Unser aller Essstörung

Sind wir alle essgestört? Unser aller Essstörung.Angst vor Übergewicht, die Suche nach gesunder Ernährung, Nährstofftabellen und die Sehnsucht nach dem einfachen Genuss: Häufiger als das Schwelgen in den Erinnerungen an ein köstliches Mahl, kreisen die Gedanken heute zusehends um dessen Folgen, um Disziplin und Konformität. Jeder sucht seinen Weg durch das omnipräsente Überangebot der Nahrungsmittel. Sind wir alle essgestört?

Was ist schon eine Essstörung?

Als Störung oder Verhaltensstörung betrachten wir in der Regel eine Abweichung vom natürlichen Verhalten, vielleicht auch ein Abweichen von der Norm, dessen Folgen dem Individuum gesundheitlich schaden. Als zentral bei Essstörungen gilt die stete gedankliche oder emotionale Beschäftigung mit dem Thema Essen. Wie ist das im Detail zu deuten?

Was ist ein natürliches Essverhalten? Ist es das, was wir bestenfalls bei unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen ablesen können? Sicherlich sind wir dann essgestört, denn wir denken wohl weitaus mehr über das Essen nach, treffen mehr Auswahl und Entscheidungen darüber. Wir essen (oft noch) am Tisch, organisieren Mahlzeiten, verpacken das Essen, transportieren es über tausende Kilometer, verarbeiten es, machen es haltbar oder werfen es weg. Natürlich im Wortsinn scheint das nicht zu sein – verglichen mit Schimpansen, von denen wir jedoch trotz aller genetischer Ähnlichkeit evolutionär sehr weit entfernt sind.

Die Natürlichkeit unseres Essverhaltens können wir kaum beurteilen. Was ist also mit der Norm?

In unserer Gesellschaft denken Menschen normalerweise wenig über das Essen nach. Erst wenn der Hunger kommt, stellt sich die Frage: »Woher bekomme ich Nahrung?« Wichtiger als Qualität und Quantität ist dann zunächst häufig der persönliche Geschmack.

Ein schnell wachsender Anteil der Wohlstandsnationen beginnt jedoch, zusehends mehr über das Essen nachzudenken. Veganer, Vegetarier, Rohköstler, LowCarber oder Paleo-Fans machen sich häufig sehr viele Gedanken um das Essen und weichen so (noch) von der Norm ab und auch vom natürlichen Verhalten unserer tierischen Verwandten. Sind sie alle gestört?

Veganer, LowCarber und Paleos: Alle essgestört?

Das Urteil hängt allein von der Perspektive ab. Was ist Normal?

Engen wir die Definition einer Verhaltensstörung so ein, dass aus ihr ein gesundheitlicher Schaden folgt. Ist das Nachdenken über Essen schädlich?

Hier kommen wir schneller zu klaren Ergebnissen. Anorexie und Bulimie sind dazu nur zwei Extremfälle klarer Krankheitsbilder mit schweren körperlichen Auswirkungen.

Doch wann beginnt die Essstörung? Haben wir unseren Wunsch nach Gesundheit und Schlankheit voll unter Kontrolle? Und sind nicht allein die sehr beschränkten Speisepläne von zum Beispiel Veganern oder Paleo-Fans schon deutliche Anzeichen für eine Essstörung?

Ein zwanghaftes Verhalten lässt sich oft ablesen. Die Folge sind häufig soziale Isolation, Entfremdung (auch von ehemals geliebten Lebensmitteln), Schuldgefühle beim Abweichen vom Plan und eine obsessive Beschäftigung mit der Ernährung. Psychische Schäden (und psychosomatische Folgen) können resultieren. Und das sind durchaus schwerwiegende Probleme.

Wenn gesundes Essen krank macht

Einige Medien porträtieren das Krankheitsbild Orthorexia Nervosa (dt. »Richtiger Appetit«, in Bezug auf die Intention, sich richtig zu ernähren), eine krankhafte Beschäftigung mit gesunder Ernährung, als lächerliches Konstrukt der Pharmaindustrie, welche nun alle Menschen für krank erkläre, die sich lediglich gesund ernähren möchten. Tatsächlich findet man im Fragenkatalog zur Diagnose der Orthorexia Nervosa durchweg vernünftige Ansätze zur Feststellung einer psychischen Störung. Orthorexia Nervosa wurde 1997 erstmals gebraucht in Anlehnung an Anorexia Nervosa (Magersucht), bislang gilt sie allgemein nicht als psychische Störung. Mit wachsendem Wohlstand dürften sich zusehends mehr Ärzte und Wissenschaftler konkret damit befassen.

