbau? Und noch vieles weitere…

          Nur beim Thema “Essen” sind einige oftmals so überstreng und verurteilen sehr schnell andere Menschen.
          Wie ein Hartz4-Empfänger auf dem Dorf mit dem nicht vorhandenen Auto mal ebenso auf den nächsten Biobauernhof fahren soll um sich nach Sonderangeboten umzuschauen, bleibt wohl auch dein Geheimnis.

          Und weil du das Stichwort “mündiger Bürger” anführst: So einfach ist es eben nicht. Die Industrie schafft auch Bedürfnisse und nicht jeder ist davor gefeit. Bestimmt auch du nicht, hast du doch bestimmt auch unnützen Hausrat (so wie jeder von uns).
          Hinzukommt, dass nicht jeder Mensch einen starken Willen hat oder eine ausreichende Bildung um die Industrielügen zu erkennen. So gibt es eben wirklich Menschen, die denken mit einer Milchschnitte voller “guter Milch” geben sie ihrem Kind etwas Gesundes.
          Menschen sind nun mal verschieden und deshalb hat imho die Politik und die Wirtschaft ebenfalls eine Verantwortung.

          Und wir sollten vielleicht auch einfach ein bisschen Gelassenheit und Nachsicht an den Tag legen, wenn andere Leute nicht so handeln wie wir. Vielleicht sind sie uns auf anderen Ebenen überlegen und denken genauso über uns wie wir über sie.

          1. OvO

            Das ist witzig. Denn genau diese Dinge, die aufzählst, versuche ich umzusetzen. Lebensmittel nur noch vom Wochenmarkt zu kaufen. Möglichst aus biologischer Erzeugung. Klamotten und Technik nur noch gebraucht zu kaufen. Strom und Heizverbrauch gering zu halten. Erledigungen mach ich eh nur noch zu fuß oder per Fahrrad. Man kommt mit 150-200 Euro auch locker aus. Das ist auch für Hartzler drin. Wohlgemerkt kann ich aber nur für Menschen sprechen die keine Kinder haben.

            So. Damit will ich dir aber garnicht widersprechen sondern eher beipflichten. Es ist ein langer und teils harter Weg, den man Schritt für Schritt gehen muss. Und er erfordert tatsächlich auch Kreativität, Disziplin, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit verzichten oder umdenken zu können. Viele Menschen können oder wollen das nicht. Und sie so nicht wissen wie. Im Kopf kommt es ihnen einfach nur überfordernd vor. Was ich absolut verstehen kann. Allerdings liegt dies hauptsächlich daran, dass ihnen die Vorbilder fehlen. Das ist zumindest meine Erfahrung. Ich konnte bislang niemanden dazu bewegen sein komplettes Leben umzustellen. Das hatte ich auch nie vor. Aber Menschen, die mich kennenlernten, sahen wie ich lebte, sich mit mir unterhielten und ein paar Sachen auch mal mitgemacht hatten… diese Menschen fingen an ihr eigenes Verhalten zu überdenken und mit kleinen Veränderungen anzufangen. Und das ist einfach der erste Schritt. Einfach mal ausprobieren. Möglichst mit Hilfe von jemanden der sich auskennt. Der Rest kommt dann von ganz alleine. Und es muss ja niemand perfekt sein. Das ist das Beste daran. Man muss sich garkeinen Druck machen. 🙂

          2. Sophie

            Hallo odomos,
            ja, ich versuche möglichst alle Sachen aus umweltschonender und fairer Produktion zu kaufen. Ich möchte dabei auch auf wirklich NIEMANDEN mit dem Finger zeigen. Aber: Es ist UNSERE Umwelt!! Dieses Problem betrifft uns ALLE, denn wir haben leider nur EINE Umwelt und gehen mit ihr um, als hätten wir noch 100 andere in der Tasche. Aber ich verstehe sehr gut, was du meist. Viele sind Opfer der Werbelügen. Umso wichtiger ist doch Aufklärungsarbeit. Es geht um Menschenleben, es geht um Gesundheit und unseren Planeten, um uns ALLE. Ich bin mir dessen bewusst, dass nicht jeder dieselben Voraussetzungen hat, aber was spricht dagegen, dass jeder tut, was er kann? Man kann ja schon ein kleines bisschen weniger Fleisch essen zum Beispiel. Schon ein wenig bringt etwas! Und ja, es ist schwierig sein komplettes Leben so umzustellen, da gebe ich dir recht. Ich selbst habe es wirklich in ganz kleinen Schritten getan, das war ein etwa 2 Jahre langer Prozess. Es begann mit dem Fleisch: Ich habe als erstes aufgehört, Discounter-Fleisch zu essen, weil dieses auch nicht gut für unsere Gesundheit ist. Diese Tiere sind mit Antibiotika und Wachstumshormonen vollgestopft – denkst du denn, das geht nicht auf den Konsumenten über? Denk nochmals! Ich wurde erst Vegetarierin, dann Low Carblerin und dann Paleo. Dabei spielt nicht nur der Geldfaktor eine Rolle sondern für Berufstätige vor allem auch der Zeitfaktor (sorry, Felix, je nach Job ist es tatsächlich so). Ich habe kürzlich gefragt, meine Güte, wie soll denn ein Vollzeitberufstätiger streng nach Paleo leben? Muss er doch nicht 100% streng nehmen! Reicht denn nicht schon einfach zu 80%? Genau das ist doch beim Hartz IV-Empfänger auch der Fall. Auf dem Dorf gibt es sicherlich Landwirte. Also schnell zu Fuß rüber zum benachbarten Bauernhof und anfragen. Der Direktkauf beim Bauern ist deutlich günstiger. Wie ich schon sagte: Es muss ja nicht täglich Fleisch sein, aber auch dieses ist günstiger, wenn es direkt beim Bauern gekauft wird. Wie dem auch sei, natürlich muss jeder selbst wissen, was er tut und ich bin mir dessen durchaus bewusst, dass manche Eltern glauben, mit der ach-so-“gesunden” Milchschnitte etwas Gutes für ihr Kind zu tun. Man soll auf diese Leute auch nicht mit dem Finger zeigen – sondern sie aufklären, sie informieren. Genau hierfür ist diese Seite gedacht. Aber es liegt an jedem Leser selbst, ob er die Tipps im Rahmen seiner Möglichkeiten umsetzen WILL oder eben nicht….

      3. Sascha

        Verantwortung ist eine Entscheidung. Ich glaube, du vermischt zwei verschiedene Begriffe von Verantwortung. Der eine Begriff hängt von der eigenen Entscheidung ab. “Ich übernehme die Verantwortung dafür.”, während der andere nahe verwandt mit dem Begriff der Schuld ist. “Du bist verantwortlich.”

        Sich für die totale Verantwortung zu entscheiden kann jeder. Ein einfaches und sehr dramatisches Bild ist der Offizier, welcher die Verantwortung für seine Untergebenen übernimmt. Er übernimmt diese, auch wenn er kein Fehlverhalten gezeigt hat.

        Ein weiterer Kritikpunkt meinerseits ist, dass nahezu kein Mensch wirklich davon überzeugt ist, alles zu tun, was in seiner Macht steht. Normalerweise leben wir Menschen mit dem Unterschied von dem, was wir tun könnten und dem was wir tun.

        Das Prinzip der totalen Verantwortung zieht auf eine Haltung ab.

  6. Bettina

    Danke, du hast so recht!

    Ich mach heut gleich eine Extrarunde um den Block und kauf mir auf dem Rückweg die Zutaten für eine leckere, wärmende Gemüsesuppe ????

    1. Sophie

      Mmmh, so eine habe ich gestern noch gemacht. Selbstverständlich mit Gemüse der Saison und natürlich aus Deutschland! Also gab es eine Suppe mit gelber Beete, Wurzelgemüse und Kartoffeln. Sowas von lecker und fertig in 15 Minuten! Sogar meiner gemüsemuffeligen besseren Hälfte hat sie hervorragend geschmeckt.

  7. Oliver

    Das ist zu einfach, das kann man so nicht machen. Damit kann man kein Geld verdienen und daraus lässt sich auch keine Religion machen. Viel Gemüse essen, Wasser trinken und sich bewegen, das sagte schon meine Uroma zu mir. Das kann heute nicht mehr gültig sein.

  8. missrainyday

    Toller Artikel! Irgendwo habe ich mal einen Spruch/Zitat gelesen, “Überleg mal wie schwer es ist dich selbst zu ändern, und überleg dann, wie deine Chancen stehen andere zu ändern”. Es ist wirklich so- natürlich sollte die Politik und Wirtschaft etwas gegen die Überfettung und Unbeweglichkeit der Gesellschaft tun, aber der Einzelne sollte um seiner selbst willen niemals darauf warten, dass sich dort etwas tut. Am gewinnbringendsten für den Einzelnen ist es immer bei sich selbst anzufangen. Das betrifft nicht nur den Ernährungstil. Das ist meiner Meinung nach in jeglicher Hinsicht IMMER der beste Ansatz und die beste Möglichkeit Veränderungen zu bewirken: Erstmal gucken, ob es nicht was vor der eigenen Haustür zu fegen gibt. Für einen selber ist dann schon sehr viel getan und die Nachbarn fangen an neugierig rüberzulinsen und nehmen sich vielleicht ein Beispiel daran 🙂 Is ja so schön sauber da drüben…

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