In meiner eigenen Arbeit erhalte ich unzählige Emails von Menschen, die ebenfalls in der Orthorexia Nervosa gelandet sind. Einige von ihnen haben sich tatsächlich durch zwanghaft gesundes Essen die Gesundheit ruiniert, weil ihr Organismus durch sehr restriktive und kontrollierte Lebensmittelwahl die Fähigkeit zur Verdauung vieler Dinge verloren hat; häufig in einer teuflisch wirkenden Abwärtsspirale, in der sie auf immer mehr Lebensmittel verzichten müssen. Wieder anderen wird klar, dass sie sich diverse Unverträglichkeiten nur eingeredet und sich in der Folge sehr umfassend selbst belogen haben. Erst durch einen neuen Fokus auf das Essen selbst, den Genuss und die Esskultur, finden sie oft einen Ausweg aus der Ernährungsideologie. Aufgrund dieser Erfahrungen würde ich bestätigen, dass gesundes Essen im Sinne der Orthorexia Nervosa krank machen kann.

Ist ein Abweichen von der Norm so schlimm?

Natürlich ist nicht jeder krank, wer sich gesund ernähren möchte. Auch nicht jeder dicke oder übergewichtige Mensch ist krank und auch nicht jeder sehr dünne. Eine Diagnose kann nur individuell erfolgen. Wichtig scheint, aufmerksam zu bleiben.

Und was ist schon eine Verhaltensstörung? Beobachten wir ein Tier in Gefangenschaft, welches von seinem natürlichen Verhalten in freier Wildbahn abweicht und scheinbar sinnlos im Kreis läuft oder immer wieder gegen eine Wand rennt, diagnostizieren wir schnell eine Verhaltensstörung.

Schauen wir uns einen Menschen an, der mit verzerrtem Gesicht zentnerschwere Metallplatten immer und immer wieder anhebt und fallen lässt, wundert sich niemand. Sein Verhalten scheint sinnlos und unnatürlich. Aber er ist Gewichtheber und trainiert. Dann ist es in Ordnung. Doch auch er kann einem Wahn verfallen und sich selbst zerstören. Der Grat ist schmal und die Überschreitung lässt sich von außen mangels Perspektive und von innen mangels Abstand nur schwer erkennen. Bin ich schon krank, wenn ich mir ein Stück Schokolade verkneife, obwohl ich es gerne mag?

Muss ich etwas ändern?

Einzig relevant scheint letztlich, ob jemand gesund und möglichst auch glücklich ist. Eine Abweichung von der Norm kann nicht von Bedeutung sein, wenn niemand dadurch Schaden erleidet. Man kann dick und gesund und glücklich sein. Und bei aller Nähe zwischen Leidenschaft und Besessenheit kann man auch jeden Tag stundenlang über Essen nachdenken, ohne krank zu sein – für Köche ist das Berufsalltag.

Die klinische Psychologin Wendy Mogel warnt etwa davor, die Ernährung unserer Kinder zu stark zu überwachen. Auch die Kategorisierung von Lebensmitteln über gesund und ungesund hinaus als moralisch gut oder schlecht sieht sie kritisch. Dies mache Menschen allein durch ihre Ernährungsentscheidung gut oder böse; so wird die Ernährung zur Ersatzreligion.

Stellen wir uns ein paar Fragen, um unsere Perspektive auf die eigene Ernährung zu prüfen und gegebenenfalls zu korrigieren:

  • Erschwere ich mein Leben durch meine Ernährungsentscheidungen?
  • Isoliere ich mich sozial?
  • Habe ich Schuldgefühle, wenn ich von meiner geplanten Ernährung abweiche?
  • Glaube ich, dass gesundes Essen mich zu einem besseren Menschen macht?
  • Bereiten meine Gedanken an Essen mir Sorgen?
  • Glaube ich, alles unter Kontrolle zu haben, wenn ich meinem Plan entsprechend esse?
  • Esse ich oft alleine?

Wie genau die Antworten zu deuten sind, ist nicht eindeutig geklärt. Muss es auch nicht: Allein die Fragen genügen häufig, entsprechende Denkprozesse anzustoßen. Sie sind kein sicheres Mittel zur Diagnose, können jedoch vielen Menschen helfen, frühzeitig ihren Ernährungsentscheidungen den richtigen Platz im Leben zuzuweisen.

Es läuft hinaus auf eine zentrale Frage: Genieße ich mein Essen in vollem Umfang als Teil meines Lebens?

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25 Kommentare zu “Unser aller Essstörung

  1. Matthias Mann

    Das ist ein sehr komplexes Thema und ich will es mal möglichst einfach machen: Essstörungen haben vermutlich alle. Alleine schon durch die ganzen überwürzten und überzuckerten Lebensmittel aus dem Supermarkt. Ebenso durch das “Standard-Obst”. Ich behaupte da einfch mal, es weiß heute kaum noch jemand, wie eine gute Tomate schmeckt, da heute fast alles überzüchtet ist, auf ausgelaugten Böden wächst und oft ziemlich wässerig schmeckt. Man könnte auch sagen: wir haben den Bezug zu gesunder Nahrung verloren. Und das ist schon in gewisser Weise eine Störung, wie ich finde.

    Andererseist fallen viele Leute, glaube ich jedenfalls, auf den Begriff “Gesunde Ernährung” herein. Gesunde Ernährung alleine kann gar nicht gesund sein. Es gehört ebenfalls eine komplette gesunde Lebensweise dazu. Also möglichst viel Bewegung. Und Umweltgifte, aber auch übermäßigen Alkoholkonsum und Nikotin etc. meiden wo es nur geht. Und natürlich auch mental eine ausgeglichene Lebenseinstellung haben. Kaum etwas ist schädlicher für die Gesundheit, wie innere Unzufriedenheit und diverse andere negative Denkweisen und Bewegungsmangel.

    1. Felix

      Innere Zufriedenheit ist eine der Grundlagen für ein gesundes Leben. Ob “gesunde Ernährung” nun allein gesund sein kann und ob man das getrennt von einem insgesamt gesunden Lebenswande betrachtet ist sicher nur eine Frage der Begrifflichkeit.

      1. Matthias Mann

        Wie man es betrachtet bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Ich weiß nur nicht, ob man das alleine an der Begrifflichkeit festmachen kann. Ich kenne halt jemanden, der sich prinzipiell sehr gesund ernährt, alles was nicht Bio ist meidet und trotzdem über lange Jahre hinweg bis heute schwer krank ist. Symptome deuteten auf schweres Rheuma und Morbus Bechterew (Rundrücken). Aber das einzige was Ärzte feststellen konnten waren kurioser Weise Mangelerscheinungen. Ansonsten körperlich kerngesund. Die Ursachen sind meiner Ansicht nach Bewegungsmangel und negatives Denken. In dem Fall könnte man sagen, wer sich ständig über die ungesunde Gesellschaft und anderes was in der Welt schlecht ist aufregt, immer unzufrieden ist etc. hat am Ende keine Energie und Zeit mehr für alles andere im Leben. Und da half dann auch der Glaube “Mit meiner gesunden Ernährung bekomme ich jedes Leiden in den Griff” rein gar nichts. Ich denke, in dem Fall kann man gut sagen, das gesunde Ernährung alleine nicht gesund ist.

        1. Felix

          Hallo Matthias,
          gesunde Ernährung ist immer gesund. Das ist schließlich ihre Definition. Gesunde Ernährung allein genügt nicht für ein ganzheitlich gesundes Leben. Das ist auch klar. Insofern würde ich sagen, dass es definitiv gesunde Ernährung gibt. Aber sie reicht eben nicht aus, um alle Krankheiten zu lindern oder zu vermeiden. Für mich versteht sich das von selbst.

  2. Carmen

    Sicherlich soll sich jeder nach seinem Geschmack gesund ernähren, jedoch ohne gleich auf alle schönen Dinge, die dann mal nicht so gesund sind, zu verzichten. Eine ganz andere Sache ist es jedoch wenn man plötzlich eine Nahrungsunverträglichkeit hat und viele Lebensmittel nicht mehr essen KANN, da dies große Schmerzen auslöst. Dann denkt man ganz anders über Menschen, die freiwillig schöne, gesunde Lebensmittel “boykottieren”.
    Alles im Rahmen halten und nicht alles übertreiben, man muss sich nicht durch ausgefallene Essgewohnheiten in den Mittelpunkt spielen und auf sich aufmerksam machen.

    1. OvO

      Wobei man sagen muss, dass Nahrungsmittelintoleranzen und Allergien sehr oft selbst nur eine Folge einer ungesunden Ernährung oder ähnlichen Einflüssen ist und diese sich durch spezielle Ernährungstherapien auch wieder weitestgehend beheben lassen. Es sei denn man hat es genetisch mitbekommen. Aber das ist sehr viel seltener der Fall als es einem Ärzte weiß machen wollen. Ist eig alles halb so dramatisch.

  3. Miriam

    Ich glaube, dass die eigentliche Störung darin liegt, dass wir viel zu viele Lebensmittel viel zu einfach erhältlich haben. Supermärkte, Fast- Food Outlets, Tankstellen, Märkte… überall gibt es haufenweise Essen, und das meiste davon ist ja völlig unnatürlich und hoch verarbeitet, mit Fett- und Kohlehydrate- Kombinationen und – Mengen, wie sie in natürlichen Lebensmitteln wie Eiern und Gemüse gar nicht so vorkommen. Mit unserem Überlebensdrang will der Mensch natürlich immer zugreifen! Wenn wir unser Essen hart erarbeiten müssten, auf bestimmte Obst- und Gemüsesorten warten müssten, bis sie reif sind, unser Zucker nur aus Obst käme, dann hätte kaum jemand irgendeine Essstörung! Gestört ist das
    (Über)Angebot.

      1. Felix

        Ich sehe zwar das Überangebot ähnlich wie du als wesentlichen Teil des Problems, zusammen mit Bewegungsmangel und schlechten Ernährungsempfehlungen. Dennoch würde ich das von einer Essstörung klar abgrenzen, da ich das eher als eine Art Verhaltensstörung und nicht-zwingende Folge der anderen Probleme sehe. Aber das ist Semantik.

  4. Michael

    Bei allen Kritieren, die man für Ernährung finden kann, finde ich die Fragen am Ende zur Beurteilung des tatsächlichen Nutzens im eigenen Leben und zum Wohlbefinden wirklich gut!

  5. Sophie

    Wie wäre es mit Dankbarkeit? Dankbar sein, dass wir überhaupt genug zu essen haben und einfach auf den eigenen Körper hören. Wenn man bedenkt, dass auf dieser Welt immer noch Menschen verhungern müssen, während wir uns über die richtige Ernährung unterhalten! Vielleicht sollten wir uns einige Minuten Zeit nehmen und darüber nachdenken.

  6. Torsten Fleischer | Personal Trainer Berlin

    Hallo und danke Felix.

    Orthorexia nervosa ist in der Tat ein weitverbreitetes Thema – das sehen wir auch bei vielen Kollegen. Das verzweifelte alles richtig machen zu wollen/zu müssen. Zuviel Informationen von außerhalb und zu wenig bei sich selbst sein.
    Ein wunderbarer Artikel, Felix, der die Thematik ungeklärt auf den Punkt bringt. Toll auch die sieben Fragen am Schluss. Ich danke Dir dafür und leite Deinen Artikel gern vielfach weiter!
    Beste Grüße, Torsten Fleischer

  7. Sophie

    Das ist ein sehr wichtiger Aspekt, der hier im Artikel angetönt wird: die Orthorexia nervosa. Nein, nicht alle Veganer, Paleoaner oder Makrobioten sind essgestört – die Einstellung macht´s! Veganer ernähren sich meist aus ethischen Gründen so, wegen den Tieren, viele Vegetarier ebenso. Bei Paleoanern kann es wirklich passieren, dass man in eine Orthorexia nervosa verfällt. Das ist auch einer der Gründe, warum ich keine “strenge” Paleoanerin bin und es ab und an easy nehme. Erstens mag ich mich nicht mit zu vielen Verboten einschränken, zweitens muss es manchmal einfach wirklich schnell gehen und drittens hat ja essen auch was mit Genuss zu tun, richtig? Ich habe mir beispielsweise gestern wieder einmal zwei Riegel Schokolade gestattet. Es hat mich nicht umgebracht, ich fühle mich immer noch gut, aber ich hab sie in vollen Zügen genossen und leben tue ich auch noch 😉 Ich finde es einfach wichtig, sich bewusst zu ernähren, im Großen und Ganzen mit natürlicher Nahrung. Eine Essstörung beginnt dort, wo man schon wegen jedem kleinsten Schokoriegel ein ewig schlechtes Gewissen hat, wo man jede einzelne Kalorie aufschreibt, wo man sich geißelt und sich permanent bestimmte Lebensmittel verbietet (obwohl man es verträgt), oder umgekehrt: wo man aus Kummer und Frust viel zu viel (meist Ungesundes) isst. Gesunde, bewusste Ernährung heißt auch MAL sündigen und nicht ständig ein Argusauge auf seine Nahrung, Kalorien, Kohlenhydrate oder was weiss ich alles zu haben. Das Stichwort heißt “im Großen und Ganzen”. Ich selbst halte es so: 80-90 Prozent Paleo, 10-20 Prozent sonstiges, was ich mag (z.B. Sojaprodukte: liebe ich!). Das Problem bei vielen Menschen ist, dass sie verlernt haben, auf ihren Körper und ihre natürlichen Instinkte zu hören. Wenn mein Körper mir Appetit auf ein bestimmtes Lebensmittel signalisiert, dann hat das schon seine berechtigten Gründe….

  8. Sylke Hemme

    Hallo Felix, seit ein paar Wochen beschäftige ich mich mit dem Minimalismus. Will nicht zu weit ausholen, aber ich glaube mit dem Minimieren und gleichzeitig mehr Struktur in meinen Altag zu bekommen, helfe ich mir mit meinen Depressionen.
    Doch nun stehe ich vor einer schwierigen Entscheidung: Umzug ja oder nein. Ich habe eine Wohnung die mir im Grunde ganz gut gefällt, leider schon etwas älter und ich wohne hier schon seit fast 7 Jahren. Mein Vermieter müsste das ein oder andere reparieren (Fenster/Haustür) doch immer wenn ich das anspreche wimmelt er ab und ich habe Streit mit ihm – diese Situation stresst mich regelmässig.
    Nun habe ich ein (vielleicht mein) Traumhaus gefunden. Leider die Miete etwa über meinem Budget. Doch ich weiss das ich dort glücklich wäre – schöne Gegend, grosser Garten (auch für meine Hunde und Katzen).
    Ich kann mich dort sehen, den Garten zu verschönern oder einfach auf der Terasse zu sitzen und die Aussicht zu geniessen. Ich hoffe das ich es mir eben durch den Minmalismus leisten kann, weniger Ausgaben für unnütze Dinge um ein schönes zu Hause in einer entspannten Umgebung zu haben – ohne Stress mit dem Vermieter. Wie siehst du das aus Sicht des erfahrenen Minimalisten – kann auch mehr (in diesem Fall das teurere Haus) Minimalismus sein.
    Ach ich bin einfach auf der Suche nach Meinungen 🙂 Liebe Grüsse Sylke

    1. Felix

      Hallo Sylke,
      genau damit, mit dem Wohnort, habe ich sehr viel Erfahrung durch viele Umzüge, Reisen und Auslandsaufenthalte. Vorweg: Ich denke schon, dass der Minimalismus, so wie ich glaube dass du ihn verstehst, dir sehr helfen kann. Indem du das Leben vereinfachst und für Klarheit sorgst, reduzierst du die Zahl der nötigen Entscheidungen. Entscheidungen verurschen jedem Menschen Stress.
      Zum Wohnort: Es kann sein, dass deine Rechnung aufgeht. Meiner Erfahrung nach jedoch nicht. Denn: Nicht der Ort ist relevant, sondern das, was du dort (und daraus) machst. Wohnen ist keine Beschäftigung. Damit möchte ich nicht den Wert einer ordentlichen Wohnung, einer gemütlichen Höhle kleinreden. Wir Menschen haben, soweit ich das erkenne, das Bedürfnis nach einem Rückzugsort. Und deine jetzige Situation ist sicher ein guter Grund zum Umzug. Aber “in meinem Traumhaus werde ich mich wohlfühlen” halte ich für einen Irrglauben. Gerade wenn es eigentlich über dem Budget liegt, kann es sein, dass es dir doch wieder Sorgen bereitet. Besonders dann, wenn dein Herz daran hängt. Wie gesagt: Einen guten Rückzugsort halte ich für wichtig; die (psychisch/mentale Abhängig von einem spezifischen, also einem ganz bestimmten Ort jedoch wieder für problematisch. Natürlich kann man sich an etwas gewöhnen und man kann es liebgewinnen. Aber was ist, wenn dann der neue Vermieter auch langfristig nicht das Wahre ist? Was, wenn doofe Nachbarn einziehen? Was, wenn es ein Gewerbemischgebiet wird und der Krach zunimmt? Ein wenig flexibel sollte man daher immer bleiben.
      Mein Tipp daher: Nicht zu langfristig planen, keine “Wohnung fürs Leben” suchen, sondern eine, die jetzt passt und wahrscheinlich ein paar Jahre das richtige ist.
      Natürlich hängt an so etwas auch eine Nachbarschaft und ein soziales Gefüge. Sehr wichtige Faktoren, die einem ebenfalls ans Herz wachsen können. Aber wenn man sich davon abhängig macht, dann gibt man wieder die Kontrolle über das eigene Leben aus der Hand.
      Ich schreibe das alles aus Erfahrung und weil ich selbst gerade in einer sehr ähnlichen Situation stecke und seit Jahren erfolglos an der Lösung arbeite. Ich habe bewusst unwahrscheinliche Lösungswege ausgeschlossen, die eigentliche Lösung (bzw. eine, denn es gibt mehrere) ist mir länger bekannt, aber ich wollte alle anderen Optionen ausschließen. Es läuft für mich darauf hinaus: Egal, wie schön es ist und wie toll der Wohntraum anmutet: Es kommt (für mich) im Leben auf das Tun an, auf das, womit ich meinen Tag verbringe. Ich möchte Musik machen und immer viel lernen und mit anderen musizieren. Danach richtet sich meine Wohnortwahl. Die Auswahl ist dann noch immer groß. Ich liebe den Atlantik und die Sonne und die Wärme. Aber wenn das die Maßgaben für den Wohnort sind, kommt mein eigentliches Leben zu kurz und ich lande wieder an einem Ort, an dem ich unzufrieden bin (ich habe es ausprobiert).
      Unterm Strich ist es natürlich das einfachste, sich von solchen Bedürfnissen gänzlch zu befreien und genügsam zu sein. Dann ist man frei. Denk an zurückgezogen lebende buddhistische Mönche. Das muss ein fantastisches Leben sein. Doch es funktioniert nur, wenn man sein Denken gemeistert hat und sich entsprechend von den Bedürfnissen befreit. Das ist ein stetiger Prozess.
      Alles Gute
      Felix

  9. Flo

    Hey Felix,
    Danke für diesen tollen Denkanstoß!
    Meiner meinung nach sollte man die Ernährung nicht als Religion sehen, sonst könnte es sein das man sich sehr schnell in einer Essstörung verfängt. Das leben sollte nicht aus ständigem verzicht und schuldgefühlen gelebt werden. Den was ist das für ein Leben wenn man sich alles enthält wo manchmal ein wahrer genuss für Leib und Seele ist. Dank Urgeschmack hat sich meine Sichtweise bezüglich gesunde Ernährung Leben und Lebensqualität sehr ins positive entwickelt.

    Gruß Flo

  10. Isabell

    Lieber Felix,
    danke!
    Danke, dass Du mich dazu bringst mein Leben und meine Glaubenssätze zu überdenken!
    Jeder deiner Artikel stößt mich zum Nachdenken an, was mich auf meinem persönlichen Lebensweg immer weiter bringt!
    Seit ich deine Seite im Sommer 2015 entdeckt habe, hat sich schon so vieles in meinem Leben zum Positiven verändert – auch dank Dir!

    Alles Liebe für Dich!

  11. Reni

    Hallo Felix!
    Das ist genau mein Thema momentan. Vor ca. 3 Jahren habe ich einen sogenannten IgG Test machen lassen, mit dem Ergebnis, dass ich angeblich sehr viele Nahrungsmittelunverträglichkeiten habe. Von da an sollte ich sämtliche Lebensmittel weglassen, und das waren auch so ziemlich alle Grundnahrungsmittel, die ich bis dahin gegessen habe. Die meisten Getreide, Milch, Eier, Nüsse, Käse…um nur einiges zu nennen. Zunächst hab ich Ersatzprodukte ausprobiert, die aber wenig lecker sind. Deshalb bin ich bei paleo gelandet. Aber auch hier ist es schwierig wenn man keine Eier essen darf. Auf jeden Fall wurde Essen ein riesiges Thema in meinem Leben und wenn ich mal (im Urlaub zb.) eine Ausnahme machte, meinte ich auch Symptome zu bemerken. Gleichzeitig war mir immer bewusst, dass das auch die Psyche machen kann, aber wie soll man das dann wissen, wenn man einmal diese Diagnose bekommen hat. Was macht die Psyche und was ist echt? Es folgten jetzt 3 Jahre wo es wirklich schwierig war, bei Besuchen, im Restaurant, der Einkauf. Alles wurde so belastend und verkrampft. Irgendwann las ich dann, dass der IgG Test nicht wirklich aussagekräftig ist, sondern nur anzeigt, womit das Immunsystem gerade beschäftigt ist. Und das ist es wohl immer mit dem, was man gerade gegessen hat. Wie ist deine Meinung zu diesem Test?
    Jedenfalls habe ich schon das Gefühl in einer Ess-Störung gelandet zu sein und es stresst mich enorm. Ich habe mir jetzt einen Termin bei einem Hautarzt/Allergologen geholt, ehrlich gesagt, um meine Psyche auszutricksen. Er soll einen richtigen Allergietest machen (IgE und Prick) und wenn da alles ok ist, werde ich wieder alles essen und hoffentlich wieder aus der Ess-Störung finden. Das alles hat lang genug mein Leben bestimmt. Hat jemand ähnliche Erfahrungen?

    1. Felix

      Hallo Reni,
      meine Herangehensweise in deinem Fall wäre: Einfach per Gedankengang die Essstörung beenden. Fast alles ist letztlich psychisch begründet. Denk nicht mehr über die Essstörung nach, denke nicht ber Tests nach, sondern iss einfach so, dass es dir gut geht. Dafür ist sicher eine grundsätzliche Zufriedenheit hilfreich und die kannst du durch Meditation gewinnen. Ideen dazu findest du hier: http://www.urgeschmack.de/meditation-nahrstoff/
      Deine Vermutung halte ich insofern für richtig: Es ist Kopfsache. Wenn allein diese Test vor ein paar Jahren dich dazu bewogen hat, Nahrungsmittel auszuschließen und nicht etwa echte Symptome, dann würde ich zunächst mal den Test komplett vergessen.
      Alles Gute!

    2. Petra

      Hallo Reni,
      ich kann Dich nur wie Felix ermutigen, so zu essen, dass es Dir gutgeht, ohne über jeden Bissen langwierig nachzudenken.
      Ein bißchen Theorie und Hintergrundwissen finde ich persönlich gut, denn es hilft mir, Entscheidungen zu treffen, aber es kann auch lähmen.

      Für mich funktioniert eine Paleo-orientierte Ernährung gut, da ich körperliche Beschwerden bekomme, wenn ich Getreide oder Milchprodukte esse (Gelenkschmerzen, Schuppenflechte und einiges mehr). Außerdem ist z. B. mehr Gemüse und weniger raffinierter Zucker ja allgemein besser für den Körper.
      Ich habe aber das meiste durch reines Probieren rausgefunden – ein paar Wochen Milch weggelassen und meinen Gelenken ging es viel besser. Milch wieder getrunken (denn ich mag sie gern) und es tat wieder weh.
      Brot und Müsli weggelassen und meine Schuppenflechte verschwand. Wieder lecker Müsli gegessen und meine Hand juckt und schuppt .

      Jetzt habe ich die Entscheidungsfreiheit: verzichte ich weitgehend darauf und fühle mich (subjektiv, denn mein Arzt hält das für Phantasterei …) besser – oder genieße ich bewusst Milch und Müsli und nehme dann auch Beschwerden in Kauf.
      Ich versuche es immer mal wieder, denn ich mag diese Sachen gern. Aber bisher habe ich leider keine große Besserung gemerkt.

  12. Bettina

    Felix, du sprichst mir soooo aus der Seele! Danke für deine immer so guten Mitteilungen!
    Sonnige Grüße aus München,
    Bettina

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